mini|Nachbildung einer lebensgroßen Bronzefigur mit Akupunkturpunkten aus der Song-Dynastie mini|Historische Akupunkturtafel, Tokio 1716

Geschichte der Akupunktur Die älteste bekannte schriftliche Erwähnung der Akupunktur und Moxibustion () stammt aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus. Der chinesische Historiker Sima Qian erwähnt in seinen Aufzeichnungen erstmals Steinnadeln.

Die älteste Sammlung chinesischer medizinischer Schriften Innere Klassiker des Gelben Kaisers (Huangdi Neijing) aus der Zeit zwischen 200 Jahre vor und nach der Zeitenwende integriert die Aku-Moxi-Therapie in die damalige Medizin und beschreibt verschiedene Nadeln (aus Metall), Stichtechniken und Indikationen für die Anwendung bestimmter Punkte. In diesem Werk sind 160 Punkte beschrieben.

Das erste eindeutig datierbare Werk über Akupunktur ist Der Systematische Aku-Moxi-Klassiker (Zhenjiu jiayijing) von Huangfu Mi (215–282). Darin werden eine klare Terminologie, eine Topologie von 349 Akupunkturpunkten und systematische Hinweise auf deren Wirkung beschrieben. Weitere bedeutsame Schriften sind die Erläuterungen der 14 Hauptleitbahnen von Hua Boren (1341), die Untersuchungen über die acht unpaarigen Leitbahnen von Li Shizhen (1518–1593), sowie die Summe der Aku-Moxi-Therapie (Zhen jiu da cheng. 1601) von Yang Jizhou (1522–1620).

Europa 16. bis 19. Jahrhundert mini| Icon Sinensis, "chinesische Leitbahn-Tafel" in Ten Rhijnes Mantissa Schematica, 1683. mini| Icon Japonensis, "japanische Leitbahn-Tafel" in Ten Rhijnes Mantissa Schematica, 1683.

Schon im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert erwähnten portugiesische Jesuiten in Briefen aus Japan das Brennen mit Moxa und die Nadeltherapie.W. Michel (1993). Einige Zeilen mehr schrieb der für die niederländische Ostindien-Kompanie tätige dänische Arzt De Bondt (Bontius). In der 1658 gedruckten Historiae naturalis et medicae Indiae orientalis libri sex berichtet er, dass man in Japan „bei chronischen Kopfschmerzen, bei Obstruktionen der Leber und Milz, auch bei der Pleuritis […] mit einem silbernen oder aus Stahl gemachten Stylus, nicht viel dicker als die Saiten einer Zither, durch langsames oder sachtes Einführen die oben erwähnten Innereien“ durchbohre, so dass er auf der anderen Seite wieder heraustrete (!), was er selbst in Java gesehen habe.

1683 verfasste Willem ten Rhijne (ebenfalls ein Arzt der Ostindien-Kompanie) auf der Grundlage seiner Studien in Japan eine ausführliche Abhandlung (Dissertatio de Arthritide: Mantissa Schematica: De Acupunctura: Et Orationes Tres), in der er die klinischen Wirkungen der Nadelstichtherapie beschrieb und dafür den Begriff Akupunktur (lat. acus = Nadel; punctura = Stich) prägte. Hier findet sich auch eine Beschreibung der Leitbahnen (Mantissa Schematica), die er allerdings als Blutgefäße missverstand. Den Wirkungsmechanismus der Akupunktur interpretierte Ten Rhijne als derivativ (ableitend):Willem ten Rhijne 1683, nach Bowers / Carrubba 1974, S. 184. „Den Kopf sticht man bei Kopfschmerzen, Benommenheit, Epilepsie, Augenschmerzen und bei anderen Erkrankungen des Kopfes durch schädigenden Wind. Das Abdomen wird bei Kolikschmerzen, Dysenterie, Appetitlosigkeit, Hysterie .... und bei Magenschmerzen gestochen.“

1712 publizierte Engelbert Kaempfer in den Amoenitates Exoticae eine ausführliche Abhandlung über die japanische Therapie von Bauchbeschwerden (japanisch senki), die er als Koliken missverstand. Den Wirkungsmechanismus interpretierte er als revulsiv (losreißend, umwälzend):Lemgo 1712 Amoenitatum exoticarum politico physico medicarum fasciculi V. S. 598. „Zum Ablocken der Dämpfe (und das ist der Sinn des Brennens) würde sich nach europäischem Urteil derjenige Ort am besten eignen, der dem erkrankten Teil am nächsten liegt. Die japanischen Ärzte wählen jedoch oft weit entfernte Punkte, die mit der erkrankten Region nach anatomischen Grundsätzen nur durch die allgemeine Körperhülle verbunden sind … Das Schulterblatt wird mit Erfolg gebrannt um den Magen zu heilen und um den Appetit anzuregen, die Wirbelsäule bei Pleurabeschwerden, die Adduktoren des Daumens bei Zahnschmerzen auf derselben Seite. Welcher Anatom kann hier eine Gefäßverbindung aufzeigen?“ In seiner Abhandlung über die japanische Therapie der von ihm Kolik genannten Oberbauchbeschwerden jedoch beschreibt Kaempfer ein derivativ (ableitend) wirkendes Verfahren, bei dem nur Punkte in der Nähe der erkrankten Region gestochen werden.W. Michel: Engelbert Kaempfer und die Medizin in Japan. In: Detlef Haberland (Hrsg.): Engelbert Kaempfer – Werk und Wirkung. Boethius-Verlag, Stuttgart 1993, S. 248–293. (Digitalisat) Revulsiv / derivativ ist ein Gegensatzpaar, dem das Gegensatzpaar Humoralpathologie / Solidarpathologie zuzuordnen ist. Mit dem Aufblühen der anatomischen Forschung zu Beginn der Neuzeit wurde die Humoralpathologie zugunsten der Solidarpathologie verdrängt.

Sowohl Ten Rhijne als auch Kaempfer verfassten ihre Berichte aufgrund von Beobachtungen in Japan, ohne die teils fundamentalen Unterschiede zur chinesischen Therapie zu erkennen. Unter anderem stellte Kaempfer das Führungsröhrchen (jap. , On-Lesung: kanshin, Kun-Lesung: kudabari) vor, eine Erfindung des japanischen Akupunkteurs Sugiyama Waichi (; 1610–1694). Beide beschrieben weiter die Klopfnadelung (jap. , On-Lesung: dashin, Kun-Lesung: uchibari), eine von dem japanischen Mönch Mubun entwickelte Therapie, welche die Leitbahnen ignoriert, dafür die Bauchregion als „Karte“ des Körpers interpretiert.Wolfgang Michel: Japans Rolle in der frühen Vermittlung der Akupunktur nach Europa. In: Deutsche Zeitschrift für Akupunktur. Vol. 36, No. 2, April 1993, S. 40–46. (Digitalisat)

Im 17. und 18. Jahrhundert wurden die Berichte von Ten Rhijne und Kaempfer in Europa zwar zur Kenntnis genommen, eine Übernahme dieser Therapieformen in die europäische medizinische Praxis jedoch wurde vehement abgelehnt. Dazu 1787 der Arzt Vicq d'Azyr im Artikel «Acupuncture» der von Charles-Joseph Panckoucke verlegten Encyclopédie méthodique.: „… Das bei Chinesen und Japanern gebrauchte System der angeblichen schlechten Säfte («humeurs»), denen sie durch die Akupunktur Abzug zu verschaffen glauben, ist nicht fundiert. Wer die «économie animale» gut kennt und über die Natur der Krankheiten nachgedacht hat, soll entscheiden, ob wir es bedauern müssen, dass dieses Mittel bei uns noch nicht angewendet wurde. …“Abteilung Médecine. Band I, S. 184–188. (Digitalisat)

Ähnlich 1812 der Arzt Henri Bédor (1784–1840) im Artikel «Acupuncture» des von Charles Louis Fleury Panckoucke (1780–1844) verlegten Dictionnaire des sciences médicales.I. Band, S. 149–150. (Digitalisat) Westliche Ärzte, die nach Ostasien reisten, dürften sich überdies durch den Rückgang der Akupunktur in China bestätigt fühlen. Der chinesische Arzt Xu Dachun (1693–1771), der eine Rückbesinnung und Belebung verfolgte, bezeichnete sie bereits 1757 als verlorene Tradition. 1822 wurde sie an der Kaiserlichen Medizinakademie gar verboten.P. U. Unschuld: Forgotten Traditions of Ancient Chinese Medicine. Paradigm Verlag, Brookline MA 1990, S. 31.

mini|Louis Berlioz 1776–1848

Louis Berlioz Im Frühling 1810 wagte der Arzt Louis Berlioz (1776–1848), der Vater des Komponisten Hector Berlioz eine erste Akupunkturbehandlung. Er lebte und praktizierte in der französischen Provinzstadt La Côte-Saint-André. Die Berichte Ten Rhijnes und Kaempfers waren ihm bekannt. Kaempfers Bericht über die Behandlung der „Kolik“ bei den Japanern diente ihm als Rezeptvorlage.Kaempfer 1712, S. 584.

Er behandelte eine 24-jährige Patientin, die an einem „nervösen Fieber als Folge einer starken und langdauernden Angst“ litt. Symptome waren u. a. Kopfschmerz, krampfartige Schmerzen im Oberbauch, glänzende Augen und ungewöhnliche Geschwätzigkeit. Er stach mit einer Nähnadel nur Punkte im Oberbauch, also mit einem derivativ (ableitend) wirkenden Verfahren.„Kolik“, „Aufstoßen der Gebärmutter“ und „Hysterie“ waren – aus antiken und mittelalterlichen Quellen hergeleitet – zu Berlioz’ Zeiten Synonyme. 1802 hatte Berlioz in Paris eine Doktorarbeit mit dem Titel – Über die Phänomene und Krankheiten welche das erste Auftreten der Regelblutung erzeugt. – geschrieben. Schon der erste Einstich vertrieb die Oberbauchbeschwerden „wie durch Zauberei“. Die Akupunktur musste zunächst alle drei Tage einmal, nach zwei Monaten täglich ein bis zweimal wiederholt werden. Nach insgesamt sechs Monaten Akupunkturbehandlung waren die Beschwerden bis auf eine nach dem Aufwachen auftretende Übelkeit beseitigt.Louis Berlioz: Mémoire sur les maladies chroniques, les évacuations sanguines et l'acupuncture. Croullebois, Paris 1816, S. 302. (Digitalisat) Diese Restbeschwerden wurden über ein Jahr hinweg durch steigende Dosen Opium kaschiert, die benötigten Opiumdosen durch zusätzliche Gabe von Branntwein in heißem Wasser reduziert. Der Allgemeinzustand der Patientin besserte sich zusehends. Einige neue Attacken des nervösen Fiebers wurden mit der Akupunktur erfolgreich behandelt. Nach einer dieser Behandlungen konnte die Patientin die eingestochene Nadel nicht wieder herausziehen und diese verblieb im Epigastrium. Seit dieser Zeit war die Kranke vollständig geheilt. Die Nadel wurde nicht wiedergefunden, richtete jedoch auch keinen Schaden an.L. Berlioz 1816, S. 304.

Berlioz nahm die Akupunktur in das Repertoire seiner Behandlungsmethoden auf und behandelte damit Schmerzen im Oberbauch, Prellungen ohne Blutergüsse, Schmerzen im Bereich von Brust- und Lendenwirbelsäule, wanderndes Rheuma und „nervöse Fieber“ – nach eigenen Angaben mit Erfolg – durch Einstiche in Schmerzpunkte. Seine Beobachtungen konnte er 1816 veröffentlichen.L. Berlioz 1816, S. 296–311.

Der Sohn Hector beschrieb in seinen Memoiren den Vater als beständig arbeitenden Arzt, der sowohl in der kleinen Stadt, in der er lebte, als auch in den Nachbarstädten großes Vertrauen weckte und mehr Wohltäter der Armen und Bauern war, als dass er nach seinem Stand gelebt hätte. Die Weltanschauung des Vaters stufte Hector als liberal ein, d. h., er beschrieb ihn als einen Menschen ohne soziale, politische und religiöse Vorurteile. Berühmte Ärzte hätten sich der Ideen seines Vaters bedient, ohne ihn jemals zu zitieren. Den Vater in seiner Aufrichtigkeit habe dies erstaunt, aber er habe dazu lediglich gesagt: „Was soll's, wenn nur die Wahrheit siegt.“Hector Berlioz. Mémoires. Kapitel II. Mon père. (Digitalisat)

mini|A.P. Demours 1819. Schröpfgerät. Es ermöglicht Schröpfen und gleich­zeitigen Aderlass oder Schröpfen und gleichzeitige Akupunktur

Auguste Haime und Pierre Fidèle Bretonneau Auguste Haime und Pierre Fidèle Bretonneau in Tours griffen 1818 Berlioz’ Anregung auf und behandelten gemeinsam Patienten mit Akupunktur. Auch sie stachen nur lokale Schmerzpunkte. Bretonneau führte überdies Tierversuche aus, um die Ungefährlichkeit von tiefen Stichen zu prüfen.Auguste Haime. Notice sur l’acupuncture et observations médicales sur ses effets thérapeutiques. In: Recueil des travaux de la Société médicale de Tours. 1818, S. 9–18.Auguste Haime: Nôte sur l'acupuncture et observations médicales sur ses effets thérapeutiques. In: Journal universel des sciences médicales. Band XIII, Paris 1819, S. 27–42. (Digitalisat)

Antoine Pierre Demours