mini|Christina Thürmer-Rohr 2014 bei der Premiere des Films anfangen von Gerd Conradt über ihr Leben
Christina Thürmer-Rohr (geborene Christina Rohr, * 17. November 1936 in Arnswalde; † 10. September 2026 in Berlin) war eine deutsche Sozialwissenschaftlerin, feministische Theoretikerin und Musikerin. Sie gehört zu den Pionierinnen für Frauen- und Geschlechterforschung an deutschsprachigen Hochschulen. Bis zu ihrer Emeritierung 2005 lehrte und forschte sie als Professorin für Erziehungswissenschaften an der Technischen Universität Berlin und gründete dort 1976 den ersten Studienschwerpunkt Frauenforschung. Sie unterrichtete Feministische Theorie, Menschenrechte und Erinnerungskultur.
Bekannt wurde sie insbesondere durch den Begriff der Mittäterschaft von Frauen, mit dem sie die Mitbeteiligung bzw. Komplizenschaft von Frauen an der institutionalisierten Herrschaft des Patriarchats bezeichnete.
Leben und Werk Thürmer-Rohr wurde 1936 als Tochter des evangelischen Ortspfarrers in Arnswalde geboren. Ihr Vater war überzeugter Nationalsozialist, der sich freiwillig zum Dienst in der Wehrmacht gemeldet hatte und 1941 in der Sowjetunion fiel. Sie hat eine Schwester. Ihre Kindheit weist die Prägungen vieler deutscher Kriegskinder auf. Ihre Mutter siedelte mit den Töchtern 1943 zunächst nach Oetinghausen und 1945 nach Bielefeld (Evangelische Krankenanstalt Bethel) um, wo Rohr das Abitur machte. Sie studierte ab 1956 zunächst Germanistik und Romanistik und ab 1957 Psychologie und Philosophie (Diplom). Von 1961 bis 1964 promovierte sie als Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes zum Thema „Kontaktbegriff und Kontaktdiagnose“ und arbeitete in der Psychologischen Beratungsstelle der Stadt Ludwigshafen. Von 1964 bis 1969 arbeitete sie als wissenschaftliche Assistentin am Institut für Psychologie der Technischen Universität Berlin und übernahm ab 1966 die Leitung der angegliederten Psychologischen Beratungsstelle.
1969 wurde sie Assistenzprofessorin am Psychologischen Institut der Technischen Universität Berlin und beteiligte sich als Lehrbeauftragte im Fachbereich Architektur und Stadtplanung an zahlreichen Stadtplanungs- und Sanierungsprojekten. 1972 wurde sie Professorin an der Pädagogischen Hochschule Berlin am Institut für Sozialpädagogik. Sie heiratete, hieß fortan Christina Thürmer-Rohr und bekam einen Sohn. 1976 gründete sie den Studienschwerpunkt Frauenforschung an der PH Berlin. 1980 wurde sie Professorin an der Technischen Universität Berlin im Fachbereich Erziehungswissenschaften. Hier waren ihre Studien- und Forschungsschwerpunkte Feministische Theorie, Menschenrechte und Erinnerungskultur.
Neben der wissenschaftlichen Karriere galt ihr Interesse zeitlebens auch der Musik. In der klassischen Musik war sie von Bach fasziniert, sie selbst beherrschte das Orgelspiel. In der von 1979 bis 1983 existierenden Rockband Außerhalb spielte sie Piano und Synthesizer. Musikalisch verortete sich die Band zwischen New Wave, Indie und experimentellem Rock und veröffentlichte 1983 eine Schallplatte unter dem Titel Außerhalb – Rock experimentell. Musikalisch folgten ab 1983 gemeinsame Projekte und Auftritte mit der Pianistin und späteren Lebensgefährtin Laura Gallati (klassische und experimentelle Musik für zwei Klaviere), mit der sie ab 2003 den Verein Akazie 3 gründete als „Forum zum politischen und musikalischen Denken“.
Gastprofessuren führten sie 1986 an die Universität Fribourg (Thema politische Theorie von Hannah Arendt), 2001 an die Universität Salzburg (Thema Gender-Forschung). Von 2010 bis 2016 war sie Mitglied der Jury des Hannah-Arendt-Preises für politisches Denken.
Der Film anfangen (2014) von Gerd Conradt beschreibt Momente aus dem Leben von Christina Thürmer-Rohr.
Zitat zur Mittäterschaft von Frauen
Schriften (Auswahl) Verhaltensänderung. Psychologische Theorien der Veränderung menschlichen Verhaltens. München 1972, ISBN 978-3-485-03206-3. Aus der Täuschung in die Ent-Täuschung. In: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis, Band 8, 1983. Die Gewohnheit des falschen Echos. In: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis. Neue Heimat Therapie, Band 7, 1986. Vagabundinnen. Feministische Essays. Orlanda, Berlin 1987, ISBN 978-3-922166-28-3. Mittäterschaft und Entdeckungslust. Studienschwerpunkt Frauenforschung am Institut für Sozialpädagogik der TU Berlin (Hrsg.), Berlin 1989, ISBN 978-3-922166-48-1. Jede Sache hat so viele Seiten, als Menschen an ihr beteiligt sind – Zur Bedeutung des Dialogs im politischen Denken von Hannah Arendt. In: Elisabeth Conradi, Sabine Plonz (Hrsg.): Tätiges Leben – Pluralität und Arbeit im politischen Denken von Hannah Arendt. SWI, Bochum 2000, ISBN 978-3-925895-69-2, S. 45–66. Geschlechterdemokratie. In: Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Geschlechterdemokratie – Vielfalt der Visionen – Visionen der Vielfalt. Berlin 2001, ISBN 978-3-927760-39-4, S. 21–33. Veränderungen der feministischen Gewatdebatte in den letzten 30 Jahren. In: Antje Hilbig, Claudia Kajatin, Ingrid Miethe (Hrsg.): Frauen und Gewalt – Interdisziplinäre Untersuchungen zu geschlechtsgebundener Gewalt in Theorie und Praxis. Würzburg 2003, ISBN 978-3-8260-2362-0, S. 17–29. Mittäterschaft von Frauen: Die Komplizenschaft mit der Unterdrückung. In: Ruth Becker, Beate Kortendiek (Hrsg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2004, ISBN 978-3-531-14278-4, S. 85–90. Zur Mittäterschaft von Frauen: Frauen in Gewaltverhältnissen. In: Ilse Lenz (Hrsg.): Die Neue Frauenbewegung in Deutschland – Ausgewählte Quellen. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-531-16764-0, S. 77–83. Das Böse; Öffentlichkeit, Privatheit; Verstehen. In: Wolfgang Heuer, Bernd Heiter, Stefanie Rosenmüller (Hrsg.): Arendt Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. J.B. Metzler, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-476-05319-0, S. 270–271, 303–304, 328–330. Gesichter des Schweigens: Der Feminismus und das Kassandra-Syndrom. In: Jacob Guggenheimer, Utta Isop, Doris Leibetseder, Kirstin Mertrisch (Hrsg.): „When we were gender...“ – Geschlechter erinnern und vergessen. Transcript, Bielefeld 2013, ISBN 978-3-8376-2397-0, S. 171–189. Fremdheiten und Freundschaften. Transcript, Bielefeld 2019, ISBN 978-3-8376-4826-3.
Literatur und Quellen Monika Mengel: Erlebte Geschichten mit Christina Thürmer-Rohr. WDR, 2009 Brigitte Aulenbacher, Michael Meuser, Birgit Riegraf (Hrsg.): Soziologische Geschlechterforschung. Eine Einführung. Wiesbaden 2010, ISBN 978-3-531-15584-5, S. 21. Ilse Lenz: Kommentar zu Christina Thürmer-Rohr, in: Die Neue Frauenbewegung in Deutschland: Abschied vom kleinen Unterschied. 2., aktual. Auflage. Wiesbaden 2010, ISBN 978-3-531-17436-5, S. 469 f. Annette Treibel: Täter- und Mittäterschaft (Thürmer-Rohr), in: Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart. 5., aktualisierte und verbesserte Auflage. Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-322-97481-5, S. 263 ff. Ulla Bock: Pionierarbeit: Die ersten Professorinnen für Frauen- und Geschlechterforschung an deutschsprachigen Hochschulen 1984–2014. Frankfurt 2015, ISBN 978-3-593-43016-4. Nivedita Prasad: Verbindung in der Abgrenzung. Blogbeitrag 2016 Mira Turba: Ein Denken in Kategorien der Freiheit – Christina Thürmer-Rohr. In: Birgit Buchinger, Renate Böhm, Ela Großmann (Hrsg.): Kämpferinnen. Mandelbaum, Wien 2021, ISBN 978-3-85476-984-2, S. 75–95.
Weblinks
Persönliche Website von Christina Thürmer-Rohr Biographie FemBio Frauen-Biographieforschung
Einzelnachweise
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