Der Gang vor die Hunde ist der Titel einer Rekonstruktion der Urfassung des Romans Fabian von Erich Kästner. Das Buch wurde von Sven Hanuschek herausgegeben. Es erschien 2013 im Atrium Verlag (Zürich). 2017 folgte die Taschenbuchausgabe. Der Gang vor die Hunde wurde schnell zum Bestseller.
Erich Kästner war vor der ersten Publikation des Romans von seinem Verleger um einige Kürzungen und Veränderungen brisanter Stellen gebeten worden. Diese nahm er vor der Erstveröffentlichung 1931 auch vor. Spätere Auflagen des Fabian weisen immer wieder Überarbeitungen durch Kästner auf,Sven Hanuschek, Nachwort des Herausgebers. In: Erich Kästner, Der Gang vor die Hunde, herausgegeben von Sven Hanuschek, Zürich 2017, ISBN 978-3-03882-001-7, S. 275–310, hier S. 279. die allerdings niemals so weit gingen wie Hanuscheks „fiktive Urfassung“. Warum Kästner selbst eine solche Version nicht wieder hergestellt hat, ist unbekannt.
Inhalt Außer dem Text des Romans enthält Hanuscheks Ausgabe in einem Anhang auch die verschiedenen Vor- und Nachworte, die Kästner zu seinem Fabian geschrieben hat: das Nachwort für die Sittenrichter, 1931 außerhalb des Romans publiziert, das Nachwort für die Kunstrichter, das Vorwort zur Neuauflage von 1946 und das Vorwort des Verfassers zur Neuauflage dieses Buches von 1950. Ferner gibt es eine editorische Notiz, in der die Unterschiede zwischen Der Gang vor die Hunde und der Erstauflage des Fabian von 1931 detailliert aufgelistet werden, sowie ein ausgiebiges Nachwort des Herausgebers.
Fabian Die Erzählung von den Schicksalen des promovierten Philologen Jakob Fabian, der zu Beginn des Romans in Berlin als Werbefachmann arbeitet, ist bekannt: Fabian gibt sich zwar als Habitué in den Berliner Lokalen der Zwischenkriegszeit und bewegt sich mit derselben Souveränität in Künstlerkreisen und unter fremdgehenden Hausfrauen wie unter dem Diktat despotischer Zimmerwirtinnen, zwischen linken und rechten Kleinbürgern und Proletariern, die prügelnderweise oder gar mit Schusswaffen aufeinander losgehen, obwohl sie eigentlich unter demselben Schicksal leiden, er leistet heruntergekommenen Gestalten, die aus der Gesellschaft bereits ausgestoßen sind, ohne einen Augenblick zu zögern Hilfe und er amüsiert sich mit seinem Freund Labude über das Spießertum der Berliner. Aus seiner Wahrnehmung der krisenhaften Situation, in der sich die Gesellschaft bzw. der ganze Erdball befindet, zieht er für sich selbst die Konsequenz, keine bürgerlichen Ehren und keine respektable Position anzustreben. Seinen Freund Labude, der nicht nur an seiner Habilitationsschrift arbeitet, sondern auch politisch aktiv ist, betrachtet er trotz aller Sympathie mit einer gewissen Distanz; es kommt ihm nicht in den Sinn, selbst in ähnlicher Weise aktiv zu werden.
Seine scheinbar unbeschwerte Haltung führt ihn aber in eine Krise, als er ausgerechnet in dem Moment arbeitslos wird, in dem er eine Freundin gefunden hat, mit der ihm nun doch eine solidere Zukunft möglich erscheint, und als Labude aufgrund eines missglückten Scherzes Selbstmord begeht. Er kehrt von Berlin nach Dresden, wo seine Eltern ein Seifengeschäft betreiben, heim und stirbt dort bald darauf einen ebenso sinnlosen Tod wie Labude. Während dieser auf die Behauptung eines Universitätsangestellten hereingefallen ist, seine Habilitationsschrift über Lessing sei als miserabel abgelehnt worden (in Wirklichkeit soll sie wegen ihrer exzellenten Qualität demnächst als Sonderdruck veröffentlicht werden), und sich erschossen hat, springt Fabian in die Elbe, um ein Kind vor dem Ertrinken zu retten, das aber, im Gegensatz zu Fabian selbst, schwimmen kann.
Reaktionen des Verlags auf die Urfassung Kästner schrieb den Roman in der Zeit von etwa Ende September 1930 bis Ende Juni 1931, zuletzt gehetzt von der Vorstellung, Hermann Kesten und Ernst Glaeser könnten ihm zuvorkommen. Denn es war ihm zu Ohren gekommen, diese Autoren seien mit Büchern zum selben Thema beschäftigt wie er selbst. Außerdem drängte sein Verleger Gustav Kilpper auf Fertigstellung des Manuskripts. Am 10. Juli 1931 verfasste der zuständige Lektor Curt Weller bereits seine Rückmeldung an Kästner. Er gratulierte dem Autor und versicherte, das Publikum werde erschüttert sein, sagte aber bereits voraus, dass das Werk heftig angegriffen werden könnte. Die ersten neun Kapitel fand er „erkältend“,Sven Hanuschek, Nachwort des Herausgebers. In: Erich Kästner, Der Gang vor die Hunde, herausgegeben von Sven Hanuschek, Zürich 2017, ISBN 978-3-03882-001-7, S. 275–310, hier S. 283. erst ab dem zehnten setze so etwas wie Menschlichkeit ein. Im Verlagsgutachten, das er am selben Tag verfasste, schrieb Weller, es sei nicht die Schuld Kästners, dass dem Leser Abstoßendes und Erschreckendes zugemutet werde, denn Kästner wolle bessern, indem er die Wahrheit aufdecke. Weller bezeichnete den Roman geradezu als Menetekel.Sven Hanuschek, Nachwort des Herausgebers. In: Erich Kästner, Der Gang vor die Hunde, herausgegeben von Sven Hanuschek, Zürich 2017, ISBN 978-3-03882-001-7, S. 275–310, hier S. 284. Im Gegensatz zu Weller war Martin Mörike, der den DVA-Bühnenvertrieb Chronos leitete, überhaupt nicht angetan und äußerte sich vernichtend über den Roman. Doch auch Weller verlangte Kürzungen und Entschärfungen, die Kästner denn auch durchführte.
Allerdings versuchte Erich Kästner einige der gestrichenen Passagen zu bewahren und der Leserschaft auf anderem Wege zugänglich zu machen. So ließ er Der Herr ohne Blinddarm sowie Fabian und die Kunstrichter und Fabian und die Sittenrichter in den 1930er Jahren in Zeitschriften abdrucken. Die vom Verlag gewünschten Änderungen nahm er innerhalb von ungefähr zwei Wochen vor; Kilpper erhielt das geänderte Manuskript Ende Juli 1931 und drückte wenige Tage später, am 5. August, seine Zustimmung aus. Am 15. Oktober 1931 wurden die ersten Druckexemplare des Fabian ausgeliefert.Sven Hanuschek, Nachwort des Herausgebers. In: Erich Kästner, Der Gang vor die Hunde, herausgegeben von Sven Hanuschek, Zürich 2017, ISBN 978-3-03882-001-7, S. 275–310, hier S. 286.
Unterschiede zwischen Urfassung und Fabian Sprachliches Der Gang vor die Hunde weist zahlreiche Verschleifungen auf, die zumindest in der ersten Druckfassung des Romans getilgt waren. Speziell der Brief der Mutter, in dem auch die Zeichensetzung sich deutlich von der Version der Erstausgabe unterscheidet, legt Zeugnis ab für Hanuscheks Feststellung: „Kästner war ein […] sprachmimetischer Zugriff wichtiger als die Verwendung der immer gleichen korrekten Hochsprache; seine Figuren werden auf diese Weise eindringlicher charakterisiert“.
Gekürzte Sexszenen Neben einigen kleineren Änderungen wurden im Fabian Partien aus Sexszenen gestrichen, die den Verlegern offenbar einst zu gewagt erschienen. So blieb im 16. Kapitel zwar die Passage, in der Fabian mit einer fremdgehenden Hausfrau ins Bett geht, die vor dem Geschlechtsverkehr erst einmal zur Taschenlampe greift und ihren Gast genau untersucht, weil man ja derzeit nicht vorsichtig genug sein könne, grundsätzlich erhalten, doch wurde der Begriff „Geschlechtsapparat“ aus dieser Schilderung gestrichen.
Ebenso blieb zwar die Bordellszene erhalten, die sich in Dresden abspielt, doch wurde darin z. B. die Erwähnung eines Gummigliedes, mit dem eine Prostituierte hantiert, gestrichen. Dieses Bordell betritt Fabian zusammen mit seinem ehemaligen Schulfreund Wenzkat, der mittlerweile dem paramilitärischen Stahlhelm-Bund angehört und in dem Etablissement seine sadistischen Neigungen auslebt. Diese Verquickung von politischer Einstellung und sexuellen Neigungen Wenzkats schien dem Verlagslektor möglicherweise zu pointiert dargestellt.
Der empörte Autobus Wiederhergestellt wurde in Hanuscheks Rekonstruktion die Passage Der empörte Autobus aus dem vierten Kapitel: Labude und Fabian fahren im Omnibus durch Berlin. Der eine der beiden Freunde spielt den schwerhörigen Touristen, der andere „erklärt“ ihm die Bauten und Monumente, die der Bus passiert. Dabei wird z. B. aus dem Brandenburger Tor der „Verkehrsturm“, die „Pferdchen obendrauf“ seien ein Denkmal für die letzten Droschken und dass der Kutscher so wenig anhabe, sei symbolisch: „Wegen der Steuern.“Erich Kästner, Der Gang vor die Hunde, herausgegeben von Sven Hanuschek, Zürich 2017, ISBN 978-3-03882-001-7, S. 41 f. Solche Aussagen oder gar der provokante Spruch „Ja, der Schwachsinn ist hier sehr verbreitet“Erich Kästner, Der Gang vor die Hunde, herausgegeben von Sven Hanuschek, Zürich 2017, ISBN 978-3-03882-001-7, S. 41. sorgen für allgemeine Empörung unter den Fahrgästen und es kommt beinahe zu einer Schlägerei.
Derartige Provokationen der Mitfahrer in öffentlichen Verkehrsmitteln kennt man auch aus Thomas Manns Erzählung Unordnung und frühes Leid. Doch während dort die Professorenkinder Ingrid und Bert nur durch ein schauriges Gespräch über die Natur der krankhaften Grausamkeit in einem Münchner Trambahnwagen Anstoß erregen, vergreifen sich Fabian und Labude in dem Berliner Omnibus an „nationalen Heiligtümern“. Hanuschek vermutet, „dass Curt Weller [neben Teilen der Bordellszene] auch die Busfahrt […] aufgrund politischer Bedenken gestrichen hat, nicht nur, um den Berliner Lokalpatrioten nicht zu nahe zu treten.“Sven Hanuschek, Nachwort des Herausgebers. In: Erich Kästner, Der Gang vor die Hunde, herausgegeben von Sven Hanuschek, Zürich 2017, ISBN 978-3-03882-001-7, S. 275–310, hier S. 295.
Breitkopfs Blinddarm