miniatur|Mayer Amschel Rothschild

Mayer Amschel Rothschild (geboren 23. Februar 1744 in Frankfurt am Main; gestorben 19. September 1812 ebenda) war ein deutscher Kaufmann und Bankier. Er ist der Gründer des Hauses Rothschild.

Leben und Werk miniatur|Verlauf der Frankfurter Judengasse. Das Hinterhaus zur Pfanne befand sich am nördlichen Ende der Judengasse, das Haus zum Grünen Schild dagegen in der Mitte.

Familie und Kindheit Rothschilds Vorfahren entstammten einem Zweig der jüdischen Familie Hahn, die seit 1530 in der Frankfurter Judengasse ansässig war. Isaak Elchanan († 1585) erbaute um 1567 das Haus „zum Roten Schild“ in der Judengasse 69. Sein Enkel und dessen Nachfahren nahmen diesen Namen als Familiennamen an und behielten ihn auch, als sie 1634 in das Hinterhaus zur Pfanne (Judengasse 188) zogen.Elon, S. 44f. Mayer Amschels Vater, Amschel Moses Rothschild, betrieb in der Judengasse ein Geschäft für den Handel mit Kleinwaren und Geldwechsel. Das Hinterhaus hatte eine Fassadenbreite von nur etwa 3,40 Meter. Verteilt auf drei Stockwerke und eine Dachkammer hatte es eine Nutzfläche von etwa 120 Quadratmetern. Im Erdgeschoss befanden sich die Geschäftsräume, in denen auch die Handelswaren aufbewahrt wurden.Elon, S. 47. Das Haus wurde zeitweise von 30 Personen bewohnt.

Sein Sohn Mayer Amschel ging zunächst auf eine jüdische Elementarschule in der Judengasse. Ab 1755 besuchte er die Jeschiwa des David Strauss in Fürth. Warum Amschel Moses Rothschild seinen Sohn nach Fürth schickte, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Sollte Amschel Moses Rothschild beabsichtigt haben, seinen Sohn zum Rabbiner auszubilden, wäre der Besuch der Jeschiwa in Frankfurt einfacher und billiger gewesen. Möglicherweise bot die Jeschiwa in Fürth aber anders als die in Frankfurt auch Unterricht in säkularen Fächern wie Rechnen.Elon, S. 57. Nach dem Tod seines Vaters 1755 und seiner Mutter Schönche Lechnich 1756 musste er aber den Schulbesuch dort wieder abbrechen. Stattdessen wurde er für einige Jahre nach Hannover geschickt, wo er in der Firma von Wolf Jakob Oppenheim arbeitete. Wolf Jakob Oppenheim gehörte der weitverzweigten Familie Oppenheim an, von denen ein Familienmitglied zu dieser Zeit in Bonn einer der Hoffaktoren von Kurfürst Clemens August I. von Bayern war.Ferguson (2002), S. 62. Hoffaktoren waren selbständige Kaufleute, die die Adelshöfe mit verschiedenen Luxusgütern belieferten und auch Finanzgeschäfte tätigten. Zu den Betätigungsfeldern von Hoffaktoren, die häufig Juden waren, gehörte auch die Beschaffung antiquarischer Münzen und anderer Sammelstücke für die fürstlichen Kuriositätenkabinette. Mayer Amschel erwarb vermutlich in der Firma von Wolf Jakob Oppenheim die notwendigen Kenntnisse in Numismatik, Geschichte und Kunstgeschichte, um selbst in diesem Geschäftsbereich tätig zu werden.

Tätigkeit als Münz- und Antiquitätenhändler Mayer Amschel kehrte um 1764 im Alter von zwanzig Jahren wieder nach Frankfurt in die Judengasse zurück. Die in diesem Ghetto lebenden Juden waren strengen Regeln unterworfen. Es war ihnen untersagt, das Ghetto nach Einbruch der Dunkelheit, sonntags sowie an christlichen Feiertagen zu verlassen. Bis zur Französischen Revolution 1789 durften Juden die Stadt Frankfurt nur zu geschäftlichen Zwecken betreten und auch dann nie mehr als zwei nebeneinander. Sie durften keine Schenken oder Kaffeehäuser besuchen, keine der Frankfurter Parks betreten oder auf den Promenaden spazieren gehen. Ihnen war es auch untersagt, christliche Bedienstete einzustellen.Ellon, S. 21 und 24. Die Sprache im Ghetto war nicht Jiddisch, sondern Judendeutsch, eine Mischung aus Hebräisch und Frankfurter Dialekt, das viele der Ghettobewohner in hebräischen Buchstaben von rechts nach links schrieben.Elon, S. 40f. miniatur|Das Haus zum Grünen Schild in der Judengasse, ab 1786 oder 1787 Stammhaus der Rothschilds Mayer Amschel arbeitete als Münz- und Wechselhändler, wobei er teils selbständig, teils gemeinsam mit seinen Brüdern Geschäfte tätigte. Während seiner Zeit bei Wolf Jakob Oppenheim hatte er die Bekanntschaft mit dem Münzsammler General von Estorff gemacht. Dank dieser Bekanntschaft konnte Mayer Amschel in den folgenden Jahren wiederholt einige Münzen an das Münzkabinett des Erbprinzen Wilhelm von Hessen in Hanau verkaufen. Die einzige Rechnung, die ein solches Geschäft mit dem Erbprinzen belegt, stammt aus dem Jahre 1765 und beläuft sich auf die nicht sehr hohe Summe von 38 Gulden und 30 Kreutzer.Ferguson, S. 62. Es muss aber weitere Lieferungen gegeben haben, denn im Jahr 1769 reichte Mayer Amschel beim Erbprinzen eine Bittschrift ein, ihm den Titel eines Hoffaktors zu gewähren. Dieser Bitte wurde entsprochen und er konnte am 21. September 1769 die Plakette mit dem Wappen von Hessen-Hanau und der Inschrift „M. A. Rothschild, Hoflieferant Seiner Erlauchten Hoheit, Erbprinz Wilhelm von Hessen, Graf von Hanau“ vor seinem Geschäft anbringen. Dieser Titel war mit keinen besonderen Rechten verbunden, war aber hilfreich im Geschäft mit anderen adeligen Kunden.

Am 29. August 1770 heiratete Mayer Amschel Gutle Schnapper. Die 17-jährige Gutle war Tochter von Wolf Salomon Schnapper, einem ebenfalls in der Frankfurter Judengasse lebenden Hoffaktor des Herzogtums Sachsen-Meiningen. Sie brachte eine Mitgift von 2.400 Gulden in die arrangierte Ehe ein.Edith Dörken: Berühmte Frankfurter Frauen, Verlag Otto Lembeck, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-87476-557-2, S. 46. Das Ehepaar lebte im Haus Hinterpfann, das sie sich mit den Familien zweier Brüder von Mayer Amschel teilen mussten. Der Anteil, der ihnen am Haus gehörte, betrug drei Achtel.Edith Dörken: Berühmte Frankfurter Frauen, Verlag Otto Lembeck, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-87476-557-2, S. 46 und 47. Das Paar bekam 20 Kinder, von denen fünf Töchter und fünf Söhne überlebten, die zwischen 1771 und 1792 geboren wurden. Über die frühe Zeit der Ehe zwischen Mayer Amschel und Gutle Schnapper weiß man nur sehr wenig. Vermutlich sind die übrigen Kinder sehr früh verstorben. Auf Grund der schlechten hygienischen Bedingungen in der dicht besiedelten Frankfurter Judengasse lag die Kindersterblichkeit in diesem Ghetto um 58 Prozent über der im übrigen Frankfurt.Edith Dörken: Berühmte Frankfurter Frauen, Verlag Otto Lembeck, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-87476-557-2, S. 47.

Die Geschäftstätigkeit von Mayer Amschel beschränkte sich bis zur Geburt seines jüngsten Kindes auf den Handel mit Münzen, Antiquitäten und anderen Raritäten, an denen seine Kunden Interesse haben könnten. Der Frankfurter Handlungs-Adreß-Calender von 1778 weist ihn als einzigen jüdischen Händler aus, der sich auf dieses Geschäftsfeld spezialisierte.Elon, S. 76. Es sind einige der Kataloge erhalten geblieben, die Mayer Amschel im Kreis seiner Kunden zirkulieren ließ. Diese in Leder gebundene Kataloge sind etwa zehn bis sechzehn Seiten stark und listen alte griechische, römische und auch deutsche Münzen sowie geschnitzte Figuren, kostbare Steine und verschiedene Antiquitäten auf. Der Wert der je Katalog angebotenen Waren lag bei 2.500 und 5.000 Gulden.Ferguson (2002), S. 63. Die aufgeführten Münzen waren genau datiert, beschrieben und entsprechend einem numismatischen Handbuch nummeriert. Zeigte einer der Kunden Interesse, wurde ihm der Gegenstand zur Ansicht zugeschickt und dann der Preis ausgehandelt, der in der Regel unterhalb des Orientierungspreises im Katalog lag. Aus einer im Bayerischen Staatsarchiv befindlichen Rechnung geht beispielsweise hervor, dass sich Herzog Karl Theodor von Bayern im Jahre 1789 eine Reihe von Münzen zusenden ließ und daraus achtzehn aussuchte. Der Katalogpreis der Münzen hätte 265 Gulden betragen. Der Herzog zahlte insgesamt jedoch nur 153 Gulden und 32 Kreutzer.Elon, S. 76f. Das Jahreseinkommen von Mayer Amschel, das sich anhand des Zehentbuches abschätzen lässt, lag in den 1770er Jahren bei etwa 2.400 Gulden. Das entspricht dem, was ein Schultheiß zu dieser Zeit jährlich verdiente.

Die Familie war wohlhabend genug, um ab 1783 in zwei Transaktionen das Haus zum Grünen Schild in der Judengasse 148 zu erwerben und dieses entweder 1786 oder 1787 zu beziehen.In der Literatur sind abweichende Jahreszahlen sowohl für den Kauf als auch für den Bezug des Hauses angegeben. Nach Amos Elon erwarb Mayer Amschel das Haus 1784 und zog dort 1786 ein (S. 86 und 87); nach Niall Ferguson zahlte Mayer Amschel zwei Kaufbeträge, davon den ersten 1783 und bezog das Haus erst 1787 (Ferguson 2002, S. 64). Mit etwa 4,70 Metern Frontbreite war es eines der größten Häuser in der Judengasse, verglichen mit Häusern außerhalb der Judengasse in vergleichbarer Preislage – deren Erwerb Mayer Amschel als Jude jedoch nicht möglich war – war es beengt und armselig.Elon, S. 37. Das dreistöckige Haus verfügte aber über eine eigene Wasserpumpe, was in der Frankfurter Judengasse eine Rarität darstellte, zwei Keller und ein zweistöckiges Hinterhaus, in dem sich auch die einzige Toilette befand.Ferguson (2002), S. 64; Edith Dörken: Berühmte Frankfurter Frauen, Verlag Otto Lembeck, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-87476-557-2, S. 47. Das 1615 erbaute Haus gilt als das Stammhaus der Familie Rothschild. Es bestand noch zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, wurde dann aber wie die übrigen noch stehenden Häuser der Judengasse bei den Luftangriffen auf Frankfurt 1944 zerstört.

Die ersten Bankgeschäfte Zwischen 1790 und 1800 erfolgte ein Wandel in der Geschäftstätigkeit von Mayer Amschel, der zur Folge hatte, dass die Rothschilds um 1800 eine der elf reichsten Familien in der Frankfurter Judengasse waren. Der Schwerpunkt der Geschäftstätigkeit verlagerte sich zunehmend vom Münz- und Antiquitätenhandel hin zu Bankgeschäften. Dies zeigt sich auch an der frühesten noch vorhandenen Bilanz des Hauses Rothschilds, die aus dem Jahre 1797 stammt. Diese weist ein Firmenvermögen von 108.504 Gulden aus. Bei den aufgeführten Aktiva handelt es sich um Staatsanleihen sowie persönliche Darlehen und Kredite an eine Reihe sehr verschiedener Unternehmen. Auf der Passivseite finden sich Einlagen von einem ebenso breiten Spektrum von Institutionen und Privatpersonen, darunter auch einflussreichen nichtjüdischen Unternehmen und Familien. Zu den Gläubigern von Mayer Amschel zählte unter anderem der Frankfurter Zweig der Familie Brentano, die Bankiers Bethmann sowie der Frankfurter Privatbankier und Kunstsammler Johann Friedrich Städel. Die Bilanz belegt, dass Mayer Amschels Geschäftspartner ihren Sitz nicht nur in der Nähe der Stadt Frankfurt hatten, sondern dass seine Geschäftsverbindungen von Amsterdam, Hamburg und Bremen bis nach Leipzig, Berlin, Wien, London und Paris reichten.Ferguson (2002), S. 65. miniatur|Landgraf Wilhelm IX. von Hessen-Kassel war einer der wohlhabendsten europäischen Fürsten