Tchamba (auch tsamba, tsaba, tsemba und tseba) ist ein Besessenheitskult der Mina und Anlo-Ewe hauptsächlich im Süden von Togo und ferner im Süden von Benin, bei dem Nachfahren früherer Sklaven und Sklavenbesitzer vom Geist eines aus einer weiter nördlich gelegenen Region verschleppten Sklaven befallen werden. Tchamba heißt auch die im Kult verehrte Gruppe von Geistern, die nach der gleichnamigen Ethnie in der Präfektur Tchamba in Zentraltogo benannt wurde. Die Fremdgeister stammen jedoch von unterschiedlichen Ethnien ab; sie sind häufiger weiblich als männlich, weil in den Haushalten viele Sklavinnen beschäftigt waren.

Die Verehrung von Tchamba, auch in der Figur der Mama(n) Tchamba („Mutter/Großmutter Sklavengeist“) als der Mutter eines Sklavengeistes, stellt eine zum Voodoo-Glauben gehörende rituelle Form der Erinnerung an die Zeit der Sklaverei vom 17. bis zum 19. Jahrhundert dar. Die Geister einer damals unterdrückten und an den Rand gedrängten Bevölkerungsgruppe symbolisieren durch ihre heutige Rache und ihr Verlangen nach Huldigung einen verdrängten Teil der Mina- und Ewe-Sozialgeschichte.

Kulturelles Umfeld Das Phänomen Besessenheit wird für Afrika als Erklärung für eine physische oder psychische Erkrankung, als ein Hinweis auf einen sozialen Konflikt oder als eine Methode zum Machterhalt einer gesellschaftlichen Gruppe diskutiert. Besessenheit bedeutet, dass ein Geist oder eine fremde Persönlichkeit in einen Menschen gefahren ist und vollständig die Lenkung seines Organismus und seiner Psyche übernommen hat. Dabei fällt der Betroffene in einen Zustand der Trance oder Ekstase. Wird eine solche affliktive Besessenheit bei einem Kranken diagnostiziert, bedarf es gewisser Rituale, um in manchen Fällen den besitzergreifenden Geist zu vertreiben oder häufiger, mit ihm ein Auskommen zu suchen und ihn milde zu stimmen, damit er aufhört, Schaden anzurichten. Entsprechende afrikanische Besessenheitskulte im christlichen Umfeld sind Mashawe und Vimbuza im südlichen Afrika. Daneben gibt es die Vorstellung, dass bestimmte Geister – etwa von verstorbenen Familienangehörigen – Aufmerksamkeit erregen möchten und nur als eine Art spiritueller Krankheitserreger in einen Menschen dringen, ohne dessen Persönlichkeit anzugreifen.Beatrix Heintze: Besessenheits-Phänomene im mittleren Bantu-Gebiet. Franz Steiner, Wiesbaden 1970, S. 134 Eine meditative Besessenheit liegt vor, wenn ein Medium in seiner Rolle als Heiler oder Wahrsager die magischen Kräfte eines in ihm wohnenden Geistes auszunutzen verspricht.

Besessenheitskulte werden häufig im Rahmen gesellschaftlicher Machtverhältnisse beschrieben. Manche marginalisierte Gruppen praktizieren von der dominanten Mehrheitsgesellschaft gering geschätzte Besessenheitskulte als eine Möglichkeit zur Selbstidentifikation in einem häuslichen Bereich. Innerhalb islamischer Gesellschaften trifft dies vor allem auf Kulte von Frauen zu, etwa auf den Zar-Kult der Frauen in Ägypten und im Sudan, Stambali in Tunesien, Derdeba in Marokko, Dodo und Bori in Nigeria sowie Pepo an der ostafrikanischen Küste. Ein Beispiel für einen nicht-affliktiven Besessenheitskult, der Männern einer dominanten Gesellschaftsschicht zur Erhaltung ihrer Machtposition dient, ist der Nya-Kult im Süden vom Mali. Ferner gelten Besessenheitskulte bei historischer Betrachtung als Ausdruck gesellschaftlicher Unsicherheiten, die in Afrika mit dem Zwang zur Anpassung an die ökonomischen und kulturellen Veränderungen während der Kolonialzeit verbunden sind. Aspekte von Besessenheitskulten sind in den christlichen und islamischen Volksglauben eingegangen, und Symbole der eingeführten Religionen kommen wiederum in afrikanischen Kulten vor.Heike Behrend, Ute Luig: Introduction. In: Heike Behrend, Ute Luig (Hrsg.): Spirit Possession. Modernity & Power in Africa. James Currey, Oxford 1999, S. xv

Ein verwandter Besessenheitskult, der in den 1920er und 1930er Jahren in Nordghana auftauchte und heute unter den Ewe im Südosten von Ghana, an der Küste im Süden Togos und im Südwesten Benins verbreitet ist, heißt Gorovodu („Kolanuss-Voodoo“). Wie Tchamba entstand Gorovodu als eine indigene Antwort auf den Einfluss von Kolonialismus und Sklavenhandel. Beide gehören wie die Verehrung von Mami Wata und Yewevodu unter den Ewe und der Orishas bei den Yoruba zu den synkretistischen Kulten, die so genannt werden, weil sie Kultelemente aus verschiedenen Regionen und Religionen enthalten.Eric James Montgomery: Syncretism in Vodu and Orisha. An Anthropological Analysis. In: Journal of Religion and Society, Bd. 18, 2016, S. 1–23, hier S. 5 Gorovodu und Tchamba stammen vom kolonialzeitlichen Sklaven-Kult Atikevodu („Medizin-Geist“) ab, der von den Kolonialisten als „Fetisch-Verehrung“ bezeichnet wurde. Die unterschiedlichen religiösen Voodoo-Kulte stehen stets in Bezug zu den gegebenen politischen Verhältnissen.Judy Rosenthal: Trance against the State. In: Carol J. Greenhouse, Elizabeth Mertz, Kay B. Warren: Ethography in Unstable Places. Everyday Lives in Contexts of Dramatic Political Change. Duke University Press, Durham/London 2002, S. 318

Zeit der Sklaverei mini|hochkant|Ein Sklave erlangt seine Freiheit. Aquatinta von Alexander Rippingille (1796–1858), 1836. Der in regional unterschiedlichen Formen praktizierte innerafrikanische Sklavenhandel war eine Voraussetzung für den transatlantischen Sklavenhandel der Europäer, der Anfang des 16. Jahrhunderts begann und um die Mitte des 19. Jahrhunderts gesetzlich verboten wurde. Wesentlich älter waren der Transsaharahandel, der Sklavenhandel mit den Ländern des Orient über das Rote Meer und der Sklavenhandel über den Indischen Ozean. Am häufigsten führte ein Dorf oder ein Staat einen Raubzug bei der verfeindeten Bevölkerung in der Nachbarschaft durch. Die meisten Sklaven waren daher Kriegsgefangene. Die Sklaverei wird als ein Grund für die Herausbildung und Abgrenzung kleiner ethnischer Gruppen gesehen, wie sie für Afrika typisch ist. Die Europäer lieferten im 18. Jahrhundert Gewehre zur Fortsetzung der Streitigkeiten und die Gewehre konnten im Austausch gegen Sklaven erworben werden. Daraus erwuchs ein Teufelskreis, der die afrikanischen Ethnien zum fortgesetzten Erwerb von Waffen zum Selbstschutz oder zur Sklavenjagd zwang, wobei sogar einzelne Gruppen Menschen der eigenen Gemeinschaft in die Sklaverei entführten und so die Gesellschaften insgesamt instabiler wurden. Einer Schätzung zufolge waren Ende des 19. Jahrhunderts in Französisch-Westafrika insgesamt ungefähr ein Viertel der Einwohner versklavt.Tobias Wendl, 1999, S. 112

Die Handelsbilanz bei Sklaven an der Goldküste war sehr unterschiedlich. Von Togo wurde nur ein Bruchteil an Sklaven über den Atlantik exportiert im Vergleich zu den Gebieten der heutigen Staaten Ghana und Nigeria.Nathan Nunn: The Long-Term Effects of Africa’s Slave Trades. In: The Quarterly Journal of Economics, Bd. 123, Nr. 1, Februar 2008, S. 139–176, hier S. 142f. Von der portugiesischen Siedlung und Festung Ouidah in Benin wurden von den 1670er bis in die 1860er Jahre über eine Million Sklaven verschifft. Dies waren rund zehn Prozent des gesamten transatlantischen Sklavenhandels. Der Höhepunkt des Sklavenhandels lag zwischen 1700 und 1713, als rund 15.000 Sklaven jährlich Ouidah mit dem Schiff verließen.Dana Rush, 2011, S. 2

Ewe sind die größte Ethnie in Togo, die im Süden lebt und je nach Zählweise ein Drittel oder mehr der Bevölkerung ausmacht. Die zweitgrößte Ethnie bilden die Kabiyé im Norden des Landes. Die Anlo gelten als eine Untergruppe der Ewe, ebenfalls die Mina, die andererseits als Gen- oder Gbe-Sprecher von den Ewe unterschieden werden. Im 18. Jahrhundert wurden in englischen und französischen Berichten die Bewohner der Goldküste generell als „Mina“ bezeichnet. Ein heutiges Zentrum der Mina in Togo ist der Küstenort Aného, der in den 1650er Jahren von Migranten aus Elmina (heute in Ghana) gegründet wurde, die entlang der Küste mit Booten gekommen waren.Robin Law: Ethnicities of Enslaved Africans in the Diaspora: On the Meanings of “Mina” (Again). In: History in Africa, Bd. 32, 2005, S. 247–267, hier S. 252 Ende des 17. Jahrhunderts bestand die Mina-Gesellschaft aus Fanti und Ga, die aus Ghana eingewandert waren, sowie aus Adja, Oatchi, Peda und anderen Gruppen in Togo, ferner aus Nachfahren von portugiesischen und brasilianischen Händlern. Im 18. Jahrhundert wuchs Aného vor allem durch den Elfenbeinhandel und wurde zum politischen und religiösen Zentrum der Mina. Der Sklavenhandel war von geringerer Bedeutung. Europäische Nachfrage machte im Verlauf des 19. Jahrhunderts Palmöl zum Hauptexportprodukt von Togo. Leo de Haan: Die Kolonialentwicklung des deutschen Schutzgebietes Togo in räumlicher Perspektive. In: Erdkunde, Bd. 37, Nr. 2, 1983, S. 127–137, hier S. 129

Die Mina etablierten ein gewisses Maß an Herrschaft über zahlreiche Dörfer im südöstlichen Togo. Ihr Gebiet war von den mächtigeren Herrschaftsbereichen der Aschanti im Westen und Dahomey im Osten eingerahmt. Größere Siedlungseinheiten als Dörfer gab es im Süden Togos von Aného abgesehen nicht, im Unterschied zu den islamischen Fürstentümern im Norden um die Hauptstädte Sokodé und Sansanné-Mango. Ihre Sklaven erhielten die Mina durch Handel, Raubzüge oder als Kriegsgefangene. Erbeutet wurden sie wenige Kilometer nördlich der Küste aus Orten nahe am Mono-Fluss. Die Mina nannten das Gebiet adonko, Land der „Sklaven“. Die Händler von der Küste tauschten Sklaven gegen Salz, Gewehre, Munition, Stoffe oder Geld. Die Sklaven gehörten zu einer Vielzahl von Ethnien, vor allem Kabiyé und Tchamba, einige gehörten zu den Ntcham, Taberma und Tem. Da die Kriege gegen benachbarte Gruppen geführt wurden, war es nicht ratsam, die auf diese Weise gefangenen Sklaven zu behalten, da sie bei der ersten Gelegenheit geflohen wären. Folglich wurden die Sklaven so schnell wie möglich an afrikanische Zwischenhändler oder Europäer weiterverkauft. Der aus Brasilien stammende portugiesische Sklavenhändler Francisco Félix de Souza (1754–1849), Kommandant der Festung Ouidah, gründete 1806 einen Handelsposten in Aného und erwarb bald das Monopol über den transatlantischen Sklavenhandel in der Region.

Sklaven, die für die Beschäftigung in den eigenen Haushalten vorgesehen waren, holte man von weiter entfernten Gebieten im Norden von Togo. Dies machte die Sklaven zu Fremden, vergrößerte also die soziale Distanz zu ihren Besitzern und verminderte das Fluchtrisiko. Der Sprachwissenschaftler Diedrich Westermann (1876–1956) präsentiert in Die Glidyi-Ewe in Togo (1935) mit den Aufzeichnungen seines Gewährsmannes Bonifatius Foli der Mina („Glidyi-Ewe“) ein positives Bild von der Behandlung der Sklaven. Nach dessen Auskunft war der Besitz eines Sklaven mit einem wachsenden Bankkonto zu vergleichen, weil auch dessen spätere Kinder im Haus und auf dem Feld für ihren Herren arbeiteten.Diedrich Westermann: Die Glidiyi-Ewe in Togo. Züge aus ihrem Gesellschaftsleben. (Mitteilungen des Seminars für Orientalische Sprachen an der Universität Berlin, Beiband zum Jahrgang 38) Berlin 1935, S. 125–127 Bei Tötungsverbrechen musste der Täter Sklaven als Entschädigung an die Familie des Opfers übergeben. Um nicht völlig seinem Besitzer ausgeliefert zu sein, konnte ein Sklave, der sich schlecht behandelt fühlte, Zuflucht bei einer der religiösen Kultgruppen suchen.