Hans Rempel, auch Johannes Rempel bzw. Johann Rempel, (* 27. Januar 1909 in Rodnitschnoje bei Orenburg; † 9. Oktober 1990 in Kiel) war ein deutscher lutherischer Pastor.

Leben Rempel wurde 1909 als KindJohann (so sein Taufname) war das siebente von zwölf Kindern und der erste Sohn seiner Eltern (Rempel: Mit Gott …, S. 71). deutschstämmiger mennonitischer BauernSein Vater Johann D. Rempel (1874–1938?) war seit 1910 Prediger der Mennonitengemeinde in Klubnikowo (online auf gameo.org). in Rodnitschnoje am Ural geboren, wo er Kindheit und Jugend verbrachte.Ganz in der Nähe, in Tozkoje Wtoroje, spielte sich von Dezember 1915 bis März 1916 ein Drama ab: Dort wütete der Flecktyphus unter 25 000 Kriegsgefangenen so schrecklich, dass kaum mehr 8000 lebten, als die Seuche im Frühjahr langsam von selbst erlosch. Elsa Brändström konnte erst im Mai 1916 nach Tozkoje kommen und mit ihrer Delegation völlig neue Verhältnisse schaffen. Darüber berichtet Eduard Juhl in dem Buch Elsa Brändström …, S. 82–84. Er besuchte die Schulen in Rodnitschnoje und Pretoria/Ural.Orenburg Mennonite Settlement (online auf gameo.org) Er erlebte den russischen Bürgerkrieg, die katastrophale Hungersnot 1921–1922 in Sowjetrussland und die Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion. 1929 im Zuge des stalinistischen Terrors verhaftet und 1930 nach Archangelsk verbanntRempel wurde nach Artikel 58.10 des Strafgesetzbuches der RSFSR der Vorwurf gemacht, die Auswanderungsbewegung der Mennoniten zu unterstützen und „durch Agitation die Leute aufzuwiegeln, alles zu verkaufen und sich ins Elend zu stürzen“. (Rempel: Mit Gott …, S. 111 f.), gelang ihm eine abenteuerliche Flucht über Norwegen und England nach Deutschland. Ausgestattet mit einem Nansen-Pass, ausgestellt von der Deutschen Botschaft in LondonRempel: Mit Gott …, S. 162 ff., war er zeitweilig im „Flüchtlingslager für Russlanddeutsche“ in der früheren Unteroffiziersschule in Mölln untergebracht.Hans-Joachim Ramm: Einführung, in: Rempel: Mit Gott …, S. 14; vgl. auch Brüder in Not (online auf gameo.org).

Sein weiterer Bildungsweg führte ihn über die evangelikale Bibelschule im schweizerischen Chrischona – in dieser Zeit veröffentlichte er sein später in elf Auflagen verbreitetes Buch Der Sowjethölle entronnen – zum Studium der evangelischen Theologie in Tübingen, das in Ermangelung der Hochschulreife unterbrochen werden musste.

Nachdem Rempel in Berlin am Institut für Studierende Ausländer 1933 das Abitur erworben hatte, setzte er in der Hauptstadt sein Theologiestudium fort, allerdings erweitert um die Studienfächer Philosophie und Geschichte. Von 1933 bis 1934 war er Mitglied der SA. 1938 schloss er seine Studien zunächst ab mit einer Promotion (Das Deutschtum in der UdSSR seit 1917) beim deutsch-österreichischen Osteuropahistoriker (und NSDAP-Mitglied) Hans Uebersberger. Gleichfalls 1938 erhielt Rempel die deutsche Staatsbürgerschaft.

Nach kurzer Tätigkeit im Volksbund für das Deutschtum im Ausland konnte er mittels eines Stipendiums am Institut zur Erforschung des Deutschtums weiter wissenschaftlich arbeiten. Am 1. April 1940 zur Wehrmacht eingezogen und in Frankreich und Polen als Kavallerist eingesetztRempel diente in der 1. Schwadron der Aufklärungsabteilung 168, die der 68. Infanterie-Division unterstellt war. (Rempel: Mit Gott über die Mauer springen …, S. 251 ff.; 271 ff.), wurde er ab Oktober 1940 Mitarbeiter in der Militärgeographischen Abteilung des Generalstabs des Heeres und ab Juli 1941 Referent im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete. In dieser Dienststellung unternahm er 1942 eine Dienstreise in die Ukraine, u. a. in das mennonitische Siedlungsgebiet von Chortitza. Er besuchte dabei das letzte Heim seines inzwischen verstorbenen Vaters in dem Dorf EinlageEinlage (Chortitza Mennonite Settlement) (online auf gameo.org) und lernte dort die dritte Frau seines Vaters kennen, die ihn in seinen letzten Lebenstagen begleitet hatte.Rempel: Mit Gott …, S. 306 ff.

Am 11. Dezember 1941 beantragte Rempel die Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 1. Januar 1942 aufgenommen (Mitgliedsnummer 8.980.891).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/34430513 Ab Februar 1943 bis zum Zusammenbruch 1945 stand er wieder im Feld, zunächst an der OstfrontRempel kam zunächst in die Dolmetscherlehrabteilung des OKW und wurde dann als Sonderführer im Leutnantsrang zur neu aufgestellten 6. Armee an die Ostfront versetzt und einem Abwehrtrupp beim Stab der Armee zugeteilt. Nach kurzer Tätigkeit als Dolmetscher wurde er mit der Führung einer Kosakenschwadron beauftragt. Er nahm im Oktober 1943 an den Kämpfen um das Tor zur Krim bei Saporoschje teil. Nach mehreren Lehrgängen und dem Besuch der Kriegsschule in Dresden am 1. Juli 1944 zum Leutnant befördert kehrte er zurück an die Ostfront, und zwar zur 1. Panzerarmee (Rempel: Mit Gott über die Mauer springen …, S. 320 f.; 343 ff.; 351 ff.), dann in Ungarn und der TschechoslowakeiRempel war beim Verbindungsstab zur 1. ungarischen Armee eingesetzt mit dem Auftrag, im Bereich der ungarischen Armee Verhandlungen mit den ukrainischen Aufständischen zu führen. Nach dem Zusammenbruch Ungarns kehrte er zur 1. Panzerarmee zurück und bezog Stellung in der Slowakei. Wieder bekam er den Auftrag, mit Partisaneneinheiten in Verbindung zu treten und Verhandlungen aufzunehmen. Rempel: „Die katastrophale Besatzungspolitik Hitlers mit ihrer Untermenschen-Philosophie trug wesentlich dazu bei, dass die Bevölkerung mit den Partisanen sympathisierte.“ (Rempel: Mit Gott …, S. 354 ff.; 362 ff.). Das unmittelbare Kriegsende erlebte er zwischen dem sowjetischen und dem amerikanischen Besatzungsgebiet in den Wäldern Thüringens und Bayerns, wo er sich mit Kameraden verborgen hielt. Der Kriegsgefangenschaft entging er. Sein Resümee nach dem Zweiten Weltkrieg:

„Es ist eine grundsätzliche, eine ethische, eine menschliche Sache und Frage, ob wir, die wir an diesem schrecklichen Krieg teilgenommen haben, aus freien Stücken weiter Militärdienste verrichten wollen. Wir haben nicht so schnell wie möglich alles zu vergessen und weiterzumachen, als wäre nichts geschehen, sondern wir haben das Leben anzunehmen als ein überragendes Geschenk. Wir sind noch einmal davongekommen. Die Frage, warum gerade wir am Leben geblieben sind, werden wir nicht beantworten können, aber wir sollten uns fragen, wozu wir davongekommen sind. Wir dürfen die bösen Erlebnisse nicht verdrängen, vielmehr müssen wir in bewusster Erinnerung an überstandene Ängste und Schmerzen, die wir anderen zugefügt und die wir selbst erlitten haben, von neuem beginnen, neu mit dem Leben anzufangen, menschlich zu leben, gemeinsam zu leben, hoffnungsvoll zu leben.“Rempel: Mit Gott über die Mauer springen …, Husum 2013, S. 412 f.

Frau und Kind fand Rempel in Ostfriesland wieder. Ab April 1946 war er Pfarrgehilfe bei Fritz Rienecker in Geesthacht-Düneberg und setzte dann ab Sommersemester 1947 sein Theologiestudium in Hamburg (Kirchliches Vorlesungswerk) und Kiel fort. Nach Vikariat in Kiel, Besuch des Predigerseminars in Preetz, Zweitem Theologischem Examen und Ordination am 29. Oktober 1950 in Kiel wurde er Hilfsgeistlicher an St. Nikolai in Kiel (an der Seite von Propst Hans Asmussen), später dann dort Pastor und schließlich von 1955 bis 1974 Pastor der Kieler Luthergemeinde.Biografische Angaben nach Hasko v. Bassi in: Theologische Literaturzeitung 139 (2014) 5, Sp. 591 ff. und Karin Wolf: Hans Rempel – seine Persönlichkeit, seine Memoiren. Eine Spurensuche, Beilage zu: Rempel: Mit Gott …, Husum 2013. Vom Holsteiner Bischof Halfmann erhielt er zugleich den landeskirchlichen Auftrag, die Mennonitengemeinden, die „Kirche seiner Väter“, in Schleswig-Holstein zu betreuen.Hans-Joachim Ramm: Einführung, in: Rempel: Mit Gott …, S. 18 f.

Für einige Semester war Rempel Dozent an der Kieler Volkshochschule. Er behandelte Themen wie „Christentum und Bolschewismus“ und „Kirchen und Sekten – was glauben die anderen?“. Er gründete die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Kiel. An ihr beteiligten sich: die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Schleswig-Holsteins, die Römisch-katholische Kirche, die Orthodoxe Kirche, die Evangelisch-methodistische Kirche, die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten), die Adventgemeinde Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten, die Freie Christengemeinde (Pfingstgemeinde), die Heilsarmee und die Christengemeinschaft.Rempel: Mit Gott …, S. 459.

Als Inhaber der Pfarrstelle St. Nikolai II seit 21. September 1952 wurde Rempel mit der Einrichtung von Religionsgesprächen an Berufsschulen beauftragt. Mit finanzieller Unterstützung des Ministerpräsidenten Lübke konnte er zwei hauptamtliche und einige teilzeitbeschäftigte Lehrkräfte für diese Aufgabe gewinnen. Auch betätigte er sich als Propsteibeauftragter des Gustav-Adolf-Werkes und Mitglied des Landesvorstandes dieses Werkes, als Propsteibeauftragter für die Angehörigen der griechisch-orthodoxen Kirche in Kiel, als Mitglied des Kuratoriums der Volkshochschule in Kiel und als wissenschaftlicher Reiseleiter in Starnberg mit dem Spezialprogramm Vorderer Orient und Heiliges Land.Rempel: Mit Gott …, S. 462 f.

Rempel ging am 1. Juni 1974 in den Ruhestand und starb 1990 mit 81 Jahren in Kiel. Aus der am 13. Dezember 1941 geschlossenen Ehe gingen ein Sohn (geb. 1942) und eine Tochter (geb. 1948) hervor.

Die Stunde der Kirche Rempel stimmte Wilhelm Halfmann, dem späteren Bischof von Holstein, in der Ende Mai 1945 vorgetragenen Auffassung zu, dass die Kirche „heute eine ganz besondere Verantwortung für unser Volk trägt“Halfmann: Wie sollen wir heute predigen? In: Jürgensen: Die Stunde der Kirche …, Neumünster 1976, S. 261–263, hier S. 263 (online auf geschichte-bk-sh.de).. Der Kirche war nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht die Freiheit des Wortes und des Handelns zurückgegeben. Rempel entschloss sich, in den Dienst der Kirche zu treten.

Unter den Überschriften „Die Stunde der Kirche“ (S. 427–436) und „Drei Jahre später“ (S. 437–445) berichtete Rempel in seinem Buch Mit Gott über die Mauer springen von den Aufgaben und Möglichkeiten der Kirche in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg am Beispiel von Geesthacht-Düneberg und Kiel: