Die portugiesisch-ungarischen Beziehungen beschreiben das zwischenstaatliche Verhältnis zwischen Portugal und Ungarn. Die Länder unterhalten seit 1974 erneuerte diplomatische Beziehungen.Übersicht über die diplomatischen Beziehungen zu Ungarn beim diplomatischen Institut im portugiesischen Außenministerium, abgerufen am 4. Mai 2019 Sie sind Mitglieder der Europäischen Union. Außerdem gehören sie gemeinsam u. a. der NATO, der OECD, der OSZE und dem Schengen-Raum an. Seit 2016 hat Ungarn zudem Beobachterstatus in der Gemeinschaft der Portugiesischsprachigen Länder.Webseite der CPLP zum Status des assoziierten Beobachters, CPLP-Website, abgerufen am 8. Mai 2017
Seit dem Mittelalter kreuzten sich die Geschichte der beiden Länder mehrmals, wenn auch selten tiefgreifend. Neben diesen historischen Berührungspunkten bestehen im Sport und in der Kultur, insbesondere in der Literatur Berührungspunkte und gegenseitiges Interesse. Seit den 1990er Jahren haben auch die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen zugenommen.
Während seiner Zeit als Botschafter am Habsburgerhof in Wien ab 1745 diskutierte der portugiesische Gesandte und spätere Staatsmann Sebastião José de Carvalho e Melo mit den Esterházys auch über die Rivalität zwischen dem portugiesischen Portwein und dem ungarischen Tokajer.Fernando Cristóvão (Hrsg.): Dicionário Temático da Lusofonia. Texto Editores, Lissabon/Luanda/Praia/Maputo 2006 (ISBN 972-47-2935-4), S. 817
Geschichte mini|150px|Peter von Portugal Elisabeth von Ungarn war die Tante von Elisabeth von Portugal, die bereits zwölfjährig mit König D. Dinis verheiratet und damit von 1282 bis 1325 Königin von Portugal wurde.
Auf seiner mehrjährigen Reise, den Paradas, kam der portugiesische Thronfolger Peter von Portugal zwischen 1425 und 1428 auch in das Königreich Ungarn. Er traf dort mit König Sigismund zusammen, für den er danach während der Hussitenkriege (1419–1434) in Böhmen kämpfte. Über das Wirken Peters in Ungarn sind ansonsten wenig Details bekannt.
Die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn erkannte die 1910 ausgerufene Republik Portugal im September des gleichen Jahres an.
Nach dem Ersten Weltkrieg (1914–1918) ging Österreichs Kaiser Karl I. nach Madeira ins Exil. Er war als Karl IV. auch der letzte König Ungarns. Afonso Costa unterzeichnete am 4. Juni 1920 für Portugal als Teil der siegreichen Alliierten den Vertrag von Trianon, mit dem Ungarn einen Friedensvertrag erhielt, jedoch große Teile seiner Gebiete verlor.
Im Zweiten Weltkrieg (1939–1945) ermöglichte Botschafter Carlos Sampaio Garrido etwa 1.000 jüdischen Menschen über die portugiesische Botschaft in Budapest die Flucht vor Nazideutschland, darunter auch einige Familienangehörige von Zsa Zsa Gabor.
Ungarns Regierungschef Miklós Horthy ging später selbst ins portugiesische Estoril ins Exil, wo er 1957 starb.
Direkte diplomatische Beziehungen nahmen Portugal und Ungarn am 1. Juli 1974 wieder auf, nach dem Ende des antikommunistischen Estado Novo-Regimes durch die portugiesische Nelkenrevolution vom 25. April 1974.
Seit 1977 ist Portugiesisch Lehrsprache in Ungarn und wird in Universitäten, Gymnasien, Instituten und Privatschulen in Budapest und Szeged gelehrt.
Portugal trat 1986 der EU bei, Ungarn folgte 2004, nach dem Mauerfall 1989, bei dem Ungarn eine wesentliche Rolle spielte.
2019 wurde der portugiesische Whistleblower Rui Pinto in Budapest festgenommen und von Ungarn an Portugal ausgeliefert.
mini|150px|Die portugiesische Botschaft in Budapest, auch Sitz des ungarischen Büros der portugiesischen Außenhandelskammer AICEP
Diplomatie Portugal und Ungarn nahmen ihre früheren diplomatischen Beziehungen am 1. Juli 1974 wieder auf. Erster portugiesischer Botschafter in Budapest wurde am 15. November 1974 Fernando Lopes Vieira.
Portugal unterhält seine Botschaft in der ungarischen Hauptstadt Budapest im dortigen MOM Park, Alkotás Utca Nr. 53. Portugiesische Konsulate sind in Ungarn keine eingerichtet.
Ungarns Botschaft in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon residiert in der Calçada de Santo Amaro Nr. 85. Zudem unterhält Ungarn Konsulate in Porto, in Faro an der Algarve, und in Funchal auf der Insel Madeira.
Wirtschaft Die portugiesische Außenhandelskammer AICEP ist in Budapest mit einer Niederlassung an der portugiesische Botschaft präsent.Übersicht über die Aktivitäten in Ungarn, Website der portugiesischen Außenhandelskammer AICEP, abgerufen am 16. Februar 2017 Zudem besteht in Lissabon seit 2007 die bilaterale portugiesisch-ungarische Handelskammer Câmara de Comércio Luso-Húngara. (portugiesisch und ungarisch), abgerufen am 16. Februar 2017
Als wichtigstes portugiesisches Unternehmen in Ungarn kann Corticeira Amorim gelten. Der Weltmarktführer für Korken ist dort insbesondere über sein Tochterunternehmen Hungarokork - Amorim Zrt mit Sitz in Veresegyház aktiv.
Im Jahr 2016 exportierte Portugal Waren im Wert von 200,4 Mio. Euro nach Ungarn (2015: 198,6 Mio.; 2014: 213,9 Mio.; 2013: 181,1 Mio.; 2012: 153,1 Mio.; 2011: 122,3 Mio.), davon 36,1 % Maschinen und Geräte, 16,0 % Kunststoffe, 13,0 % Fahrzeuge und Fahrzeugteile und 6,0 % Chemisch-pharmazeutische Produkte.
Im gleichen Zeitraum lieferte Ungarn Waren im Wert von 271,7 Mio. Euro an Portugal (2015: 267,2 Mio.; 2014: 231,1 Mio.; 2013: 208,9 Mio.; 2012: 238,9 Mio.; 2011: 257,9 Mio.), davon 35,6 % Maschinen und Geräte, 26,7 % Fahrzeuge und Fahrzeugteile, 16,4 % Chemisch-pharmazeutische Produkte und 3,7 % Optik- und Präzisionsinstrumente.
Damit stand Ungarn für den portugiesischen Außenhandel 2015 an 26. Stelle als Abnehmer und an 27. Stelle als Lieferant. Im ungarischen Außenhandel 2015 stand Portugal damit an 32. Stelle unter den Abnehmern und an 37. Stelle unter den Lieferanten., Excel-Datei-Abruf bei der portugiesischen Außenhandelskammer AICEP, abgerufen am 16. Februar 2017
Partnerstädte Die erste portugiesisch-ungarische Städtefreundschaft gingen 1992 die beiden Hauptstädte Lissabon und Budapest ein. Nach dem EU-Beitritt Ungarns 2004 gingen portugiesische und ungarische Kommunen drei weitere Partnerschaften ein (Stand 2010).
Kultur Institutionen Das portugiesische Kulturinstitut Instituto Camões ist mit einem Sprachzentrum in Budapest und mit Lektoraten u. a. an einer Reihe ungarischer Universitäten präsent., Website des portugiesischen Kulturinstituts Instituto Camões, abgerufen am 16. Februar 2017
Literatur Unter den wertvollsten Stücken der Nationalbibliothek Ungarns ist die 1489 in Lissabon in Hebräisch erschienene Ausgabe der Comentários sobre o Pentateuco, die bekannten Tora-Kommentare des Nachmanides, das erste in Lissabon gedruckte Buch. Die Nationalbibliothek beherbergt eine Vielzahl weiterer portugiesischer Übersetzungen und Bücher.
Der ungarische Dichter Miklós Zrínyi (1620–1664) nahm Bezug auf die Lusiaden des portugiesischen Dichters Luís de Camões († 1580), insbesondere in seinem Epos „Der Fall von Sziget“ (Obsidio Szigetiana). Ungarische Übersetzungen von Teilen der Lusiaden sind seit 1796 belegt und erschienen dort erstmals 1805 in Buchform. 1860 erschien erstmals eine vollständige ungarische Version der Lusiaden, während die moderne Übersetzung von 1984 stammt. Weitere Gedichte und Sonette von Camões wurden 1992/1993 übersetzt und veröffentlicht.
Im Jahr des Österreichisch-Ungarischen Ausgleichs 1867 verfasste der ungarische Autor János Vajda (1827–1897) das patriotische, nach Portugal benannte Stück Canção lusitana.
Eine Reihe portugiesischer Literaten, darunter Teófilo Braga, bewunderten den ungarischen Revolutionsheld und Byron der Puszta, Sándor Petőfi (1823–1849). Antero de Quental übersetzte Petőfi ins Portugiesische, vermutlich von einer deutschen Quelle ausgehend.
Tibor Déry (1896–1977) veröffentlichte 1969 eine Novellensammlung unter dem Titel Die Prinzessin von Portugal, jedoch ohne tieferen Bezug zur Portugiesischen Literatur zu nehmen.
Eine Vielzahl portugiesischer Autoren wurden ins Ungarische übersetzt, am häufigsten Fernando Pessoa und José Saramago. mini|150px|Auftritt der portugiesischen Gruppe Blasted Mechanism in Budapest, 2008
Musik Der portugiesische Komponist Vianna da Motta war 1885 Schüler von Franz Liszt in Weimar. Fernando Lopes-Graça wurde stark von Béla Bartók beeinflusst. Eine Vielzahl Werke portugiesischer Komponisten wie Motta, Lopes-Graça oder Joly Braga Santos wurden in Budapest aufgenommen und danach als Tonträger veröffentlicht.
Eine Reihe portugiesischer Musikgruppen waren schon in Ungarn zu Gast, etwa Moonspell oder Blasted Mechanism. Die Werke einiger portugiesischer Musiker sind auch in Ungarn erschienen, etwa Aurea, die zudem mit dem ungarischen Sänger Nikolas Takács ein Duett aufnahm und mehrmals dort gastierte.
Bildende Künste 1994 wurde in Lissabon die Stiftung Fundação Árpád Szenes-Vieira da Silva gegründet. Sie funktioniert als Museum für das Werk des ungarischen Malers Árpád Szenes und der portugiesischen Malerin und Grafikerin Maria Helena Vieira da Silva. Das Paar lernte sich 1929 in Paris kennen und heiratete 1930.
In der zentralen Haltestelle Deák Ferenc tér, in der sich die drei wichtigsten U-Bahnlinien der Metró Budapest kreuzen, wurde 1996 ein Bild bemalter Azulejos des portugiesischen Künstlers João Rodrigues Vieira (1934–2009) installiert. Die drei jeweils wichtigsten Dichter beider Länder sind dort mit Versen zu sehen, die in die jeweils andere Sprache übersetzt sind.Fernando Cristóvão (Hrsg.): Dicionário Temático da Lusofonia. Texto Editores, Lissabon/Luanda/Praia/Maputo 2006 (ISBN 972-47-2935-4), S. 818
Film Der ungarische Filmregisseur Ladislao Vajda drehte insbesondere in den 1940er Jahren einige Filme des portugiesischen Kinos, etwa O Diabo São Elas (1945), Três Espelhos oder Viela, Rua Sem Sol (beide 1947).
Der ungarische Regisseur Pál Erdőss (1947–2007) drehte in Portugal den 1994 veröffentlichten Film Laços de Sangue, mit Drehbuch des ungarischen Autors István Kardos (1942–2002), der auch einer der vier Produzenten der portugiesisch-spanisch-ungarisch-polnischen Produktion war.
Ungarische Regisseure sind häufig bei Filmfestivals in Portugal zu Gast. So gewann Pál Erdöss das wichtigste portugiesische Festival, das Festróia, 1991 mit seinem Werk Homo Novus. Beim Fantasporto gewann Károly Ujj Mészáros 2015 den Hauptpreis für Liza, die Fuchsfee. Und die portugiesisch-ungarische Produktion Fado – Die Stimmen von Lissabon (Silêncio - Vozes de Lisboa, 2020) der Ungarin Judit Kalmár und der Schweizerin Céline Coste Carlisle eröffnete das portugiesische Filmfestival FESTin 2020. Der Film wurde mit einem mehrheitlich ungarischen Produktionsteam in Lissabon gedreht und erzählt vom dortigen Fado, der im Alfama-Viertel zur Touristenattraktion verkommt und von den Bewohnern nur mühsam in Hinterhofvereinen und wenigen alten Kneipen authentisch erhalten wird.A carta de amor ao fado de uma suíça e uma húngara [„Der Liebesbrief einer Schweizerin und einer Ungarin an den Fado“], Artikel vom 12. Dezember 2020 der Zeitung Diário de Notícias zur Eröffnung des FESTin 2020, abgerufen am 1. April 2023
Die prämierte belgisch-portugiesisch-ungarische Produktion Nanu Tudor (2021) ist ein weiteres Beispiel für die gelegentliche Kooperation Filmschaffender beider Länder.
mini|150px|Denkmal für Miklós Fehér in Benficas Heimstadion Estádio da Luz in Lissabon
Sport Fußball Männer Die portugiesische Fußballnationalmannschaft und Ungarns Nationalelf trafen bisher 14 Mal aufeinander (Stand Januar 2023), wobei es zehn portugiesische Siege und vier Unentschieden gab. Erstmals spielten sie am 26. Dezember 1926 in einem Freundschaftsspiel in Porto gegeneinander, vor 10.000 Zuschauern trennte man sich 3:3. Es war erst das achte Spiel der portugiesischen Auswahl und das erste unter Trainer Cândido de Oliveira, für die Ungarn war es bereits das 121. Spiel.