Gene Weltfish (geb. am 7. August 1902 in New York City als Regina Weltfish; gest. am 2. August 1980) war eine US-amerikanische Anthropologin und Historikerin, die sich auf die Geschichte und Kultur der Pawnee spezialisiert hatte. Sie lehrte und forschte an der Columbia University und der Fairleigh Dickinson University. Ihr 1965 erschienenes Werk The Lost Universe: Pawnee Life and Culture gilt bis heute als Standardwerk. mini|Gene Weltfish (1952)

Leben

Kindheit, Jugend und Ausbildung Regina Weltfish wurde 1902 als erste von zwei Töchtern des Rechtsanwalts Abraham Weltfish und dessen Ehefrau Eve Furman an der Lower East Side in New York City geboren und wuchs deutschsprachig auf. Ihr Vater, zu dem sie eine enge Beziehung hatte, starb, als sie 13 Jahre alt war. Ermutigt von ihrer Großmutter ging sie während der siebentägigen Trauerphase täglich in die Synagoge und betete das Kaddisch für ihn – ein Akt des Respekts, der normalerweise einem Sohn des Verstorbenen vorbehalten ist.R. A. Pathe: "Gene Weltfish (1902-1980)", In: U. Gacs, A. Khan, J. McIntyre, and R. Weinberg (Hrsg.): Women Anthropologists: A Biographical Dictionary, Greenwood, New York 1988, S. 372–381 Ohne den Vater geriet die Familie in eine schwierige finanzielle Situation. Da er ohne Testament verstorben war, erhielt der Staat die Aufsicht über das Erbe. So musste die Mutter für jede Ausgabe Anträge einreichen. Um der Familie zu helfen, begann Weltfish mit 14 Jahren als Schulsekretärin zu arbeiten und besuchte die High School abends.

1919 schloss Weltfish die High School ab und besuchte das Hunter College. Als Schwerpunktfach wählte sie Journalistik. Ihr Studium setzte sie dann am Barnard College der Columbia University fort, wo sie als Zweitfach Philosophie unter John Dewey belegte. 1925 schloss sie ihr Studium erfolgreich ab und begann ein Promotionsstudium in Anthropologie. Franz Boas wurde ihr Doktorvater.

In dieser Zeit heiratete sie den Doktoranden Alexander Lesser, der ebenfalls bei Boas studierte und später als Anthropologe die Sioux-sprechenden Indianerstämme erforschte. Das Paar war 15 Jahre verheiratet und hatte eine Tochter.Joy Harvey, Marilyn Ogilvy: Weltfish, Gene. In: The Biographical Dictionary of Women in Science: L-Z. Taylor & Francis, 2000, S. 1364–1366 Ihre erste gemeinsame Feldforschungsreise führte sie nach Oklahoma, wo sie die Verwandtschaftsverhältnisse der Siouxstämme untersuchten.

Nachdem sie den Pawnee-Indianer Henry Moses in New York getroffen hatte, entschloss sich Weltfish, seinen Stamm als Dissertationsthema zu wählen. Sie reiste in das Pawnee-Reservat in Oklahoma. Dort untersuchte sie insbesondere das Kunsthandwerk und lernte die Korbflechterei, die traditionell den Pawnee-Frauen vorbehalten war. Ihre Doktorarbeit lautete The Interrelation of Technique and Design in North American Basketry. Sie reichte die Arbeit schon 1929 an, doch sie wurde erst 1950 promoviert. Erst zu diesem Zeitpunkt änderte die Universität ihre Promotionsordnung, strich die Druckkosten von $ 4,000 und akzeptierte auch einfache Kopien.

1935 lud Boas Weltfish ein, an der Columbia zu unterrichten. Sie blieb mit jährlichen Verlängerungen bis 1953. Die Columbia University gewährte Weltfish nie eine Anstellung auf Lebenszeit, was viele auf eine Diskriminierung von Frauen zurückführen. So erhielt auch Ruth Benedict 1938 als erste Frau eine außerordentliche Professur an der Columbia, doch erst 1948, nur wenige Monate vor ihrem Tod, wurde ihr ein Lehrstuhl zuerkannt. Auf Bitten von Weltfish setzte sich Benedict bei einer Kuratoriumssitzung der Universität für die junge Wissenschaftlerin ein, als das Gremium Weltfishs Anstellung beenden wollte.Sydel Silverman: Totems and Teachers: Key Figures in the History of Anthropology. Rowman Altamira, 2004, S. 118

The Races of Mankind 1943 veröffentlichte Weltfish gemeinsam mit Benedict The Races of Mankind, das als Aufklärungsbroschüre für die US-Truppen gedacht war. In einfacher Sprache und mit Cartoons illustriert lieferte das Heft wissenschaftlich untermauerte Argumente gegen Rassismus.Ruth Benedict, Gene Weltfish: The Races of Mankind. Public Affairs Committee Inc., New York 1943 Die Publikation entfachte eine heftige politische Debatte, in der Weltfish sozialistische Propaganda vorgeworfen wurde.

Weltfish und Benedict veröffentlichten Ergebnisse von Intelligenztests, die von der American Expeditionary Force (AEF) im Ersten Weltkrieg durchgeführt worden waren. Dabei waren Weiße in den Südstaaten den Schwarzen im Rest des Landes unterlegen. Die Autoren argumentierten: „Der Unterschied [...] [entstand aufgrund] des Gefälles in Einkommen, Bildungsstand, kulturellen Vorteilen und anderen Faktoren“, weil Schulen in den Südstaaten der Vereinigten Staaten nur einen Bruchteil von dem ausgaben, was die Schulen im Rest des Landes investierten. Diese Aussage führte bei Militärs zu einem Aufschrei der Entrüstung, da hier viele Südstaatler dienten. Weltfish und Benedict nutzten einen Großteil der Broschüre, um zu erklären, dass die intellektuellen Unterschiede in beiden Gruppen vor allem auf soziale und kulturelle Faktoren zurückzuführen seien und nicht auf biologische.

The Races of Mankind repräsentierte vor allem die Sicht von Boas auf das Thema „Rasse“, die später zum Standard der modernen Anthropologie wurde und so auch in die UNESCO-Deklaration von 1948 aufgenommen wurde.

Mehr als 20 Jahre später erklärte Weltfish, warum sie die Broschüre geschrieben habe:

Bis heute glauben rechtsextreme Gruppen in den Vereinigten Staaten, dass Weltfishs Arbeit Teil einer Verschwörung von Boas und seinen Studierenden ist, um Untersuchungen zu Rassen in Psychologie und Anthropologie zu verhindern, um so „die Niederlage der weißen Zivilisation durch die Juden vorzubereiten“.A. S. Winston: The Boas Conspiracy": The history of the behavioral sciences as viewed from the extreme right. In: History & Theory of Psychology: Evening Colloquia 2000/01, York University, CanadaLee D. Baker: The Cult of Franz Boas and his “Conspiracy” to Destroy the White Race. In: Proceedings of the American Philosophical Society, Vol. 154, Nr. 1, März 2010, S. 8–18 ()

In der McCarthy-Ära Schon früh hatte sich das FBI für Weltfishs politische Aktivitäten interessiert und 1944 meldete sie der Leiter des anthropologischen Fachbereichs Ralph Linton beim FBI wegen „Sympathien für den Kommunismus“. Das FBI untersuchte Weltfishs Aktivitäten wie ihr Engagement im Congress of American Women, ihre Unterschriften für Bürgerrechtspetitionen und ihre Beteiligungen an Radiosendungen von WNBC.David H. Price: Threatening Anthropology: McCarthyism and the FBI's Surveillance of Activist Anthropologists. Duke University Press, 2004 Die Polizei hatte den Congress of American Women, deren Präsidentin Weltfish ein Mal war, zu den subversiven Organisationen in den 1940ern gezählt, nachdem eine Sprecherin Harry S. Truman für dessen Außenpolitik kritisiert hatte.

1952 wiederholte Weltfish in der Daily Worker eine Behauptung sowjetischer Kritiker, die US-Armee habe im Korea-Krieg biologische Waffen eingesetzt. Nur wenig später wurde sie schriftlich vorgeladen, um vor dem McCarran Senate Judiciary Committee auszusagen. Sie weigerte sich, Fragen nach ihrer politischen Einstellung zu beantworten, als sie aber nach dem Artikel im Daily Workergefragt wurde, sagte sie, sie sei falsch zitiert worden.Charles Grutzner: Senate Red Inquiry 'Visitor' Put on Stand as Spy Suspect, The New York Times, 26. September 1952

1953 untersuchte das Senate Committee on Governmental Operations in Anhörungen, ob von amerikanischen Büchereien „unamerikanische Literatur“ angekauft worden war. Weltfish wurde zu ihrer Rolle bei The Races of Mankind befragt, das der Ausschuss als „subversiv“ eingestuft hatte. Zwei Wochen vor der Anhörung teilte die Columbia University Weltfish mit, dass ihr Vertrag zum Ende des Jahres nicht mehr verlängert werde.Pathe schreibt 1988, Weltfish sei 1952 entlassen worden, Price erläutert aber 2004 (S. 132), dass sie erst 1953 entlassen wurde Als Begründung für die Kündigung gab die Universität an, dass man sie aufgrund neuer Statuten gegen einen Missbrauch von Jahresverträgen nicht mehr weiter beschäftigen könne.Will Lissner: Columbia is Dropping Dr. Weltfish, Leftist, The New York Times, 1. April 1953 Allerdings wurden andere Dozenten nicht gekündigt, sondern unbefristet angestellt. Weltfish vermutete, ihr sei gekündigt worden, weil sie eine Frau sei. Später wurden Vermutungen laut, man habe Weltfish nicht mehr weiter beschäftigen wollen, weil das Universitätskuratorium befürchtete, dass Weltfishs politische Ansichten das Einwerben von Spenden behindern könnten.

Am 1. April 1953 wurde Weltfish vom McCarran Committee mit Roy Cohn, Joseph McCarthy, Karl Mundt, John McClellan und Stuart Symington befragt. Weltfish weigerte sich, Kollegen mit Sympathien für den Kommunismus zu nennen. Als man sie zu ihren eigenen politischen Präferenzen befragte, verweigerte sie eine Antwort und verwies auf den 5. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten.Haig Bosmajian: Freedom Not to Speak. NYU Press, 1999, S. 134f. Weltfish sagte nur, dass sie sich für eine gute Amerikanerin halte und nach bestem Wissen und Gewissen handele. Als man sie zu der Behauptung befragte, einige Schwarze im Norden hätten einen höheren Intelligenzquotienten als Weiße aus den Südstaaten, antwortete sie nur, dass die Daten aus den Beständen der US-Armee stammten.

In den nächsten acht Jahren konnte Weltfish keine Anstellung mehr finden. Die Nebraska- und die Bollingen-Foundation gewährten ihr finanzielle Unterstützung, die es ihr erlaubte, einer Einladung zu folgen und Material aus der Pawnee-Sammlung des Museums der University of Nebraska zu studieren. Basierend darauf und auf früheren Studien schrieb sie 1965 The Lost Universe: Pawnee Life and Culture über die Geschichte und die Ethnographie der Pawnee.

Späte Jahre 1961 begann Weltfish als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fairleigh Dickinson University in New Jersey. 1964 wurde sie außerordentliche Professorin und 1968 erhielt sie schließlich einen eigenen Lehrstuhl, wo sie bis zum Erreichen der Altersgrenze von 70 Jahren im Jahr 1972 arbeitete. Danach war sie in Teilzeit für die New School for Social Research und die Manhattan School of Music in New York City tätig, ferner als Gastprofessorin an der Rutgers University in New Brunswick. An der Rutgers University forschte und lehrte sie in einem gerontologischen Programm.

Schriften (Auswahl) rehistoric North American Basketry Techniques and Modern Distributions. American Anthropologist Nr. 32, 1930 S. 454–495 Coiled Gambling Baskets of the Pawnee and Other Plains Tribes. In: Indian Notes and Monographs Museum of the American Indian, Heye Foundation, Nr. 7, 1930, S. 277–295 Pottery Implements of the Ancient Basket-Makers. In: Plains Anthropologist 33, 1931, S. 263 White-on-red Pottery from Cochiti Pueblo. In: Plains Anthropologist 33, 1931, S. 263–264 Preliminary Classification of Prehistoric Southwestern Basketry. In: Smithsonian Miscellaneous Collections, Vol. 87, Nr. 6 Problems in the Study of Ancient and Modern Basket-Makers. In: American Anthropologist Nr. 34, 1932, S. 108–117. mit Alexander Lesser: Composition of the Caddoan Linguistic Stock. In: Smithsonian Miscellaneous Collections, Vol. 87, Nr. 6 The Vision of Fox Boy, a South Band Pawnee Text, with Translations and Grammatical Analysis. In: International Journal of American Linguistics Nr. 9, 1936, S. 44–75 Caddoan Texts: Pawnee, South Band Dialect. (=Band 17 der Publikationen der American Ethnological Society), 1937 mit Ruth Benedict The Races of Mankind. The Public Affairs Committee, New York 1943 The Origins of Art. Bobbs-Merrill, Indianapolis 1953 The Perspective for Fundamental Research in Anthropology. In: The Philosophy of Science Nr. 23, 1956, S. 63–73 The Linguistic Study of Material Culture. In: International Journal of American Linguistics Nr. 24, 1958, S. 301–311