Porträt einer Dame ist ein kleines Öl-auf-Holztafel-Gemälde, das um 1460 von dem niederländischen Maler Rogier van der Weyden gemalt wurde. Die Komposition zeichnet sich durch zwei Elemente aus: zum einen durch die geometrischen Formen, die die Linien des Schleiers und die Konturen des Halses, des Gesichts und der Arme der Frau formen; zum anderen durch das einfallende Licht, das ihr Gesicht und ihren Kopfschmuck beleuchtet. Der starke Kontrast zwischen hell und dunkel betont die nahezu unnatürliche Schönheit und gotische Eleganz des Modells.

Hintergrund Rogier van der Weyden war gegen Ende seines Lebens hauptsächlich mit Aufträgen für Porträtmalerei beschäftigt.John Oliver Hand, Martha Wolff: Early Netherlandish Painting. National Gallery of Art, Washington 1986, ISBN 0-521-34016-0, S. 242. Unter späteren Generationen von Malern war er hoch angesehen für seine tiefgründigen Personendarstellungen. In diesem Werk werden die Demut und bescheidene Haltung der Frau durch ihr zartes Äußeres, ihren gesenkten Blick und ihre streng gefalteten Hände vermittelt.Fred S. Kleiner: Gardner's Art Through the Ages: The Western Perspective. Wadsworth Publishing, Belmont 2009, ISBN 0-495-57364-7, S. 407. Sie ist schlank und entspricht dem gotischen Ideal gestreckter Körpermerkmale. Dies zeigt sich an ihren schmalen Schultern, ihrem streng zurückgesteckten Haar, ihrer hohen Stirn und dem aufwändigen Rahmen, den ihr Kopfschmuck bildet. Es handelt sich um das einzige bislang bekannte Frauenporträt van der Weydens, das als eigenhändiges Werk des Künstlers anerkannt ist. Doch der Name des Modells ist nicht dokumentiert und der Maler gab dem Werk keinen Titel.

Obwohl van der Weyden sich nicht an die Konventionen der Idealisierung hielt, versuchte er im Allgemeinen doch seinen Modellen zu schmeicheln. Er stellte seine Modelle in sehr modischer Kleidung und oft mit gerundeten – fast modellierten – Gesichtszügen dar, von denen manche von einer natürlichen Darstellung abwichen. Er passte dem seine eigene Ästhetik an, weshalb seine Frauenporträts sich oft auffallend ähnlich sehen.Christa Grössinger: Picturing women in late Medieval and Renaissance art. Manchester University Press, Manchester 1997, ISBN 0-7190-4109-0, S. 60.

Seit seiner Schenkung im Jahre 1937 hängt das Gemälde in der National Gallery of Art in Washington, D.C. und ist Nr. 34 im de Vos catalogue raisonné zu dem Künstler. Es wurde als „berühmt unter allen Frauenporträts aller Schulen“ beschrieben.Joseph Van Der Elst: The Last Flowering of the Middle Ages. Kessinger Publishing, Montana 1944, S. 76.

Komposition Die Frau, die wahrscheinlich im späten Jugendalter oder Anfang 20 ist, ist in halber Länge und einem dreiviertel Profil dargestellt. Der zweidimensionale, blaugrüne Hintergrund ist flach und ihm fehlt die Detailgenauigkeit, die in Rogier van der Weydens religiösen Werken häufig zu finden ist. Wie sein Zeitgenosse Jan van Eyck (ca. 1395 – 1441) benutzte er bei der Porträtmalerei dunkle Flächen, um die Aufmerksamkeit auf das Modell zu lenken.Max J. Friedländer: Landscape, Portrait, Still-Life: Their Origin and Development. Schocken Books, New York 1963, S. 37. Hans Memling (ca. 1435–1494), ein Schüler Rogier van der Weydens, war der erste niederländische Künstler, der ein Porträt im Freien oder vor einer Landschaft inszenierte.Stephan Kemperdick: The Early Portrait, from the Collection of the Prince of Liechtenstein and the Kunstmuseum Basel. Prestel, München 2006, ISBN 3-7913-3598-7, S. 24. In diesem Werk ermöglicht die flache Umfassung dem Betrachter, sich dem Gesicht und der stillen Selbstbeherrschung der Frau zu widmen. Rogier van der Weyden reduziert seinen Fokus auf vier grundlegende Elemente: den Kopfschmuck, das Kleid, das Gesicht und die Hände der Frau. Der Hintergrund hat sich mit der Zeit verdunkelt; wahrscheinlich waren die durch den Hennin und das Kleid des Modells gebildeten Winkel früher um einiges markanter.

alt=see caption and text|mini|hochkant|Petrus Christus (ca. 1410/1420–1475/1476), Bildnis einer Wohltäterin ca. 1455, National Gallery of Art, Washington. Christus' Werk hatte einen großen Einfluss auf Rogier van der Weyden, was sich in dem Ausdruck und der Farbe zeigt.Stephan Kemperdick: The Early Portrait, from the Collection of the Prince of Liechtenstein and the Kunstmuseum Basel. Prestel, München 2006, ISBN 3-7913-3598-7, S. 23.

Die Frau trägt eine elegantes, tief ausgeschnittenes schwarzes Kleid, das dunkle Pelzstreifen an Hals und Handgelenken aufweist.Portrait of a Lady, c. 1460. Ihre Kleidung entspricht dem damals modischen burgundischen Stil, der die Ästhetik von Größe und Schlankheit des gotischen Ideals betont.Rogier van der Weyden arbeitete oft im Auftrag von Angehörigen des burgundischen Hofs. Eine knallrote Schnalle hält das Kleid unter ihrer Brust zusammen. Der gelbbraune Hennin ist von einem großen, durchsichtigen Schleier bedeckt, der sich über ihre Schultern breitet und bis zu ihren Oberarmen reicht. Die Detailgenauigkeit bei der Struktur der Kleidung – die umsichtige Verzierung der Nadeln, die den Schleier halten – ist charakteristisch für Rogier van der Weyden.Margaret Scott: Dress and Reality in Rogier Van der Weyden In: Campbell and Van der Stock, S. 140.

Der Schleier der Frau bildet die Form einer Raute, die durch die entgegengesetzte Bewegung eines dünnen Unterhemdes ausgeglichen wird. Sie ist leicht von der Seite dargestellt, doch ihre Haltung wird durch die verschränkten Arme, ihren Ausschnitt und ihren Schleier zentriert. Der Kopf der Frau ist dezent beleuchtet, weswegen ihre Haut keine starken Tonkontraste aufweist. Ihr Gesicht ist lang und dünn und ihre Augenbrauen, -lider und ihr Haaransatz sind gezupft, um der damaligen Mode gemäß eine hohe Stirn zu schaffen.Ein gezupfter Haaransatz war zu dieser Zeit auch im Italien der Renaissance in Mode. Ihr Haar ist streng am Rand der Haube, die über ihrem Ohr sitzt, zurückgesteckt. Der hohe Kopfschmuck und das streng zurückgesteckte Haar betonen ihr langes Gesicht und geben diesem so einen modellierten Anschein.

Das linke Ohr der Frau sitzt, dem Kunsthistoriker Norbert Schneider zufolge, unnatürlich hoch und weit hinten und liegt somit parallel zu ihren Augen anstatt zu ihrer Nase. Bei dieser Positionierung handelt es sich wahrscheinlich um ein künstlerisches Stilmittel, das dazu dient, die Bewegung der diagonalen Linie des rechten inneren Flügels ihres Schleiers fortzuführen. Im 15. Jahrhundert trug man Schleier üblicherweise aus Bescheidenheit, um die körperliche Sinnlichkeit zu verbergen. In diesem Werk bewirkt der Schleier jedoch das Gegenteil; das Gesicht der Frau wird von dem Kopfschmuck eingerahmt und lenkt somit die Aufmerksamkeit auf ihre Schönheit.Norbert Schneider: The Art of the Portrait: Masterpieces of European Portrait-Painting, 1420–1670. Taschen GmbH, 2002, ISBN 3-8228-1995-6, S. 40.

alt=see caption and text|links|mini|Ausschnitt aus dem Washington-Porträt, der die eng gefalteten Hände und den roten Gürtel zeigt

Die Hände der Frau sind eng gefaltet, wie zum Gebet, und tief im Bild positioniert, wodurch man den Eindruck gewinnt, sie ruhten auf dem Rahmen.John Oliver Hand, Martha Wolff: Early Netherlandish Painting. National Gallery of Art, Washington 1986, ISBN 0-521-34016-0, S. 244. Sie sind so stark wie möglich auf eine kleine Fläche des Bildes komprimiert; wahrscheinlich wollte Rogier van der Weyden so verhindern, dass sie eine helle Fläche bilden, die von der Darstellung des Kopfes ablenken könnte. Ihre schlanken Finger sind detailgetreu wiedergegeben. Oft wies Rogier van der Weyden durch die Darstellung des Gesichts oder der Hände auf die soziale Stellung des Modells hin. Der Ärmel ihres Kleides reicht über das Handgelenk hinaus. Die Abbildung ihrer Finger, die übereinander gefaltet sind, bildet den detailliertesten Bestandteil des Gemäldes und spiegelt den pyramidenförmigen oberen Teil des Bildes wider.

Ihr Blick ist gesenkt und drückt so, im Gegensatz zu ihrer extravaganten Bekleidung, Bescheidenheit aus. Die Frömmigkeit in ihrer Erscheinung erreichte Rogier van der Weyden durch für ihn typische Motive. Mit Hilfe bestimmter Farbtöne und einer ausgeprägten Verarbeitung wirken ihre Augen und ihre Nase länger und ihre Unterlippe voller. Um diese Merkmale herum sind einige vertikale Linien betont. Ihre Pupillen sind geweitet und ihre Augenbrauen leicht gehoben. Zusätzlich sind ihre Gesichtskonturen auf eine etwas unnatürliche und abstrakte Weise hervorgehoben.Campbell, S. 15. So entziehen sie sich den im 15. Jahrhundert üblichen räumlichen Einschränkungen bei der Darstellung von Menschen. Kunsthistoriker Erwin Panofsky beschreibt diese Methode folgendermaßen: „Rogier konzentrierte sich auf bestimmte bedeutende Züge – bedeutend sowohl aus physiognomischer als auch psychologischer Sicht –, was er hauptsächlich durch Linien ausdrückte.“Stephan Kemperdick: The Early Portrait, from the Collection of the Prince of Liechtenstein and the Kunstmuseum Basel. Prestel, München 2006, ISBN 3-7913-3598-7, S. 22. Es ist vermutet worden, dass ihre hohe Stirn und ihr voller Mund auf eine sowohl intellektuelle und asketische als auch auf eine leidenschaftliche Natur hinweisen. Sie stünden für „einen ungelösten Konflikt in ihrer Persönlichkeit“. Panofsky spricht von einer „schwelenden Erregbarkeit“.Erwin Panofsky: Early Netherlandish Painting: v. 1. Westview Press, 1971 (new edition), ISBN 978-0-06-430002-5, S. 292: “In the superficially similar but considerably later Portrait of a Young Lady in the National Gallery of Washington, the hands are analogously placed but the intertwisted fingers reveal a smouldering excitability which, even more severely repressed, lives in her veiled, downcast eyes and full, sensuous lips.”

Obwohl das Modell nicht bekannt ist, haben einige Kunsthistoriker über ihre Identität spekuliert. Der Schriftsteller Wilhelm Stein äußerte Anfang des 20. Jahrhunderts die Vermutung, es handle sich, aufgrund der sich ähnelnden Gesichtszüge, um Marie de Valengin,Isabel Stevenson Monro, Kate M. Monro: Index to Reproductions of European Paintings: A Guide to Pictures in More Than Three Hundred Books. H. W. Wilson, New York 1956, S. 620. der illegitimen Tochter von Philipp III. von Burgund.Philipp der Gute gab um 1450 bei Rogier van der Weyden ein Porträt in Auftrag. Dabei handelt es sich jedoch um eine umstrittene Behauptung, die von wenigen geteilt wird. Da ihre Hände auf dem unteren Rahmen des Bildes ruhen, sind Kunsthistoriker sich im Allgemeinen einig, dass es sich um ein unabhängiges Porträt handelt und nicht um ein religiöses. Es ist möglich, dass es als Pendant zu einem Gemälde ihres Mannes gedacht war, doch kein anderes Porträt ist als mögliches Gegenstück vorgeschlagen worden.

Bruch mit dem Konzept der Idealisierung alt=see caption and text|mini|245x245px|Werkstatt von Rogier van der Weyden, Porträt einer Dame, ca. 1460. National Gallery, London. Dieses Gemälde ist ähnlich, doch weit weniger detailliert. Es kommt aus der Werkstatt Rogier van der Weydens und könnte 1466, und somit ziemlich spät, entstanden sein.Portrait of a Lady.