mini|hochkant|Vorderer Einband der Erstausgabe von Der rote Kampfflieger Der rote Kampfflieger ist eine 1917 erstmals erschienene autobiographische Schrift des deutschen Jagdfliegers Manfred von Richthofen, der heute als erfolgreichster Pilot des Ersten Weltkriegs gilt. In ihr beschreibt er seinen Lebensweg und seine militärische Karriere, die ihn zum Kampfflieger mit den meisten Luftsiegen (insgesamt 80) machte. Das Werk pflegt in einem simplen Sprachstil das Stereotyp eines ritterlich-ehrenhaften Kriegshelden, der seinem Gegner grundsätzlich überlegen ist und den Luftkampf als nahezu sportliche Betätigung ansieht.
Entstehung und Publikation mini|hochkant|Fotografie Manfred von Richthofens, abgedruckt in der Erstausgabe von Der rote Kampfflieger Das Werk entstand im vorletzten Kriegsjahr 1917, als der 25-jährige von Richthofen aufgrund seiner militärischen Erfolge bereits intensiv durch die Oberste Heeresleitung (OHL) für Propagandazwecke eingesetzt wurde. Er war zu dieser Zeit schon von diversen Verlagen dazu gedrängt worden, seine Karriere niederzuschreiben, um seine Stilisierung zum Kriegshelden voranzutreiben. Derartige Vorschläge hatte er unter Verweis auf fehlendes Interesse und Talent seinerseits abgelehnt.Joachim Castan: Der Rote Baron. Die ganze Geschichte des Manfred von Richthofen. Klett-Cotta, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-608-94461-7, S. 148 f. Als die OHL ihn schließlich allerdings anwies, eine autobiographische Schrift zu verfassen, musste er sich dem fügen: Am 22. Mai begann er im Heimaturlaub in der Villa seiner Eltern in Schweidnitz mit der Abfassung; kurz darauf zog er sich angesichts des massiven Presseansturms auf seine Person auf die Besitzungen des Fürsten Hans Heinrich XV. von Pless in Oberschlesien zurück, wo er die Arbeit bis zu seiner Rückkehr an die Front am 14. Juni fortsetzte. Weiteren Fortschritt erfuhr die Arbeit erst, als von Richthofen nach einer schweren Kopfverletzung am 6. September 1917 zwangsbeurlaubt wurde und sich (mit einer kurzen Unterbrechung) bis zum 23. Oktober bei seiner Familie aufhielt. Für die letzten Schreibarbeiten wurde eine Stenotypistin des Berliner Ullstein-Verlages nach Schweidnitz entsandt, der die letzten Korrekturen am Manuskript diktiert wurden.Joachim Castan: Der Rote Baron. Die ganze Geschichte des Manfred von Richthofen. Klett-Cotta, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-608-94461-7, S. 184–187.
Der so entstandene Text wurde allerdings durch den Journalisten und Hauptmann a. D. Erich von Salzmann, der damals als Kriegsberichterstatter für die Vossische Zeitung arbeitete und als Journalist eine eigene Firma unterhielt,René Schilling: Der Körper des “Helden”. Deutschland 1813–1945. In: Bielefelder Graduiertenkolleg Sozialgeschichte (Hrsg.): Körper Macht Geschichte – Geschichte Macht Körper. Körpergeschichte als Sozialgeschichte. Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 1999, ISBN 978-3-8953-4280-6, S. 119–140, hier S. 132. noch einmal nach eigenem Gutdünken überarbeitet, was im Autorenvertrag mit dem Ullstein Verlag festgelegt worden war. Durch diesen Eingriff erklärt sich auch der einfache und scheinbar authentische, aber flüssige und literarisch genau durchdachte Stil des Werkes.Nadine Seidel: Wie man Helden ediert. Ein Ausgabenvergleich von Manfred von Richthofens Der rote Kampfflieger. In: Claudia Glunz, Thomas F. Schneider (Hrsg.): Dichtung und Wahrheit. Literarische Kriegsverarbeitung vom 17. bis zum 20. Jahrhundert. Universitätsverlag Osnabrück bei V&R Unipress, Osnabrück/Göttingen 2015, ISBN 978-3-8471-0487-2, S. 67–90, hier S. 69 f. Das durch von Salzmann fertiggestellte Manuskript wurde seitens der kaiserlichen Nachrichten- und Presseabteilung kontrolliert und zensiert. Da aber die Originalschrift nicht erhalten ist, lassen sich weder die Änderungen des Verlages noch die Zensuren rekonstruieren. Daher taugt das Buch auch nicht als Autobiographie, da unklar ist, welche Teile Manfred von Richthofen beisteuerte und welche Erich von Salzmann einfügte.
Die Publikation ging äußerst schnell vonstatten und noch im Oktober war „Der rote Kampfflieger“ im Taschenbuchformat als Nummer 30 der Reihe „Ullstein Kriegsbücher“ im Handel.Joachim Castan: Der Rote Baron. Die ganze Geschichte des Manfred von Richthofen. Klett-Cotta, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-608-94461-7, S. 187. Es wurde ein enormer wirtschaftlicher Erfolg und erreichte bis 1918 eine Auflage von 500.000 verkauften Exemplaren.Nadine Seidel: Wie man Helden ediert. Ein Ausgabenvergleich von Manfred von Richthofens Der rote Kampfflieger. In: Claudia Glunz, Thomas F. Schneider (Hrsg.): Dichtung und Wahrheit. Literarische Kriegsverarbeitung vom 17. bis zum 20. Jahrhundert. Universitätsverlag Osnabrück bei V&R Unipress, Osnabrück/Göttingen 2015, ISBN 978-3-8471-0487-2, S. 67–90, hier S. 88, Anm. 18. Im Jahr nach der Veröffentlichung wurde Manfred von Richthofen während eines Luftkampfes durch einen australischen MG-Schützen vom Boden aus getötet.
Inhalt und Aufbau Der rote Kampfflieger sollte, den Üblichkeiten der Reihe „Ullstein Kriegsbücher“ entsprechend, ein möglichst authentisch wirkender und stilistisch unkomplizierter „Augenzeugenbericht“ der Kriegshandlungen sein. Dabei wurde allerdings die Realität des Ersten Weltkriegs – der industrialisierte Massenkrieg – ausgeblendet und ihr das anachronistische und verklärte Bild eines individuell handelnden und tugendhaften Kampfhelden entgegengestellt. Für diese Stilisierung eigneten sich statt einfachen Soldaten Marinekapitäne und vor allem Kampfflieger wie von Richthofen besonders gut.Nadine Seidel: „Nicht ‚Schießer‘, sondern Weidmann“ – Wie ein missverstandenes Ethikkonstrukt Manfred von Richthofen zum Helden werden ließ. In: Gislinde Seybert, Thomas Stauder (Hrsg.): Heroisches Elend. Der Erste Weltkrieg im intellektuellen, literarischen und bildnerischen Gedächtnis der europäischen Kulturen. Teil 1, Peter Lang, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-631-63662-6, S. 741–762, hier S. 743. Monika Szczepaniak spricht in diesem Zusammenhang aus genderwissenschaftlicher Perspektive von „(post)heroischer Männlichkeitskonstruktion“, also von der Erzeugung eines Heldenbildes in einer Zeit, als der Krieg längst nicht mehr von klassischer Heldenhaftigkeit geprägt war.Monika Szczepaniak: „Ritter der Lüfte“. Der Kampfflieger als (post)heroische Männlichkeitskonstruktion. In: Claudia Glunz, Thomas F. Schneider (Hrsg.): Wahrheitsmaschinen. Universitätsverlag Osnabrück bei V&R Unipress, Osnabrück/Göttingen 2010, ISBN 978-3-89971-590-3, S. 241–252.
Die Schrift lässt sich charakterisieren als „autobiographische Episodensammlung mit einem simplen dramatischen Grundmuster“.Jörg Bernig: Anachronistisches Kriegsbild, Selbstinszenierung und posthume Heroisierung. Manfred von Richthofen: Der rote Kampfflieger (1917). In: Thomas F. Schneider, Hans Wagener: Von Richthofen bis Remarque. Deutschsprachige Prosa zum I. Weltkrieg. Rodopi, Amsterdam/New York 2003, ISBN 90-420-0955-1, S. 97–111, hier S. 103 f. Die Abschnitte schildern meist einen ritterlichen Kampf des Piloten von Richthofen, aus dem dieser als Heldenfigur und (mehr oder minder) sieghaft hervorgeht. Die Metaphern, die dabei genutzt werden, verharmlosen die Tötung des Gegners. So erscheint der Krieg als Sport, bei dem Rekorde aufgestellt werden können, oder auch als eine Form von Jagd, in der das Gegenüber zwar ein Individuum ist, aber als „Wild“ keine Persönlichkeitsmerkmale aufweist.Nadine Seidel: „Nicht ‚Schießer‘, sondern Weidmann“ – Wie ein missverstandenes Ethikkonstrukt Manfred von Richthofen zum Helden werden ließ. In: Gislinde Seybert, Thomas Stauder (Hrsg.): Heroisches Elend. Der Erste Weltkrieg im intellektuellen, literarischen und bildnerischen Gedächtnis der europäischen Kulturen. Teil 1, Peter Lang, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-631-63662-6, S. 741–762, hier S. 744–748.Jörg Bernig: Anachronistisches Kriegsbild, Selbstinszenierung und posthume Heroisierung. Manfred von Richthofen: Der rote Kampfflieger (1917). In: Thomas F. Schneider, Hans Wagener: Von Richthofen bis Remarque. Deutschsprachige Prosa zum I. Weltkrieg. Rodopi, Amsterdam/New York 2003, ISBN 90-420-0955-1, S. 97–111, hier S. 101 und S. 105 f. Engländer werden dabei noch eher als ebenbürtige Gegner angesehen, mit denen ein heldenhaftes Duell möglich ist und die nach ihrem Abschuss unter Umständen sogar geschont werden; Russen gelten dagegen als Angehörige eines unterentwickelten Volkes, die massenhaft vernichtet werden.Monika Szczepaniak: „Ritter der Lüfte“. Der Kampfflieger als (post)heroische Männlichkeitskonstruktion. In: Claudia Glunz, Thomas F. Schneider (Hrsg.): Wahrheitsmaschinen. Universitätsverlag Osnabrück bei V&R Unipress, Osnabrück/Göttingen 2010, ISBN 978-3-89971-590-3, S. 241–252, hier S. 246 und S. 251 mit Anm. 29. Grundsätzlich zeigt von Richthofen, dass ihm das Töten Spaß bringt und sich aus der Vogelperspektive und den technischen Kampfmöglichkeiten eines Piloten ein befriedigendes Überlegenheitsgefühl ergibt.Nadine Seidel: Wie man Helden ediert. Ein Ausgabenvergleich von Manfred von Richthofens Der rote Kampfflieger. In: Claudia Glunz, Thomas F. Schneider (Hrsg.): Dichtung und Wahrheit. Literarische Kriegsverarbeitung vom 17. bis zum 20. Jahrhundert. Universitätsverlag Osnabrück bei V&R Unipress, Osnabrück/Göttingen 2015, ISBN 978-3-8471-0487-2, S. 67–90, hier S. 70–73.Monika Szczepaniak: „Ritter der Lüfte“. Der Kampfflieger als (post)heroische Männlichkeitskonstruktion. In: Claudia Glunz, Thomas F. Schneider (Hrsg.): Wahrheitsmaschinen. Universitätsverlag Osnabrück bei V&R Unipress, Osnabrück/Göttingen 2010, ISBN 978-3-89971-590-3, S. 241–252, hier S. 244–246. Gerade zu Beginn des Buches stellt der Autor aber auch seine „Fehlbarkeit“, teilweise sogar seine jugendliche Naivität und Kriegsunerfahrenheit heraus, um Distanz dem Leser gegenüber abzubauen.Nadine Seidel: „Nicht ‚Schießer‘, sondern Weidmann“ – Wie ein missverstandenes Ethikkonstrukt Manfred von Richthofen zum Helden werden ließ. In: Gislinde Seybert, Thomas Stauder (Hrsg.): Heroisches Elend. Der Erste Weltkrieg im intellektuellen, literarischen und bildnerischen Gedächtnis der europäischen Kulturen. Teil 1, Peter Lang, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-631-63662-6, S. 741–762, hier S. 749 f.
Der rote Kampfflieger folgt einem grundsätzlich chronologischem Aufbau, vielen der kurzen Kapitel ist eine Datumsangabe vorangestellt. Der Titel des Buches bezieht sich auf die auffällige rote Maschine, die von Richthofen flog (und bald auch der Rest seiner Staffel, um die Feinde zu verwirren und den berühmten Flieger zu schützen).Jörg Bernig: Anachronistisches Kriegsbild, Selbstinszenierung und posthume Heroisierung. Manfred von Richthofen: Der rote Kampfflieger (1917). In: Thomas F. Schneider, Hans Wagener: Von Richthofen bis Remarque. Deutschsprachige Prosa zum I. Weltkrieg. Rodopi, Amsterdam/New York 2003, ISBN 90-420-0955-1, S. 97–111, hier S. 101. In recht kurzen Kapiteln werden zunächst knapp die militärischen Erlebnisse der Vorfahren und Episoden aus von Richthofens Kinder- und Jugendzeit dargestellt. Der Hauptteil des Buches behandelt dann seine Karriere im Ulanen-Regiment, in der Infanterie-Brigade und vor allem schließlich ab 1915 als Kampfflieger. Die letzten Abschnitte greifen dann noch einige andere Themen auf, beschäftigen sich zum Beispiel mit der Einstellung eines Kriegspiloten, mit der Auerochsenjagd von Richthofens während seines Heimaturlaubs (eigentlich ein Wisent, wie Richthofen auch im Text erklärt) und mit der technischen Entwicklung der Kampfflugzeuge.Manfred von Richthofen: Der rote Kampfflieger (= Ullstein-Kriegsbücher. Band 30). Ullstein, Berlin 1917, S. 174 f. (Kapitel „Lothar ein ‚Schießer‘ und nicht ein Weidmann“), S. 176–179 (Kapitel „Der Auerochs“), S. 183–185 (Kapitel „Unsere Flugzeuge“).
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