mini|hochkant|Selbstporträt, 1789 (Musée de l’art wallon, Lüttich) mini|Gießerei, 1789, ostentativ signiert und datiert (Walker Art Gallery, Liverpool)
Léonard Defrance (* 5. November 1735 in Lüttich; † 22. Februar 1805 ebendort) war ein wallonischer Maler, der nach Aufenthalten in Rom und im Languedoc in der Hauptstadt der Principauté de Liège (heute Teil Belgiens) wirkte. Er zeichnete sich namentlich in der neuen Kunstgattung der Industriemalerei aus. Nach der Lütticher Revolution (18. August 1789) beteiligte sich der Daniel Droixhe: Une histoire des Lumières au pays de Liège. Livre, idées, société. Les Éditions de l’Université de Liège, Liège 2007, ISBN 978-2-87456-036-1, S. 148. in vorderster Linie am Kampf gegen die Herrschaft der Geistlichkeit.
Wanderjahre und Rückkehr Léonard Defrance war nicht der Enkel eines aus dem Klerikerstand ausgeschiedenen Abbés, wie er in seinen um 1800 entstandenen Memoiren behauptet.Pierre-Yves Kairis: Le peintre Léonard Defrance dans sa première période liégeoise (1763–1773). RCF Liège, Version vom 17. Juli 2023, 30 min (https://www.rcf.fr/articles/culture/le-peintre-leonard-defrance-dans-sa-premiere-periode-liegeoise-17631773). Sein Vater, der Gastwirt Jean-Charles Defrance (1699–1770), hatte Deutschland, Italien und Frankreich durchwandert und verschiedene Berufe ausgeübt. Mit seiner Frau Marie-Agnès Clermont hatte er elf Kinder, deren zweites Léonard war.
Mit zehn Jahren begann dieser eine Lehre beim Kirchen- und Historienmaler Jean-Baptiste Coclers (1696–1772) in Lüttich, der sich und seinen Schülern beim Malen Bücher vorlesen ließ. Defrance hätte lieber Literatur studiert, doch fehlte ihm dazu das nötige Schulwissen. So ging er 1754 zur weiteren Ausbildung nach Rom, wo Lütticher Stipendiaten in der Fondation Darchis wohnen konnten.Régine Rémon (Hrsg.): Catalogue du Musée des beaux-arts de Liège. Ville de Liège, 2016, ISBN 978-90-825210-0-9, S. 104 f. Der Direktor der Académie de France à Rome, Charles-Joseph Natoire (1700–1777), erlaubte ihm, nach dem lebenden Modell und nach Antiken zu zeichnen. Einige Zeit war Defrance Schüler des Genre-, Historien- und Porträtmalers Laurent Pécheux (1729–1821) aus Lyon. 1758 erhielt er für eine Aktstudie den zweiten Preis der Accademia di San Luca. In Rom könnte ihn der Genremaler Gaspare Traversi (1722/23–1770) beeinflusst haben.Pierre-Yves Kairis: Le peintre Léonard Defrance dans sa première période liégeoise (1763–1773). RCF Liège, Version vom 17. Juli 2023, 30 min (https://www.rcf.fr/articles/culture/le-peintre-leonard-defrance-dans-sa-premiere-periode-liegeoise-17631773). Dort malte er auch das erste von neun bekannten Selbstporträts. In seinen Memoiren bezeichnet er die Verwicklung in ein Verfahren der römischen Inquisition als erste Veranlassung dafür, dass er Atheist wurde.
mini|hochkant|Der Astronom Antoine Darquier, ca. 1762 (Privatsammlung) Mit dem Arzt Robert de Limbourg (1731–1792) reiste Defrance von Rom nach Neapel und 1760 nach Montpellier. Dort erteilte er den Offizieren der Garnison Zeichenunterricht und lebte nach seinen Angaben mit einer entlaufenen Gefangenen zusammen, bis diese einen wohlhabenderen Verehrer fand.Léonard Defrance: Mémoires. Edition annotée. (Zweite Fassung.) Hrsg. v. Françoise Dehousse, Maurice Pauchen. Eugène Wahle, Liège 1980, ISBN 2-87011-066-9, S. 46–51. 1761 folgte er einer Einladung des Bischofs von Castres. Als er sich 1761–1763 in Toulouse aufhielt, wurde er Augenzeuge des von Voltaire angeprangerten Justizmords am Protestanten Jean Calas (1698–1762). In der Hauptstadt des Languedoc entstand das Bildnis des Astronomen Antoine Darquier (1718–1802), über das es im Katalog seines gemalten Werkes heißt: Françoise Dehousse, Maïté Pacco, Maurice Pauchen: Léonard Defrance. L’œuvre peint. Editions du Perron et Eugène Wahle, Liège 1985, ISBN 2-87011-099-5, Kat.-Nr. 19. (Ein späteres Werk stellt den Lütticher Astronomen Abbé Nicolas-Joseph Neuray dar.Astrolabium: Portrait de l’abbé Nicolas-Joseph Neuray. 3. Oktober 2023 ().)
mini|hochkant|Die Frau des Künstlers mit dem ersten Kind, 1766Nicht bei Françoise Dehousse, Maïté Pacco, Maurice Pauchen: Léonard Defrance. L’œuvre peint. Editions du Perron et Eugène Wahle, Liège 1985, ISBN 2-87011-099-5. Als Charles-Nicolas d’Oultremont (Regierungszeit 1763–1771) Fürstbischof von Lüttich wurde, kehrte der Maler dorthin zurück, wohl weil er auf eine Anstellung hoffte. In den Memoiren allerdings heißt es, er habe nur seine Familie wiedersehen und dann nach Paris weiterziehen wollen. In der Heimatstadt zurückgehalten habe ihn die Liebe zu seiner Cousine Marie-Jeanne Joassin, die er 1765 heiratete.Aus der Ehe gingen die Töchter Marie-Agnès (* 1766) und Elisabeth-Ursule (* 1772) hervor. Nach seinen eigenen Angaben fiel Defrance beim aufklärungsfeindlichen Oultremont in Ungnade, dies aber sicher erst, nachdem er den Prälaten porträtiert und gegen dreißig Bilder für dessen Familie gemalt hatte. Er schuf in dieser Zeit auch eine bemerkenswerte Geißelung Christi (La Boverie, Lüttich).Philo-musée: Enquête philosophique sur de Léonard Defrance. PhiloCité ASBL, 2. Juni 2017, 5 min (); Françoise Dehousse, Maïté Pacco, Maurice Pauchen: Léonard Defrance. L’œuvre peint. Editions du Perron et Eugène Wahle, Liège 1985, ISBN 2-87011-099-5, Kat.-Nr. 181 f.
Erfolg auf dem Pariser Markt Vor der lokalen Produktion zeichneten sich seine Werke durch die Meisterschaft in der Darstellung des Lichtes aus, die Defrance sich in Italien und Frankreich angeeignet hatte.Pierre-Yves Kairis: Le peintre Léonard Defrance dans sa première période liégeoise (1763–1773). RCF Liège, Version vom 17. Juli 2023, 30 min (https://www.rcf.fr/articles/culture/le-peintre-leonard-defrance-dans-sa-premiere-periode-liegeoise-17631773). Der aufgeklärte Nachfolger Oultremonts, Franz Karl von Velbrück (Regierungszeit 1772–1784), war Defrance dann zweifellos gewogen, doch bot Lüttich dem Maler offenbar zu wenig Verdienstmöglichkeiten.
Zum Wendepunkt in seinem Schaffen wurde eine Reise, die ihn 1773 mit dem Lütticher Landschaftsmaler Nicolas-Henri-Joseph de Fassin (1728–1811) nach Amsterdam führte. Dort sollen ihn Werke von Cornelis Gerritszoon Decker (um 1620–1678) inspiriert haben, von der Porträt- und Dekorationsmalerei für einheimische Kunden auf die einträglichere Produktion kleinformatiger Tafelbilder mit Interieur- und Genreszenen für den Pariser Markt umzusatteln.
mini|Rémi Delvaux nach Cornelis Gerritszoon Decker: Weber, 1771 Um Defrance nicht ganz zu verlieren, betraute Velbrück ihn vorerst inoffiziell mit der Leitung der heutigen Académie royale des beaux-arts de Liège, die er 1775 gründete, und versah ihn mit Aufträgen. 1778–1784 war Defrance dann auch offiziell erster Maler und Akademiedirektor. Daneben unterrichtete er an der Académie anglaise, die nach Aufhebung der Gesellschaft Jesu an die Stelle des lokalen Jesuitenkollegiums trat. Er verkehrte in den aufgeklärten Kreisen der Lütticher Intellektuellen und beteiligte sich an den Kunstausstellungen der 1779 gegründeten Société libre d’ÉmulationVgl. Christine Smisdom: La société libre d’Émulation de Liège au XVIIIe siècle. In: Académies et sociétés savantes en Europe (1650–1800). Honoré Champion, Paris 2000, ISBN 978-2-7453-0280-9, S. 265–272., aber auch an den Salons in Paris, wohin er oft reiste.
mini|Seiltänzerin, ca. 1785–1787 (The Met, New York) In dieser Schaffensperiode malte der Gastwirtssohn Wirtshaus- und Straßenszenen, die häufig Missstände kritisieren, wie Werber, die junge Leute zum Solddienst überreden, oder einen Scharlatan, der auf einem Jahrmarkt Wundermittel anpreist. Von Rom her mit Jean-Honoré Fragonard (1732–1806) befreundet, bediente Defrance sich gerne der Zweideutigkeit der erotischen Kunst. Zwei Beispiele dafür besitzt The Met in New York: Eine gespenstisch beleuchtete Szene zeigt eine Seiltänzerin, die von einem galanten Domherrn in weiblicher Begleitung mit dem Opernglas gemustert wird. Auf dem andern Gemälde spielen Räuber in einer Höhle um den Besitz einer halb entkleideten jungen Frau.Walter A. Liedtke: Flemish Paintings in the Metropolitan Museum of Art. Band 1, Metropolitan Museum of Art, New York 1984, S. 34–41, hier: S. 38–41 (). Ein seitenverkehrter Stich von Jean-Philippe-Guy Le Gentil Paroy (1750–1824), datiert 1786 (), ist zu Unrecht Gil Blas in der Höhle der Räuber betitelt. Am Rande eines Fischmarkts (Privatsammlung) sieht ein fetter Mönch verächtlich auf einen mageren Arbeiter herunter, während ein zweiter mit einem sich windenden Aal in der Hand wie auch eine Nonne mit der Hand auf der Brust verbotenes Interesse am anderen Geschlecht bekunden.Alfred Michiels: Histoire de la peinture flamande […]. 9. Band, 2. Ausgabe, A. Lacroix et Cie., Paris 1874, S. 566 ().
Pionier der Industriemalerei Vor allem aber gehört Defrance neben dem Franzosen Louis Jean-Jacques Durameau (1733–1796), dem Engländer Joseph Wright of Derby (1734–1797) und dem Schweden Pehr Hilleström (1732–1816) zu den Pionieren der Industriemalerei.
1778 antwortete er auf die Anfrage eines Kunsthändlers aus Montpellier: Velbrück erhoffte sich von solchen Darstellungen Exportaufträge für den Steinkohlengürtel Haine-Sambre-Maas, der auf dem Weg war, das zweitwichtigste Industriegebiet der Welt zu werden. Namentlich wollte er die Vereinigten Staaten beliefern, die sich im Unabhängigkeitskrieg mit Großbritannien befanden.Philippe Delaite, Jean-Paul Depaire: Académie royale des beaux-arts de Liège. Une école d’art sur quatre siècles. Éditions Du Perron, Liège 2019, ISBN 978-2-87114-261-4, S. 30 f. Die Vereinigten Staaten exportierten vor dem Unabhängigkeitskrieg fast ausschließlich Lebensmittel (in die Karibik) und importierten die Industriewaren aus Großbritannien.
mini|Steinkohlengrube, um 1777–1780 (La Boverie, Lüttich) Neben den erwähnten Sujets, die der Vorliebe von Defrance für das Helldunkel entgegenkamen, stellte dieser das Entleeren eines Fördergefässes in einer Kohlengrube darPhilippe Tomsin: de Léonard Defrance […]. In: Patrimoine Industriel Wallonie-Bruxelles, 22/1992, S. 3–19 ()., andere Typen von Schmieden und eine Waffenfabrik, aber auch eine Gerberei oder eine Tabakmanufaktur. Dabei konfrontierte er die Arbeitenden – teilweise auch Frauen und Kinder – mit Besuchern und Besucherinnen aus der aufgeklärten Oberschicht, welche die neueste Mode zur Schau tragen. Vorangegangen war ihm darin der Sohn seines Lehrers, Louis-Bernard Coclers (1741–1817), der schon 1771 das Innere eines Eisenschneidwerks mit Besuchern dargestellt hatte (Musée des Beaux-Arts, Agen).Patrick Le Nouëne: Représentation d’une fenderie du XVIIIe siècle par Louis-Bernard Coclers. In: Art&Fact. Liège, 4/1985, S. 73–80.
Die Romantik von Wrights im selben Jahr entstandener Schmiede (Derby Museum and Art Gallery) findet sich in diesem Werk ebenso wenig wie in der Industriemalerei von Defrance, doch war auch dieser vom ästhetischen Aspekt der Proto-Industrialisierung fasziniert. In der zweiten Fassung seiner Memoiren schreibt er:
Defrance setzte sich aber auch für die Gesundheit der Arbeiter ein: Mit einer Schrift über die Farbenreiber und ihre Krankheiten gewann er 1789 einen Preis der Académie des sciences in Paris.Pigmente bzw. Sikkative enthielten toxische Schwermetalle. Les broyeurs de couleurs, leur métier et leurs maladies. Mémoire sur la question proposée par l’Académie Royale des Sciences de Paris […]. Hrsg. v. Philippe Tomsin, Céfal, Liège 2005, ISBN 2-87130-199-9 (); Franco Carnevale: Un pittore che illustra i luoghi di lavoro e si preoccupa della salute di chi prepara i colori: Léonard Defrance (1735–1805). Academia.edu 2015 ().