Der Kirschkernstecher, Kirschsteinstecher, Kirschenstecher oder Kirschstecher, auch Steinfruchtbohrer oder Steinfruchtstecher (Anthonomus rectirostris), ist ein Käfer aus der Familie der Rüsselkäfer. Die Gattung Anthonomus ist in Europa mit fünf Untergattungen vertreten, der Kirschkernstecher gehört zur Untergattung Furcipus (synonym Furcipes), die von manchen Autoren als Gattung eingestuft wird. Der Kirschkernstecher wird deswegen auch Furcipus rectirostris oder Furcipes rectirostris genannt.

Der weit verbreitete Käfer ist nicht bedroht und genießt keinen Schutz. Er kann gelegentlich als Schädling auftreten.

Bemerkungen zum Namen und Synonymen Der Käfer wurde bereits 1758 unter dem Namen Curculio rectirostris in der berühmten 10. Auflage von Linnés Systema Naturæ beschrieben. In der kurzen Beschreibung wird die Art zu den Rüsselkäfern mit langem Rüssel gestellt, die Beschreibung enthält jedoch keinen Hinweis auf den Namen rectirostris. Dieser erklärt sich jedoch aus und und weist darauf hin, dass der Rüssel nur schwach gekrümmt ist.

Weit verbreitet war von den zahlreichen Synonymen als Artname druparum, der 1761 ebenfalls von Linné in der Fauna Svecia erstmals benutzt wird. Der Name wird von Linné selbst als Synonym zu rectirostris eingestuft. Linné benennt in diesem Buch viele Rüsselkäfer nach ihrer Wirtspflanze und gibt für den Kirschenstecher Cerasus padus (Gewöhnliche Traubenkirsche, Ahlkirsche) als Wirtspflanze an. Der Artname druparum präzisiert den Lebensraum noch genauer, denn er ist von abgeleitet und weist darauf hin, dass sich die Larven im Kern der Traubenkirsche entwickeln. Der Käfer kommt jedoch auch auf den Kulturformen der Kirsche vor, was den ersten Teil des deutschen Namens Kirschkernstecher erklärt. Der Namensteil -stecher ist für Rüsselkäfer gebräuchlich, die zur Eiablage junge Früchte anstechen. Unglücklicherweise wird auch ein zweiter Rüsselkäfer, der Kirschen schädigt, der Goldgrüne Kirschfruchtstecher, gelegentlich als Kirschenstecher bezeichnet.

Die Gattung Curculio im Sinne von Linné wurde mehrmals aufgespalten. Der Gattungsname Anthónomus geht auf Germar 1817 zurück. Er ist von und abgeleitet und besagt, dass die Käfer auf Blüten anzutreffen sind.

Die Untergattung Furcipus wurde 1868 von Desbrochers beschrieben und benannt. Der Name ist von und abgeleitet, sinngemäß „Gabelfuß“. Desbrochers erklärt den Namen durch seinen Bestimmungsschlüssel: Femura evidenter bidentata (lat. Schenkel deutlich zweizähnig). Bedel änderte den Namen 1884 in Furcipes. Dabei ist die zweite, altgriechische Wortwurzel -pus durch die lateinische Wortwurzel -pes ersetzt, die ebenfalls ‚Fuß‘ bedeutet. Der Name behält seine Bedeutung, ist aber durchgehend auf die lateinische Sprache zurückgeführt. Bei späteren Autoren, etwa bei Reitter, setzt sich die Schreibweise Furcipes durch, wird aber durch das Kürzel Desbr. auf Desbrochers, nicht auf Bedel zurückgeführt. Schenkling gibt eine Herleitung des Namens nur für die Schreibweise Furcipes an.

150px185px170px165pxAbb. 1: Verschiedene Ansichten160pxAbb. 2Rüssel von der Seiteunten Kopie teilweise gefärbtgrün: Fühlerrinneblau: Schaft des Fühlers(Fühlergeißel und Fühler- keule entfernt)zentriert|120pxzentriert|120px160px160pxAbb. 3: KlauenpaarAbb. 4: Vorderschenkel150px160pxAbb. 5: Ausschnitt Seitenan-sicht; links Kopf in Augenhöhe rechts Flügeldeckenbasisblau: Epimeren der MittelbrustAbb. 6: Schildchen seitlich, Kopie getönt; rot: Schildchengrün: Basis Halsschildblau: Basis Flügeldecken120px160pxAbb. 7: VorderbrustVorderrand grün, Hinter-rand weiß, Einlenkungder Vorderhüfte gelbAbb. 8: Ausschnitt Unterseiteoben teilweise koloriertgrün: Vorderhüfteblau: Mittelhüfte

Merkmale des Käfers Die Größe des Käfers schwankt zwischen 3,7 und 4,5 Millimetern. Der Kirschkernstecher hat eine birnenförmige Gestalt. Er ist rostbraun, die Augen schwarz, die Fühlerkeule braun angedunkelt, der Rüssel rotbraun. Am Kopf, Halsschild und der Körperseite ist er mehr oder weniger gleichmäßig lang, anliegend und überwiegend gelb behaart. An den Rändern und in der Mitte der Vorderbrust ist die Behaarung üppiger, an der Basis der Hinterleibssegmente spärlicher. Auf den Flügeldecken entstehen durch unterschiedliche Behaarung Muster.

Der schwach glänzende rotbraune Rüssel ist schlank, zylindrisch und nur wenig gekrümmt. Auf seiner Oberseite verläuft im hinteren Teil ein glatter Längskiel. Der Rüssel ist etwas länger als der Halsschild. Er ist fast über die ganze Länge grob punktiert, zur Spitze hin wird die Punktierung feiner. Die kleinen und hakig gebogenen Oberkiefer sitzen an der Spitze des Rüssels, sind aber nur ausnahmsweise (Abb. 1 links unten) sichtbar. Der Rüssel des Weibchens ist kaum länger als der des Männchens. Die geknieten Fühler sind vor der Rüsselmitte seitlich eingelenkt, beim Weibchen deutlich weiter hinten als beim Männchen. Von der Einlenkungsstelle aus verläuft auf die Augen zu eine von oben nicht sichtbare Rinne, in die das lange erste Fühlerglied (Schaft) eingelegt wird, wenn der Käfer die Fühler anlegt (Abb. 2). Die an den Schaft anschließende Fühlergeißel besteht aus sieben Gliedern. Die Fühlerkeule ist länglich und an beiden Enden angespitzt. Die neben der Rüsselwurzel sitzenden Augen sind mäßig vorstehend.

Der Halsschild ist kaum breiter als lang. An der Basis ist er am breitesten. Nach vorn verengt er sich bis über die Mitte wenig, danach stark, so dass er vorn fast nur halb so breit ist wie an der Basis und kaum breiter als der Kopf. Ein Quereindruck nahe dem Vorderrand lässt diesen etwas erhöht erscheinen. Der Halsschild ist sehr fein und dicht punktiert. Es sind drei undeutliche, heller behaarte Längsbinden erkennbar.

Das Schildchen ist im Vergleich zu anderen Arten der Gattung groß. Es ist länglich und überragt das Niveau der Flügeldecken (Abb. 6).

Die Flügeldecken sind gleichförmig gewölbt. Sie verbreitern sich nach hinten wenig und erreichen die größte Breite hinter der Mitte. Sie enden einzeln abgerundet. Die Punktreihen bilden deutliche Streifen, die Zwischenräume sind nahezu flach und sehr dicht grob punktiert. Durch schwarz behaarte Partien entstehen in der Regel einzelne längliche Flecke an der Flügeldeckenbasis, eine breitere Binde in der Mitte der Flügeldecken und eine schmalere in der Hinterhälfte der Flügeldecken. Die helle Behaarung bildet durch abwechselnde Länge insbesondere zwischen den beiden dunklen Binden eine fleckige Färbung.

Die Vorderhüften sind nicht durch einen Fortsatz der Vorderbrust getrennt, sondern berühren sich (Abb. 8). Ihre Einlenkung liegt von der Seite betrachtet vom Vorder- und Hinterrand der Vorderbrust gleich weit entfernt (Abb. 7). Die Beine sind lang, insbesondere die Vorderbeine. Alle Schenkel tragen auf der Unterseite hintereinander zwei ungleiche Zähne, die besonders an den Vorderschenkeln imposant ausgebildet sind (Abb. 4). Der näher am Knie liegende Zahn hat einen länglichen Querschnitt und läuft dreieckig meist gezackt spitz aus. Der dahinter liegende Zahn hat einen rundlichen Querschnitt, ist länger und endet relativ stumpf. Die Schienen sind nahe dem Knie deutlich, bei den Hinterbeinen weniger deutlich gekrümmt. Am inneren Spitzenrand tragen die Schienen alle einen Endhaken. Die Tarsen sind alle viergliedrig, das vor dem Krallenglied liegende Glied ist breit gelappt. Die Krallen tragen nahe ihrer Wurzel ein deutliches Zähnchen (Abb. 3).

Die Epimeren der Mittelbrust (in Abb. 5 blau) sind von oben nicht sichtbar. Das fünfte (letzte) Abdominalsternit endet beim Männchen geschwungen, beim Weibchen ist es breit abgestutzt (Abb. 1 rechts unten).

Merkmale weiterer Entwicklungsstadien Ei Das Ei ist etwa einen halben Millimeter lang und elfenbeinweiß. Seine Form variiert bei verschiedenen Wirtspflanzen. Bei den häufigsten Wirten, der Gewöhnlichen Traubenkirsche und der Sauerkirsche, zeigt es die bekannte länglich-ovale Eiform. Bei der Süßkirsche dagegen verformt sich das Ei. Ein verdickter, kugelförmiger Teil, der das Plasma enthält, steckt im Endocarp, während eine Art Hals mit wässriger Flüssigkeit gefüllt ist und in den Bohrgang der Eiablage hineinragt. Die Existenz von Übergangsformen legt die Vermutung nahe, dass diese deformierte Eiform durch osmotische Wasseraufnahme und daraus resultierender Volumenvergrößerung verbunden mit Raumknappheit bedingt ist.

Larven Die beinlosen Larven sind gelblich weiß, ihre Kopfkapseln braun. Die drei Larvenstadien sind durch die Maße der Kopfkapseln sicher zu unterscheiden, die Längen der Larven dagegen überschneiden sich bei den Stadien durch das Wachstum innerhalb jedes Larvenstadiums. Beim Schlüpfen des ersten Stadiums haben die Larven eine Länge von 0,6–0,8 Millimeter, kurz vor dem Puppenstadium eine Länge von 5 bis 6,5 Millimetern. Die Maße der Kopfkapseln seitlich zwischen Mandibelansatz und Hinterkopfrand gemessen betragen für das erste Stadium durchschnittlich 0,2 Millimeter, für das zweite Stadium 0,5 Millimeter und für das dritte Stadium einen Millimeter.

Puppe Die Puppen haben die gleiche Farbe wie die Larven. Sie sind durchschnittlich 4,5 Millimeter lang. Die zukünftigen Körperteile sind gut erkennbar. Der zukünftige Rüssel liegt auf der Brust und ist etwas mehr als halb so lang wie die Puppe. Auf dem Halsschild befinden sich dornähnliche Borsten. Die hinteren Körperringe tragen mehrere nach hinten gerichtete Haken. Haken und Dornen erleichtern der Puppe das Schlüpfen.

Biologie In Mitteleuropa findet man den Käfer vom zeitigen Frühjahr bis in den August an den Brutbäumen, bevorzugt an der Gemeinen Traubenkirsche und der Steinweichsel. Häufig wird auch die Vogelkirsche genannt. Aus Belgien und Polen wird der Befall der aus Nordamerika stammenden invasiven Spätblühenden Traubenkirsche gemeldet.

Bevorzugt werden kühle und feuchte Standorte in lichten Laubwäldern, an Waldrändern, in Parks und Obstplantagen, an Hecken und in Gärten.

Bei warmem Wetter sind die Käfer flugfreudig, bei Störung lassen sie sich fallen und verharren mit nach vorn ausgestreckten und nebeneinander liegenden Vorderbeinen und angelegten Fühlern.

Wirtspflanzen In dem Buch Pflanzenschutz nach Monaten geordnet von 1909 wird für den Monat Mai beim Pfirsich angegeben, dass am Fruchtfleisch eine fußlose Rüsselkäferlarve Anthónomus drupárum frisst. Weit häufiger wird eine Schädlichkeit am Pfirsich gar nicht erwähnt oder durch Formulierungen wie soll fressen oder frisst angeblich in Frage gestellt. Ähnliches gilt für die Pflaume, die bei Reitter zu den Wirtspflanzen gerechnet wird. Im Versuchsfeld der Zweigstelle Naumburg/Saale der damaligen Biologischen Reichsanstalt wurden zur Zeit der Untersuchungen zum Kirschkernstecher dreizehn wilde Arten der Gattung Prunus sowie zahlreiche Kulturformen angebaut. Während der Käfer an sämtlichen wilden Arten außer an Prunus avium mehr oder weniger häufig war, sehr häufig an Prunus padus (Gewöhnliche Traubenkirsche), war von den Zuchtformen lediglich die aus Prunus avium kultivierten Süßkirsche und die Sauerkirsche befallen, nicht aber Pflaume, Zwetschge, Pfirsich oder Aprikose. Bei den wirtschaftlich interessanten Sorten wurde die Eiablage nur an Kirschen, hauptsächlich Sauerkirschen registriert. Demnach gehen die Meldungen des Käfers an Pfirsichen und Pflaumen auf Zufallsfunde zurück.

Lebenszyklus Die fertigen Käfer überwintern unter Gras und Laub im Boden unter den Wirtsbäumen.