Tränen des Vaterlandes ist ein Alexandriner-Sonett von Andreas Gryphius. Es ist „eines der bekanntesten Barockgedichte“,Szyrocki 1991. „das wahrscheinlich berühmteste deutsche Gedicht des 17. Jahrhunderts“, „fester Bestandteil des schulischen und universitären Kanons“,Borgstedt 2016. „immer wieder nachgedruckt in Anthologien und Lesebüchern“,Bienek 1987. und „hat wie kaum ein anderes eine intensive Forschungsgeschichte“.Borgstedt 2016, S. 108.
Das Gedicht wurde erstmals 1637 als sechsundzwanzigstes der 31 sogenannten „Lissaer Sonette“ im heute polnischen Lissa publiziert. Es trug dort den Titel Trawrklage des verwüsteten Deutschlandes. Der nächste Druck, eine stark überarbeitete Fassung unter dem Titel Threnen des Vatterlandes / Anno 1636, erschien 1643 in Leiden, siebenundzwanzigstes der Sammlung von 50 Sonetten ANDREAE GRYPHII SONNETE. Das erste Buch. Weitere Drucke zu Gryphius’ Lebzeiten erfolgten 1650, 1657Das Bild stammt aus einer 1658er Titelauflage der Auflage von 1657. und schließlich in der Ausgabe letzter Hand 1663. Der Untertitel „Anno 1636“ nennt vermutlich das Jahr der Entstehung – mitten im Dreißigjährigen Krieg.Bienek 1987.
Die 1637er Fassung wurde 1963 neu gedruckt in Band 1 einer von Marian Szyrocki und Hugh Powell verantworteten Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke,Szyrocki 1963. die 1663er Fassung 2012 von Thomas Borgstedt.Borgstedt 2012a.
Text Die Texte sind Szyrockis und Borgstedts Neudrucken entnommen.
Trawrklage des verwüsteten Deutschlandes. (1637)Szyrocki 1963, S. 19.
WIr sind doch nunmehr gantz / ja mehr alß gantz vertorben. Der frechen Völcker schar / die rasende Posaun / Daß vom Blutt feiste Schwerd / die donnernde Carthaun / Hat alles diß hinweg / was mancher sawr erworben / Die alte Redligkeit vnnd Tugend ist gestorben; Die Kirchen sind verheert / die Starcken vmbgehawn / Die Jungfrawn sind geschänd; vnd wo wir hin nur schawn / Ist Fewr / Pest / Mord vnd Todt / hier zwischen Schantz vñ Korbẽ Dort zwischen Mawr vñ Stad / rint allzeit frisches Blutt Dreymal sind schon sechs Jahr als vnser Ströme Flutt Von so viel Leichen schwer / sich langsam fortgedrungen. Ich schweige noch von dehm / was stärcker als der Todt / (Du Straßburg weist es wol) der grimmen Hungersnoth / Vnd daß der Seelen=Schatz gar vielen abgezwungen. Thränen des Vaterlandes / Anno 1636. (1663)Borgstedt 2012a, S. 23.
WIr sind doch nunmehr gantz / ja mehr denn gantz verheeret! Der frechen Völcker Schaar / die rasende Posaun Das vom Blutt fette Schwerdt / die donnernde Carthaun / Hat aller Schweiß / und Fleiß / und Vorrath auffgezehret. Die Türme stehn in Glutt / die Kirch ist umgekehret. Das Rathauß ligt im Grauß / die Starcken sind zerhaun / Die Jungfern sind geschänd’t / und wo wir hin nur schaun Ist Feuer / Pest / und Tod / der Hertz und Geist durchfähret. Hir durch die Schantz und Stadt / rinnt allzeit frisches Blutt. Dreymal sind schon sechs Jahr / als vnser Ströme Flutt / Von Leichen fast verstopfft / sich langsam fort gedrungen. Doch schweig ich noch von dem / was ärger als der Tod / Was grimmer denn die Pest / und Glutt und Hungersnoth Das auch der Seelen Schatz / so vielen abgezwungen.
Interpretation Die Interpretation geht von der Fassung von 1663 aus, die sich von der 1643er und den dazwischenliegenden wenig unterscheidet. Die Germanistin Nicola Kaminski hat davon ironisch als den „in der Forschung fast ausnahmslos größerer Beliebtheit sich erfreuenden“ gesprochen.Die Bevorzugung dieser oder jener Fassung spiegele „unverhohlen das Belieben (den Geschmack) des jeweiligen Interpreten wider“. Kaminski 2004, S. 275. Auch Erich Trunz hat sie seiner von allen Späteren als wegweisend bezeichneten Analyse aus dem Jahr 1949 zugrunde gelegt.Trunz 1949; Trunz wählte einen Nachdruck, den Andreas Gryphius’ Sohn Christian 1698 besorgte, 34 Jahre nach dem Tod des Dichters.
Form Das Gedicht ist wie alle Lissaer Sonette in dem 1624 von Martin Opitz in seinem Buch von der Deutschen Poeterey für Sonette empfohlenen Versmaß des Alexandriners verfasst mit dem ebenfalls von Opitz empfohlenen Reimschema „abba abba“ für die Quartette und „ccd eed“ für die Terzette. Die Verse mit den „a“- und „d“-Reimen sind dreizehnsilbig, die Reime weiblich, die Verse mit den „b“-, „c“- und „e“-Reimen sind zwölfsilbig, daher entsprechend den Ausgaben von Szyrocki und Borgstedt eingerückt, die Reime männlich. Die Zäsur folgt regelhaft der sechsten Silbe. Im ersten Vers hat Gryphius den Satz „WIr sind doch nunmehr gantz […] verheeret“ durch den Einschub „ja mehr denn gantz“ in das Versmaß des Alexandriners eingepasst. Doch sind die Verse nicht monoton. Eine differenzierte Abfolge von Tempowechseln, etwa von Vers 2 und 3 zu Vers 4 und von Vers 5 bis 7 zu Vers 8, erzeugt eine kunstvolle Dynamik.Borgstedt 2012b, S. 24. Binnenreime – Schweiß/Fleiß, Rathauß/Grauß –, Alliterationen – der frechen Völcker, Schaar/Schwerdt/Schweiß, Fleiß/Vorrath, Schantz und Stadt – und Enjambements – von Vers 3 zu 4, von Vers 7 zu 8 – tragen zur Musikalität bei. Nach Trunz entspricht der Alexandriner in seiner Weiträumigkeit der Masse dessen, was gesagt werden soll. Sein stolzer Schritt gebe allem feste Gestalt. Seine Gesetzlichkeit bändige die düstere Fülle, auf die der Blick starrt, zu reiner Form und sei eben darum hier am Platze.Trunz 1949, S. 191.
Überschrift „Thränen des Vaterlandes“ – der Genitivus subiectivus legt nahe, dass es das „Vaterland“ ist, das im Gedicht spricht, dass das Sonett ein Rollengedicht ist.Verweyen 1997, S. 40; Landwehr 2009, S. 21. In der 1663er „Trawrklage des verwüsteten Deutschlandes“ erhebt unzweideutig das „verwüstete Deutschland“ klagend seine Stimme. Jedoch unterschlägt die Vorstellung eines rhetorischen Rollen-Deutschlands die Wirkung, mit der das einsetzende „Wir“ den Leser unmittelbar packt und einbezieht. Im Gedichttext, so Borgstedt, spricht nicht die „Personifikation“ des „verwüsteten Deutschlandes“ oder des „Vaterlandes“, sondern ein reales kollektives „Wir“. Letztlich ist Gryphius’ „poetisches Sprechen […] nicht eindeutig auf lyrische Sprecherinstanz rückführbar“.Kaminski 2004, S. 275.
Für Gryphius und seine zeitgenössischen Leser klang in „Thränen“ das griechische Threnos, θρῆνος an, ursprünglich Bezeichnung für eine Totenklage. (Pseudo)etymologiserend schrieb Sigmund von Birken 1679, die „KLagLieder oder Threnien“ seien „also benamet / weil sie gleichsam mit Threnen geschrieben werden. Es wird damit der Untergang / nicht allein großer Leute / sondern auch der Städte und Länder / beschrieben“.Zitiert nach Kaminski 2004, S: 279. „Thränen des Vaterlandes / Anno 1636“ ist – unter anderem – von der späthumanistischen Threnos-Poetik bestimmt.
Erstes Quartett WIr sind doch nunmehr gantz / ja mehr denn gantz verheeret!
„‚Wir‘: der Dichter selbst steht mitten in dem großen gemeinsamen Schicksal.“ Das „Vaterland“ kann Gryphius’ Heimat Schlesien sein, doch ist wohl Deutschland gemeint.Trunz 1949, S. 187. „Verheeret“ nennt das Ausmaß der Zerstörung und zugleich die Ursache, die Kriegsheere. Mitten in dem schlichten, fast alltagssprachlichen Satz „WIr sind doch nunmehr gantz […] verheeret“ unterbricht sich der Sprecher, den Satz zum Alexandriner formend, mit einer Überbietung, die logisch unmöglich ist, „ja mehr denn gantz“ – ein Rätsel, das Aufmerksamkeit erregen und auf die Lösung gespannt machen soll.
Es folgen in zwei Versen die Täter der „gantz<en>“ Verheerung, die anonym bleibenden „frechen Völcker“, und ihr Kriegsgerät. Die analog gebauten, parataktisch gereihten Nominalphrasen, die die Halbverse ausfüllen, beschleunigen den Sprechrhythmus:Borgstedt 2012b, S. 23.
::Der frechen Völcker Schaar / die rasende Posaun Das vom Blutt fette Schwerdt / die donnernde Carthaun / Hat aller Schweiß / und Fleiß / und Vorrath auffgezehret.
Die Epitheta frech, rasend, fett, donnernd erzeugen eine hohe rhetorische Lautstärke. „Schmucklos wuchtig werden ‚Zentnerworte‘ gehäuft.“Cysarz 1942, S. 76. Der Begriff „Zentnerworte“ stammt aus der Eloge, die Daniel Caspar von Lohenstein nach Gryphius’ Tod auf den von ihm bewunderten Dichter schrieb; Gryphius „Zentner-Worte“ seien mit „klugen Lehren“ erfüllt. Wesche 2016, S. 771. Doch dann folgt ein längerer Satz, den ganzen Alexandriner einnehmend, Tempowechsel, eine Beruhigung. Der Singular „Hat“, gegen die heutige Grammatikregel aber damals möglich für „haben“,Trunz 1949, S. 187. verknüpft jedes einzelne der Substantive der Verse 2 und 3, der „Völcker Schar“, die „Posaun“, das „Schwerdt“, die „Carthaun“, auf jedes einzelnen Schrecklichkeit insistierend, mit dem Prädikat „Hat […] auffgezehret“. Das Wüten der Kriegsgeräte hat alle materiellen Lebensgrundlagen vernichtet.
Zweites Quartett Die zweite Strophe verstärkt den Klang der ersten noch. Nach der Nennung der Täter und ihrer Werkzeuge werden die Zerstörungen aufgezählt, wieder in schnell rhythmisierten, Halbverse füllenden, sich überstürzenden Nominalsätzen:
Die Türme stehn in Glutt / die Kirch ist umgekehret. Das Rathauß ligt im Grauß / die Starcken sind zerhaun / Die Jungfern sind geschänd’t / und wo wir hin nur schaun Ist Feuer / Pest / und Tod / der Hertz und Geist durchfähret.
Elend überall. Die „Türme“ stehen für die wehrhafte Sicherheit, die „Kirch“ für das geistliche Leben, das „Rathauß“ für die weltliche Verwaltung, die „Starcken“ für die militärische Wehrhaftigkeit, die Schändung der „Jungfern“ für „die Vernichtung moralischer und persönlicher Integrität“.Landwehr 2009, S. 22. In einer den Leser einbeziehenden Geste „wo wir hin nur schaun“ wird der Blick dann in wieder verlangsamtem Rhythmus auf die Allgegenwart von „Feuer / Pest / und Tod“ gelenkt, ihre nicht nur zer-, sondern nun auch „Hertz und Geist“ durchfahrende, verstörende Wirkung.Landwehr 2009, S. 22. Zweimal also, im ersten und zweiten Quartett, „die Bildhäufung, die einer leidenschaftlichen Erregung der Seele entspricht, und zweimal dann das um die eigene Ohnmacht wissende, ruhig-traurige Abstandnehmen und Verallgemeinern“.Trunz 1949, S. 188.
Die Quartette sind durchsetzt mit Zeichen aus der Offenbarung des Johannes: „Posaun“ – in der Lutherbibel von 1545 „Vnd ich sahe sieben Engel / die da tratten fur Gott / vnd jnen wurden sieben Posaunen gegeben“; „Schwerdt“ – in der Lutherbibel von 1545 „Vnd es gieng er aus ein ander Pferd / das war rot / vnd dem der drauff sass / ward gegeben den Friede zunemen von der Erden / vnd das sie sich vnternander erwürgeten / Vnd jm ward ein gros Schwert gegeben“; „Feuer / Pest / und Tod“ – in der Lutherbibel von 1545 „Vnd sihe / vnd ich sahe ein falh Pferd / vnd der drauff sass / des name hies Tod / vnd die Helle folgete jm nach. Vnd jnen ward macht gegeben zu tödten / das vierde teil auff der Erden / mit dem Schwert vnd Hunger / vnd mit dem Tod / vnd durch die Thiere auff Erden“. Die Wörter rufen das Bild der vier apokalyptischen Reiter wach.
Erstes Terzett „Wohin kann das Gedicht weiter führen?“ fragt Trunz.Trunz 1949, S. 188.
::Hir durch die Schantz und Stadt / rinnt allzeit frisches Blutt. Dreymal sind schon sechs Jahr / als vnser Ströme Flutt / Von Leichen fast verstopfft / sich langsam fort gedrungen.
Gryphius entwirft ein Bild, das man „grandios nennen müßte, wäre es nicht so furchtbar, von Dantescher Imagination: daß sogar die Flüsse von Leichen verstopft sind und deshalb nur noch langsam fließen“.Bienek 1987, S. 17. Selbst der Natur, dem Strömen der Flüsse, tut die Verheerung Gewalt an. Das Bild wirkt übertrieben und unwahrscheinlich, „keine beobachtete Wirklichkeit“.Trunz 1949, S. 188. In der Tat ist es ein Topos, der bis zur Ilias zurückreicht, in deren 21. Gesang der Flussgott Skamandros gegen den wütenden Achilleus klagt:Homer: Ilias. Übersetzt von Johann Heinrich Voss. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1962, S. 422.
Voll sind mir von Toten bereits die schönen Gewässer; Kaum auch kann ich annoch ins heilige Meer mich ergießen, Eingeengt von Toten.