Der Große Igeltenrek oder Große Igeltanrek (Setifer setosus), teilweise auch Gewöhnlicher Igeltanrek, ist eine Säugetierart aus der Familie der Tenreks (Tenrecidae). Er ist endemisch auf Madagaskar verbreitet und kommt auf der gesamten Insel vor. Die Tiere bevorzugen zwar die tropisch-feuchten Landschaften des östlichen Inselteils, sind aber auch in den trockenen westlichen Gebieten recht häufig. Zudem dringen sie in städtische Regionen vor und können sich an durch Menschen veränderte Landschaften gut anpassen. Äußerlich ähnelt der Große Igeltenrek den europäischen Igeln, er ist aber deutlich kleiner und hat einen kürzeren Schwanz, ebenfalls charakteristisch sind die langen Vibrissen. Die Fellfärbung kann regional variieren. Von anderen Tenreks und vor allem von seinem nächsten Verwandten, dem Kleinen Igeltenrek, unterscheidet er sich durch den Gebissaufbau.
In der Regel lebt der Große Igeltenrek einzelgängerisch und ist nachtaktiv. Er bewegt sich am Boden vorwärts, kann aber auch in den Bäumen klettern. Die Befähigung ist jedoch nicht so deutlich ausgeprägt wie beim Kleinen Igeltenrek. Die Tiere unterhalten Eigenreviere, die sich an den Rändern mit denen anderer Individuen überlappen. Die Territorien sind im Vergleich zu Tierarten mit ähnlichen Körperausmaßen sehr groß. Zur Ruhe zieht sich der Große Igeltenrek in Baumlöcher und unterirdische Baue zurück. Die Nahrung umfasst Wirbellose und kleinere Wirbeltiere, insgesamt herrscht eine eher allesfresserische Ernährungsweise vor. Der Nachwuchs kommt zumeist in der feuchteren und wärmeren Jahreszeit zur Welt, ein Wurf umfasst bis zu sieben Jungtiere, die relativ schnell heranwachsen. In den trockenen Gebieten des westlichen Madagaskar können Weibchen in einer Fortpflanzungsperiode bis zu drei Würfe gebären. Charakteristisch für den Großen Igeltenrek ist die variierende Körpertemperatur, die von den Außentemperaturen und der Aktivität abhängt und über den Tag und das Jahr einen zyklischen Ablauf aufweist. Gleiches gilt für die Stoffwechselrate, die allgemein sehr gering ist. Die Trockenzeit verbringt der Große Igeltenrek in einem mehrmonatigen Torpor.
In Europa wurde erstmals Mitte des 17. Jahrhunderts über den Großen Igeltenrek berichtet. Die wissenschaftliche Erstbeschreibung der Art erfolgte dann rund einhundert Jahre später, im Jahr 1777. Allgemein wurden die Tiere anfangs mit den europäischen Igeln in Verbindung gebracht. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam es zu einer stärkeren Differenzierung. Seinen heute gültigen Gattungsnamen erhielt der Große Igeltenrek im Jahr 1806. Doch wurde er im weiteren Verlauf des 19. und teilweise auch des 20. Jahrhunderts häufig in andere Gattungen verwiesen. Der Bestand des Großen Igeltenreks gilt als nicht gefährdet. In einigen Regionen Madagaskars wird er zu Nahrungszwecken gejagt.
Merkmale Habitus miniatur|Großer Igeltenrek Der Große Igeltenrek ist ein mittelgroßer Vertreter der Tenreks. Mit einer Gesamtlänge von 16 bis 22,5 cm wird er nur wenig größer als der Kleine Igeltenrek (Echinops telfairi); wie bei diesem besteht der Schwanz aus einem nur 15 bis 16 mm langen Stummel. Das Körpergewicht variiert von 150 bis 220 g, kann mitunter aber auch 300 g und mehr erreichen, allgemein ist es abhängig von der Kondition des einzelnen Individuums und der Jahreszeit. Ein auffälliger Geschlechtsdimorphismus liegt nicht vor. Im äußeren Erscheinungsbild ähneln die Tiere den Igeln, was durch den robusten, rundlichen Körper, die spitze Schnauze und durch das Stachelkleid hervorgerufen wird. Unterschiede bestehen in dem sehr kurzen, kegelförmigen Schwanz, den sehr langen Vibrissen und der geringeren Körpergröße, die nur die Hälfte eines europäischen Igels erreicht. Das Rückenfell wird durch sehr dicht stehende, durchschnittlich 15 mm lange Stacheln gebildet. Generell haben Tiere aus dem feuchteren östlichen Madagaskar dunklere Stachelspitzen als jene aus dem trockeneren westlichen Teil. Die Körperunterseite, das Gesicht und die Gliedmaßen zeigen eine nur spärliche Fellbedeckung aus hellgrauem, weichem Haar. Die Augen sind relativ klein, ebenso die Ohren, die etwa die Länge der Stacheln besitzen. Die vergleichsweise langen Gliedmaßen enden vorn und hinten in jeweils fünf Strahlen. Diese tragen Krallen, an den Vorderfüßen sind sie 6, an den Hinterfüßen 7 mm lang. Der gesamte Hinterfuß misst etwa 31 mm in der Länge. Weibliche Tiere haben fünf oder sechs Paare an Zitzen.
Schädel- und Gebissmerkmale Die durchschnittliche Schädellänge liegt bei 46,2 mm, die durchschnittliche Breite am Jochbogen gemessen 23,1 mm. Die schmalste Stelle wird an den Augen mit einem Durchschnittswert von 10,9 mm erreicht. Allgemein ist der Schädel moderat robust, das Rostrum wirkt breit und hoch, der Hirnschädel kurz. Das Verhältnis des vorderen zum hinteren Schädelabschnitts beträgt 0,61:0,39. Im Unterschied zum Kleinen Igeltenrek wölbt sich die Stirnlinie stärker auf, da das Stirnbein im hinteren Bereich aufgebläht ist. Der Jochbogen ist wie bei allen Tenreks nicht geschlossen. Im hinteren Schädelbereich sind kräftige Knochenwülste als Muskelansatzstellen ausgebildet. Das Gebiss setzt sich aus 36 Zähnen zusammen, die Zahnformel lautet folgendermaßen: . Es ist somit nicht ganz so stark reduziert wie beim Kleinen Igeltenrek. Der obere innere Schneidezahn erreicht fast die Größe des Eckzahns und ist gut entwickelt. Im unteren Gebiss bestehen kurze Diastemata beidseitig des Eckzahns und des vordersten Prämolaren. Die beiden hinteren Prämolaren sind molarisiert und ähneln so den Mahlzähnen. Diese besitzen ähnlich den anderen Tenreks ein zalambdodontes Kauflächenmuster bestehend aus drei Haupthöckern. In der oberen Gebissreihe zeigen die Molaren nicht ganz so starke Größenreduktionen wie beim Kleinen Igeltenrek. Demzufolge ist beim Großen Igeltenrek der vorderste Molar der größte Zahn in der Reihe und nicht der letzte Prämolar wie beim Kleinen Igeltenrek.
Skelettmerkmale miniatur|Skelett des Großen Igeltenreks Die Wirbelsäule setzt sich aus 7 Hals-, 16 bis 17 Brust-, 6 bis 7 Lenden-, zwei Kreuzbein- und 9 Schwanzwirbel zusammen. Im Bau des Bewegungsapparates finden sich einzelne Merkmale, die sowohl auf eine bodenlaufende als auch eine baumbewohnende Lebensweise schließen lassen, letztere sind in der Regel nicht so deutlich ausgeprägt wie beim Kleinen Igeltenrek. Das Schulterblatt ist eher breit und nicht so langschmal wie bei den grabenden Tenrekformen. Am Oberarmknochen ist der Kopf eher rundlich ausgebildet, was mit dem Kleinen Igeltenrek übereinstimmt, abweichend von diesem aber analog zum Großen Tenrek (Tenrec ecaudatus) verbreitert sich die untere Gelenkrolle (Ellenbogengelenk) vorn und hinten. Wie bei den beiden anderen Tenrekvertretern auch zeigt der obere Gelenkfortsatz der Elle, das Olecranon, mit einer Länge von nur 16 % des Gesamtknochens kaum Tendenzen zur Streckung, die hier ansetzende Unterarmmuskulatur ist demnach nicht übermäßig kräftig. Im Unterschied zu den grabenden Vertretern der Tenreks treten an den Handwurzelknochen keine Verwachsungen auf, was eine höhere Rotationsfähigkeit der Hand befürwortet. Die Mittelhandknochen sind wiederum verlängert, aber nicht in dem Maße wie beim Kleinen Igeltenrek. Ebenso ist der innere Strahl insgesamt kürzer und die Greiffähigkeit damit eher eingeschränkt. Unterschiede finden sich auch an den Krallen, die beim Großen Igeltenrek länger und nicht ganz so stark gekrümmt sind wie bei seinem Verwandten. Sie entsprechen aber mit ihrer insgesamt hochschmalen Form den Krallen anderer kletternder Säugetiere. Auch die Füße besitzen einzelne Modifikationen wie die flachen Knöchel, die wie beim Kleinen Igeltenrek die Mobilität weniger einschränken. Dass der Fuß des Großen Igeltenreks nicht so extrem beweglich ist wie bei Kleinen Igeltenrek zeigen wiederum die stärkeren Leisten auf der Sprungbeinrolle des Sprungbeins und die dadurch bedingte tiefere Einwölbung der Gelenkfläche, wodurch das Schienbein besser fixiert wird. Ebenso ist der Übergang zum Hals des Sprungsbeins stärker strukturiert.
Verbreitung miniatur|hochkant|Verbreitung des Großen Igeltenreks Der Große Igeltenrek kommt endemisch auf Madagaskar vor und ist dort über die gesamte Insel verbreitet. Er kann in nahezu allen Landschaftsräumen angetroffen werden mit Ausnahme von Überschwemmungs- und Marschgebieten. Zusätzlich tritt er auch in einzelnen städtischen Regionen wie beispielsweise Antananarivo auf und ist selbst in extrem stark vom Menschen überprägten Bereichen beobachtet worden. Die Tiere favorisieren zwar die feuchteren östlichen Wälder, sie sind aber auch in den trockeneren Landschaften des Westens heimisch. Dort wurden seit Untersuchungen in den 1990er Jahren fast 30 Fundplätze mit Nachweisen der Art registriert, im Südwesten tritt sie sympatrisch mit dem Kleinen Igeltenrek auf. In der Regel besiedeln die Tiere die Tieflandsregionen unter 900 m, lokal reicht die Höhenverteilung aber bis etwa 2250 m. In einigen Gebieten, wo der Große Igeltenrek vorkommt, gehört er mit zu den am häufigsten nachgewiesenen Vertretern der Tenreks.
Lebensweise Territorial- und Sozialverhalten Die Lebensweise des Großen Igeltenreks ist durch Beobachtungen in Gefangenschaft und durch Felduntersuchungen relativ gut erforscht. Die Tiere sind nachtaktiv mit einer bimodalen Verteilung der Aktivität. Die erste Phase beginnt bereits gegen 14:00 Uhr und erreicht gegen 19:00 und 20:00 Uhr ihren Höhepunkt, wonach eine Ruhepause in den zwei Stunden vor Mitternacht eintritt. Ein zweiter Höhepunkt wird gegen 02:00 Uhr erreicht, die Aktivität ebbt dann in den folgenden vier Stunden ab. Daraus ergibt sich, dass die Tiere etwa 16 Stunden eines Tages aktiv verbringen. Allerdings verzögert sich häufig der Beginn bei niedrigeren Außentemperaturen. Die Tiere sind weitgehend bodenbewohnend, wo sie sich im Kreuzgang und mit dem ganzen Fuß aufsetzend vorwärts bewegen. Im schnellen Lauf berühren aber meist nur die Zehen den Boden. Ebenso ist der Große Igeltenrek ein vergleichsweise guter Kletterer, sein Fuß kann jedoch nicht so stark gedreht werden wie beim Kleinen Igeltenrek. Prinzipiell sieht man ihn seltener in den Bäumen als seinen kleineren Verwandten. Wie am Boden so ist er auch im Geäst eher langsam und klettert mit wechselseitigen Bewegungen der Gliedmaßen. Hände und Füße umgreifen die Zweige, teilweise wird der Schwanz zum Abstemmen eingesetzt. In unbekanntem Gelände pausiert der Kleine Igeltenrek häufig und schnüffelt in der Luft, mitunter erhebt er sich dabei auf die Hinterbeine.
mini|Großer Igeltenrek, Foto aus dem Nationalpark Ankarafantsika