Pepo (Swahili, „Wind“, Plural pepo oder mapepo; auch sheitani, shetani von ) ist der Oberbegriff für eine Gruppe Besessenheit auslösender Geister in der Kultur der Swahili an der ostafrikanischen Küste in Kenia und Tansania. Die überwiegend als böswillig geltenden, wandernden pepo befallen vor allem Frauen und lösen Krankheiten aus, gegen die üblicherweise ein mehrtägiges Heilungsritual durchgeführt wird. Dabei ermittelt zuerst ein Wahrsager/Heiler den Namen des Geistes. Der Geist äußert sich in seiner Sprache durch den Mund des besessenen Patienten und gibt sich dadurch zu erkennen. Nachfolgend kann er in einer auf ihn zugeschnittenen Tanzzeremonie (ngoma) besänftigt oder vertrieben werden. Daneben werden erbliche pepo beschrieben, die wohlwollend sind und als Schutzgeist fungieren.

Pepo, deren Zahl unbestimmt groß ist, gelten als islamisch, christlich oder ungläubig und gehören unterschiedlichen ethnischen Gruppen an. Sie bilden mit anderen Gruppen von Geistern eine komplexe Welt jenseitiger Mächte, die aus einer Vermengung von islamischen Glaubensvorstellungen mit afrikanische Ahnenkulten entstanden sind. Die Verehrung der meisten pepo-Geistergruppen gehört zu der in Afrika weit verbreiteten Vorstellung einer Besessenheit durch Fremdgeister.

Wortbedeutung Die Bezeichnungen für die Phänomene der Geisterwelt stammen ihrer Herkunft nach aus der arabischen Sprache oder aus der Bantusprache Swahili. Ein arabischer Name impliziert einen historischen Zusammenhang mit arabischen Händlern an der Küste, ein Geistwesen mit einem bantusprachigen Namen ist afrikanischer Herkunft. Mit diesem Hintergrund kann der ansonsten identische wohlwollende Geist arabisch als ruhani oder bantusprachig als pepo angesprochen werden.Esha Faki, E. M. Kasiera, O. M. J. Nandi, 2010, S. 218

Swahili pepo oder upepo wird mit „Wind“ übersetzt, die Wortkombination pepo inavuma oder pepo zinavuma bedeutet „der Wind bläst“. Mit pepo steht das Verb –pepa in Verbindung, das „(wie ein Betrunkener) schwanken“, „taumeln“, bedeutet; ebenso –pepea, „(wie ein Kerzenlicht) flackern“, „flattern“, „fließen“, „mit dem Wind fliegen“. Als kausatives Verb bedeutet –pepa „(mit einem Ventilator ein Feuer) beblasen“, etwa in pepo inapepea, „der Wind bläst (etwas) weg“. Das Substantiv upepeo steht für einen großen Ventilator und upepe für Blitzschlag. Kipepeo kann Ventilator oder Schmetterling heißen, in Mombasa bedeutet auch popo „Schmetterling“, wobei popo ansonsten für „Fledermaus“ steht. Auf der Insel Pemba wird eine große Zahl unterschiedlicher Geister überliefert, zu denen seit kurzer Zeit ein Geist namens Popobawa („Fledermaus-Flügel“) gehört, der international als moderne Sage bekannt wurde. Die Verbindung von Wind und Geist wird in den Formulierungen deutlich: kupunga upepo, „(sich selbst) Wind zufächeln“, und kupunga pepo, was im Rahmen der Besessenheitszeremonie meint, „den Geist austreiben, indem mit einem Kuhschwanz über dem Kopf des Patienten gewedelt wird“.Jan Knappert: Swahili Islamic Poetry. Bd. 1, E. J. Brill, Leiden 1971, S. 81 Pepo kann in Tansania einen guten Geist (pepo mzuri) oder einen bösen Dämon (pepo mbaya) bedeuten.Jessica Erdtsieck: Encounters with forces of pepo. Shamanism and healing in East-Africa. In: Tanzanet Journal, Bd. 1, Nr. 2, 2001, S. 1–10, hier S. 4

Peponi bedeutet „mit den Geistern“ und bezieht sich auf die jenseitige Welt der Geister. Aus dem alten Swahiliwort wurde in Ostafrika ein Begriff des islamischen Glaubens. Im islamischen Kontext bedeutet pepo – mit dem Ort peponi – das Paradies (arabisch dschanna), in welches die auserwählten Gläubigen gelangen werden. In jenem lichtdurchfluteten weiten Land werden die Menschen in goldenen Palästen leben, umgeben von schönen Bäumen, Blumen und Flüssen, in denen Honig fließt. Alle werden gemeinsam fünf Mal täglich das rituelle Gebet (salāt) verrichten.Jan Knappert: Swahili Religious Terms. In: Journal of Religion in Africa, Bd. 3, Fasc. 1, 1970, S. 67–80, hier S. 77

Kulturelles Umfeld mini|hochkant|Kopf einer Geisterfigur der Makonde aus Grenadillholz im Shetani-Stil. Der deformierte, „surreale“ Dämonenfiguren darstellende Shetani-Stil der Makonde entstand in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Im afrikanischen Kontext bedeutet Besessenheit, dass ein Geist oder eine fremde Persönlichkeit in einen Menschen gefahren ist und vollständig die Lenkung seines Organismus und seiner Psyche übernommen hat. Dies geschieht, während der Mensch in einen Zustand der Trance oder Ekstase fällt. Sein eigenes Bewusstsein ist in dieser Zeit abgeschaltet. Unterschieden wird, ob der Geist sich auf die Kontrollausübung über den Menschen beschränkt (englisch spirit possession) oder ob die Bedeutung des Phänomens wesentlich auf der Vorstellung basiert, dass der Geist über den Besessenen in Kontakt mit anderen Menschen tritt (spirit mediumship). Im zweiten Fall handelt es sich üblicherweise um einen religiösen Kult und der Besessene dient als Bindeglied (Medium) zwischen der hiesigen Welt und der Welt der Geister. Hierbei sollen insbesondere die Ahnenhäuptlinge des Clans um Hilfe gefragt und um positives Einwirken gebeten werden. Die vermutlich bedeutendste Gruppe von Medien führen ihre Besessenheit auf diese Ahnengeister der Stammesführer zurück. Auch Wahrsager begründen gelegentlich ihre Tätigkeit mit ihrer Besessenheit von einem speziellen Wahrsagegeist. Geographisches Zentrum der Besessenheitskulte der Bantu-Volksgruppen im südlichen Afrika ist Simbabwe. Die Stammesmedien der südlichen Bantu stehen in enger kultureller Verbindung mit den Medien der Baganda im nördlich gelegenen Zwischenseengebiet.Beatrix Heintze, 1970, S. 6, 99

Ausgrabungen zufolge existierte im 8. Jahrhundert eine islamische Gemeinde auf der kenianischen Insel Lamu.Ahmed B. A. Badawy Jamalilye: Muscat, Oman 2006, S. 8 In mehreren Orten an der Küste gab es im 11. Jahrhundert Moscheen aus massiven Steinmauern. Die ostafrikanische Küste gehört zu den Regionen, in denen der Islam in Afrika bereits in frühislamischer Zeit Fuß fasste. Der Islam steht allgemein in einem Austausch- und Wettbewerbsverhältnis mit den afrikanischen Religionen, die tendenziell zurückgedrängt werden. Daraus entstanden synkretistische Kulte, zu denen auch die in islamisierten Gesellschaften gepflegten Besessenheitskulte gehören. Diese werden von der Mehrheit der gemäßigten Muslime allgemein toleriert, solange sie keinen politischen Einfluss ausüben.Heike Behrend, Ute Luig: Introduction. In: Heike Behrend, Ute Luig (Hrsg.): Spirit Possession. Modernity & Power in Africa. James Currey, Oxford 1999, S. xv

Bis zum 19. Jahrhundert hatten die von Einwanderern aus dem Oman und anderen arabischen Ländern gestärkten Swahili durch den Sklaven- und Seehandel die wirtschaftliche Führung übernommen und waren zur herrschenden sozialen Klasse geworden. Es entstand eine ethnische Identität der Swahili an der Küste, die ihre „weltoffene, zivilisierte“ Kultur über den „hinterwäldlerischen, rückständigen“ Lebensstil der afrikanischen Bauern und Viehhirten im Landesinnern erhob. Die einfachste Bestimmung der aus Arabern und afrikanischen Ethnien gebildeten, pluralistischen Swahili-Gesellschaft ist die gemeinsame Sprache Swahili, eine Bantusprache mit einem beträchtlichen arabischen Wortschatz, und die Pflege einer eigenen, islamisch-synkretistischen Kultur.Linda L. Giles, 1999, S. 147 Dazu gehört die Verehrung islamischer Heiliger und der afrikanischen Ahnen. Die Geisterwelt der Swahili wird nach einer möglichen Einteilung von islamischen, übelwollenden Dschinn (arabisch, majini), Ahnengeistern (Swahili, koma), Naturgeistern (Swahili, mizimu) und wohlwollenden Schutzgeistern (pepo) bevölkert. Fern über allen und nur durch Vermittlung der Ahnengeister ansprechbar thront in der Kosmogonie der Swahili Gott (Mungu), der Schöpfer (Muumba). Unter dem alles beherrschenden Gott leben die Menschen und die unzähligen Geister. Die Ahnengeister (koma) überbringen zu manchen Zeiten Botschaften von den Ahnen an ihre lebenden Nachkommen, wenn sie Geschenke (sadaka, Ritual zur Erhaltung der Harmonie) und Opfergaben (kafara, Ritual als reinigendes Sühneopfer)John Middleton: The World of the Swahili: An African Mercantile Civilization. Yale University Press, New Haven 1994, S. 180 erhalten.Esha Faki, E. M. Kasiera, O. M. J. Nandi, 2010, S. 216

Besessenheit bei Frauen und Männern Der pepo-Kult der Swahili steht mit anderen afrikanischen Besessenheitskulten in Beziehung. Wie bei diesen werden überwiegend Frauen von einem Geist besessen.Heike Behrend, Ute Luig: Introduction. In: Heike Behrend, Ute Luig (Hrsg.): Spirit Possession. Modernity & Power in Africa. James Currey, Oxford 1999, S. xvii Ein typischer, mehrheitlich von Frauen praktizierter Besessenheitskult innerhalb des Islam ist der zar-Kult in Ägypten und im Sudan. Die zar-Geister werden wie die pepo als unsichtbare Wind-Geister aufgefasst. Andere islamische Besessenheitskulte sind Bori und Dodo bei den Hausa in Nordnigeria, Holey bei den Songhai in Mali, Stambali in Tunesien und Derdeba in Marokko. Eine Besonderheit sind der Kult um die Gottheit Nya im Süden Malis und der Kult der Hamadschas um den weiblichen Geist Aisha Qandisha, die praktisch nur Männer besessen machen. Zu den zahlreichen Besessenheitskulten innerhalb des Christentums im südlichen Afrika, die mehrheitlich Frauen veranstalten, gehören Mashawe in Sambia und Vimbuza in Malawi. Unterschieden wird nach dem britischen Anthropologen Ioan M. Lewis (1971)Ioan Myrddin Lewis: Ecstatic Religion: An Anthropological Study of Spirit Possession and Shamanism. (Pelican Anthropology Library) Penguin Books, Harmondsworth 1971 die „periphere“, also subkulturelle Besessenheit als Krankheit (typischerweise Kulte von Frauen der Unterschicht in männerdominierten Gesellschaften, etwa zar, in Somalia saar)Emma Cohen: What is Spirit Possession? Defining, Comparing, and Explaining Two Possession Forms. In: Ethnos, Bd. 73, Nr. 1, März 2008, S. 1–25, hier S. 7 von einer „zentralen Besessenheitsreligion“, die sozial hochstehenden Männern zur Erhaltung ihrer Machtposition dient (Nya in Mali). Besessenheitskulte lassen sich zwischen diesen beiden gesellschaftlichen Positionen einordnen, wobei die Einordnung durch die unterschiedliche Perspektive der gesellschaftlichen Gruppen geprägt wird.Linda L. Giles, 1987, S. 234f

Hans Koritschoner (1936) fand in mehreren Jahren, in denen er pepo-Kulte beobachtete, bis auf eine Ausnahme nur Frauen, die bei der Tanzzeremonie (ngoma) besessen wurden. Die Betroffenen gaben hierfür keine Begründung an. Er vermutet für die hohe weibliche Besessenheitsquote als zwei mögliche Ursachen eine suggestive Kraft der Tradition und eine stärkere Neigung zu hysterischen Reaktionen bei Frauen. Beginnende psychische Abweichungen werden grundsätzlich als ugonjwa ya sheitani („Krankheit durch einen Geist“) aufgefasst. Psychische Erkrankungen werden wie körperliche behandelt, das bedeutet, der Erkrankten wird weder eine Schuld gegeben noch fürchtet man sich vor ihr.Hans Koritschoner, 1936, S. 209f In Luanda (Angola) wird nach einem Bericht von 1958 (den Begriff „Hysterie“, von altgriechisch „Gebärmutter“) ergänzend auf die belastende Rolle der Mutterschaft hingewiesen, die eine mythisch unsichere Phase darstellt. Dieses Erklärungsmuster wird durch die Feststellung relativiert, dass viele von Frauen gepflegte Besessenheitskulte in Afrika erst im 19. und 20. Jahrhundert in Städten und/oder in Gebieten mit einem starken Zustrom fremder Gruppen entstanden, was auf einen Zusammenhang mit den sozialen Veränderungen während der Kolonialzeit hinweist.Beatrix Heintze, 1970, S. 208