mini|hochkant=1.4|Pelznähmaschine mit „Quick-Stop“-Motor
Für die Fellverarbeitung wurden vier spezielle Pelznähmaschinen entwickelt, die eigentliche Pelznähmaschine, die Pikiermaschine, die Staffiermaschine und die Blindstichbändelmaschine. Spezial- oder Universalmaschinen mit gleichartigen Systemen werden auch bei der Herstellung von Textil- und Lederwaren eingesetzt.
Die Pelznähmaschine oder einfach Pelzmaschine, auch Kürschnermaschine, ist eine Spezialnähmaschine zum Nähen von Fellen. Da die Näharbeit im Fertigungsprozess von Pelzwaren einen großen Teil der nötigen Arbeit in Anspruch nimmt, begünstigte die deswegen große Kostenersparnis eine außergewöhnliche Entwicklung und einen Aufschwung der Kürschnerei und die Anwendung teils neuer, aufwändigerer Arbeitstechniken. Etwa zeitgleich mit ihrer Einführung entstand eine moderne Pelzmode, bei der das Fell vornehmlich mit dem Haar nach außen verarbeitet wird.
Die Maschine erzeugt eine hochelastische einfädige Kettenstichnaht in der Art einer Überwendlichnaht. Die Naht ist leicht auftrennbar. Dies ist ein großer Vorteil für den mit Naturmaterial hantierenden Pelzverarbeiter, der die Nahtverbindung häufig noch einmal dem Farb- oder Haarlängenverlauf entsprechend genauer anpassen, oder bei einer Modellumgestaltung oder Änderung die Fellteile neu anordnen muss. Die Pelznähmaschine findet vor allem Anwendung in der Kürschnerei und bei ähnlichen Arbeiten im Modistenhandwerk, daneben vereinzelt auch in anderen Handwerken, in der Schuhindustrie zum Beispiel zum Umnähen der Decksohlen. Das professionelle Nähen von Fellmaterial mit der Pelznähmaschine erfordert eine erhebliche Ausbildung und Übung.
Eine weitere in der Kürschnerei verwendete Spezialnähmaschine ist die Pelzpikiermaschine zum Aufbringen von Zwischeneinlagen bei der Pelzverarbeitung. Beide Maschinen bilden eine einfädige Kettenstichnaht, die Pikiermaschine als Flachstich.
Zum Einbringen des Stoff-Innenfutters kann anstelle des Einfütterns von Hand auch eine Staffiermaschine benutzt werden; zum Aufnähen des Bändelbands eine Blindstichbändelmaschine.
Eine fünfte, umfassendere Maschine ist der Fellauslassautomat der Firma Pfaff, der den gesamten Ablauf des Auslassens von Fellen übernimmt, einschließlich des abschließenden Nähens.
mini|Einnähen einer Decksohle mit der Consew (2010) mini|Reparieren von Schlachtschnitten in einer Pelzzurichterei (2016) mini|Auslassnähen (1986) mini|Nähen mit der Einstreichpinzette mini|Griechischer Näher an einer Pelzmaschine mit Nahthöhenbegrenzung
Historische Entwicklung Vor Erfindung der Pelznähmaschine war es wohl für die meisten Kürschner kaum denkbar, dass eine so diffizile Arbeit wie das Nähen von Fellen einmal mit Hilfe einer Maschine ausgeführt werden kann. Noch Mitte der 1890er Jahre hörte ein österreichischer Kürschner seinen Großvater sagen: „Wenn man alles erfinden wird, eine Maschine, mit der man Pelz nähen kann, wird es doch nicht geben.“ Einige Jahre später erlebte er noch die erste doppelspulige Schultheiß-Pelznähmaschine in der Werkstatt seines Sohnes.
Die Grundlage der Pelznähmaschine schuf wohl Balthasar Krems aus Mayen im Rheinland im Jahr 1800. Er konstruierte eine Nähmaschine, die erstmals einen Hakengreifer und eine öhrspitzige Nadel besaß. Das Besondere an der Maschine war jedoch der Stacheltransport, der auf Grund der waagerecht arbeitenden Nadel in bestimmten Abständen das Nähgut weiterschob. Krems wiederum lehnte sich mit seiner Konstruktion an die Erfindungen der Einfaden-Kettenstichmaschinen von Karl F. Weissenthal und Thomas Saint aus England an (patentiert 1789), sowie die des Schneiders Bartholomäus Thimonnier aus St. Etienne, Frankreich (1830). Etwa 18 der Maschinen Thimonniers, anfangs noch zum großen Teil aus Holz bestehend, wurden für das Nähen von Militäruniformen verwendet. Diese Werkstatt wurde jedoch von einer aufgebrachten Menge Handnäher zerstört, die um ihre Arbeitsplätze fürchteten. Es war die erste Nähmaschine, mit der Textilfertigware (Konfektion) produziert wurde. Im Jahr 1851 zeigte Thimonnier seine Maschine, jetzt ganz aus Metall bestehend, auf der Great Crystal Palace Exhibition, sie fand dort jedoch keine Aufmerksamkeit, völlig verarmt starb er sechs Jahre später.
Die Doppelfaden- beziehungsweise Overlock-Nähmaschine bauten fast zeitgleich die Amerikaner Walter Hunt und Elias Howe um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Serienproduktion der Pelznähmaschine begann jedoch erst kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert. Die erste allgemein gebrauchte Maschine produzierte die Firma Singer Co. in den USA.
Zur Weltausstellung Paris 1900 wurden von Revillon Frères die ersten Mäntel gezeigt, die in ganzer Fläche in der nähintensiven Auslasstechnik gearbeitet waren. Entweder die Maschinen oder vielleicht nur die Näherinnen waren zu der Zeit noch nicht in der Lage, die dafür benötigten besonders feinen Nähte zu erzielen. So waren diese Pelze noch vollständig mit der Hand genäht; allein die Näherinnen, ohne die Kürschner, benötigten für einen Mantel 1400 Arbeitsstunden. Einen gleichartigen, aufwändigen Mantel würden geübte Pelzmaschinennäher heute wahrscheinlich in weniger als 250 Stunden nähen, einschließlich der vermutlich damals ebenfalls mit eingerechneten Innenverarbeitung. Allerdings stellte Revillon Frères gleichzeitig eine „allseitige Bewunderung“ erregende Decke aus 22.000 Nerzschweifen aus, „mit feinem Leder galloniert und mit der Maschine [!] genäht“.Paul Larisch, Josef Schmid: Das Kürschner-Handwerk. 1. Jahrgang, Nr. 1 + 2, Selbstverlag, Paris, Oktober-November 1902, S. 31.
Die Situation in der Stadt Breslau wurde im Jahr 1896 wie folgt geschildert:
Die ersten Pelznähmaschinen wurden noch, wie die Textilnähmaschinen, von der Näherin mit einem Fußpedal mit einer anschließenden Schwungmasse angetrieben. Bald begann man auch, stattdessen einen unter dem Nähtisch angebrachten Motor zu benutzen. Diese alten Maschinen waren noch bis weit in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Betrieb. Obwohl sie nicht dafür konstruiert worden waren, taten sie noch Jahrzehnte nach ihrer Umrüstung auf Motorbetrieb ihren Dienst. Lediglich die höheren Bauarten litten etwas unter den beim Nähen konstruktionsbedingt auftretenden Schwingungen.
Im Jahr 1870 wurde auf Veranlassung der Firma A. B. Citroen, Berlin in der Nähmaschinenfabrik von Joseph Priesner der erste Versuch gemacht, eine Maschine herzustellen, die überwendliche Nähte für Pelzwerk erzeugt. Es war eine Naht hauptsächlich für „Polnischen Besatz“ geeignet, der damals ein Hauptartikel der Kürschnerei war und eine feste Zweifadennaht verlangte. Es gelang auch, eine von der Handschuhnähmaschine abgeleitete Version herzustellen, die schließlich zu einer einfädrig arbeitenden Version weiterentwickelt wurde. Im Jahr 1873 wurde sie auf der Weltausstellung in Wien mit einem Preis ausgezeichnet. Als im Jahr 1881 Joseph Priesner starb, übernahm die Firma M. Rittershausen (Inhaber Ernst Müller, später Oskar Strobel) das Unternehmen. Eine jetzt wesentlich vereinfachte Konstruktion wurde unter dem Namen „Elektra“ in den Handel gebracht. Sie nähte mit einem oder zwei Fäden gleich gut und war für alle üblichen Fellarten mit ihren unterschiedlichen Lederstärken einsetzbar. Überhaupt waren die hartledrigen Leder ein wesentliches Hindernis in der Erzeugung der von den Kürschnern gewünschten feinen Naht. Sie benötigten ein zügiges, geschmeidiges Leder und verlangten jetzt von den Pelzzurichtern ein sorgfältigeres Bearbeiten der Felle.Walter Fellmann: Der Leipziger Brühl. VEB Fachbuchverlag, Leipzig 1989, S. 94, ISBN 3-343-00506-1. Im Jahr 1887 hieß es bereits in einer Enzyklopädie, vielleicht etwas verfrüht: „Durch Nähen mittels Nähmaschinen werden die verschiedenen Pelzarbeiten (Pelzmäntel, Pelzröcke, Pelzkragen, Boas, Müffe, Pelzmanschetten, Pelzmützen, Pelzbesätze u. s. w.) hergestellt“.W. H. Uhland, in: Allgemeine Enzyclopädie der Wissenschaften u. Künste, J. S. Ersch u. J. G. Gruber (Hrsg.), 2. Section H-N, August Leschien (Hrsg.), Leipzig (Brockhaus) 1887.
Ab dem Jahr 1888 vertrieb die Firma Rittershausen in Europa die amerikanische Pelznähmaschine „Roland“ in drei Versionen, sie konnte sogar rückwärts nähen. Als weiteres amerikanisches System kam die „Excelsior“ hinzu (1862). Nach eigenen Angaben versorgte die Firma M. Rittershausen um 1925 den gesamten europäischen Markt fast ohne wesentliche Konkurrenz. Dies war noch, bevor sie die ganz ausgezeichnete und robuste Maschine „Success“ auf den Markt brachte, die sich stark durchsetzte (Klasse 17- 1), „für Fußbetrieb, aber besonders für Kraftbetrieb geeignet“. Die Konstruktion stammt von der Londoner Firma Allbook & Hashfield.
Im Jahr 1898 brachte die amerikanische Singer Nähmaschinen A. G. ihr erstes europäisches Modell auf den Markt (46 K 21). Die bald verbesserten Singer-Maschinen waren mit Sperrradtransportierungen ausgestattet (Typ 46 K 23; 46 K 24). Im Jahr 1900 kamen weitere Verbesserungen hinzu (46 K 26; 46 K 27; 46 K 28). Ein anderer Fortschritt war im Jahr 1907 ein Stichregulator und eine Fraktionstransportierung. 1914 gab es zwei weitere Typen mit technischen Verbesserungen (46 K 33; 46 K 34). Nach dem Ersten Weltkrieg kamen eine Maschine für leichte Felle (46 K 34) und eine für schwere Felle in den Handel (46 K 35). Die vordere Transportierscheibe war mit einem Kugellager versehen worden und auch die Stichregulierung wurde verbessert.
Daneben gab es in den ersten Jahren die, von dem erwähnten Kürschner als „unverwüstlich“ bezeichnete, Schultheiß-Maschine.
Ein weiterer bedeutender Hersteller war die Firma J. Strobel & Söhne, München. In Form und Aufbau wies die hoch gebaute Strobel-Maschine wesentliche Verbesserungen gegenüber anderen Fabrikaten auf (Klasse 40-1, später 40-1N). Sie zeichnete sich durch eine hohe Betriebssicherheit aus. Erstmals mit einer vollautomatischen Ölumlaufschmierung versehen (1954, Klasse 140) sind die Maschinen noch immer in Betrieb.
Die „Wakra“ kam von Richard Kranich & Sohn in Leipzig, ähnliche Baumuster von den Firmen Ossan Company, USA und Hermann, Berlin. Weitere Unternehmen waren neben anderen die Firmen Fischer in Wien und Louis Brocks in Leipzig. Andere Hersteller von Pelznähmaschinen waren oder sind unter anderem Bonis (USA), Kranich, Lebbäus, Pfaff, Porkert, Rimoldi und Wollenberg. Die Maschinen weisen untereinander gewisse Abweichungen in Form, Konstruktion und Leistung auf, sind sich jedoch im Prinzip gleich.
Nach dem letzten Krieg baute man in der DDR eine eigene Maschine, die „Textima“ der VEB Textima Nähmaschinenwerke in Limbach-Oberfrohna. Das neuere Modell wies einige erhebliche Konstruktionsänderungen auf. Insbesondere wurde die Kurvenscheibe der Greiferkurve anstelle aus Stahl aus dem Werkstoff „Novtex“, einem Pressstoff, hergestellt. Hervorgehoben wurde die dadurch erzielte Gewichtseinsparung von 5/6. Auch hatte die Maschine bereits ein öldichtes Gehäuse mit einer modernen, wartungsfreien Ölstaubschmierung (normalerweise: täglich ölen, einmal wöchentlich Innenraum komplett reinigen und neu ölen).
Eine Revolution des Auslassnähens schien ein 1981 auf der Pelzmesse in Frankfurt am Main als Prototyp vorgestellter Fellauslassautomat der Firma Pfaff zu sein. Die erstaunliche Konstruktion erledigt den kompletten Arbeitsgang vom Schneiden der Felle, dem Rücken der Auslassschnitte nach vorgegebener Berechnung und dem Nähen in einem Arbeitsgang (Modell 3560). Es gab Optionen auf diese Neuentwicklung in Höhe eines zweistelligen D-Mark-Millionenbetrages. 1984 war das Gerät in Serienreife fertig und wurde erstmals ausgeliefert. Nach Angaben der Firma gingen Aufträge aus vielen Ländern ein, trotzdem wird der Auslassautomat wohl seit längerem nicht mehr hergestellt.
Pelznähmaschine mini|hochkant=1.4|Griechische Pelznäher bei der Pelzstücken-Verarbeitung (1955)
Pelzmaschinennäher