Die Volksabstimmung in Sopron (in Österreich oftmals: Volksabstimmung in Ödenburg) und Umgebung fand vom 14.–16. Dezember 1921 statt. Durch sie wurde entschieden, dass die Stadt Sopron ([]; deutscher Name: Ödenburg) und die umliegenden Dörfer bei Ungarn verblieben. Damit war Österreichs Absicht hinfällig, Ödenburg zur Hauptstadt seines neuen Bundeslandes Burgenland zu machen.

Die Volksabstimmung als solche war ursprünglich nicht in den Verträgen von Saint-Germain und Trianon vorgesehen, in denen die Entente die unmittelbare Abtretung Westungarns an Österreich festgelegt hatte. Als Folge der Unstimmigkeiten beider Länder über den Verbleib Westungarns wurde schlussendlich vermittelt und unterstützt von der Entente die Volksabstimmung in einem Teil der strittigen Region abgehalten.

Vorgeschichte Vom römischen Scarbantia bis Deutsch-Westungarn (1.–19. Jahrhundert) Das spätere Abstimmungsgebiet am südwestlichen Ende des Neusiedler See (ungarisch ) gehörte ab 11 v. d. Z. zur römischen Provinz Pannonien. An der Stelle des heutigen Sopron lag die Siedlung Scarbantia. Ab dem 5. Jahrhundert n. d. Z. stand das Gebiet unter wechselnden Herrschaften (Ostgoten, Langobarden, Awaren). Um 800 gliederte Karl der Große es als Teil der Ostmark in sein Reich. In dieser Zeit begann die Christianisierung und Ansiedlung deutschsprachiger Siedlerinnen und Siedler aus Bayern.

Ab dem 10. Jahrhundert wanderten Magyaren in die Pannonische Tiefebene ein und siedelten sich dort an. Mit der Gründung des Königreichs der Ungarn durch Stephan I. im Jahr 1001 gehörte das Land bis rund um den Neusiedler See zur ungarischen Herrschaft und wurde in mehrere Komitate unterteilt. Die ungarische Krone lud zudem vor allem in Baiern weitere Handwerker und Bauern ein, sich in dem nur dünn besiedelten Gebiet niederzulassen. Auch nachfolgende ungarische Könige setzten diese aktive Ansiedlungspolitik fort. Über die Zeit bildete sich in dem Gebiet um Sopron/Ödenburg eine vorwiegend deutsche Adelsschicht. Es folgten weitere Siedlungswellen aus Württemberg im 16. Jahrhundert und lutheranische Schwaben aus der Bodenseeregion im 17. Jahrhundert. Ebenfalls seit dem 16. Jahrhundert siedelten sich Gruppen von Kroaten in der Region an, die vor dem Osmanischen Reich geflohen waren.Sarah Wambaugh: Plebiscites since the war, Band 1, S. 273.

Im Verlauf des Mittelalters entwickelte sich allmählich ein Konflikt zwischen der ungarischen Krone und den österreichischen Herzögen, bei dem das Gebiet um Ödenburg/Sopron im 15. Jahrhundert zeitweise unter direkte Kontrolle des Hauses Habsburg geriet, das unter Ferdinand I. auch den Anspruch auf die ungarische Krone erwarb. Im Verlauf des 17. Jahrhunderts und um angesichts der Bedrohung durch das Omanische Reich die Unterstützung reicher ungarischer Magnaten zu gewinnen, erhielten diese westungarische Herrschaften, wodurch das Komitat Ödenburg sowie die Umgebung wieder direkt zur ungarischen Krone kamen.

Westungarn in der Doppelmonarchie (1867–1918) Als Reaktion auf die Niederlage Österreichs im Deutschen Krieg 1866 und der Durchsetzung der kleindeutschen Lösung, orientierte sich das Haus Habsburg nach Osten und schuf mit dem Österreichisch-Ungarischen Ausgleich von 1867 die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn als Realunion. Die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts stärker werdende Magyarisierung führte dabei in Westungarn zunächst nur zur stärkeren Betonung der deutschen Identität, ohne dass jedoch die Zugehörigkeit zu Ungarn vor Ort selbst in Frage gestellt wurde.

Anders war dies jedoch in den politischen Debatten Österreichs. So wurde im März 1905 im Reichsrat erstmals die Forderung nach der Angliederung Westungarns an Österreich vorgebracht. Im Jahr 1906 erschien im deutschnational ausgerichteten Alldeutschen Tagblatt der Artikel „Westungarn zu Deutschösterreich“ von Joseph Patry, der anschließend auch als Flugschrift in hoher Auflage verbreitet wurde. Ebenfalls 1906 erschien das Werk Die Vereinigten Staaten von Groß-Österreich von Aurel Popovici aus dem Umfeld des Erzherzog Franz Ferdinand, das Westungarn ebenfalls dem vorgeschlagenen Staat „Deutsch-Österreich“ zuschlug. Im Oktober 1907 beschäftigte sich der niederösterreichischen Landtag mit Westungarn. Unmittelbare Folgen zeitigten diese Initiativen nicht, gab es doch in der Region selbst kaum ein Echo. Ungeachtet der Diskussionen im fernen Wien, zeigten sich – im Gegensatz zu anderen Teilen des Habsburgerreichs – keine tiefgreifenden Nationalitätenkonflikte in Westungarn.Béla Rásky: Fabricating a Border, S. 123.

Gebietsforderungen Deutschösterreichs (1918/19) Über die Haltung der Bevölkerung kann es daher nur Vermutungen geben, die zudem nur von einer rückwirkenden Legitimation und Ethnisierung der gegenwärtigen Verfasstheit des Burgenlandes geprägt sein können. Auch änderte sich die Stimmung während des entscheidenden Zeitraums offensichtlich immer wieder. Sie hing im Wesentlichen von der politischen Konstellation ab: davon, ob in Ungarn gerade die Räterepublik – die Westungarn Autonomie gewährte – an der Macht war oder ein konservativer Kurs herrschte bzw. welche Regierung in Wien gerade am Ruder war. Der österreichische Gesandte in Budapest, Hans von Cnobloch, formulierte 1919 in einem Bericht:

hochkant=1.5|mini|Beanspruchtes Gebiet der Republik Deutschösterreich laut Staatserklärung vom 22. November 1918 Von einem konsistenten ethnischen Bewusstsein der Bevölkerung kann also kaum gesprochen werden. Die Frage der staatlichen Zugehörigkeit wurde von Kleinbauern, Bürgern und aristokratischen Großgrundbesitzern gleichermaßen vielmehr aus den möglichen politisch-ökonomischen Alternativen abgeleitet: Land- und Gutsbesitz zusammenzuhalten, sich Absatz- und Umschlagmärkte zu sichern.

Die Staatserklärung über Umfang, Grenzen und Beziehungen des Staatsgebietes von DeutschösterreichStGBl. Nr. 41 / 1918 vom 22. November 1918 erhob den Anspruch Österreichs auf Deutsch-Westungarn nach einer abzuhaltenden Volksabstimmung. Forderungen nach der sofortigen Annexion des Gebietes scheiterten jedoch schon in den Debatten der Nationalversammlung,Stenographische Protokolle über die Sitzungen der Provisorischen Nationalversammlung für Deutschösterreich. 1918 und 1919. Bd. I., 14. November 1918, S. 95 nicht zuletzt weil Ungarn drohte, die für Wien lebenswichtigen Lebensmittellieferungen einzustellen.

Im Dezember 1918 kam es in Westungarn zu mehreren pro-österreichischen Demonstrationen: Am 6. Dezember wurde in Nagymarton (heute Mattersburg) die Republik Heinzenland proklamiert, und am 15. Dezember 1918 forderten vierzig Gemeinden in Heiligenkreuz den Anschluss an die Steiermark. Auch hier standen nicht so sehr nationale oder ethnische Gründe im Vordergrund, sondern die Frage der wirtschaftlichen Verflechtungen mit den Märkten in Graz, Fürstenfeld und Feldbach. In Sankt MargarethenSoós G. Katalin: Magyar-bajor-osztrák titkos tárgyalások és együttműködés 1920–1921 (Ungarisch-bayrisch-österreichische geheime Verhandlungen und Zusammenarbeit 1920–1921). Szeged 1967, S. 12 und einigen weiteren Ortschaften kam es auch zu unter nicht erforschten Bedingungen abgehaltenen Abstimmungen, die beispielsweise in Klingenbach für den Verbleib bei Ungarn ausgingen.Norbert Leser: Vom Sinn der burgenländischen Geschichte. In: Richard Berczeller, Norbert Leser: …mit Österreich verbunden. Burgenlandschicksal 1918–1945. Jugend und Volk, Wien/München 1975, S. 18 Insgesamt wurden aber solche oder ähnliche Aktionen von der ungarischen Exekutive, unter deren Oberhoheit das Gebiet noch stand, sehr rasch unterdrückt.

Der Weg zur Volksabstimmung (1919–1921) Deutsch-Westungarn kommt zu Österreich (Feber 1919 – Jänner 1920) mini|Der Tschechische Korridor Im Feber 1919 begannen die Pariser Friedensverhandlungen, bei denen jedoch weder die Republik Deutschösterreich noch die Ungarische Demokratische Republik direkt teilnehmen durften. Die Frage der genauen territorialen Aufteilung der früheren Gebiete der Doppelmonarchie auf die verschiedenen ab 1918 entstandenen Staaten, gehörte dabei zu den zentralen Problemstellungen.

Bereits seit 1915 hatten tschechische Nationalisten über die Frage diskutiert, ob es nach dem Zerfall Österreich-Ungarns und der Gründung unabhängiger slawischer Staaten in Europa eines Gebietskorridors bedürfe, der diese slawischen Nationen im Norden mit denen im Süden verbinde. Nachdem 1918 tatsächlich die Tschechoslowakei nördlich, und der Staat der Slowenen, Kroaten und Serben (SHS-Staat) südlich von Ungarn und Österreich entstanden waren, erhielt diese Frage neue Bedeutung. So brachte die tschechoslowakische Delegation in Paris die Forderung nach einem Korridor vor, konkret durch Annexion der vier ungarischen Komitate Moson, Sopron, Vas und Zala. Österreich wies den tschechoslowakischen Vorschlag zurück und unterstrich seine eigenen Forderungen nach Angliederung der Komitate Moson, Sopron und Vas. Zu diesem Zweck wurde statt der bis dahin häufig gebrauchten Bezeichnung „Deutsch-Westungarn“ zunächst vom „Dreiburgenland“ gesprochen, ab Herbst 1919 setzte sich dann in Österreich die Bezeichnung „Burgenland“ durch.Sarah Wambaugh: Plebiscites since the war, Band 1, S. 274. Im Mai 1919 wurde in Wien eine Massenkundgebung für die Annexion Westungarns abgehalten, unterstützt von entsprechenden an die Friedenskonferenz gerichteten Petionen. Zugleich erreichten Paris aber auch Petionen, die sich ausdrücklich für einen Verbleib der Region bei Ungarn aussprachen.Sarah Wambaugh: Plebiscites since the war, Band 1, S. 275. Vor allem das Vereinigte Königreich und Italien wandten sich gegen den tschechischen Korridor, sodass die Idee schließlich fallengelassen wurde.Oskar Helmer: 40 Jahre Burgenland, S. 17–18.

mini|Ratifizierungsurkunde des Vertrags von Saint-Germain So sah der erste Entwurf der Entente für den Friedensvertrag von Saint-Germain vom 2. Juni 1919 noch die Beibehaltung der historischen Grenze zwischen Österreich und Ungarn vor.Béla Rásky: Fabricating a Border, S. 127. Die Regierung Deutschösterreichs stellte mit Schreiben vom 10. und 16. Juni 1919 ihre Position zur Westungarn-Frage dar. Sie betonte darin die enge wirtschaftliche Verflechtung und die große Bedeutung für die Lebensmittelversorgung, die das Gebiet insbesondere für Wien, Wiener Neustadt und Graz habe. Für die Versorgung Budapests sei Westungarn hingegen bedeutungslos. Die österreichische Regierung unterstrich dabei auch, dass sie ein Plebiszit für unabdingbar hielte, bevor eine Abtretung des Gebiets an Österreich erfolgen könne.Sarah Wambaugh: Plebiscites since the war, Band 1, S. 275.

Die Pariser Friedenskonferenz legte am 20. Juli 1919 eine überarbeitete Fassung des Friedensvertrags vor, der tatsächlich eine Abtretung Westungarn an Deutschösterreich, jedoch ausdrücklich ohne ein Plebiszit, vorsah. Verschiedene Gründe begünstigten diesen Meinungsumschwung der Entente. Einerseits lehnte Italien die Schaffung des geforderten tschechischen Korridors nachdrücklich ab. Es lag im Konflikt mit dem SHS-Staat um die Grenzziehung bei Fiume und wollte daher jede Stärkung des neu erstandenen Nachbarstaates vermeiden. Die Entente insgesamt stand der im März ins Leben gerufenen Ungarischen Räterepublik (das sogenannte Sowjetungarn) feindlich gegenüber und wollte keinesfalls, dass die Revolution auf Österreich übergriff. Ein Plebiszit, so die Begründung, sei unter den Bedingungen des Roten Terrors ohnehin nicht durchführbar. Zuletzt empfahl die US-amerikanische („Amerikanische Kommission zur Verhandlung von Frieden“) in einem internen Bericht, dass Österreich, das große Gebiete an seine Nachbarstaaten hatte abgeben müssen, durch Westungarn eine gewisse Kompensation erfahren solle, zumal es sich aufgrund der großen deutschsprachigen Bevölkerung hierfür besonders eigne.Sarah Wambaugh: Plebiscites since the war, Band 1, S. 275.