mini|Titelblatt der O.T.O.-Ausgabe Der Liber AL vel Legis oder Book of the Law („Buch des Gesetzes“; ursprünglich Liber L vel Legis, auch Liber Legis oder Liber 220CCXX = 220 ist die Nummer in der Reihe der Libri von Thelema.), mit vollem Titel Liber AL vel Legis sub Figura CCXX, delivered by XCIII = 418 unto DCLXVILiber AL oder Vom Gesetz unter der Zahl CCXX, gegeben von XCIII = 418 an DCLXVI. ist eine 1909 in London erschienene esoterische Schrift des britischen Okkultisten Aleister Crowley.

Der Liber AL vel Legis ist der zentrale Text der von Crowley begründeten Thelema-Bewegung, gilt als die einflussreichste Schrift der westlichen Esoterik im 20. Jahrhundert und wird auch in anderen esoterischen Strömungen als bedeutender Text anerkannt.Marco Frenschkowski: Heilige Schriften der Weltreligionen und religiösen Bewegungen. Wiesbaden 2007. S. 253.

Textentstehung mini|Stilisierte Abbildung der Stele der Offenbarung Im Frühjahr 1904 war Crowley mit seiner Frau Rose, geborene Kelly, auf der Rückreise, nachdem sie die geplante Hochzeitsreise in den Fernen Osten auf Ceylon abgebrochen hatten, da Rose schwanger geworden war. Das Paar machte Station in Kairo, wo Crowley seine junge Frau mit der Beschwörung von Elementargeistern zu beeindrucken suchte. Zu diesem Zweck hatte er eines der von ihnen bewohnten Hotelzimmer als Tempel eingerichtet. Rose sah keine Sylphen, fiel aber in eine Trance und murmelte „Sie erwarten dich.“ Crowley maß dem zunächst keine Bedeutung bei und schrieb es der Schwangerschaft oder dem Alkohol zu. Die Äußerungen wiederholten sich jedoch in den folgenden Tagen und schließlich sagte Rose, dass der Wartende der ägyptische Gott Horus sei. Crowley überprüfte das, indem er Rose in Hinsicht auf die esoterischen Entsprechungen des Gottes (Farbe, Planet, Attribute etc.) examinierte. Zu seiner Überraschung gab Rose durchweg richtige Antworten, was Crowley nun meinte, nicht mehr für Zufall halten zu können.Richard Kaczynski: Perdurabo : The Life of Aleister Crowley. North Atlantic Books, 2010, ISBN 978-1-58394-576-6, S. 123–129.Aleister Crowley: The Equinox of the Gods. O.T.O, 2004, S. 69ff.

Rose hatte also unter zahlreichen anderen Darstellungen des Horus die Stele des Anchefenchons (englisch Ankh-f-n-Khonsu) identifiziert, die in der Folge von Crowley und seinen Nachfolgern als Stélé of Revealing (Stele der Offenbarung) und seltener als Stele 666 bezeichnet wird.

Crowley führte entsprechend den Anweisungen seiner Frau erstmals am 20. März in seinem Hotelzimmer-Tempel ein Ritual für die Invokation von Horus durch, bei dem ihm der Beginn eines neuen Äons, des Äon des Horus, verkündet wurde. Am 7. April forderte Rose ihn auf, er solle sich in den kommenden drei Tagen jeweils um 12 Uhr mittags bis 1 Uhr im Tempel bereithalten, eine Offenbarung zu empfangen. Dementsprechend schrieb Crowley zwischen dem 8. und 10. April in der Stunde nach Mittag den Text des Liber LIm Manuskript stand zunächst Liber L, der Titel wurde erst später in Liber AL geändert. nieder, der ihm von einer schattenhaften Gestalt namens Aiwass diktiert worden war.

Die ursprüngliche Niederschrift, die in Form von als 66 Faksimileseiten als Liber 31 Eingang in den Kanon der Libri von Thelema fand (der Text des „Buchs des Gesetzes“ ist Liber 220), weist keine Verszählung und keine Aufteilung in Kapitel auf, die vermutlich den 3 Tagen der Niederschrift entsprechen. Eine Verszählung und Paginierung der Kapitelseiten fand offenbar erst nachträglich statt. Außerdem wurde einem Kommentar Crowleys zufolge auch die Interpunktion des Textes nachträglich ergänzt.Kommentar zu II:54 in: The Equinox I,7 (1912), S. 397. Einige Auslassungen des Textes wurden später von Rose Crowley ergänzt.Zum Beispiel in III:72: I am the Lord of the Double Wand of Power; the wand of the Force of Coph Nia—but my left hand is empty, for I have crushed an Universe; & nought remains. (Einfügung unterstrichen). Ebenso ergänzt wurden an diversen Stellen Zitate aus Crowleys Paraphrase des Textes der Stele der Offenbarung.

Manuskript und Text Abgesehen von diesen nachträglichen Änderungen wird in der Schrift selbst festgelegt, dass es keine nachträglichen Änderungen geben soll: „My scribe Ankh-af-na-khonsu, the priest of the princes, shall not in one letter change this book“ („Mein Schreiber Ankh-af-na-khonsu, der Priester der Fürsten, soll nicht einen Buchstaben dieses Buches verändern.“ I:36). Auf die präzise Wiedergabe von Satzzeichen wird jedoch kein Wert gelegt: „The stops as thou wilt; the letters? change them not in style or value!“ („Die Satzzeichen wie du willst; die Buchstaben? ändere sie nicht in Stil oder Wert!“ II:54). Auch bei abweichenden bzw. inkonsistenten Schreibweisen und augenscheinlichen Rechtschreibfehlern bleibt unklar, ob sie vom Autor (wer immer das war) beabsichtigt sind, weshalb den modernen Ausgaben des Liber AL stets eine Reproduktion der Faksimileseiten des Manuskripts beigefügt ist.

Obwohl Crowley später einen großen Teil seiner Zeit und Energie darauf verwandte, den Inhalt des Liber AL zu ergründen, es zu kommentieren und dem Text zu seiner heutigen Geltung zu verhelfen, zeigte er sich anfangs sehr widerwillig und zögerlich, sich mit dem Text zu befassen. Er packte das Manuskript bei der Abfahrt aus Kairo in einen Koffer und verlegte es irgendwann im Lauf der folgenden Jahre.Tobias Churton: Aleister Crowley. Watkins, 2011, S. 107. Auf der Suche nach irgendwelchen anderen Schriften auf dem Dachboden seines Hauses in Boleskine am Ufer des Loch Ness fand er es dann 1910 endlich wieder:

Er versah einige Zeit später den Umschlag des Manuskripts mit dem vorläufigen Titel Liber L vel Legis given from the mouth of Aiwass to the ear of The Beast on April 8, 9, 10, 1904 („Liber L vel Legis aus dem Mund von Aiwass gegeben zu Ohren Des Tiers am 8., 9. und 10. April 1904“) und ergänzte:

Das Zitat zeigt, dass Crowley damals noch eine ganz andere und distanziertere Auffassung vom Inhalt des Liber AL hatte und auch die Bedeutung des Inhalts anders einschätzte. In einer weiteren Ergänzung schreibt er, dass das Manuskript „im Juli 1906 in seinen Besitz kam“, was etwas unverständlich ist, wenn man nicht berücksichtigt, dass es Crowley im Juli 1906 gelang, mittels der Rituale der Abramelin-Magie in Kontakt mit seinem Heiligen Schutzengel zu kommen. Crowley hatte dementsprechend ergänzt: „D. h., dass ich ab diesem Zeitpunkt meinte, es meistern zu können.“

Das Manuskript verschwand nach Crowleys Tod erneut. Es war zusammen mit anderen Papieren Crowleys in den Besitz Karl Germers gekommen, Crowleys Nachlassverwalter und damals Oberhaupt des O.T.O. Nach Germers Tod blieb es verschwunden, bis 1984 Tom Whitmore, der neue Besitzer von Germers Haus in Berkeley, im Keller unter diversem Gerümpel zwei Schachteln mit Papieren fand, darin in einem Umschlag das Manuskript des Liber AL. Whitmore übergab die Papiere dem O.T.O. Wie sie in den Keller in Berkeley gekommen waren, bleibt unklar.John Michael Greer: Enzyklopädie der Geheimlehren. Ansata, München 2005, ISBN 3-7787-7270-8, S. 125.

Publikationsgeschichte Die erste Ausgabe erschien 1909 als Teil eines Privatdrucks von Crowley unter dem Titel ΘΕΛΗΜΑ zusammen mit mehreren anderen Schriften.Der Druck wird meist unter dem Titel Thelema bibliographiert. Die nächste Ausgabe war ein ebenfalls nur schwer fassbarer Privatdruck, der 1925 oder 1926 in Tunis erschien. Nur 11 Exemplare sollen gedruckt worden sein. Die Fassung enthält den sogenannten Tunis Comment mit ernsten Warnungen vor der Lektüre des Textes. Die erste Veröffentlichung des Textes mit nennenswerter Auflage erfolgte 1938 durch den O.T.O. in London, nun unter dem vollen Titel The Book of the Law (technically called Liber AL vel legis sub figura CCXX as delivered by XCIII=418 to DCLXVI).

Außerdem erschien das Book of the Law zusammen mit den Schriften der Publikation von 1909 und weiteren Texten in der Reihe The Equinox unter dem Titel The Holy Books of Thelema.The Equinox Bd. III, Nr. 9. Korrigierte Ausgabe: Samuel Weiser, New York 1989, ISBN 0-919690-20-3.

Autorschaft Als Autor des Textes des Liber AL wird von Crowley in der Einleitung ein Geistwesen namens Aiwass benannt. In den Ausgaben werden 3 Autoren mit ihren Zahlen bzw. Initialen ausgewiesen, nämlich 93, 666 und V.V.V.V.V. Dabei ist 93 die Zahl von AiwassEigentlich ist 93 der Zahlenwert von Thelema bzw. Agape (Liebe), es steht aber auch für Aiwass, vgl. Crowleys New Comment zu I:7., 666 steht für Crowley als To Mega Therion, das apokalyptische Tier Sechshundertsechsundsechzig und V.V.V.V.V. sind die Initialen von Vi Veri Vniversum Vivus Vici, dem Ordensnamen von Crowley als Magister Templi.

Außerdem ist die Einleitung von „O.M.“ unterschrieben, was für steht, einem weiteren Ordensnamen Crowleys (als Adeptus Exemptus) und schließlich ist der Kommentar am Ende des Buches (siehe Abschnitt Kommentare) unterzeichnet von Ankh-f-n-khonsu, dem englischen Namen (Anchefenchons in deutscher Transliteration) des altägyptischen Priesters, dem die Stele der Offenbarung gewidmet ist, hier aber für Crowley steht. Im Old Comment zu I:5 schreibt Crowley: „Es ist anzunehmen, dass Ankh-f-n-khonsu, der Kriegerfürst von Theben, Priester des Men Tu, auf subtile Weise entweder mit Aiwass oder dem Tier [666 = Crowley] identisch ist.“ Ankh-af-na-khonsu erscheint auch in I:36 als „Schreiber“ und ein namenloser „Schreiber und Prophet“ wird in I:53 angesprochen. Sonst erscheint Ankh-f-n-khonsu noch mehrfach in einzelnen Versen aus Crowleys freier Übertragung des Textes der Stele der Offenbarung, die er an mehreren Stellen in den Text des Liber AL eingebaut hat.

Kommentare Zahlreiche Stellen des Textes sind schwer oder gar nicht verständlich, und zwar nicht nur für normale Leser, sondern auch für Crowley selbst, woraus sich die Notwendigkeit einer Kommentierung ergibt. Diese Kommentierung wird bereits im Text selbst angesprochen: My scribe Ankh-af-na-khonsu, the priest of the princes, shall not in one letter change this book; but lest there be folly, he shall comment thereupon by the wisdom of Ra-Hoor-Khu-it. („Mein Schreiber Ankh-af-na-khonsu, der Priester der Prinzen, soll dies Buch nicht um einen Buchstaben verändern; aber damit nicht Narrheit entstehe, soll er es nach der Weisheit von Ra-Hoor-Khu-it kommentieren.“ I:36). Und an späterer Stelle: But the work of the comment? That is easy; and Hadit burning in thy heart shall make swift and secure thy pen. („Doch das Werk des Kommentars? Dies ist leicht; und Hadit, in deinem Herzen brennend, wird deine Feder schnell und sicher führen.“ III:41). Davon konnte allerdings keine Rede sein. Crowley tat sich außerordentlich schwer mit der Erarbeitung eines Kommentars.

Crowley verfasste zunächst einen kurzen Kommentar, der unter dem Titel Liber Legis. The Comment 1912 in The Equinox I,7 erschien. Es handelt sich um eine Reihe kurzer, manchmal nur einzeiliger Kommentare zu den einzelnen Versen, oft eher im Charakter von Notizen als einer allgemeinverständlichen Erläuterung. Dieser Kommentar wird heute als Old Comment bezeichnet.

1919 schrieb Crowley dann eine erste Fassung eines umfangreicheren Kommentars, die er 1921/1922 noch einmal deutlich erweiterte. Das Typoskript dieses als New Comment bezeichneten Kommentars blieb bis heute unveröffentlicht. Die Arbeit der Überarbeitung und Herausgabe dieses Kommentars übertrug Crowley dem britischen Schriftsteller, Herausgeber und Biographen Louis Wilkinson.

Crowley stand dem Vorhaben anscheinend skeptisch gegenüber, zumindest schrieb er in einem Einführungsschreiben für Wilkinson: