Sexualethik, in gewissem Sinne auch Sexualmoral (älter auch Geschlechtsmoral), ist ein Teilbereich der Angewandten Ethik, der sich mit der Sexualität des Menschen, seinem Geschlechtsleben und dessen Beurteilung beschäftigt. Die Beurteilung der sozialen Normen und Wertvorstellungen für das sexuelle Verhalten des Menschen, welches von der jeweiligen Gesellschaft und ihrer Epoche abhängig ist, erfolgt anhand von allgemeinen ethischen Prinzipien.

Bis zum 18. Jahrhundert war die Sexualmoral in Europa wesentlich vom Christentum und durch christliche Werte bestimmt. Im 18. und 19. Jahrhundert und am Anfang des 20. Jahrhunderts, als der Begriff Sexualethik erstmals in der Literatur verwendet wurde, war sie von der Auseinandersetzung mit christlicher Moral, bürgerlichen Moralvorstellungen und der Frage nach einer natürlichen Sexualmoral (Biologismus) geprägt. Unter dem Einfluss des Feminismus, der Antibabypille und der Sexuellen Revolution begann ab den 1960er Jahren eine Liberalisierung der Sexualmoral, die zu einem Wandel in der Sexualethik führte. Zentrale Maßstäbe für die moderne Sexualethik sind die Würde der Person, Freiwilligkeit, Verantwortung und die Menschenrechte.

In der Gegenwart werden die vielfältigen Ausdrucksformen menschlicher Sexualität in vielen Ländern weitgehend akzeptiert und vornehmlich dahingehend bewertet, ob sie anderen psychischen oder physischen Schaden zufügen oder nicht. Die AIDS-Problematik hat dazu geführt, dass sexuelle Aufklärung und Safer Sex zu wichtigen öffentlichen Anliegen der Sexualethik geworden sind.

Häufig diskutierte Themen der Sexualethik sind Sexualerziehung, Masturbation, vorehelicher Geschlechtsverkehr, eheähnliche Gemeinschaften, Homosexualität, sexuelle Identität und Prostitution.

Begriffe Nach philosophischer Terminologie ist die Sexualethik die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Sexualmoral, also die Reflexion über die in der jeweiligen Gesellschaft geltenden Normen und Werte in Bezug auf die menschliche Sexualität. Beide, Ethik und Moral, wirken sich – je nach Kultur und Staat – auf die Gesetzgebung aus. Sie beeinflussen zum Beispiel die Höhe des Schutzalters, das Ehe- und Familienrecht, den rechtlichen Status von Homosexualität und das Sexualstrafrecht. Die Sexualethik hat Berührungspunkte mit der Bioethik, Medizinethik und Sozialethik, wobei ethische Fragen im Zusammenhang mit der Fortpflanzung (Reproduktionsmedizin), wie Samen- und Eizellspenden und Leihmutterschaft behandelt werden. Die Themen Prostitution und Pornografie werfen auch viele sozialethische, politische und rechtliche Fragen auf, weil sie oft mit Menschenhandel und wirtschaftlicher und psychologischer Ausbeutung in Zusammenhang stehen.

Die religiöse Ethik (theologische Ethik) orientiert sich bei der Beurteilung des moralischen Verhaltens zusätzlich an den ethischen Grundprinzipien, wie sie in den Heiligen Schriften und Traditionen der jeweiligen Religion formuliert sind, und zieht daher bei einigen Fragen andere Schlüsse als die allgemeine Ethik.

Geschichtliche Entwicklung in Europa Antike Im antiken Griechenland wurde Sexualität als normaler menschlicher Trieb angesehen. Spaß am Sex galt als wichtig für ein gutes Verhältnis zwischen Mann und Frau, Fruchtbarkeit und Liebe. Andererseits galt weibliche Jungfräulichkeit bis zur Ehe als strenges Gebot. In vielen griechischen Städten konnten Männer wie Frauen für die Missachtung dieses Gebotes hingerichtet werden. Kulturell wurde mit diesen Verhältnissen gespielt. Unentdeckte, anrüchige Entjungferung kam in vielen Geschichten vor, die mit der gesellschaftlichen Strenge spielten. Ein Beispiel hierfür ist die Mythologie, die voll ist von sexuellen Erlebnissen, so z. B. den zahlreichen Verführungen des Zeus, der sich in Tiere verwandelt um sich Frauen zu nähern. Im Kriegsfall wurden nach einem Sieg Vergewaltigungen oft gezielt eingesetzt, um die Feinde zu entehren. Männliche Homosexualität war akzeptiert und wurde teilweise gefördert. So wurde etwa in Theben im 4. Jahrhundert v. Chr. die heilige Schar formiert, eine militärische Elitetruppe, die ausschließlich aus männlichen Liebespaaren bestand.

Die römische Republik und frühen Kaiserzeit war eine Gesellschaft, deren Wohlstand auf der Unterdrückung rechtloser Sklaven basierte. Die erwartete Sexualmoral hing hier erheblich vom gesellschaftlichen Stand ab. Sklaven waren unabhängig von Alter und Geschlecht gezwungen, jedes sexuelle Bedürfnis der Sklavenhalter zu befriedigen oder als Prostituierte in Bordellen oder Thermen zu arbeiten und den Lohn an ihre Herren abzuführen. Dieses kontinuierliche Missbrauchsverhältnis war gesellschaftlich völlig akzeptiert. Anders sah es mit der Erwartung gegenüber Frauen aus den Schichten der Plebejer und Patrizier aus. Der Wert der pudictia, der sexuellen Zurückhaltung und Reinheit, wurde als Idealbild der freien Frauen als mater familias gelobt, auch wenn kein gesellschaftlicher Zwang zur Askese bestand und Verstöße gegen die Sexualmoral nicht geahndet wurden. Die römische Religion beförderte diese Werte. Besonders herauszuheben ist dabei der Vesta-Kult. Der Verlust der Jungfräulichkeit einer Vestalin, einer Priesterin der Göttin Vesta, konnte nach römischem Glauben großes Unheil bis hin zum Ausbruch von Epidemien oder Naturkatastrophen über Rom bringen.

Ein gravierender Wandel der Sexualmoral trat mit der Verbreitung des Christentums ein. Bereits Passagen im ersten Korintherbrief des Apostels Paulus können als Forderungen nach strenger Monogamie, die so zu einem zentralen Wert des frühen Christentums wurde, und Verurteilung von Homosexualität gedeutet werden. Ein Verstoß gegen die gesellschaftliche sexuelle Moral wurde nun als Sünde mit Auswirkungen auf das Leben nach dem Tod gewertet, was der strengen Einhaltung der gesellschaftlichen Sexualmoral eine deutlich zentralere Bedeutung verlieh. Polygames oder homosexuelles Verhalten wurde mit der abzulehnenden, paganen Kultur in Verbindung gebracht, von der sich die frühen Christen gezielt abgrenzten. Mit der christlichen Verurteilung jeglicher Sklaverei stellten die frühen Christen sich auch entschieden gegen die zeitgenössische Prostitution.

Besondere Bedeutung in der Festigung einer frühchristlichen Sexualmoral kommt Augustinus von Hippo zu. Dieser brachte unter dem Einfluss des Neuplatonismus und der Stoa einen ausgeprägten Sexualpessimismus in die kirchliche Lehre des jungen Christentums ein, der zuvor innerhalb der Ehe nicht anzufinden war. In seiner Erbsündenlehre (Konkupiszenz) behauptete er, bereits irgendein sexuelles Begehren würde den Menschen zur Sünde verleiten.Walter Schaupp: (PDF) Theol. Uni Graz, Sommersemester 2010, S. 23f. Als besonders verehrter Heiliger und Kirchenvater waren seine Lehren noch das ganze Mittelalter hindurch prägend für die Sexualmoral im christlichen Europa, insbesondere als Vorbild für das europäische Mönchtum und die Begründung des priesterlichen Zölibats.

Mittelalter Das ganze Mittelalter hindurch wurden verheiratete Frauen quasi als Eigentum ihres Mannes angesehen, der frei über ihr Handeln verfügen konnte. Während Frauen in Landwirtschaft und Handwerk notwendige Hilfskräfte des Mannes waren, waren sie in der adeligen Oberschicht lediglich Schmuckstück ihres Mannes, komplett gesellschaftlich ausgeschlossen und auf private Aktivitäten festgelegt. Oft wurden Ehen bereits in frühester Kindheit arrangiert, so dass keine freie Wahl von Sexualpartnern möglich war. Da nur eindeutig eheliche Nachkommen erbberechtigt waren, wurde weibliche Sexualität rigide unterdrückt, um die Geburt unehelicher Kinder zu verhindern. Nach diversen frühmittelalterlichen Rechtsordnungen durfte ein Mann seine untreue Gattin legal töten, noch bis ins 15. Jahrhundert hinein waren gegenüber untreuen Frauen drakonische Körperstrafen, wie z. B. das Abschneiden der Nase, nicht unüblich.

Ganz anders sah es mit der Sexualmoral bzw. GeschlechtsmoralVgl. etwa Gustav Jung: Die Geschlechtsmoral des deutschen Weibes im Mittelalter. Eine kulturhistorische Studie. Ethnologischer Verlag Dr. Friedrich S. Krauss, Leipzig 1921. gegenüber Männern aus, insbesondere mit dem Anwachsen der Städte im Hochmittelalter. In vielen Städten wurden Bordelle nun städtisch betrieben. Da man keine Chance sah, die Prostitution effektiv zu verhindern, strebten die Städte an, sie wenigstens zu kontrollieren. Von der Kirche wurde der Gang zur Prostituierten als eine kleinere Sünde angesehen als der Verlust der Jungfräulichkeit einer unverheirateten, keuschen Dame. Bordelle wurden in der städtischen Oberschicht vielerorts als Möglichkeit angesehen, Vergewaltigungen zu verhindern. Ein Beispiel für eine deutliche Verdammung dieser kirchlichen Politik findet sich bei Thomas von Aquin. Dieser beurteilt Sexualität als grundsätzlich gut, sieht jedoch jeden „nicht naturgemäßen“ oder „nicht vernunftgemäßen“ Gebrauch (Ehebruch, Prostitution, Selbstbefriedigung, Coitus interruptus, Homosexualität) als Sünde an. Die Art der Durchsetzung einer Sexualmoral durch die Obrigkeit unterschied sich im Mittelalter je nach Ort enorm.

Frühe Neuzeit Die Konflikte der Sexualmoral in der frühen Neuzeit lassen sich z. B. gut an den Schriften des Reformators Martin Luther festmachen. In seinen Verurteilungen des Papstes machte er sich unter anderem über ihn lustig, indem er ihm Homosexualität vorwarf, die nach wie vor als Sünde verdammt galt. Auf der anderen Seite wurde im Protestantismus die priesterliche Ehe erlaubt, da in dessen Denkweise eine deutlich positivere Einstellung zum ehelichen Sex aufkam, als dies im Katholizismus der Fall war. Das Sakrament der Ehe und die damit einhergehende eheliche Sexualität wurden zunehmend gefeiert und nicht mehr als abzulehnende fleischliche Lust kritisiert. Gegenüber unehelicher Sexualität hingegen wurden die moralischen Verbote, die nun zunehmend Männer und Frauen in einem ähnlichen Maße betrafen, konfessionsunabhängig stärker. Über ganz Europa hinweg wurden im 16. und 17. Jahrhundert Bordelle geschlossen und moralische Verstöße gesellschaftlich wie gerichtlich geahndet, z. B. durch die spanische Inquisition. Mütter unehelicher Kinder wurden gesellschaftlich geächtet und mit empfindlichen Strafzahlungen belegt. Die im 16. Jahrhundert beginnende Hinwendung zu einer christlichen Sexualmoral erwuchs jedoch weniger einer frühmodernen Homiletik, sondern der Angst vor der auch „Lustseuche“Konrad Meyer-Ahrens: Geschichtliche Notizen über das erste Auftreten der Lustseuche in der Schweiz und die gegen die weitere Ausbreitung der Krankheit in der Schweiz und namentlich im Kanton Zürich getroffenen Maaßregeln, nebst einigen Notizen über den Aussatz. In: Schweizerische Zeitschrift für Natur-Heilkunde. Band 6 [= Neue Folge 3], 1841, S. 322–341. genannten Infektionskrankheit Syphilis.Gundolf Keil: Umgang mit AIDS-Kranken als Herausforderung an eine humane Gesellschaft. „Statement“ zum Akquirierten Immun-Defizienz-Syndrom aus fachhistorischer Perspektive. In: Johannes Gründel (Hrsg.): AIDS. Herausforderung an Gesellschaft und Moral. 2. Auflage. Düsseldorf 1988 (= Schriften der Katholischen Akademie in Bayern. Band 125), S. 31–41, hier: S. 38–41.