miniatur|hochkant|Stolperstein für Kurt D. Singer, Berlin-Wilmersdorf Jenaer Straße 9 Kurt D. Singer (eigentlich Kurt Deutsch, Pseudonym P. Carbone, * 10. August 1911 in Wien, Österreich-Ungarn; † 9. Dezember 2005 in Santa Barbara) war ein österreichisch-amerikanischer Publizist und Spion.
Leben Kurt Deutsch war ein Sohn des Geschäftsmanns Ignatz Deutsch († 1925) und seiner Frau Irene, geb. Singer. Seine Mutter stammte aus einer jüdischen Familie, sein Vater war Katholik,Herbert Lehner: Kurt Singer, in: Deutsche Exilliteratur seit 1933. Band 3/2: USA, München: Saur 2001, ISBN 978-3-907820-46-9, S. 489–501 (Volltext) er selbst war katholisch getauft, wurde vor allem im gemäßigt religiösen jüdischen Haushalt der Großeltern geprägt und bezeichnete sich später als überzeugten Freidenker und Agnostiker.Kurt D. Singer Collection, Leo-Baeck-Institut, New York Ab 1919 wuchs er in Berlin auf. Nach dem frühen Tod des Vaters musste er seinen Besuch des Kaiser-Friedrich-Realgymnasiums in Berlin-Neukölln abbrechen und machte eine Lehre in einem Unternehmen, das Eisenbahn-Güterwagen baute und an Firmen vermietete. mini|Olivaer Platz, 1914 mini|hochkant|Stolperstein für Hilde Singer, Berlin-Wilmersdorf, Jenaer Straße 9 Nach einem kurzen Studium an der Universität Zürich 1932 heiratete er die Röntgenassistentin Hilde, geb. Tradelius (1911–2014). Nachruf, Der Tagesspiegel Ihre Eltern Alice und Siegfried Tradelius aus der Jenaer Straße in Der Tagesspiegel vom 18. April 2014 erwarben für das Paar die Buchhandlung am Olivaer Platz. In dessen Keller stellten Kurt und Hilde Deutsch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 illegale Flugblätter her. Die Aussage einer Mitarbeiterin führte im Februar 1934 zur Verhaftung von Hilde Deutsch und zur Flucht von Kurt Deutsch. Er ging zunächst nach Reichenberg und dann über Prag und Wien nach Schweden. Seine Frau kam nach einem Jahr Haft frei und folgte ihm nach Schweden. Von seinen Verwandten wurden seine Mutter Irene, seine Großeltern Julius und Clementine Singer, seine Onkel Adolf Deutsch und Leo Bratmann und seine Cousins Richard Deutsch und Nemeti Sandor im Holocaust ermordet; seine Schwiegermutter Alice Tradelius wurde 1938 erhängt in einer Zelle aufgefunden.Kurt D. Singer Collection, Leo-Baeck-Institut, New York
In Schweden war er als Journalist und Publizist in Stockholm tätig. Er schrieb zunächst unter dem Pseudonym P. Carbone und nahm dann den Mädchennamen seiner Mutter Singer an. Er war Mitarbeiter der von Max Sievers herausgegebenen Wochenzeitung Freies Deutschland, schrieb für sozialdemokratische Zeitungen und veröffentlichte eine Reihe von anti-nationalsozialistischen Schriften. 1935 war er Mitbegründer des Ossietzky-Komitees. Seine 1936 veröffentlichte Biographie Ossietzkys und sein Einsatz im Komitee trugen mit dazu bei, dass Carl von Ossietzky am 23. November 1936 rückwirkend der Friedensnobelpreis des Jahres 1935 zugesprochen wurde. Später setzte sich das Paar dafür ein, dass Ossietzkys Tochter Rosalinda nach Schweden kommen konnte. Für die Zeitschrift Folket i Bild machte er ein Interview mit Leo Trotzki in dessen norwegischen Exil.
1939 erschien seine Veröffentlichung Göring. Tysklands farligaste man, in der er Hermann Göring wegen seiner Drogenabhängigkeit (Morphinismus) als Deutschlands gefährlichsten Mann darstellte. Das Buch wurde auf Verlangen der deutschen Regierung in Schweden beschlagnahmt. Einer geforderten Auslieferung entging Singer dadurch, dass er zum Auslandskorrespondenten einer Göteborger Zeitung gemacht wurde und damit ein Visum für die USA erhielt. Über den damals finnischen Hafen Petsamo erreichte er auf einem finnischen Schiff am 3. Juli 1940 New York City.
In den USA war er als Publizist, Autor und Redner tätig und übernahm Rechercheaufgaben für verschiedene alliierte Geheimdienste. Kurzzeitig war er auch Agent Otto Strassers in den USA. Nach Kriegsende wirkte er als Lektor und Autor.
1951 erwarb er einen Doktorgrad der School of Metaphysics in Indianapolis. Im selben Jahr erhielt er die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.
Er zog nach Kalifornien und gründete den Pressedienst Singer Communications Inc. in Anaheim.
Aus seiner ersten Ehe, die 1955 geschieden wurde, hatte er die Tochter Marian Alice Birgit, verh. Fozard (* 5. Januar 1940 in Stockholm – 29. November 2003 in Palm Harbor, FloridaTodesanzeige) und den Sohn Kenneth Walt (* November 1945). 1955 heiratete er in zweiter Ehe die Literaturagentin Jane Sherrod (1917–1985). Nach ihrem Tod heiratete er Kyung Ja (Katherine) Han (* 1944).
Nachlass Der Großteil seines Nachlasses sowie seine Bibliothek kamen an die Boston University., Howard Gotlieb Archival Research Center, Boston University Eine kleine Sammlung zu Kurt Singer besitzt das Leo-Baeck-Institut in New York.Kurt D. Singer Collection, Leo-Baeck-Institut, New York Seine Veröffentlichungen zu Lyndon B. Johnson und seinem Umfeld verwahrt die Lyndon Baines Johnson Library & Museum.Papers of Kurt D. Singer, 1960 - 1969
Bibliografie (Auswahl) Eigene Werke Det kommande Luftkriget. 1935 2. Auflage: Det kommande kriget. Folkets Förlag, Stockholm 1935. Carl von Ossietzky: fredskämpen i koncentrationsläger. Fredens Förlag, Stockholm 1936, ,mehrere Auflagen, auch Dänisch (übersetzt von Esther Gretor) und Englisch. Deutsch: Carl von Ossietzky. Europa-Verlag, Zürich 1937, , (mit einem Vorwort von Albert Einstein) Martin Niemöller: prästen i koncentrationslägret; med 50 brev från koncentrationslägret. Fridem, Stockholm 1938, . Göring. Tysklands farligaste man. Federativs Förlag, Stockholm 1939, . Duel for the Northland. The War of Enemy Agents in Scandinavia. McBride, New York 1943, . Spies and Traitors of World War II. Prentice-Hall, New York 1945, . Deutsch: Spione und Verräter des zweiten Weltkrieges. Falken, Zürich 1946, . Three Thousand Years of Espionage. Prentice-Hall, New York 1948, . The Worldʼs Greatest Women Spies. W. H. Allen, London, 1951. Deutsch: Die grössten Spioninnen der Welt. Übersetzt von N. O. Scarpi. Scherz, Bern 1954, . The Men in the Trojan Horse. Beacon Press, Boston 1953. Spione von heute. Übersetzt von Hans C. Retzer. Obelisk, Velden a. W. 1956 . The Danny Kaye Saga. Hale, London 1957, . Hemingway. Holloway House, Los Angeles 1961. . Mit Jane Sherrod Dr. Albert Schweitzer, Medical Missionary. Minneapolis: T. S. Denison 1963, . Mit Jane Sherrod: Lyndon Baines Johnson, Man of Reason. T. S. Denison, Minneapolis 1969, . I Spied and Survived. Autobiografie. Leisure Books, New York 1980, .
Herausgeber The Worldʼs Greatest Spy Stories. W. H. Allen, London 1954. Die im Schatten blieben. Übersetzt von L. Overhoff. Dörner, Düsseldorf 1958, Mit Jane Sherrod: Great Adventures in Crime. T. S. Denison, Minneapolis 1962, . Tales of Terror. W. H. Allen, London 1967. Deutsch: Horror: Gruselgeschichten aus alter und neuer Zeit. Übersetzt von Joachim A. Frank. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt a. M. 1968, ISBN 3-7632-1522-0, (Illustriert von Günther Stiller). Auch als: 13 Horror Stories – Weltberühmte Erzählungen aus dem Unheimlichen. Übersetzt von Wulf Bergner. Heyne (Heyne-Anthologien #36), München 1972, . Kurt Singerʼs Gothic Horror Book. Allen, London 1974, .
Deutsche Zusammenstellungen Horror. (Anthologie-Reihe)Heyne, München Horror 1 – Klassische und moderne Geschichten aus dem Reich der Dämonen. Übersetzt von Joachim A. Frank. 1969, . Horror 2 – Gruselgeschichten aus alter und neuer Zeit, (Ghouls and Ghosts, 1972). Übersetzt von Joachim A. Frank. 1969, . Horror 3 – Klassische und moderne Geschichten aus dem Reich der Dämonen. Übersetzt von Joachim A. Frank. 1970, . Horror 4 – Klassische und moderne Geschichten aus dem Reich der Dämonen. Übersetzt von Charlotte Blauenstein. 1974, . Horror 5 – Klassische und moderne Geschichten aus dem Reich der Dämonen. Übersetzt von Richard Paul. 1975, .
Literatur Singer (urspr. Deutsch), Kurt, in: Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933 Band 1: Politik, Wirtschaft, Öffentliches Leben. München: Saur 1980, ISBN 9783110970289, S. 704 Singer, Kurt, in: Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft 18. bis 20. Jahrhundert. Berlin: de Gruyter 2002, ISBN 9783110949001, S. 1274 Nr. 9779 Herbert Lehner: Kurt Singer, in: Deutsche Exilliteratur seit 1933. Band 3/2: USA, München: Saur 2001, ISBN 978-3-907820-46-9, S. 489–501 (Volltext) Christoph Schottes: Die Friedensnobelpreiskampagne für Carl von Ossietzky in Schweden. Oldenburg 1997, ISBN 3-8142-0587-1 Buch als PDF Ursula Seeber (Hrsg.): Kleine Verbündete: Vertriebene österreichische Kinder- und Jugendliteratur. Wien: Picus, 1998, ISBN 3-85452-276-2, S. 161 Singer, Kurt. In: Ernst Fischer: Verleger, Buchhändler & Antiquare aus Deutschland und Österreich in der Emigration nach 1933: Ein biographisches Handbuch. 2. Auflage. Berlin : De Gruyter, 2020, S. 489
Weblinks
Nachruf in der LA Times Kurt Singer, Portraits of Survival – Survivor Stories, Jewish Federation of Greater Santa Barbara
Einzelnachweise
Kategorie:Person (Cisleithanien) Kategorie:Österreicher Kategorie:US-Amerikaner Kategorie:Geboren 1911 Kategorie:Gestorben 2005 Kategorie:Mann Kategorie:Person (Widerstand gegen den Nationalsozialismus) Kategorie:Person (Gemeinde Stockholm) Kategorie:Agent (Nachrichtendienst) Kategorie:Sachbuchautor Kategorie:Spionageroman Kategorie:Emigrant aus dem Deutschen Reich zur Zeit des Nationalsozialismus Kategorie:Horrorliteratur Kategorie:Person, für die in Berlin-Wilmersdorf ein Stolperstein verlegt wurde