mini|Werner W. Ernst im Interview mit der Tiroler Tageszeitung (2015) Werner W. Ernst (* 25. August 1947 in Salzburg) ist ein österreichischer Politikwissenschafter. Er war Professor am Institut für Politikwissenschaft der Universität InnsbruckUniversität Innsbruck: Institut für Politikwissenschaft - Ehemalige Mitarbeiter*innen & Emeriti des Instituts. Seine Forschungsschwerpunkte lagen vorrangig auf den Gebieten der politischen Theorie und Ideengeschichte, der Erkenntnistheorie, allgemeinen Gesellschaftslehre und psychoanalytischen Entwicklungstheorie. Besondere Aufmerksamkeit widmete er der Kritik an Recht und Moral, der Gewalt- und Negativitätsforschung sowie den Theorien des Bösen. Seine Erkenntnisse über diese Themen wurden in seinem Hauptwerk Das Böse, die Trennung und der TodWerner W. Ernst: Das Böse, die Trennung und der Tod. Eine Theorie des Bösen. Passagen Verlag, Wien 2014, ISBN 978-3-7092-0127-5. zusammengefasst.

Ernst war im Rahmen seiner Forschungstätigkeiten an der Universität Innsbruck Mitbegründer des interfakultären Arbeitskreises und der späteren Forschungsplattform Weltordnung – Religion – Gewalt, später Politik – Religion – Kunst, die sich durch ihre Inter- und Multidisziplinarität auszeichnete. Als ausgebildeter Psychotherapeut und Psychoanalytiker war er stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft für Psychoanalyse (Innsbruck). Er ist heute weiterhin als Psychoanalytiker in freier Praxis tätig.PsyOnline: Ernst Werner Mag. DDr. - Psychotherapeut (Psychoanalyse / Psychoanalytische Psychotherapie)

Leben Ernst wuchs in Mattsee (Salzburg) auf. Bereits 1949 erfolgte die erste Übersiedlung, nachdem sein Vater eine berufliche Stellung in Wien als Lehrer an einer HTL angenommen hat. 1952 zog der Vater mit seiner Familie nach Lenzing (Oberösterreich). Nach der Volksschulausbildung erfolgte der Besuch des Realgymnasiums in Vöcklabruck (1957 bis 1960) und in Gmunden (1961). Im Herbst 1962 kam es aus Gründen schlechter Schulleistungen zu einem Wechsel an die Textil-HTL in Wien, die Ernst wieder mit mäßigen Ergebnissen absolvierte. Den anschließenden, neunmonatigen Grundwehrdienst beendete er an der Heeressport- und Nahkampfschule des Österreichischen Bundesheeres (Leistungssport Judo).

Im Herbst 1968 begann Ernst ein Studium der Nationalökonomie und Philosophie an der Universität Wien und beteiligte sich am politischen Widerstand (68er-Bewegung). 1972 schloss er das Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften mit dem Magister ab, um 1972–1974 Politikwissenschaft als Postgraduiertenstudium am Institut für Höhere Studien zu studieren. Gleichzeitig belegte er ein Doktoratsstudium der Ökonomie an der Universität Wien und das Musikstudium im Hauptfach Klavier am Prayner Konservatorium (Dr. rer. soc. oec. 1974, staatliche Reifeprüfung in Klavier 1974; beides mit Auszeichnung).

Am 1. November 1974 erfolgte die Ernennung zum Universitätsassistenten am Senatsinstitut für Friedensforschung an der theologischen Fakultät der Universität Wien. 1978 schloss Ernst das wieder aufgenommene Studium der Philosophie und Politikwissenschaft (Dr. phil.; mit Auszeichnung) an der Universität Wien mit einer Dissertation über die Sozialdemokratie ab. 1982 wechselte er an das Institut für Wirtschaftswissenschaften der Universität Wien und habilitierte sich 1983 in Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck mit der Habilitationsschrift Legitimationswandel und Revolution. Studien zur neuzeitlichen Entwicklung und Rechtfertigung politischer Gewalt. 1985 übersiedelte er an das Institut für Politikwissenschaft der Universität Innsbruck, wo er ab März 1987 bis September 2012 als Universitätsprofessor für Politische Theorie und Ideengeschichte tätig war. Gegen die fachspezifische Enge hat Ernst eine Ausbildung zum Psychoanalytiker folgen lassen (1993 bis 1997). Studienreisen erfolgten unter anderen in die USA: 1989 und 1990 (Harvard University), 1990 (New York University), 1992 und 1993 (Arizona State University) und 1994 (Tulane University).

Werner W. Ernst lebt in Telfs (Tirol) und ist verehelicht mit der Kunstwissenschaftlerin Sybille Moser-Ernst (* 1955).

Setzungsanalyse „Hadern“ am herrschenden Positivismus in Wissenschaft und Alltag bewegte Werner W. Ernst in den 1990er Jahren zu einer Analyse der vorausgesetzten Annahmen (Setzungen) einer ausgrenzenden und einschränkenden Weltanschauung. Der Positivismus (lat. positivus, gesetzt, PPP von ponere, setzen) steht für ihn unter dem charakteristischen Zug, die Welt als vom Menschen gesetzt anzunehmen. Setzungen verdanken sich willkürlichen Herangehens durch den Menschen (Arbitrarität), während Erkenntnis auf Vorgängiges, bereits Daseiendes verweist, welches aus sich selbst heraus Entwicklung und damit auch Erkenntnis nach sich zieht. Der Begriff Setzung und die dazugehörigen Komposita ermöglichten ihm eine prägnante Beschreibung dieser verbreiteten Weltanschauung, welche als Setzungsgewalt herrscht und von ihm mit dem Pleonasmus „anthropozentrischer Setzungs-Positivismus“Werner W. Ernst: Anmerkungen zu einer Theorie der Denkgewalt, in: IDPRK - Innsbrucker Diskussionspapiere zu Politik, Religion und Kunst, Nummer 39 (Dezember 2010), Innsbruck 2010, abgerufen am 30. April 2017, S. 10. gekennzeichnet wurde. Eine Zusammenfassung der Setzungsanalyse veröffentlichte Ernst in dem Aufsatz Wissenschaftspositivismus und Psychoanalyse, in: Psychoanalyse an der Universität, 2004.

Als Erst‑Setzung erläutert Ernst die Ich-Setzung. Diese Ich‑Setzung bedeutet, dass der Mensch vorab, ohne noch nach anderen vorlaufenden Bestimmungsgründen Ausschau zu halten, das Ich zum alleinigen Grund für alle weiteren Herleitungen erhebt. Das, was zugrunde liegt, heißt im Lateinischen Subjekt (lat. subiectum, PPP von subicere, unterlegen, unterwerfen). Der Ich-Setzung entspricht daher die Subjekt-Setzung (egologisches Subjekt). Der Subjektstatus für und durch den Menschen gilt als selbstverständlich und ist tief in Denken und Sprache eingegraben. Im Weiteren kann der Mensch alles, was er nicht selber ist oder nicht sein möchte, über die Objekt-Setzung negieren (Nicht-Ich) und sich die Objekte als ihm entgegengeworfen vorstellen (lat. obiectum, PPP von obicere, etwas sich ent-gegen-werfen). Das Subjekt bildet für Ernst somit die Grundlage für den Objektstatus (Subjekt-Objekt-Spaltung), kurz: „der Mensch schafft die Welt“Werner W. Ernst: Europäisches Denken, Setzungsform und „Wahrheit“, in: A. Pelinka/F. Plasser (Hg.), Europäisch denken und lehren, Festschrift für Heinrich Neisser, Innsbruck 2007, S. 95. oder in der Alltagssprache: „der Mensch steht im Mittelpunkt“Werner W. Ernst: Moral und Pädagogik, in: Werner W. Ernst (Hg.), Aufspaltung und Zerstörung durch disziplinäre Wissenschaften, StudienVerlag, Innsbruck-Wien-München-Bozen 2003, S. 71. (siehe Humanismus).

Eine Fort-Setzung der Ich-Setzung erfolgt laut Ernst im logischen Denken durch die Denkgesetze (Axiome). Diese Denkgesetze kommen durch Gleich‑Setzung (Satz der Identität, lat. principium identitatis) und als Gegenprinzip durch Entgegen‑Setzung (Satz vom Widerspruch, lat. principium contradictionis) zustande. Entweder gehört etwas zum Selben (Identität) oder aber es gehört nicht dazu und steht deshalb in Gegensatz zu ihm (Kontradiktion, Differenz). Etwas Drittes gibt es nicht (Satz vom ausgeschlossenen Dritten, lat. tertium non datur). Unterschiede, Übergänge, Abweichungen, Zwischenräume, Verbindungen, Vermischungen von Dingen, Menschen, Zuständen oder Ereignissen sieht Ernst dem Urteil von Gleich-Setzung ausgesetzt, und wenn diese nicht gelingt, einer Verurteilung durch Entgegen-Setzung (Trennung/Abgrenzung) ausgeliefert. Wie versteinert stehen einander Identität und Differenz gegenüber, und den Zusammenhang zu denken, scheitert an der schizogenen Ausgangslage. Für ihn zeigt es sich noch schlimmer: Die Aufgespaltenheit (Auseinander-Setzung) drängt nach einer (idealistischen) Vorstellung von Ganzheit, welche sich über einen Akt der Zusammen‑Setzung herstellt. Diese sogenannten Denkgesetze herrschen laut Ernst als Denkgewalt (Trennungsgewalt) über Anders- oder Fremdheit.

Ich-Setzung (Subjekt) und Gleich-Setzung (Identität) ziehen für Ernst eine Folge von weiteren Setzungsakten nach sich, die er in seinen Schriften ausführlicher analysiert. Auszugsweise sind dies Setzungen wie: Anfangs-Setzung, Ursachen-Setzung, Voraus-Setzung (im Voraus setzen, Annahme), Fest-Setzung, Um-Setzung, Durch-Setzung, Über-Setzung, Mittel-Einsetzung, Zweck-Setzung, Ziel-Setzung, Rechts-Setzung (Gesetz), Grund-Setzung (Grundsatz), Norm-Setzung, Maßnahmen-Setzung, Herab-Setzung, Be-Setzung, Zer-Setzung, Aus-Setzung, Ent-Setzung.

Aus der Setzungswelt heraustreten bedeutet für Ernst, dass keinerlei Setzungsakte die Erkenntnis vorherbestimmen und dadurch trüben dürfen. Als Alternative zur Setzungsform geht er vom vorlaufenden Zusammenhang aus. Dieser Zusammenhang ist nicht aus Teilen zusammengesetzt (Zusammen-Setzung), sondern besteht aus Unterschieden an sich selber. Diese Unterschiede bilden sich evolutionär, indem Entwicklung oder Hervorbringung etwas ausdifferenziert, das anschließend ein Entwickeltes, Hervorgebrachtes ist. Dieser Unterschied sollte laut Ernst nie als so anders interpretiert werden, als hätte er mit der Hervorbringung nichts mehr zu tun. Der Zusammenhang von Hervorbringung und Hervorgebrachten hat sogar immer als größer zu gelten als ihr Unterschied. Selbst wenn sich das Hervorgebrachte, wie etwa der Mensch, seiner eigenen Hervorbringung entgegen‑setzt, ist für ihn deshalb der Zusammenhang nicht aufgelöst.

Transzendenz Die Setzungen und der höherrangige vorlaufende Zusammenhang schienen für Ernst eine angemessene wissenschaftliche Auslegung der universalen Zustände und Ereignisse zu bieten. Diskussionen mit Raymund Schwager ergaben, dass das Denken sich besonders die Frage stellen müsse, wie die Entstehung und das Ende des vorlaufenden Zusammenhanges zu denken sei, oder mit anderen Worten: Womit beginnt ein Anfang und wodurch ist ein Ende beschieden?Werner W. Ernst: Zur Transzendenz. In memoriam Raymund Schwager, in: R. Siebenrock/W. Sandler (Hg.), Kirche als universales Zeichen. In memoriam R. Schwager, Wien-Münster 2005, S. 450. Nach Schwager kommt es auf eine spezifische Sicht von Transzendenz an, welche schon in der (endlichen) Immanenz als sich erweiternder, zeitloser und un-endlicher Raum angelegt ist. Liebe, Leben und Verbindung stehen immer schon im Übergang zu einer Sphäre, die durch keine immanente Zweckhaftigkeit reduziert werden soll. Sein bisheriges Denken über die Immanenz ergänzte Ernst also um eine Transzendenz, die er als Urheberschaft von allem immanenten Sein als erstrangig und wesentlich beschreibt. Im Unterschied zur Transzendenz, in der Alles enthalten und aufgehoben ist, kann die Immanenz nur als unvollständig und mangelhaft gedeutet werden. Dieses grundsätzliche Defizit schafft den anfänglichen Erklärungsgrund für alles weitere innerweltliche Böse.Werner W. Ernst: Zur Transzendenz. In memoriam Raymund Schwager, in: R. Siebenrock/W. Sandler (Hg.), Kirche als universales Zeichen. In memoriam R. Schwager, Wien-Münster 2005, S. 454. Für Ernst bildete diese Ergänzung eine Denkerweiterung, worüber er in dem Aufsatz Zur Transzendenz. In memoriam Raymund Schwager, in: Kirche als universales Zeichen, 2005, berichtet.

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