mini|Außenansicht von Osten (2014) mini|Fenster der Südwand
Die evangelisch-lutherische Kirche St. Nicolaus im Hamburger Stadtteil Alsterdorf liegt auf dem Gelände der Evangelischen Stiftung Alsterdorf direkt an der Sengelmannstraße.
Kirchenbau Die Kirche St. Nicolaus hat eine wechselvolle Geschichte als Anstaltskirche der von Pastor Heinrich Sengelmann gegründeten Alsterdorfer Anstalten. Noch zu Lebzeiten von Sengelmann wurde sie 1889 im neogotischen Stil durch den Architekten Gustav Otte erbaut (Vorausgegangen war ein Dreier-Wettbewerb unter anderem mit Julius Faulwasser). Sie ist eines der letzten noch erhaltenen historischen Gebäude der damaligen Alsterdorfer Anstalten. Der Grundriss und eine Querschnittszeichnung wurden bereits 1890 in Hamburg und seine Bauten, Band 1 abgebildet. Die gesamte Länge der Kirche beträgt etwa 31 Meter und die Breite etwa 16,5 Meter.
Zeitweise war sie die Kirche der ehemaligen Evangelisch-Lutherischen Kirche im Hamburgischen Staate und der nachfolgenden Nordelbischen Kirche für den Stadtteil Alsterdorf.
Vom Inneren der Kirche gibt es zwei Fotoaufnahmen aus den ersten 75 Jahren: Das Foto aus der Zeit vor 1908 zeigt den Kirchenraum mit einer aus Rankengirlanden und einigen Text-Kartuschen gestalteten Jugendstil-Ausmalung.In Bilder aus den Alsterdorfer Anstalten (1908) S. 7 Tafel II Bild 4 Digitalisat URL=http://resolver.sub.uni-hamburg.de/goobi/PPN77000069X. Ein jüngeres Bild, das nach dem Ersten Weltkrieg aufgenommen worden sein muss, weil links neben dem Altarraum bereits eine ‚Ehren-Tafel‘ für die Gefallenen angebracht war, lässt etwas deutlicher das zentrale Glasfenster über dem Altar erkennen, aus dem auch der abgebildete Foto-Ausschnitt entnommen ist.Alsterdorfer Anstalten in Wort und Bild (1932) S. 37 Digitalisat https://resolver.sub.uni-hamburg.de/goobi/PPN657029246. Dieses wurde nach Entwürfen des jungen Künstlers Melchior Lechter vorgenommen.Zu den Inhalten und insbesondere zu den Engeldarstellungen in der Rosette über der Darstellung des die Kinder segnenden Jesus, siehe bei Gleßmer / Lampe (2019) S. 236ff.
Renovierung 1938 Bei der Renovierung, die zum 75-jährigen Jubiläum von den Architekten Hopp und Jäger vorgenommen wurde, sind mit einer Erneuerung der Orgel und Empore, der Seitenfenster sowie Entfernung des darunter umlaufenden Sockels – und stattdessen Ausmalung mit einem schlichten weißen Farbanstrich – auch eine Erneuerung der Gefallenen-Ehrung im umgestalteten Vorraum, der Kanzel, des Taufständers sowie des Altars von ihnen durchgeführt worden.
Innenausstattung Altarraum-Wandbild Im Altarraum wurde das defekte Altarraumfensters entfernt und die Ostwand geschlossen. Der damalige theologische Direktor malte ein großflächiges Wandbild mit einem Kruzifix, auf dem Christus als arischen Muskelmann dargestellt wurde. Von den zwölf Figuren unter dem Kreuz, unter anderem Maria, Lutter und der Direktor, tragen bis auf drei ganz unprotestantisch einen Heiligenschein.Johann Hinrich Claussen Stellt euch dem giftigen Erbe in chrismon, 03.2023,S. 20 ff
In einer nur unvollkommen erhaltenen Entwurfszeichnung – betitelt mit „Umgestaltung Innenraum Vorschlag 2 Hamburg den 18. III. 1936 Arch. H. Distel / A. Grubitz“ war bereits zuvor an dieser Stelle eine großflächige Kreuzes-Darstellung angedacht worden. Vermutlich wegen eines Flugzeugabsturzessiehe dazu Lensch, Friedrich: Der Leib des Menschen und das Christentum.- in: Hamburgische Kirchenzeitung (1936) S. 137–138 und anderweitigem Finanz- und Baubedarf wurde jedoch dieses Vorhaben noch nicht realisiert, sondern erst mit der o. g. Renovierung. Dieses Wandbild hat – insbesondere in den Jahren nach 1987 – Kontroversen hervorgerufen, so dass sich seitdem verschiedene Interpretationen gegenüber stehen.
Außer der zentralen Darstellung des Gekreuzigten lässt das Foto von 1938 die formale Gestaltung mehrerer Figurengruppen erkennen:
„a. Im oberen Umfeld zum Kreuz ist ganz oben die erwähnte Geist-Taube auszumachen sowie die die himmlische Welt repräsentierenden Engelgestalten – je zwei zur linken und zwei zur rechten Seite; durch die Farbgebung sind sie als ‘Hintergrund‘ weniger hervorgehoben;
b. im darunter sichtbaren Umfeld des ‘Vordergrundes‘ ist rechts vom Kreuz eine Gruppe von fünf Personen um die – für Alsterdorfer mit Sicherheit auf Grund der fast fotografischen Darstellung – erkennbare Figur des Anstaltsgründers H. Sengelmann positioniert;
c. eine weitere Gruppe im ‘Vordergrund‘, die dicht von der linken Seite des Kreuzes an – in einem sich etwas entfernenden und gebogenen Winkel bis unterhalb des Kreuzes – zusammensteht, umfasst acht Personen; davon ist ebenfalls durch die Nutzung einer Bildvorlage im äußersten, linken Winkel-Eckpunkt Martin Luther als Mönch mit Tonsur deutlich auszumachen;
d. in Verlängerung der Schenkel des ‘unteren Winkelteils‘ der acht Personen – jedoch durch einen Zwischenraum etwas abgetrennt – befinden sich im rechten Bildteil des Vordergrundes zwei weitere Personen: eine davon ist durch die Gestaltung ohne eigene Kleidung und in Zuordnung zur Begleitung deutlich als behindert dargestellt; durch die Positionierung in Bezug auf die Gruppe c) und auf der rechten Bildseite auch unterhalb der Gruppe b) entsteht eine besondere Zuordnung zu beiden.“Gleßmer / Lampe (2019) S. 115.
Deutungsprobleme bieten in den Gruppen (b) und (d) diejenigen Personen, die ohne ‘Heiligenschein‘ dargestellt sind. Dabei handelt es sich in der ‘Sengelmann-Gruppe‘ (b) um ein Kleinkindwahrscheinlich ist damit der Tod seines Sohnes Gustav nach acht Monaten sowie der der ersten Frau, Adele Sengelmann, angedeutet; siehe Gleßmer / Lampe (2019) S. 121; dort auch zur kinderlosen zweiten Ehe mit Jane Elisabeth Sengelmann. und einen halbwüchsigen Jungen an Sengelmanns Seite. Für beide lässt das Bild keinerlei Behinderung erkennen, so dass als Grund für die Darstellungsweise ‘ohne Heiligenschein‘ ein solcher gemeinsamer Hintergrund ausscheidet.
Seit 1987 wird jedoch das Gegenüber von 12 Personen ‘mit Heiligenschein‘ zu den dreien ‘ohne‘ mit Wertigkeiten der Menschen in Zusammenhang gebracht und diese drei ohne Begründung als Menschen mit Behinderung gedeutet. Da ab dieser Zeit zu Recht das an Alsterdorfer Anstalts-Bewohnern in der Kriegszeit verübte NS-Mordgeschehen der „Euthanasie“ angeprangert wurde, hat diese Interpretation eine gewisse Akzeptanz gefunden. Andererseits ist diese Interpretation zugleich mit den genannten und weiteren Problemen verbunden, denn es werden zusätzlich mehrere fragliche Dinge angenommen:
die Entstehung des Bildes 1938 liegt zeitlich mehrere Jahre vor den bezeugten Morden an über 600 Menschen mit Behinderungen aus Alsterdorf; die Christus-Darstellung bilde einen „arischen“ Jesus (vgl. Evangelische Stiftung Alsterdorf#Wandbild des arischen Christus) und geradezu einen MuskelmannAussage des Psychologen Michael Wunder, zitiert nach ab, wie es auf der Alsterdorfer Webseite und in einigen Dokumenten heißt; das Bild sei von dem damaligen Anstaltsleiter, Friedrich Lensch, hergestellt. Er habe quasi seine spätere Entscheidung zur Meldung von Personen, die zum Teil in andere Anstalten abtransportiert wurden, in der Darstellung ohne Heiligenschein (= ‚lebensunwert‘) bereits Jahre früher zum Ausdruck gebracht.Siehe z. B. in Dort wird diese Ansicht ausführlich dargelegt. „Pastor Friedrich Lensch persönlich“ wird als Urheber des Bildes bezeichnet und es wird behauptet, dass „drei der Dargestellten […] als Menschen mit Behinderung erkennbar“ wären. Tatsächlich sind zwei der Personen ohne Heiligenschein eindeutig Kinder.
Diese historischen Zuordnungen sind jedoch nach einer anderen Sicht nicht tragfähig und berücksichtigen nicht alle verfügbaren zeitgenössischen Quelleninformationen. Für die Renovierung der Kirche hat Pastor Lensch ausdrücklich auf die Tätigkeit der Architekten Hopp und Jäger verwiesen. Aufgrund des Wissens über die künstlerische Ausbildung von Hopp sowie über seine Entwürfe und Ausführungen für andere Kirchen ist es wahrscheinlicher, dass die wesentlichen Elemente der Darstellung von Hopp entworfen wurden. Allerdings hat Lensch durchaus auch Details (hauptsächlich einige der Gesichtsdarstellungen) selbst gestaltet.Der einzige Beleg, dass Lensch an der Ausgestaltung des Bildes beteiligt war, stammt aus den Tagebuch-Notizen von Hopp, der an einem der Tage seiner zahlreichen Aufenthalte an der Baustelle am 22.9.1938 notiert: „P. Lensch ist bei dem Bild beschäftigt“; siehe Gleßmer / Lampe, 2016, ISBN 978-3-7392-1298-2, S. 122. Eine ausführlichere Darstellung der beiden Autoren ist 2019 unter ISBN 978-3-7504-0860-9 im Rahmen des Hopp-und-Jäger-Projektes entstanden (siehe dort u. a. auch als PDF). Schon allein die Herstellung von Vorlagen für einen – die große Wandfläche abdeckenden – Entwurf, der in richtigen Proportionen zur Ausführung übertragen wurde, wäre nicht von Lensch zu erwarten. Hopp dagegen hatte bereits z. B. 1924 bei der Ausmalung der Stadthalle die Deckenmalerei des Hochzeit-Saales vorgenommen. Er war gelernter Dekorationsmaler. Die Vermutung, dass ein „arischer“ Jesus dargestellt sei, lässt sich durch den Vergleich mit ähnlichen Darstellungen nicht verifizieren.Ähnliche, von Hopp entworfene Altarwand-Ausmalungen mit einem Kruzifixus liegen für die Maria-Magdalenen-Kirche (1938) als auch für die Johanneskirche in Pötrau bei Büchen (1953) vor, ohne dass die Idee einer „arischen“ Anmutung des Gekreuzigten hier als Kritik dokumentiert – oder durch kunstgeschichtliche Stilelemente sinnvoll zu begründen wäre. Die Verweise auf die Darstellung als „Muskelmann“ ist unbegründet. Die Erklärung der differenzierten Darstellung – mit und ohne Heiligenschein – ist nicht so zu verstehen, dass Behinderte niemals ‚mit‘ dargestellt werden könnten. Vielmehr spielt für die Zulassung zum Altar-Sakrament in damaliger Zeit die Konfirmation eine entscheidende Rolle. Die drei Personen ohne Gloriole sind solche, die nicht konfirmiert sind: ein Kleinkind, ein Junge sowie ein als stark behindert Dargestellter. Zur ‚Gemeinschaft der Heiligen‘, wie es das Glaubensbekenntnis formuliert, gehörten nach damaliger Vorstellung nur diejenigen, die am Abendmahl teilhaben – in Einung mit den Himmlischen.Instruktiv ist die Sicht, die der auf Pastor Sengelmann folgende Anstaltsleiter Pastor Paul Stritter (und Vorgänger von P. Lensch) 1910 auf einem Kongress unter dem Titel „Die Konfirmation Schwachsinniger“ vorgetragen hatte. Quelle aus Upload: Paul Stritter: Die Konfirmation Schwachsinniger. [Sonderdruck: Konferenzvortrag von Direktor Pastor Stritter]. Norden 1910. – Nicht so ausführlich, jedoch inhaltlich entsprechend stellt er das Problem Konfirmation – Abendmahlsteilnahme in Stritter (1930) SB S. 13 dar (Upload). Insofern sind im Altarbild in Gruppe (a) auch als Hintergrund vier Engelfiguren um das Kreuz sowie eine Taube darüber mit Heiligenschein abgebildet, womit sowohl der dritte Artikel des Glaubensbekenntnisses als auch die Abendmahlsliturgie ausgelegt und veranschaulicht werden. Wenn eine Unterscheidung durch das Bild ausgedrückt wird, dann ist es die Zulassung zum Abendmahl, die damals an andere Bedingungen geknüpft war, als es in den Jahrzehnten ab den 1970er Jahren der Fall war. Auch die Predigt und Auslegung des „Heiligenscheines“ 1938 durch Pastor Lensch formuliert die Wertschätzung der anvertrauten Behinderten und eine ausdrückliche Abgrenzung vom „Euthanasie“-Denken.Briefe und Bilder aus Alsterdorf 1938 Jubiläumsbericht huj-projekt.de PDF Der Text ist 1938 veröffentlicht worden, was damals durchaus als mutige Stellungnahme gegen offizielle NS-Sicht zu beurteilen istvgl. zu den Reaktionen des Ortsgruppen- und des Kreisleiters der NSDAP bei Gleßmer / Lampe (2019) S. 132 sowie das entsprechende Dokument (aus StAHH 213-12_0013 Band 071, p. 125f. und nicht der oben geschilderten und ab 1987 verbreiteten gegenteiligen Sicht entspricht.