mini|Die chinesische Botschaft in Belgrad, zehn Jahre nach der Bombardierung Am 7. Mai 1999 um 23:46 Uhr bombardierte die NATO unter der „Operation Allied Forces“ die chinesische Botschaft in Belgrad, der Hauptstadt der damaligen Bundesrepublik Jugoslawien. Sie wurde von fünf 2000 Pfund schweren GPS-gelenkten JDAM-Bomben einer B-2 getroffen, die von der Whiteman Air Force Base in Missouri gestartet war. Hierbei kamen drei chinesische Journalisten ums Leben, wovon zwei für Guangming Daily und einer für die Xinhua News Agency arbeiteten. Insgesamt wurden 21 Menschen verletzt. Das Ereignis sorgte für internationales Aufsehen, da es die Botschaft eines am Kosovo-Konflikt unbeteiligten Staates betraf. Die Absicht der NATO war es, das jugoslawische Bundesamt für Nachschub und Versorgung (FDSP) zu treffen; irrtümlicherweise traf man jedoch die chinesische Botschaft. Auf die rasche Entschuldigung des US-Präsidenten Bill Clinton reagierte die chinesische Regierung mit Empörung und Skepsis. Sie verlangte eine sofortige Untersuchung und Aufklärung der Tatumstände.

Fünf Monate nach der Bombardierung im Oktober 1999 veröffentlichten Politiken von Kopenhagen und The Observer von London einen Bericht, dass die Bombardierung vorsätzlich war. Sowohl die Regierungen der Vereinigten Staaten als auch des Vereinigten Königreichs sagten, dass dies nicht beabsichtigt sei und dass es sich um einen Unfall gehandelt habe.

New York Times Untersuchung Ursachen und Motive Im Zuge des Kosovokriegs führte die NATO die Militäroperation „Operation Allied Force“ durch, bei der 2000 Ziele in Serbien angedacht waren, darunter das Bundesamt für Nachschub und Versorgung, das sich jedoch als die chinesische Botschaft herausstellte. Die New York Times interviewte hierzu mehr als 30 Amtsträger der NATO in Washington und Europa, wobei die Bombardierung der chinesischen Botschaft als das Ergebnis einer Reihe von fehlenden Fachkenntnissen und schlechtem Urteilsvermögen der Mitwirkenden an vielerlei Stellen beschrieben wurde.

Der ursprüngliche Plan der NATO war es, die damalige Bundesrepublik Jugoslawien für zwei Nächte zu bombardieren und durch Unterbrechungen tagsüber dem Präsidenten Slobodan Milosevic die Möglichkeit zu bieten, in die Forderungen der NATO einzuwilligen, die serbischen Truppen aus Kosovo zurückzuziehen. Die Erkenntnis, dass der serbische Präsident diesen Forderungen nicht nachkommen würde, löste bei der NATO die Frage nach der Bombardierung von politisch heikleren Zielen aus. Als die NATO am 24. März 1999 mit der Bombardierung begann, waren 219 Ziele für ganz Serbien vorgesehen. Am Ende des Krieges betrug die Zahl der anvisierten Ziele 1021, wovon rund 650 tatsächlich bombardiert wurden.

Der Vorschlag, das jugoslawische Bundesamt für Nachschub und Versorgung als Bombardierungsziel auszuwählen, kam von der Counter-Proliferation Division der CIA. Es war der erste Zielvorschlag der CIA in diesem Konflikt; er erfolgte in einer Situation, in der die Militärs unter großem Druck standen, weitere geeignete Ziele zu identifizieren. Die Counter-Proliferation Division der CIA hatte jedoch weder spezifische Kenntnisse über den Balkan noch für die detaillierte Festlegung von Bombenzielen. Ihre Beamten betrachteten den Krieg als eine Chance, das Hauptquartier des Bundesamts für Nachschub und Versorgung zu zerstören, da dieses schon länger unter Verdacht stand, am Schmuggel von Raketenteilen in Länder wie Libyen und Irak beteiligt zu sein. Ebenfalls wurde angenommen, dass das Bundesamt die serbischen Streitkräfte mit Ersatzteilen für Raketen, Artilleriegeschosse und Mörsergranaten versorgte. Das vorgeschlagene Ziel wurde in mindestens drei Meetings hinsichtlich politischer und rechtlicher Implikationen diskutiert, nicht aber dessen Standort.

Verlauf der Zielsetzung Die Person, der später die Hauptschuld gegeben wurde, war ein pensionierter Armeeoffizier, der von der CIA unter Vertrag genommen worden war. Ihm wurde die Aufgabe erteilt, das Hauptquartier des jugoslawischen Bundesamts für Nachschub und Versorgung zu lokalisieren. Er rief am 9. April 1999 bei der National Imagery and Mapping Agency (NIMA, heute: National Geospatial-Intelligence Agency) in Washington an und forderte eine Karte von Belgrad an. Unter Verwendung dieser Karte, zweier Touristenkarten und nur der Adresse versuchte der Offizier, die Lage des Hauptquartiers genau zu bestimmen. Die 1997 produzierte NIMA-Karte enthielt wichtige Gebäude, Wahrzeichen, Besonderheiten, aber keinerlei Straßenbezeichnungen. Anhand der darin eingetragenen Zentrale von Milosevics Sozialistischer Partei, die von der NATO während des Krieges ebenfalls bombardiert wurde, orientierte sich der Offizier und lokalisierte die Stelle, von der er dachte, dass dort das Hauptquartier des Bundesamts für Nachschub und Versorgung sei. Am 12. oder 13. April 1999 erbat er von der NIMA Satellitenaufnahmen, die er am 14. April 1999 erhielt. Zu diesem Zeitpunkt ordnete ein NIMA-Analyst dem Gebäude die Nummer 0251WA0017 in der „bombing encyclopedia“ des Militärs zu, einem weltweiten Verzeichnis für potenzielle Ziele und andere Orientierungspunkte. Der von dem Offizier angefertigte Vorschlag auf Aufnahme in die Liste der ausgewählten Ziele schien durch die Satellitenaufnahmen, den Download des vorgesehenen Formulars aus dem sicheren Intranet des Militärs, den Eintrag der „bombing encyclopedia“-Nummer wie auch die achtstelligen Längen- und Breitenangaben gut abgesichert zu sein. Der Vorschlag veranlasste keine weiteren Fragen und wurde sofort von Brigadegeneral Roderick J. Isler, dem stellvertretenden Geheimdienstdirektor für militärische Unterstützung, freigegeben. Anschließend gelangte er an das European Command, das aber keine gründliche Überprüfung durch den Vereinigten Generalstab veranlasste.

Am 28. April 1999 wiesen die europäischen Planer dem Ziel eine laufende Nummer – 493 – zu. Die wesentliche Information zum Ziel wurde auf ein einziges Dokument reduziert zur Vorlage bei Präsident Bill Clinton und den NATO-Partnern. In dem Dokument wurde das Objekt als „Belgrad Lager 1“ („Belgrade Warehouse 1“) bezeichnet, unter der Überschrift „linkage“ (Verknüpfung) war „Hauptquartier des Bundesamts für Nachschub und Versorgung“ und als Ziel die Zerstörung des Lagers und des Inhalts („destroy warehouse and content“) angegeben.

Ein Offizier, der keine Befugnis zur Überprüfung von Zielen hatte, erfuhr inoffiziell von der Zielauswahl. Am 29. April 1999 teilte dieser Offizier einem NIMA-Analysten telefonisch mit, dass ihm vor Kurzem eine Quelle bestätigt habe, dass das anvisierte Hauptquartier tatsächlich 1000 Yards südlich liege. Am 3. Mai 1999 fertigte der NIMA-Analyst sechs zusätzliche Aufnahmen des Gebäudes und der Umgebung an, und diese bestätigten dem skeptischen Offizier, dass es sich bei dem als Ziel festgelegten Ort nicht um das angegebene Hauptquartier handelte. Er äußerte seine Besorgnis gegenüber Militäroffizieren im NATO-Kommando in Neapel und verließ dann seinen Arbeitsplatz für einen dreitägigen Lehrgang. Nach seiner Rückkehr am 7. Mai 1999 erfuhr er, wieder inoffiziell, dass das Ziel für eine Bombardierung in der kommenden Nacht vorgesehen war. Bei seinem darauf folgenden Anruf in Neapel, bei dem er mit einem anderen Offizier als zuvor sprach, teilte ihm dieser mit, dass ein B-2-Langstreckenbomber bereits unterwegs aus der Luftwaffenbasis in Missouri war.

The Observer Die britische Zeitung The Observer dagegen mutmaßte, dass die Bombardierung der chinesischen Botschaft vorsätzlich erfolgt und nicht Ergebnis einer Verwechslung gewesen sei. Ihre Quellen sind drei NATO-Mitarbeiter: ein Fluglotse der NATO in Neapel, ein Geheimdienstoffizier, der in Mazedonien stationiert war, und ein hochrangiger Mitarbeiter des Hauptquartiers in Brüssel. Diesen zufolge wurde die chinesische Botschaft vorsätzlich anvisiert, da sie zugunsten der serbischen Regierung gearbeitet hatte, indem sie für die Übertragung von Informationen des jugoslawischen Militärs sorgte, und verdächtigt wurde, Cruise-Missiles-Angriffe der NATO zu überwachen und Gegenangriffe zu entwickeln. Aufgrund von Signalen aus der chinesischen Botschaft in Belgrad 24 Stunden nach der Bombardierung der Residenz von Präsident Milosevic am 23. April 1999 ging man von diesem Tatumstand aus. Das offizielle Ziel war das jugoslawische Bundesamt für Nachschub und Versorgung (FDSP). Jedoch deckte der Observer auf, dass das Bundesamt nie an dieser Adresse gewesen ist, sondern 500 Meter weiter entfernt.

Ein weiteres Indiz für die Kenntnis der Adresse der Botschaft ist die Abhörung dieser seit 1996 durch die CIA, MI6 und der GCHQ. Außerdem stand die chinesische Botschaft mit der korrekten Adresse auf einer Nicht-Angriffsziel-Liste und nicht mit ihrer alten, wie die Vereinigten Staaten und NATO behaupteten. Der britische Außenminister Robin Cook stritt dies ab.

Folgen mini|Die amerikanische Flagge hängt vor dem Konsulat in Hong Kong im Gedenken an die Opfer des Anschlags auf halbmast Am 8. Mai 1999, einen Tag nach der Bombardierung, entschuldigte sich US-Präsident Bill Clinton, auf dem Rollfeld eines Flughafens im vom Sturm zerstörten Oklahoma stehend, was bei der chinesischen Regierung den Eindruck erweckte, der Vorfall sei für die Amerikaner nicht sonderlich wichtig. Als dieser es bemerkte, versuchte er mehrmals den chinesischen Präsidenten Jiang Zemin zu erreichen, wurde aber stets abgewiesen. Es folgten weitere förmlichere Entschuldigungen, unter anderem von US-Außenministerin Madeleine Albright, sowohl in der chinesischen Botschaft in Washington D.C., als auch per Brief an Chinas Außenminister Tang Jiaxuan, von dem US-Botschafter in China und von der NATO, die ein Statement veröffentlichten. In diesem wird die Reue und das Beileid gegenüber den Opfern, ihren Familien und der chinesischen Regierung ausgesprochen. Die NATO habe und werde nie vorsätzlich Zivilisten angreifen; die Luftangriffe würden allerdings erst eingestellt, sobald die Konditionen zur friedlichen Verhandlung des Kosovo-Konfliktes von der Bundesrepublik Jugoslawien akzeptiert würden.

China hält jedoch die Erklärung, man habe sich bei der Lokalisierung des Ziels vertan, für unglaubwürdig, da die Sprengkörper hauptsächlich den Teil des Gebäudes trafen, in dem der Geheimdienst untergebracht war und abgesehen davon bereits US-amerikanische Diplomaten die Botschaft an der Adresse besucht hatten. Als „barbarisch“ bezeichneten sowohl die chinesische Regierung als auch der russische Präsident Boris JelzinCNN SATURDAY 07:00 pm ET, 08 May 1999 – TV-Show „NATO Draws Fire From Accidental Bombing of Chinese Embassy; Russia Steps Up Criticism of NATO“ Byline: Gene Randall, Brent Sadler, Matthew Chance, Steve Harrigan; eingesehen: 20.01.17 das Vorgehen, worauf Präsident Clinton antwortete:„Es war nicht barbarisch. Was barbarisch ist, ist was Milosevic (Präsident Jugoslawiens) getan hat. Es ist tragisch. Es ist schrecklich. Was barbarisch ist, ist die absichtliche „ethnische Säuberung“, die er seit einem Jahrzehnt betreibt.“David M. Lampton: Same bed, different dreams: managing U.S.-China relations, 1989–2000; S.59: „It wasn't barbaric. What is barbaric is what Milosevic has done. It's tragic. It's awful. What is barbaric is the international 'ethnic cleansing' that he has provoked for a decade now.“ Am 10. Mai 1999 reichte Chinas Außenminister Tang Jiaxuan die vier Forderungen ein, die zur Wiederherstellung der Beziehungen von den USA erfüllt werden müssten. Er forderte Entschuldigungen, offizielle US- und NATO-Erklärungen, vollkommene und gründliche Ermittlungen und schnelle Veröffentlichung der Ergebnisse, eine strenge Bestrafung der Verantwortlichen und Kompensation für Leben und Eigentum. Clinton rief Jiang an, um ihm zu versichern, dass die USA umfassende Ermittlungen einleiten würden.