Die Nordpolitik (Hangeul: ; Hanja: ; RR: Bukbang jeongchaek) bezeichnet die Außenpolitik des sechsten südkoreanischen Präsidenten Roh Tae-woo, die Ende der 1980er Jahre begann und als Ziel hatte, Südkoreas Beziehung mit Nordkorea zu verbessern sowie Kontakt mit den kommunistischen Staaten und Verbündeten Nordkoreas aufzunehmen. Durch eine Annäherung an die Sowjetunion, die Volksrepublik China und Osteuropa sollte die zuvor strategische Isolation zwischen Südkorea und Nordkorea beendet werden.
Vorbild und Namensgeber der Nordpolitik war die neue Ostpolitik, die die Bundesrepublik Deutschland in den Anfängen der 1970er Jahre betrieb, um sich der Deutschen Demokratischen Republik anzunähern. Jedoch im Gegensatz zur Ostpolitik, die auf eine direkte Normalisierung der Beziehung beider deutschen Staaten abzielte, setzte sich die Nordpolitik eine Normalisierung der Beziehung mit der Sowjetunion und der Volksrepublik China als Ziel, um sich zunächst indirekt an Nordkorea annähern zu können.
Ein wichtiger Grund für die Ausführung der Nordpolitik waren die Olympischen Sommerspiele 1988 in Seoul. Als Austragungsort der Olympischen Spiele wollte Südkorea einen Olympiaboykott des Ostblocks vermeiden und musste somit gegen das Problem des Fehlens von diplomatischen Beziehungen mit den sozialistischen Staaten handeln, um deren Zustimmung für die Spiele zu erhalten.
Auf die Nordpolitik folgte Ende der 1990er Jahre die Sonnenscheinpolitik, die von Südkoreas achtem Präsidenten und Nobelpreisträger Kim Dae-jung eingeführt wurde.
Gründe Grund für die Entwicklung und Durchführung der Nordpolitik war einerseits die Ansicht südkoreanischer politischer Entscheidungsträger, dass Südkoreas ökonomische sowie militärische Abhängigkeit von westlichen Staaten und insbesondere von den Vereinigten Staaten von Amerika zu exzessiv sei. Anstatt zu stark auf den Westen zu vertrauen und sich von den USA abhängig zu machen, entstand der Gedanke, stattdessen selbstständig eine globale Stellung zu etablieren. Besonders als Südkoreas westliche Verbündete ihre Beziehung zu Osteuropa, der Sowjetunion und der Volksrepublik China verbesserten, wuchs der Wunsch nach Selbständigkeit.
Ein weiterer Grund war, dass Südkorea mit dem steigenden Protektionismus der USA neue Handelspartner benötigte. Durch die Nordpolitik und somit einer Verbesserung der Beziehung zu den sozialistischen Staaten sah Südkorea potentielle Handelsbeziehungen, die die südkoreanische Ökonomie verbessern würden.
Des Weiteren sah Südkorea in der Nordpolitik nicht nur ökonomisches, sondern auch politisches Potential. Weitgefächerte Beziehungen zu sozialistischen Staaten sollten möglich gemacht werden, um dadurch Kontakt und Dialog mit Nordkorea herstellen zu können, sodass sich das Verhältnis beider Staaten entspannen könne. Die Nordpolitik wurde zunächst allein mit der Absicht, eine Einheit mit Nordkorea zu bilden, begründet.
Entwicklung Bereits im Juni 1973 gab der ehemalige Präsident der Republik Korea Park Chung-hee bekannt, dass Südkorea bereit sei, mit Staaten, die andere ideologische und politische Systeme vertreten, Bindungen einzugehen. Nach Parks Erklärung öffnete Südkorea seine Häfen für kommunistische Staaten und gab ihnen Zutritt zu vorher für sie verbotene Teile der Welt. Jedoch aufgrund des Kalten Krieges und somit starken Spannungen zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten, sowie der Sowjetischen Intervention in Afghanistan 1979, entschied sich die Regierung in Seoul dazu, vorerst die Häfen zu schließen und erst wieder zu öffnen, wenn sich die Situation zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten entspannt habe.
Im Juni 1983 erklärte der südkoreanische Außenminister, Lee Bum Suk, Südkorea sei bestrebt, die Beziehung zur Volksrepublik China und der Sowjetunion zu normalisieren. Nach deutschem Vorbild, der Ostpolitik, benannte Lee diese Politik Nordpolitik. Im Oktober 1983 starb Lee Bum Suk jedoch bei einem Bombenanschlag auf den damaligen südkoreanischen Präsidenten Chun Doo-hwan in Rangun (Myanmar).
Anfang 1985 wurde von Spezialisten zahlreicher Ministerien, die sich mit der Nordpolitik beschäftigten, erklärt, dass nur mit dem Willen mit Nordkorea und dessen Verbündeten zu verhandeln diese Politik auch erfolgreich sein würde. Diese Aufgabe übernahm Park Chul-un, ein Verwandter von Roh Tae-woo, der daraufhin zum speziellen Assistenten des Leiters des südkoreanischen Nachrichtendienstes (NIS) wurde.
Während der Wahlkampagne 1987 gab Roh Tae-woo bekannt, er würde eine nördliche Politik verfolgen und versprach neuen Wohlstand für die Westküste Südkoreas. Dafür rekrutierte er Kim Chong-whi als speziellen Assistenten für ausländische Angelegenheiten. Bei einer Rede am 7. Juli 1988 stellte Roh daraufhin die Nordpolitik und deren Inhalt vor.
Inhalt
Kernaussage und das Sechs-Punkte-Programm Die Kernaussage der Nordpolitik beinhaltete ein Sechs-Punkte-Programm, das besonders auf nationale Selbstwertschätzung, Vereinigung und Wohlstand fixiert war. Roh Tae-Woo gab bekannt, dass die koreanische Regierung bestrebt sei: Aktiv den Besuch sowie Austausch von Menschen aus Nordkorea und Südkorea zu fördern und notwendige Vorkehrungen zu treffen, um Koreanern, die in Übersee leben, zu ermöglichen, beide Teile Koreas besuchen zu können Energisch den Besuch sowieso Austausch und Korrespondenz von Familienmitgliedern, die in Nordkorea und Südkorea verteilt sind, zu fördern Den Handel zwischen Nordkorea und Südkorea zu öffnen Den Handel zwischen Nordkorea und anderen Staaten nicht abzulehnen, solange dieser Handel keine militärischen Güter beinhaltet Kontakt zwischen nordkoreanischen und südkoreanischen Vertretern in internationalen Foren zu erlauben, um im Interesse der gesamten koreanischen Nation kooperieren zu können Mit Nordkorea zu kooperieren, um dessen Beziehungen mit Verbündeten Südkoreas zu verbessern Die Nordpolitik wurde somit als ein Weg gesehen, um interkoreanische Probleme im Ansatz zu lösen. Sie zeigte, dass die südkoreanische Wahrnehmung von Nordkorea sich verändert hatte. Zum Beispiel bestand die Nordpolitik darin, Nordkorea beim interkoreanischen Dialog als gleichwertigen Partner, anstatt als einen Gegner zu betrachten. Anstatt Nordkorea weiterhin zu verleumden, sollte nach der Nordpolitik dabei geholfen werden, Nordkorea aus der Isolation von dem Rest der Welt zu befreien. Die Strategie war es, nicht auf einen Konfrontrationskurs mit Nordkorea zu gehen, sondern sich zu verständigen, um gemeinsam auf Wohlstand hinzuarbeiten. Das oberste Ziel dabei war die koreanische Wiedervereinigung.
Des Weiteren sollten durch die Nordpolitik diplomatische Beziehungen mit Nordkoreas Verbündeten, der Sowjetunion, der Volksrepublik China sowie Osteuropa eingegangen werden, um einerseits Südkoreas internationale Stellung zu verbessern und andererseits eine Beziehung zu Nordkorea leichter aufbauen zu können.
Bewertung des Sechs-Punkte-Programms Rückblickend ist zu erkennen, dass das Sechs-Punkte-Programm, sowie einige Aspekte der Nordpolitik sehr idealistisch, anstatt realistisch, waren. Seoul forderte Zusammenarbeit und Gegenseitigkeit von Nordkorea, ohne zu wissen, wie Pjöngjang auf diesen einseitigen Schritt reagieren würde. Die Prognose war ganz im Gegenteil, dass Pjöngjang von der Nordpolitik nicht begeistert sein würde. Dies lässt auch darauf schließen, dass Südkorea die Nordpolitik tatsächlich nicht nur zur Annäherung an Nordkorea, sondern auch zur Annäherung an andere sozialistische Staaten entwickelt hatte.
Reaktionen und Erfolge
Osteuropa Zu den ersten Erfolgen der Nordpolitik gehört Ungarn. Der Geschäftsmann und Vorsitzende der Daewoo Gruppe Kim Woo-chong, der schon lange Beziehungen zu Staaten aufbaute, die zwar zu Pjöngjang, jedoch nicht zu Seoul eine Verbindung hatten, entschloss sich Anfang der 1980er Jahre nach Geschäftspartnern in Osteuropa und der Sowjetunion zu suchen. Im Dezember 1984 flog er nach Budapest und verhandelte dort mit der ungarischen Regierung und Parteiangehörigen, was letztendlich in einer Vereinbarung über den Handel und die Förderung des Handels zwischen Seoul und Budapest Anfang 1988 endete. Als die Nordpolitik Mitte 1988 durchgesetzt wurde, forderte Seoul volle diplomatische Beziehungen mit Ungarn. Ungarn selbst war auch an einem verstärkten Handel mit südkoreanischen Firmen interessiert und willigte ein, jedoch unter der Kondition, dass Südkorea ihnen eine Milliarde Dollar als Wirtschaftshilfe zur Verfügung stelle. Es folgten von Anfang Juli bis Ende August 1988 geheime Verhandlungen, in denen sich beide Staaten letztendlich auf 625 Millionen Dollar einigten. Da Seoul noch vor den Olympischen Sommerspielen 1988 veröffentlichen wollte, mit einem kommunistischen Staat in Verbindung getreten zu sein, um dadurch die politische Atmosphäre für die Spiele zu verbessern und mit weiteren Staaten leichter Beziehungen zu etablieren, wurde bereits am 13. September 1988, vier Tage vor den Olympischen Spielen, bekanntgegeben, dass Südkorea und Ungarn sich um diplomatische Beziehungen bemühen. Nordkorea reagierte auf diese Bekanntgabe verbittert und war besorgt, dass Ungarns Entscheidung weitere Staaten des Ostblocks beeinflussen würde. Es stellte sich zudem heraus, dass Ungarn vor der Einwilligung mit Südkorea Beziehungen einzugehen, bei der Sowjetunion um Zustimmung gefragt hat, die gewährt wurde. Am 1. Februar 1989 wurden diplomatischen Beziehungen zwischen Seoul und Budapest letztendlich voll etabliert.
Die Tschechoslowakei, Bulgarien, und Rumänien, sowie Polen und Jugoslawien nahmen daraufhin im Laufe des Jahres 1989 ebenfalls offizielle diplomatische Beziehungen mit der südkoreanischen Regierung auf.
Sowjetunion Bereits im Juli 1986 und auch im August 1988 gab der Staatspräsident der Sowjetunion Michail Gorbatschow bekannt, die Beziehung zu Südkorea verbessern zu wollen, obwohl dies von konservativen und mächtigen Bürokratien abgelehnt wurde. Die Verbesserung wurde dennoch systematisch geplant mit den drei Phasen: Sport, Handel und politische Beziehungen. Die olympischen Sommerspiele in Seoul waren dafür der entscheidende Wendepunkt, da die Sowjetunion eine große Begierde zeigte, an den Spielen teilzunehmen und auch Südkorea die Sowjetunion mehr als alle anderen Teilnehmer, den Vereinigten Staaten eingeschlossen, als ehrenhaften Gast begrüßte.
Beide Staaten waren dazu am Handel miteinander interessiert. Die Sowjetunion begehrte Südkoreas fortgeschrittene Technologie und benötigte deren Hilfe aus der ökonomischen Krise durch Direktinvestitionen, Joint Ventures und Handel, während Südkorea an Öl, Metallen, Holz und Fisch aus der Sowjetunion interessiert war. Aufgrund fehlender diplomatischer Beziehungen hatten beide Staaten zuvor diese Güter indirekt über Osteuropa, Hongkong, Japan und Singapur gehandelt. Jedoch aufgrund des gegenseitigen Verlangens nach direktem Handel trafen sich der stellvertretende Vorsitzende der sowjetischen Handelskammer Vladimir Golanov und der Präsident der koreanischen Handelsförderungsagentur Yi Sun-gi im Oktober 1988 und unterzeichneten im Dezember 1988 ein Handelsmemorandum. Seouls Handelsamt in Moskau öffnete im Juli 1989, Moskaus Handelsamt in Seoul im April 1989.