Die Vattenfall Lesetage waren eine Kulturveranstaltungsreihe, die 15 Jahre lang in Hamburg stattfand. Die Lesetage waren eines der größten Literaturfestivals in Norddeutschland. Sie wurden 2013 eingestellt, nachdem Kritik am Sponsor und Veranstalter Vattenfall erhoben worden war. Dem Energiekonzern war Greenwashing vorgeworfen worden; zudem hatten sich Gegenveranstaltungen in der Stadt etabliert.Klaus Irler: Zuviel Gegenwind, taz.de, 4. Oktober 2013, abgerufen am 25. Januar 2015, passim.
Geschichte Die Lesetage wurden 1999 von der Hamburgische Electricitäts-Werke AG (HEW) ins Leben gerufen. Deutscher Kulturförderpreis 2011 für die Vattenfall Lesetage, corporate.vattenfall.de, Pressemitteilung vom 16. September 2011, abgerufen am 25. Januar 2017. Der Titel lautete „HEW Lesetage“. 2004 hatte das Literaturfestival 14.000 Besucher.Leipziger Buchmesse und Hamburger Vattenfall-Lesetage: Zwei Festivals rund ums Buch, mopo.de, 14. März 2006, abgerufen am 25. Januar 2017. 2006 gab der Energiekonzern Vattenfall, der 2002 die HEW gekauft hatte, den Lesetagen seinen Namen.Christoph Twickel: Beschwerdemails vom Energieriesen, spiegel.de, 19. April 2013, abgerufen am 25. Januar 2017, passim. Zu den Kooperationspartnern gehörten der Norddeutsche Rundfunk (NDR) und das Hamburger Abendblatt, die Hamburger Kulturbehörde förderte das Kinder- und Jugendprogramm finanziell.
Die Lesungen fanden an unterschiedlichsten Orten wie dem Planetarium, den Bücherhallen, dem Polizeipräsidium, beim Tierschutzverein, in einem Bestattungshaus, im HSV-Museum oder an Bord der Flussschifferkirche, abgerufen am 25. Januar 2017. statt.
Aus ihren Werken lasen Autoren wie Jenny Erpenbeck, John von Düffel, Wigald Boning und Andrea Sawatzki. An den Lesetagen 2011 im Kulturzentrum Kampnagel wirkten beispielsweise bei der Schwedischen Kriminacht die Schriftsteller Jan Wallentin, Olle Lönnaeus und Jens Lapidus mit.Schwedische Kriminacht, kampnagel.de, abgerufen am 25. Januar 2017. Insgesamt hatte das Literaturfestival 2011 rund 12.000 Besucher.12.000 Besucher bei den 13. Vattenfall Lesetagen, boersenblatt.net, 15. April 2011, abgerufen am 25. Januar 2017. Im selben Jahr wurde Vattenfall Europe für die Lesetage mit dem Deutschen Kulturförderpreis ausgezeichnet., kulturkreis.eu, abgerufen am 25. Januar 2017.
2012 beteiligten sich 140 Mitwirkende aus zwölf Ländern an mehr als hundert Veranstaltungen. Unter den Mitwirkenden waren Egon Bahr, Heiner Geißler, Christian Kracht und Veruschka Gräfin von Lehndorff.14. Vattenfall Lesetage, boersenblatt.net, 28. März 2012, abgerufen am 25. Januar 2017. Die letzte Lesereihe im April 2013 hatte rund 12.000 Besucher.Die Lesetage finden nicht mehr statt, hamburg.de, abgerufen am 25. Januar 2017.
Kritik an den Lesetagen Ab 2011 kam Gegenwind zu dem von Vattenfall veranstalteten Literaturfestival auf. Neben Greenwashing wurde Vattenfall Markenbranding vorgeworfen.
Der NDR stieg nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima als Kooperationspartner aus. Auch das Kulturzentrum Kampnagel stellte keine Räume mehr zur Verfügung.
mini|links|hochkant|Atomkraftgegner Günter Grass: „Vor und nach dem Vatten-Fall gab und gibt es Literatur.“ In der Stadt wurden Gegenveranstaltungen wie Lesen ohne Atomstrom und die „Hamburger Energie Wechsel-Lesetage“ gegründet. Literaturnobelpreisträger Günter Grass las im April 2011 in einem Partyzelt vor dem Vattenfall-Kernkraftwerk Krümmel aus Mein Jahrhundert die Erzählung für das Jahr 1955, in der ein Mann, Abteilungsleiter im Katasteramt, aus Atomfurcht im Garten einen Schutzraum baut und dabei ums Leben kommt.Günter Grass: Mein Jahrhundert, Steidl, Göttingen 1999, S. 222–225 ISBN 3-88243-651-4.Ole Reißmann: Günter Grass poltert gegen Lobbyisten, spiegel.de, 10. April 2011, abgerufen am 25. Januar 2017. Bei „Lesetage selber machen – Vattenfall Tschüss sagen“ war Harry Rowohlt das Zugpferd.Michael Jürgs: Das Böse hat einen Namen: Vattenfall, faz.net, 8. April 2011, abgerufen am 25. Januar 2017.
Das Bürgerschaftsmitglied Norbert Hackbusch (Die Linke) stellte eine Kleine Anfrage an den Senat zu den Vattenfall LesetagenDrucksache 20/7061 vom 5. März 2013, abgerufen am 25. Januar 2017 (PDF)., ebenso die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen der Hamburgischen Bürgerschaft., gruene-fraktion-hamburg.de, 18. April 2013, abgerufen am 25. Januar 2017.
Im April 2013 wurde berichtet, dass die Kuratorin der Lesetage Teilnehmer der Gegenveranstaltungen „Lesen ohne Atomstrom“ unter Druck zu setzen versucht und sich über die Veranstalter diskreditierend geäußert habe. Sie soll sie als „linksradikal“ und „Ökosaft-Produzenten“ bezeichnet haben. Davon distanzierte sich Vattenfall und nannte die konkurrierenden Veranstaltungen eine Bereicherung für die Stadt.Thomas Andre: Roger Willemsen und der linksradikale Ökosaft, welt.de, 19. April 2013, abgerufen am 25. Januar 2017. Die Direktorin der Bücherhallen berichtete vom Versuch einer unverhohlenen Einflussnahme einer Vattenfall-Delegation im November 2012 mit dem Ziel, die Kooperation mit „Lesen ohne Atomstrom“ aufzugeben. Sie habe das Ansinnen abgelehnt.Stephanie Lamprecht: Gegner der Vattenfall-Lesetage bedrängt. Autor Roger Willemsen: „Wir werden verleumdet und beschimpft“, mopo.de, 18. April 2013, abgerufen am 25. Januar 2017.
Im Oktober 2013 beschlossen die Veranstalter die Einstellung der Vattenfall Lesetage. Die Lesetage finden nicht mehr statt, hamburg.de, abgerufen am 25. Januar 2017. Das Hamburger Abendblatt zitierte daraufhin Vertreter der Hamburger Kulturszene, die ihr Bedauern darüber bekundeten. Zu ihnen gehörten Kultursenatorin Barbara Kisseler (parteilos), Peter Lohmann (Harbour Front Literaturfestival) und Rainer Moritz (Literaturhaus). Moritz schränkte dabei ein: „Natürlich lässt sich darüber streiten, ob es unterstützenswert ist, wenn ein Energiekonzern wie Vattenfall seine Firmenpolitik mit Kultur aufwerten möchte.“Thomas Andre: Kulturszene bedauert das Ende der Vattenfall Lesetage, abendblatt.de, 2. Oktober 2013, abgerufen am 25. Januar 2017. Günter Grass hingegen begrüßte das Ende der Vattenfall Lesetage und sagte: „Vor und nach dem Vatten-Fall gab und gibt es Literatur.“Günter Grass begrüßt das Ende der Vattenfall-Lesetage, abendblatt.de, 15. Oktober 2013, abgerufen am 25. Januar 2017.
Weblinks
Pressemitteilungen zu den Lesetagen auf der Vattenfall-Website
Einzelnachweise
Kategorie:Literaturfestival in Deutschland Kategorie:Festival in Hamburg Kategorie:Erstveranstaltung 1999 Kategorie:Letzte Veranstaltung 2013