mini|hochkant|Kellyanne Conway (2016)

Alternative Fakten () ist eine Formulierung von Kellyanne Conway, Beraterin des seinerzeitigen US-Präsidenten Donald Trump von 2017 bis August 2020. Im Januar 2017 benutzte sie diese Formulierung während eines Interviews in der amerikanischen Polit-Talksendung Meet the Press, um falsche Aussagen des Pressesprechers des Weißen Hauses Sean Spicer zur Publikumsgröße während Trumps Amtseinführung vor dem Kapitol zu rechtfertigen. In Deutschland und in Österreich wurde „alternative Fakten“ zum Unwort des Jahres 2017 gewählt.„Alternative Fakten“ ist Unwort des Jahres 2017. Der Standard, 16. Januar 2018, abgerufen am 16. Januar 2018.

Die Äußerung im Kontext des Interviews In einem Interview mit Kellyanne Conway in der NBC-Sendung Meet the Press kam Moderator Chuck Todd auf Äußerungen des damaligen Pressesprechers Sean Spicer zu sprechen, der am 21. Januar 2017 behauptet hatte, bei Trumps Amtseinführung seien deutlich mehr Menschen anwesend gewesen als bei der seines Vorgängers Obama. Diese Behauptung wurde aber weder durch Luftaufnahmen beider Ereignisse noch durch Zählungen im Personennahverkehr von Washington, D.C. bestätigt. Nachdem Todd Conway mehrmals vergeblich aufgefordert hatte, zu erklären, warum Spicer „widerlegbar falsche Behauptungen“ vortrage, kritisierte Conway zunächst die angeblich einseitige Darstellung in den Medien. Zuletzt drängte Todd sie erneut, zu erklären, warum der Präsident den Pressesprecher des Weißen Hauses gebeten hatte, bei seinem ersten Auftritt am Podium eine Unwahrheit zu sagen („to utter a falsehood“). Damit habe er die Glaubwürdigkeit der ganzen Presseabteilung des Weißen Hauses untergraben. Conway verneinte und sagte: „Sean Spicer, unser Pressesprecher, hat dazu alternative Fakten dargestellt.“ Todd unterbrach sie daraufhin und sagte, alternative Fakten seien unwahre Aussagen. Conway äußerte, es gebe kein Verfahren, um Menschenmengen sicher zu quantifizieren, und beschwerte sich im weiteren Verlauf des Interviews über die Absicht Todds, sie ebenso wie die neue Regierung lächerlich erscheinen zu lassen. Er wirke als Kommentator, statt zu informieren.Rebecca Sinderbrand: How Kellyanne Conway ushered in the era of ‘alternative facts’. Washington Post, 22. Januar 2017, abgerufen am 16. Februar 2017.

Bezüge zu Trumps Werbepsychologie Journalisten stellten einen Bezug zu Trumps 1987 erschienenem Wirtschaftsbuch The Art of the Deal her, in dem er eine „wahrheitsgemäße Übertreibung“ als eine „unschuldige Form der Übertreibung – und […] sehr wirksame Form des Marketing“ bezeichnet hatte. Laut Ghostwriter Tony Schwartz, der den Ausdruck nach eigenen Angaben prägte, habe Trump sie gebilligt.„truthful hyperbole […] It’s an innocent form of exaggeration – and a very effective form of promotion“. Clarence Page: ‘Alternative facts’ play to Americans’ fantasies. Chicago Tribune, 24. Januar 2017, abgerufen am 12. Februar 2017; Erica Werner, Lisa Lerer: GOP Congress grapples with Trump’s ‘alternative facts’. Detroit News, 24. Januar 2017, abgerufen am 12. Februar 2017.

Hintergrund mini|Sean Spicer während der Pressekonferenz Am 21. Januar 2017 veranstaltete Sean Spicer seine erste Pressekonferenz als Pressesprecher des Weißen Hauses. Er bezichtigte die Medien, vorsätzlich die Größe des Publikums während der Amtseinführung von Donald Trump herunterzuspielen. Dieser hätten mehr Menschen beigewohnt als jemals zuvor. Indes sprachen alle verfügbaren Daten gegen diese Behauptung. Luftaufnahmen zeigten ein deutlich kleineres Publikum bei Trumps Amtseinführung als bei der von Barack Obama im Jahr 2009. Der Nahverkehrsbetrieb Washington Metro zählte am Tag von Trumps Amtseinführung um 11:00 Uhr mit 193.000 Fahrgästen erheblich weniger als die 513.000 Fahrgäste im Jahr 2009.

Weiterhin behauptete Spicer, bei dieser Amtseinführung seien zum ersten Mal weiße Bodenbeläge eingesetzt worden, mit denen sich der visuelle Eindruck eines kleineren Publikums erklären lasse. In Wirklichkeit wurden die gleichen Bodenbeläge bereits bei Obamas zweiter Amtseinführung 2013 benutzt. Spicer ließ während der Pressekonferenz keine Fragen der Presse zu.

Reaktionen Vorwurf der Lüge und Faktencheck Die Pressekonferenz von Spicer und Conways Kommentare dazu zogen zahlreiche Reaktionen nach sich. Die Journalistin und frühere Herausgeberin der New York Times Jill Abramson charakterisierte Conways Kommentare zu alternativen Fakten als „Orwellsches Neusprech“ und alternative Fakten als Lügen. Der Journalist Dan Rather veröffentlichte eine Kritik an der neuen Präsidentschaft auf seiner Facebook-Seite: Es seien außergewöhnliche Zeiten, wenn ein Präsidentensprecher (Conway) eine Lüge in der Orwellschen Floskel „alternative Fakten“ verpacke und ein Pressesprecher (Spicer) bei seinem ersten Auftritt lüge. Fakten und Wahrheit seien nicht parteiisch, sondern ein Grundstein der Demokratie.

Die New York Times antwortete am 23. Januar mit einem Faktencheck der Aussage von Sean Spicer. Sie verglich Fotos des Publikums der Amtseinführung von Obama im Jahr 2009 und der von Trump 2017, CNN bot eine hochauflösende 360°-Panorama-Darstellung an.

Vergleich mit Manipulationstechniken in Orwells Roman 1984 Die Äußerung Conways wurde vielfach mit den Manipulationstechniken in Orwells dystopischem Roman 1984 verglichen, insbesondere Neusprech und Doppeldenk. Der Bezug wurde in den Medien angeblich erstmals von CNN’s Reliable Sources hergestellt. „Alternative facts is a George Orwell phrase“, habe die Reporterin der Washington Post, Karen Tumulty, geäußert. Die Verkaufszahlen des Romans seien nach dem Interview mit Conway extrem angestiegen. Auch Martin Muno wies in der Deutschen Welle auf Orwell und die Gefahr der Vermischung des Unterschieds von Wahrheit und Lüge hin und stellte die Frage, ob hinter Conways Äußerung nicht ein Plan liege.

Vergleich mit Gaslighting Conways Darstellung von Unwahrheiten wurde wie Verhaltensweisen Trumps als Gaslighting interpretiert, also als eine Form von psychischer Gewalt bzw. Missbrauch, mit der Opfer gezielt desorientiert und manipuliert werden und ihr Selbstbewusstsein allmählich deformiert bzw. zerstört wird. Die Webseite alternativefacts.com verlinkte auf einen Fachartikel in Psychology Today, der Gaslighting analysierte.

Angriff auf die Demokratie Die Politikwissenschaftler Nancy L. Rosenblum und Russell Muirhead sehen in dem Konzept Alternative Fakten einen Angriff auf die Demokratie. Diese setze eine öffentliche Deliberation über Politik voraus, welche wiederum nur auf der Grundlage eines gemeinsam verstandenen Wissens stattfinden könne. Regierungsbehörden in Verwaltung und Geheimdiensten, Universitäten, Forschungszentren, Communities von Experten und verantwortungsbewusste Medien würden gemeinsam daran arbeiten, dieses Wissen zu generieren, zu prüfen, zu korrigieren und zu verbessern. Die Annahme alternativer Fakten untergrabe das Konzept eines solchen gemeinsam überprüfbaren Wissens, es schade der Demokratie und der persönlichen Orientierung und laufe darauf hinaus, auf die Realität Besitzansprüche zu erheben und sie allen anderen durch dauernde Wiederholung aufzwingen zu können.Nancy L. Rosenblum, Russell Muirhead: A Lot of People Are Saying. The New Conspiracism and the Assault on Democracy. Princeton University Press, Princeton 2019, ISBN 978-0-691-20225-9, S. 101 ff. (abgerufen über De Gruyter Online).

Rechtfertigungsversuche Am 25. Januar verteidigte Spicer die Verwendung des Begriffs. Seiner Meinung nach war die Äußerung von den Medien absichtlich verdreht worden, um den Eindruck der Unwahrhaftigkeit zu vermitteln. Es gebe auch sich widersprechende Wetterprognosen, ohne dass deshalb eine Lüge vorliegen müsse. Er gestand ein, dass einige der ihm vorgegebenen Informationen inkorrekt gewesen seien, er habe dies aber zum Zeitpunkt der Pressekonferenz nicht wissen können.

In der Woche des Interviews nahm Conway Stellung zu dem Ausdruck alternative facts. Sie habe damit alternative oder unvollständige Information gemeint.

Nach Darstellung des Guardian verteidigte Breitbart News am 23. Januar als einziges aller konservativen Medien Conways Gebrauch des Ausdrucks alternative facts. Es sei ein gewöhnlicher und zutreffender (accurate) Ausdruck in juristischem Kontext, wenn jede Partei eines Rechtsstreits dem Gericht ihre eigene Sicht der Faktenlage darstellt. Aus der Perspektive Trumps von der Tribüne aus sei die Menge größer erschienen, als sie war, der falsche Eindruck sei verzeihlich. Der Guardian kommentierte, eine Suche in verschiedenen Onlinelexika nach dem juristischen Ausdruck sei erfolglos gewesen. Joel B. Pollak, der Chefredakteur von Breitbart, betonte außerdem, dass weder Trump noch Spicer oder Conway gelogen hätten: „Sie haben nur ihre Version der Ereignisse dargestellt.“

Der Politikwissenschaftler Robert Stoker von der George Washington University wies darauf hin, dass der Ausdruck alternative facts von Unwahrheiten unterschieden werden könne und sollte. Eine Äußerung Trumps aufgreifend, stellte er fest, dass man bei der Interpretation allgemeiner statistischer Aussagen zu Armut oder Arbeitslosigkeit etwa zu ganz unterschiedlichen Zahlen gelangen könne, je nachdem, welche Indikatoren man wähle und wie man die Begriffe definiere. Die zu verurteilende Form des Gebrauchs des Ausdrucks alternative Fakten sei daran erkennbar, dass eine rationale Auseinandersetzung um den Wahrheitsgehalt vermieden werde. Die Äußerung Conways war Anlass seiner Darstellung. Er ordnete sie aber nicht explizit der zulässigen oder unzulässigen Form des Ausdrucks zu, zitierte aber Spicer zustimmend, der gesagt hatte: „Manchmal können wir hinsichtlich der Tatsachen verschiedener Meinung sein.“ (“Sometimes we can disagree with the facts.”) Robert Stoker: Yes, there are ‘alternative facts.’ That’s different from falsehoods. The Washington Post, 31. Januar 2017.

Einzelfälle „Bowling Green Massacre“ In einem Fernsehinterview mit MSNBC rechtfertigte Conway am 2. Februar 2017 die mit der Executive Order 13769 vom US-Präsidenten verhängten Einreiseverbote unter Bezugnahme auf ein „Bowling-Green-Massaker“, welches zur Verhängung eines Einreiseverbots für irakische Staatsbürger durch den seinerzeitigen Präsidenten Barack Obama geführt habe. Der Terroranschlag sei den meisten Menschen unbekannt, da die Medien hierüber nicht berichtet hätten. Tatsächlich wurden 2011 in der Stadt Bowling Green im US-Bundesstaat Kentucky zwei Iraker festgenommen und wegen des Versuchs angeklagt, Waffen und Geld an Al-Qaida im Irak zu senden.Two Iraqi Nationals Indicted on Federal Terrorism Charges in Kentucky. FBI-Meldung vom 31. Mai 2011, abgerufen am 7. Februar 2017. Bei diesem Vorgang handelte es sich um eine Sting-Operation des FBI.Elizabeth Nolan Brown: In Bowling Green ‘Massacre,’ FBI Agents Foiled an FBI Terror Plot. reason.com, 3. Februar 2017.Here’s what actually happened in Bowling Green. CNN, 3. Februar 2017, abgerufen am 7. Februar 2017. Am Tag darauf korrigierte sich Conway, sie habe nicht von einem „Massaker“ in Bowling Green, sondern von den dortigen „Terroristen“ sprechen wollen.. tagesschau.de, 3. Februar 2017.

Conway verwendete den Begriff „Massaker“ auch in zwei weiteren Interviews.Trump wirft Medien Vertuschung von Terroranschlägen vor. FAZ.net, 7. Februar 2017.Kellyanne Conway’s ‘Bowling Green massacre’ wasn’t a slip of the tongue. She has said it before. washingtonpost.com, 6. Februar 2017. Conways Formulierung wurde von Medien in einen Zusammenhang mit dem Begriff „alternative Fakten“ gerückt.Samantha Schmidt, Lindsay Bever: Kellyanne Conway cites ‘Bowling Green massacre’ that never happened to defend travel ban. Washington Post, 3. Februar 2017, abgerufen am 7. Februar 2017.

Angeblicher Vorfall von Terrorismus in Schweden