mini|hochkant=1.1|Valerius Geist im Jahr 2011

Valerius Geist (* 2. Februar 1938 in Nikolajew, UdSSR; † 6. Juli 2021 in British Columbia, Kanada) war ein deutsch-kanadischer Biologe und emeritierter Professor der Umweltwissenschaften an der University of Calgary in Alberta, Kanada.

Leben Valerius Geist wurde 1938 geboren in Nikolajew im Küstengebiet des Schwarzen Meeres, die Stadt gehörte damals zur Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Seine Mutter Olga Geist und sein Vater Alexej Antonowich Shutov waren beide Schiffbauingenieure; im Zweiten Weltkrieg wurde sein Vater nach Murmansk versetzt. 1943 kamen Olga Geist und ihr Sohn Valerius als Flüchtlinge nach Wieselburg in Österreich. Dort wurde er auf den Familiennamen der Mutter umbenannt. Danach wurden beide in Flüchtlingslager nach Waldenburg in Schlesien und danach in den Böhmerwald umgesiedelt. Von dort flohen sie nach Marburg. Hier erhielten sie die deutsche Staatsbürgerschaft. Im Oktober 1953 wanderten beide nach Kanada aus. Noch vor seiner Universitätszeit trat Geist einem kanadischen Infanterie-Regiment als Reservist bei, den The Royal Regina Rifles, die in Regina (Saskatchewan) stationiert waren. Die kanadische Staatsbürgerschaft erhielt Geist 1960.

Aus Fulda stammte seine Ehefrau Renate Geist, geborene Brall (1937–2014), die er 1957 an der Universität in Vancouver kennenlernte. Sie heirateten am 20. Mai 1961. Beider Lebensmittelpunkt wurde Vancouver Island, British Columbia.Wildlife Scientist Devotes Rich Life to Educating the Public. In: Alberta Wilderness Association, 28. Oktober 2004, abgerufen am 10. Februar 2021. Renate Geist war Biologin und Bakteriologin sowie Lehrerin und berufliche Übersetzerin, die u. a. die Bände 3 und 10 der Enzyklopädie Grzimeks Tierleben in das Englische übersetzte. Aus der Ehe gibt es drei erwachsene Kinder.Valerius Geist: Buffalo Nation: History and Legend of the North American Bison. S. 144. Voyageur Press 1996. ISBN 978-0-89658-313-9

Ausbildung und Werdegang Geist legte 1957 sein Abitur am damaligen Central Collegiate Institute in Regina ab, im gleichen Jahr begann er sein Zoologiestudium an der University of British Columbia in Vancouver. Hier erwarb er 1960 auch seinen Studien-Abschluss zum B.Sc. auf dem Gebiet der Zoologie. 1961 ging er mit seiner Ehefrau in den Nordosten von British Columbia, in das nordwärts bis zum Yukon Territory reichende Gebiet der Tahltan Indianer, um Bergschafe, Dall-Schafe und Schneeziegen zu studieren. Valerius Geist blieb dort zwei Jahre, während seine Frau wegen ihrer Schwangerschaft nach Port Alberni zurückging. Seine dortige Erforschung des Verhaltens und der Entwicklung der kanadischen Bergschafe wurden Inhalt seiner 1966 abgeschlossenen Dissertation zum Ph.D über Verhalten und Evolution amerikanischer Bergschafe an der Zoologischen Fakultät der Universität British Columbia.Valerius Geist: On the behaviour and evolution of American mountain sheep In: Universität British Columbia, 4. Oktober 1966, abgerufen am 1. Februar 2021.

Von 1967 bis 1968 erhielt Geist eine Stelle als Postdoktorand in Seewiesen am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie bei dem Ethologen Konrad Lorenz, der von 1962 bis 1973 Direktor dieses Institutes war. Geists fachliche Schwerpunkte innerhalb der Biologie waren Verhaltensbiologie und soziale Dynamik großer Säugetiere in Nordamerika, insbesondere die Evolution und das Verhalten von PaarhufernValerius Geist: Buffalo Nations. Voyageur Press, 1996. ISBN 978-1-61060-360-7, S. 19–31 () und Studien zu Caniden.Valerius Geist: Did large predators keep humans out of North Amerika?. In: Juliet Clutton-Brock: The Walking Larder - Patterns of domestication, pastoralism, and predation, 1989, E-Book London 2014, ISBN 978-1-315-74645-6, 390 Seiten. Valerius Geist, Will N. Graves: Wolves in Russia - Anxiety Through the Ages Detselig Enterprises 2007. ISBN 978-1-55059-332-7

Seit 1977 übte Geist als Gründungsmitglied und erster Direktor des Programms Umweltwissenschaften in der Fakultät Umweltgestaltung eine Lehrtätigkeit an der Universität Calgary aus.

Ehrenamtliche Arbeit Geist war aktives Mitglied im Boone and Crockett Club, einer nach Daniel Boone und Davy Crockett benannten amerikanischen gemeinnützigen Organisation, die sich für eine faire Jagd (Waidgerechtigkeit) zur Unterstützung des Lebensraumschutzes einsetzt, und im Internationalen Rat zur Erhaltung der Jagd und des Wildes.

Über Wölfe Geist erforschte in erster Linie Pflanzenfresser, und das zu einer Zeit als Wölfe in Nordamerika nur noch im Norden verbreitet waren und dort durch Bejagung scheu gehalten wurden. Aus Europa waren sie bereits früher weitgehend verdrängt worden. Dies änderte sich, nachdem sie unter Schutz gestellt wurden, sich vermehrten, sich verbreiteten und in die Nähe der Menschen vordrangen. Geist verfügte zunächst über wenig wissenschaftliche Forschungserfahrung zum Wolf, widmete sich aber später speziell der Erforschung von Wölfen, die er als hinter der Erforschung von Kojoten zurückgeblieben erkannte (vgl. Geist (2007): "When do wolves become dangerous to humans?") und publizierte mehrfach zum Thema Wölfe (vgl. Geist/Graves (2007): "Wolves in Russia", Geist (2019): "Gray wolves and the black side of the "Nature knows best" dogma", Geist (2020): "Wolves at bay!" uam.). Als Bewohner von Vancouver Island mussten Geist und seine Frau sich gegen Raubtiere wehren, er erlegte mehrere Wölfe.

Valerius Geist beschreibt eine Skala mit sieben klar erkennbaren Stufen, wenn Wölfe lernen, Menschen als Beute zu erkennen und schließlich Menschen anzugreifen: „Seven stages of habituation“, sieben Stufen der Gewöhnung oder auch sieben Schritte bis zu Eskalation:„Sieben Stufen zur Eskalation - Wissenschaftler warnt: Wölfe töten Menschen“ nordkurier.de 2021When do wolves become dangerous to humans? https://www.wisconsinwolffacts.com/forms/geist_2008.pdf Die ersten Anzeichen sind Rehe, Hirsche und andere Beutetiere, die sich vermehrt in Dörfern oder Städten aufhalten, vor dem Wolf fliehen, aus dem Wald in die Stadt In der zweiten Phase nähern sich Wölfe menschlichen Behausungen vor allem nachts. Das sei unter anderem an unruhig bellenden Hunden oder Wolfsgeheul erkennbar. Sie beobachten die Menschen und lernen schnell, wie weit sie gehen können. Stufe drei beginnt laut Valerius Geist dann, wenn sich die Wölfe auch tagsüber zeigen. In Phase vier sind die Wölfe laut Valerius Geist nicht mehr zu übersehen. Sie greifen Hunde und kleine Nutztiere sogar tagsüber an, selbst wenn diese sich in unmittelbarer Nähe von Häusern befinden. Sie kommen auf Terrassen und in Gärten. In Stufe fünf steigern sich Angriffe auf Nutztiere: In dieser Phase werden zum Beispiel Reiter umkreist und verfolgt oder größere Nutztiere wie Rinder verletzt. Sie werden mit abgerissenen Ohren, halbierten Schwänzen oder verstümmelten Eutern und Genitalien vorgefunden. Etappe sechs ist erreicht, wenn Wölfe sich scheinbar zahm in unmittelbarer Nähe der Menschen aufhalten. Sie stupsen Spaziergänger mit der Nase an, zupfen an der Kleidung oder kneifen auch mal in den Arm. Durch Schreien und Fuchteln lassen sie sich zwar vertreiben, sie flüchten aber nicht weit. Alles wirkt spielerisch. In Wirklichkeit beginnen sie gerade, den Menschen als Beute zu entdecken und testen, wie er sich bei Angriffen verhält. Bei Stufe sieben ist nach Ansicht von Valerius Geist der Höhepunkt der Eskalation erreicht. Jetzt haben die Wölfe ihre Scheu vor dem Menschen endgültig verloren. Zwar sind sie noch etwas ungeschickt, gegen einen einzelnen Wolf mag sich ein Mensch noch verteidigen können, aber gegen ein ganzes Rudel dürfte selbst ein bewaffneter Mann keine Chance haben. Die von Valerius Geist postulierte Theorie einer linearen „7-stufigen Eskalation“ des Wolfsverhaltens – von Sichtungen über Gewöhnung bis hin zu Angriffen auf Menschen – findet im aktuellen europäischen Datenmaterial keine empirische Bestätigung. Der Bericht “Bold wolf behaviour: definitions and analysis of reported past cases across Europe” (LCIE/LIFE WILD WOLF)https://static1.squarespace.com/static/651c352a13572d16043cc048/t/67a1d848be37b2149388c811/1738659914396/Technical_report_T2.1_WW_LCIE.pdf zeigt vielmehr, dass problematisches Verhalten bei Wölfen nicht als zwangsläufige, stufenweise Entwicklung zu verstehen ist, sondern als seltene, kontextabhängige Ausnahme.

Erstens widerspricht die extrem geringe Fallzahl der Eskalationsannahme: Zwischen 2012 und 2022 wurden in ganz Europa bei einer Wolfspopulation von rund 23.000 Individuen lediglich 20 Fälle von stark habituieren oder „bolden“ Wölfen dokumentiert. Die große Mehrheit der gemeldeten Begegnungen (über 300) erwies sich als unproblematisch und erfüllte keine Kriterien für riskantes Verhalten. Eine systematische Eskalation von „Nähe“ zu „Aggression“, wie von Geist angenommen, ist statistisch nicht erkennbar.

Zweitens zeigt der Bericht, dass Habituation nicht gleich Eskalation ist. Eine gewisse Gewöhnung an menschliche Präsenz ist in anthropogenen Landschaften normal und sogar Voraussetzung für das Überleben von Wölfen. Nur ein sehr kleiner Teil stark habituierter Tiere entwickelte tatsächlich „boldes“ Verhalten, und selbst dieses führte nur in Ausnahmefällen zu Körperkontakt. Damit wird die von Geist implizierte Automatikkette („Nähe → Angriff“) klar widerlegt.

Drittens identifiziert der Bericht konkrete Ursachen für problematisches Verhalten, die bei Geist weitgehend ausgeblendet bleiben: In mindestens 85 % der Fälle spielten menschliche Attraktoren eine zentrale Rolle, insbesondere Fütterung, leicht zugängliche Abfälle, Hunde oder frühere Gefangenschaft. Problematisches Wolfsverhalten ist somit überwiegend menschlich mitverursacht und kein natürlicher Eskalationsprozess.

Zusammenfassend zeigt der Bericht, dass die „7 Eskalationsstufen“ nach Geist ein vereinfachendes, nicht evidenzbasiertes Modell darstellen. Empirische Daten aus Europa sprechen klar gegen eine lineare Eskalationslogik und für ein differenziertes, fallbezogenes Verständnis von Wolfsverhalten, das Prävention, Kontext und menschliche Verantwortung in den Mittelpunkt stellt.

Zudem zeigt eine weitere Studie, dass Wölfe selbst dort, wo sie unter Schutz stehen, die Scheu vor Menschen behalten.

Ehrungen (Auswahl) 2003: Elk Foundation’s Olaus Murie Award. 2004: Wilderness Defenders Award, verliehen von der Alberta Wilderness Association. 1972: Buch des Jahres, The Wildlife Society, in Anerkennung der Bergschafe. 1979: Achievement Award, Stiftung für nordamerikanische Wildschafe, 24. Februar, Minneapolis. 1980: Group Achievement Award der Wildlife Society für Big Game of North America. 1985: Wahl zum Fellow der American Association for the Advancement of Science. 1994: Auszeichnung des Animal Care Committee durch den Canadian Council on Animal Care. 1995: Dekans-Preis, Fakultät für Umweltdesign, Universität von Calgary. 1995: Peggy Thompson Publication Award der Alberta Society of Professional Biologists für Wildlife Conservation Policy. 1997: Buffalo Nation, Erster Platz des 1997 "Best Nature / Environment Book" der Mid-America Publishers Association. 1999: Literaturpreis des Conseil International de la Chasse, Paris, für Hirsche der Welt. 2000: Der William Rowan Distinguished Service Award - Kapitel Alberta der Wildlife Society. 2004: Olaus Murie Award - Rocky Mountains Elk Foundation. 2004: Alberta Wilderness Defenders Award - Alberta Wilderness Association, Calgary. 2011: OL 25: Von Outdoor Life als eine von 25 Personen benannt, die führend in den Bereichen Jagd, Fischerei und Naturschutz sind.

Publikationen Buchveröffentlichungen Valerius Geist, Dale E. Toweill: Living on the Edge – The Mountains Goat’s World. Boone and Crockett – Falcon Pr 2013. ISBN 978-0-940864-65-8 Valerius Geist: Life Strategies, Human Evolution, Environmental Design: Toward a Biological Theory of Health. Springer Verlag 1978, Neuauflage 2011. ISBN 978-1-4612-6327-2