Johnny Shines oder Die Wiedererweckung der Toten ist das zweite Prosawerk von Patrick Roth aus dem Jahr 1993. Der Roman bildet zusammen mit Riverside. Christusnovelle (1991) und Corpus Christi (1996) den zweiten Teil der Christus Trilogie.Patrick Roth: Die Christus Trilogie. Drei Romane und eine CD. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1998.
Überblick Das Buch, das als „Seelenrede“ angelegt ist, entfaltet die Geschichte des 37-jährigen Johnny Shines, der zu Beginn der 1990er Jahre als moderner Wiedererwecker über die Dörfer der kalifornischen Mojave-Wüste zieht. Er erscheint auf Beerdigungen, drängt sich ans Grab, bricht den Sarg auf und befiehlt dem Toten unter Berufung auf Jesus (Mt 10,8), aufzustehen. Hintergrund und Ursprung der Obsession werden zum Gegenstand des nächtlichen Zwiegesprächs mit einer unbekannten Frau. Sie spricht als weibliche Stimme zum schlafenden Helden, mit dem erklärten Ziel, das Geheimnis des Johnny Shines ans Licht zu bringen.
Inhalt Kapitel 1–2 mini|270x270px|Schauplatz des Romans ist die im Südosten von Kalifornien gelegene Mojave-Wüste. Schauplatz ist das fiktive, in einem ausgetrockneten Flussbett der Mojave-Wüste im Westen der USA angesiedelte Blade. Am späten Abend des 21. Dezember 1992 kehrt der obdachlose Johnny Shines in sein Heimatdorf zurück, das er nach dem tragischen Tod der Schwester verlassen hatte. Auf der von Scheinwerfern einer Filmcrew hell erleuchteten Main Street umfasst der erschöpft wirkende Johnny im Ruf „auferstanden!“ die Füße einer fremden jungen Frau und bricht bewusstlos zusammen. Am Morgen des folgenden Tags erklärt er sich zum Mörder an einer Frau namens Hallie Doniphan, die er in der Nacht zuvor auf bestialische Weise umgebracht haben will. Stunden später korrigiert er die Aussage dahingehend, dass er die Frau nicht wirklich getötet, sich vielmehr in einer Art Wachtraum befunden habe. Nach Blade sei er wegen jener Hallie Doniphan gekommen, um in ihrem Auftrag eine andere im Ort verstorbene Frau zum Leben zu erwecken.
Kapitel 3–5 Während die Polizei in der Wüste nach den Spuren eines Verbrechens sucht, nähert sich eine anonyme weibliche Stimme dem in seiner Zelle schlafenden Verdächtigen, einen Dialog mit ihm zu eröffnen. Sie will die Wahrheit über Johnny finden und den Grund seiner Fixierung auf Totenerweckungen aufdecken. Zum Auftakt des Gesprächs erinnert sie für ihn einen rezenten Traum, in dem eine Stimme schrie, eine Frau solle „wieder lebendig“ gemacht werden.Patrick Roth: Johnny Shines oder Die Wiedererweckung der Toten. Seelenrede. Frankfurt am Main 1993, S. 20. Im Folgenden Nachweis mit Sigle JS u. Seitenzahl. Johnny lässt sich nur widerwillig herbei, von seinen Erfahrungen als Wiedererwecker zu berichten; seine Mission rechtfertigt er mit dem Aussendungsbefehl Jesu an die Jünger, dem Bibelvers „Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein.“.
Die lebenslange Furcht, eines Tages in einen „Hinterhalt“ zu geraten und Opfer einer schicksalhaften Fügung zu werden, illustriert Johnny mit einer „Die Löwengrube“ genannten Jesus-Geschichte, die sein Vater, ein Pfarrer, ihm und der kleinen Schwester Sharon zu erzählen pflegte. In seinem dreizehnten Lebensjahr sei Jesus von drei Königen und einem vierten, der sich noch vor Jesu Geburt in Nazaret niedergelassen hatte, aus dem Elternhaus entführt und in eine verlassene Löwengrube in der Wüste geworfen worden. Den obskuren vierten König mit dem unheimlichen Vorwissen hat sich Johnny über die Jahre als Personifikation eines dunklen, missgünstigen Schicksals phantasiert, welches das eigene Leben durchkreuzt. Auf die direkte Frage seiner Gesprächspartnerin, ob er Tote erwecken könne, antwortet Johnny mit einer umfassenden Schilderung der Ereignisse vom Vortag in Shinbone.
Kapitel 5–6 Am Morgen des 21. Dezember 1992 hatte Johnny Shinbone betreten; bei der Lektüre der Todesanzeigen im Lokalblatt war er auf den Namen Ethan Jaynes gestoßen, dessen Geschichte ihm in „Pete’s Bar & Coffeeshop“ zu Ohren kam: Der Rancharbeiter war mit 37 Jahren in eben jener Bar ums Leben gekommen und sollte noch am Mittag beigesetzt werden. Den gleichaltrigen Ethan, der von seiner Frau für einen anderen verlassen wurde, zu trinken begann und in einem Streit mit seinem besten Freund ums Leben kam, betrachtet Johnny als einen dunklen Bruder, der dieselbe Angst, von einer höheren Macht überwältigt zu werden, durchlitten hatte. Der Wunsch, den Toten wiederzuerwecken, verstärkt sich, als Johnny die gesprungene Marmorplatte des Bartischs befühlt, auf den Ethans Kopf im Streit mit Lee Ransom nieder kam. Instinktiv erkennt er, dass der fremde Cowboy ein ebenso unglücklicher, im Grunde verfluchter Mensch war wie er selbst. Der Bruch im Marmor, die Stelle des Todes, wird dem ergriffenen Johnny zum Ausgangspunkt einer mächtigen Schöpfungsvision und zur ahnungsvollen Schau seines eigenen zukünftigen Schicksals.
Das sechste Kapitel schildert die mentalen Techniken, die Johnny gegen die große Angst anwendet, die ihn überkommt, wenn er seinem Auftrag nachgeht. Jede Totenerweckung empfindet er als „Schlacht“ (JS 54), die er gegen sich und alle Anwesenden führt, wenn er den Friedhof betritt. Auf dem Weg zum Ort des Geschehens lässt er sich von der Vorstellung tragen, Gott habe alles für ihn bereitet: Er selbst versteht sich als Teil eines göttlichen Plans, als Instrument des Höchsten, der durch ihn hindurch agiert. Auch begreift Johnny seine Erweckungstätigkeit als Versuch der Einlösung eines unausgesprochenen kindlichen Wunsches, den jeder Trauernde im Innersten hegt – dass der Tote wider alle Vernunft lebendig sein möge.
Kapitel 7–8 Johnny legt seiner Zuhörerin die Methode dar, die es ihm ermöglicht, die Zweifel, die ihn vor dem Gang zum Grab befallen, zu überwinden. Mittels der imaginativen Technik des „Landnamens“ verwandelt er sich die Trauernden in Städte und Landschaften Galiläas, Samariens und Judäas, die Jesus bei seinem Gang nach Jerusalem passierte. Die zu spät gekommene, faltenzerfurchte Grauhaarige in der hinteren Reihe der Trauergemeinde verkörpert zum Beispiel Kafarnaum, „altgedrungene Stadt am Meer“; die Frau, die ihm den Durchgang versperrt, ist Tiberias, gefolgt vom Berg Tabor und Samarien, der „schönen, navyblau-mantligen“ Tirza und weiteren Stationen auf dem Weg in die heilige Stadt: Von den „dunklen Kronen“ Atarots geht es hinunter zum Jordan und wieder hinauf nach Bethanien, wo schon des Priesters „Wort raschelt“, schließlich hinein in die Jerusalem zu den Arkaden Bethesdas am Nordrand des Tempelbezirks (JS 60-63).
In Johnnys heiliger Topographie fällt das Grab des zu Erweckenden mit dem Grab des Erweckers zusammen. Am Ziel angekommen, wird der Sarg mit dem in der Jackentasche mitgeführten Stemmeisen aufgebrochen, sodass Licht auf den Toten fällt. Ihn aufrichtend spricht Johnny: „Ethan wach auf!“, doch bevor das Wort Gottes in sein Ohr dringen kann, zerrt man schon an ihm, zieht ihn weg vom Grab, schlägt ihn nieder. Am Ende seiner Unternehmung findet Johnny sich regelmäßig in einer Gefängniszelle wieder. Da in Shinbone niemand Anzeige erhebt, wird er unter der Auflage, den Ort nie wieder zu betreten, im Polizeiwagen vor die Stadt gebracht und in der Wüste ausgesetzt.
Kapitel 9–11 mini|300x300px|Die Autofahrt durch das Death Valley ist ein Handlungsstrang des Romans. Ein Wagen nähert sich der Szenerie eines Baumes im Halbschatten, unter dem der verwundete Johnny lagert. Aus dem Auto steigt dieselbe Frau, die er früh am Morgen von den Hügeln herab auf dem Highway beobachtet hatte. Jene Frau war Zeugin der Ereignisse in Shinbone und ist Johnny heimlich nachgefolgt. Es handelt sich um dieselbe Hallie Doniphan, die Johnny zu Beginn des Romans umgebracht haben will. Hallie, die den Ausgesetzten zu sich in den Wagen nimmt, begründet ihr Interesse an seiner Person mit dessen Macht, Tote zu erwecken und fordert ihn explizit auf, eine „Freundin, die vor längerer Zeit verstarb“ (JS 75) lebendig zu machen. Während die beiden in Richtung Panamint Valley, einem Nachbartal des Death Valley durch die Nacht fahren, entwickelt sich ein Gespräch über den Sinn von Totenerweckungen, bei dem Hallie die Auffassung vertritt, dass Johnny ein falsches, nämlich konkretes Verständnis dieses Vorgangs hat. Sie plädiert für eine symbolische Sichtweise, u. a. indem sie ihm darlegt, dass die zu erweckende „Freundin“ seit mehr als zwanzig Jahren tot ist und somit kein Körper mehr vorhanden ist, der berührt werden könnte, wie es der Fall ist, wenn der Prophet Elischa sich auf den Leib des Toten legt, ihm seinen Atem einzuhauchen. Die transzendente Wirklichkeit, die Hallie vertritt, hat ihr Bild in dem „dunklen, schweigsam-unantastbaren Land“ (JS 93), das seit alters her das Land der Seele genannt wird. Die Relevanz und Macht dieser seelischen Wirklichkeit kann, so Hallie, vom Wiedererwecker ebenso wie vom Künstler zur Erscheinung gebracht werden, wenn er die ihm eigene Kraft der Imagination einsetzt und eine fiktive Wirklichkeit erschafft, die ebenso wirklich ist wie die konkrete Wirklichkeit: „In den Herzen der Zuschauer aber aufersteht die Tote immer, auch wenn sie spielt.“ (JS 96)
Dem Wunsch Hallies nachkommen heißt, sich erinnern zu lernen und Zugang zu den tieferen Schichten des Lebens zu finden. Hallie sucht die Blockade zu lösen, indem sie die Todesumstände der „Freundin“, eines zwölfjährigen Mädchens, berichtet, einer Pfarrerstochter, die offiziellen Berichten zufolge bei einem Raubüberfall im Elternhaus erschossen wurde. Schließlich erzählt sie Johnny die Geschichte von der „Löwengrube“, die der Vater dem Mädchen „durch die Kindheit hindurch“ erzählte. Aus dieser Erzählung, so Hallie geheimnisvoll, erkläre sich auch ihr persönlicher Glaube an Johnnys Können und Macht (JS 101).
Kapitel 12 Die eingelegte Geschichte von der „Löwengrube“ ist eine fiktive, an die Traditionen apokrypher Kindheitsevangelien und alchemistischer Parabeln anschließende Christuslegende. Eingewebt sind Motive bekannter biblischer Erzählungen, u. a. aus Daniel in der Löwengrube und Die drei Weisen aus dem Morgenland . In der Nacht zum 6. Januar, in seinem dreizehnten Lebensjahr, entführen vier Könige den jungen Jesus aus seinem Elternhaus in Nazaret und werfen ihn in eine verlassene Löwengrube. Der vierte König, der kein Geschenk bringt, gibt als Grund der Entführung Jesus selbst an: Er, der zukünftige „Messias und Heiland“ (JS 104) stünde in Prüfung und solle werden, was er noch nicht sei. Bei der folgenden Probe auf Leben und Tod wird Jesus kein Löwe zugeführt, sondern ein gleichaltriger Junge: Judas, Sohn des Simon, der von den Königen „in ganz bestimmter Weise vorbereitet“ (JS 105) wurde. Dieser greift Jesus überraschenderweise sofort mit einem Messer an und fügt ihm Wunden zu. Jesus, der sich nicht verständigen kann, gerät in eine große Wut und sticht Judas das Messer ins Herz. Mit diesem gewaltsamen Akt ist die Probe jedoch nicht beendet, denn die eigentliche Prüfung der Könige verlangt von Jesus, den Toten wieder lebendig zu machen.
Kapitel 13–14 Anders als der Vater, der den Ausgang der Geschichte stets verweigerte, weil das Mysterium des Lebendigmachens sich jeder Erklärung entziehe, hört Johnny von Hallie eine Ergänzung und später auch die Fortsetzung der Ereignisse in der Grube. Im Todeskampf habe Judas den Kopf hin- und hergeworfen, sodass das Ohr des Sterbenden frei lag und das Wachs, welches die Ohren verschloss, frei gab. Als Jesus erkannte, dass Judas sich für seine Worte unempfänglich gemacht hatte oder von den Königen zu einem Unempfänglichen gemacht worden war, habe er diese als „Wahnsinnige“ (JS 113) bezeichnet. Von Jesus sei nun das Menschenunmögliche verlangt worden: den unbefreiten Judas zu befreien.