mini|Kopie der Nachtwache in unbeschnittenem Zustand, Gerrit Lundens, vor 1653, Öl auf Eichenholz, 66,8 × 85,4 cm Die Nachtwache (), im Rijksmuseum Amsterdam als Dauerleihgabe der Stadt Amsterdam mit dem Untertitel Offiziere und andere Schützen des Bezirks II in Amsterdam, unter Führung von Hauptmann Frans Banninck Cocq und Leutnant Willem van Ruytenburch, bekannt als ‚Die Nachtwache‘ ausgestellt, ist ein Gemälde des niederländischen Malers Rembrandt van Rijn. Das 1642 fertiggestellte Werk für die Amsterdamer Büchsenschützengilde gilt als Hauptwerk Rembrandts, dessen Authentizität aufgrund der durchgehenden Dokumentation der Provenienz und zahlreicher überlieferter Urkunden und Berichte niemals angezweifelt wurde. Es ist darüber hinaus ein Höhepunkt des Genres der holländischen Gruppenporträts und Schützenstücke. Die Nachtwache ist nicht nur eines der bedeutendsten Objekte des nationalen Kulturerbes der Niederlande, sondern eines der bekanntesten Gemälde der Welt. Als solches ist es seit Generationen ein Objekt der kunsthistorischen Forschung, die das Gemälde so eingehend wie nur wenige Kunstwerke bearbeitet hat.

Beschreibung Darstellung Die abgebildete Szene ist die Versammlung einer Gruppe von 31 Personen, überwiegend aufgrund ihrer Kleidung oder Bewaffnung als Soldaten erkennbar, die sich vor einem Gebäude aus großen Steinquadern mit einem Aufgang aus mehreren Stufen versammelt hat. Dieses Gebäude weist etwas links von der Bildmitte – im ursprünglichen Zustand des Gemäldes deutlich näher am Zentrum – einen monumentalen Torbogen auf, der von Säulen flankiert ist. Der rechte Teil des Gebäudes hat im ersten Obergeschoss ein Fenster, am rechten Bildrand ragt eine Mauer oder ein Teil des Gebäudes nach vorne. Am linken Bildrand befand sich im ursprünglichen Zustand ein Geländer und links davon eine Brücke, auf der mehrere Personen standen. Zwei Soldaten, ein nur wenig über die Brüstung der Brücke ragender Kopf eines Kindes und der größte Teil der Brücke wurden um 1715 entfernt, heute lässt die Darstellung nur noch einen Teil des Geländers erkennen.

Das Figurenprogramm umfasst heute noch 31 Personen, die mit wenigen Ausnahmen als Schützen, Pikeniere und Offiziere erkennbar sind. Die Kleidung der abgebildeten Schützen ist uneinheitlich, eine Uniformierung ist nur ansatzweise erkennbar. Ganz im Vordergrund und im Zentrum des Bildes steht ein dunkelviolett, fast schwarz, gekleideter Hauptmann mit weißem Mühlsteinkragen, roter, goldbestickter Schärpe und schwarzem Hut, der sich mit einem kleinen Schritt auf den Betrachter zuzubewegen scheint. In seiner behandschuhten Rechten hält er einen Handschuh und einen anderthalb Meter langen Offiziersstock aus Rattanholz (rotting)Erik Spaans: Die Faszination des Ostens. Handel und Kunst in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts, in: Bodo Brinkmann u. a.: Rembrandts Orient. Westöstlicher Begegnung in der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts, Prestel Verlag, München, London, New York 2020, ISBN 978-3-7913-5962-5 mit seiner Linken deutet er nach vorne. Rechts neben ihm steht der Leutnant der Kompanie, der offensichtlich gerade einen Befehl von seinem Hauptmann erhält. Wie der Hauptmann steht er in hellem Licht, er trägt blassgelbe Kleidung mit einem gefiederten Hut, Stulpenstiefel in der gleichen Farbe und eine weiße Schärpe. Bewaffnet ist er mit einer Halsberge und einer Partisane, und auch er scheint sich gerade einen halben Schritt nach vorne zu bewegen.

Die hinter den beiden Offizieren liegende Bildebene wird von drei Büchsenschützen dominiert, einem Musketier in roter Kleidung und mit rotem gefiedertem Hut und weißem Mühlsteinkragen, an dessen Gürtel zahlreiche Pulverflaschen hängen. Er füllt gerade Pulver in den Lauf seiner Muskete. Rechts von ihm, fast vollständig durch den Hauptmann verdeckt, steht ein mit großem Ausfallschritt nach rechts gewandter Musketier. Er hat gerade einen Schuss nach rechts oben abgegeben, so dass der Pulverrauch hinter dem Kopf des Leutnants eine Wolke bildet. Unmittelbar rechts hinter dem Leutnant ist ein behelmter dritter Musketier nach einer Schussabgabe abgebildet, der gerade Reste des verbrannten Pulvers von der Pulverpfanne seiner Waffe bläst.

Die nächste nach hinten anschließende Bildebene zeigt zwischen dem ersten und zweiten genannten Musketier zwei prunkvoll gekleidete Mädchen, von denen das kleinere weitgehend verdeckt ist und das andere durch einen starken Lichteinfall hervorgehoben wird. An seinem Gürtel hängt ein totes Huhn und es ist ein kleines Stück einer Radschlosspistole sichtbar. Links neben dem rot gekleideten Musketier mit der Pulverflasche läuft ein kleiner Junge (oder ein Kleinwüchsiger) mit Helm und großem Pulverhorn vor dem Bauch entlang des Geländers nach links vorne.

Den Hintergrund des Bildes dominiert der unter dem Torbogen stehende Fahnenträger, der eine blau-gelb-blau-gelb gestreifte Fahne hochhält. Am linken Bildrand sitzt ein geharnischter und behelmter Soldat mit Hellebarde auf der Brüstung der Brücke, der trotz der ursprünglich noch hinter ihm (also näher am Bildrand) gemalten Figuren zweier Soldaten und eines Kindes die Darstellung nach links abschließt. In ähnlicher Weise bilden ein schwarz gekleideter Sergeant mit weißem Mühlsteinkragen und Hellebarde, der sich mit einem behelmten Schützen unterhält und zur Bildmitte deutet, sowie ein grün gekleideter Trommler, der zum Betrachter schaut und von einem mittelgroßen grauen Hund verbellt wird, einen Abschluss oder Rahmen nach rechts. Neben diesen Akteuren sind im Hintergrund noch eine Reihe weiterer Figuren dargestellt, bei denen es sich um die beiden Schildträger zum Schutz des Fahnenträgers, einen Sergeanten und eine Reihe von Pikenieren handelt.

Figurenprogramm

Das Bild rechts ist eine von Gerrit Lundens (1622–1683) wahrscheinlich vor 1653 gemalte Kopie in Öl auf Holz, sie befindet sich als Dauerleihgabe der Londoner National Gallery im Rijksmuseum Amsterdam. Die eingezeichneten weißen Linien sind drei der Schnittlinien zur Verkleinerung des Originals von 1715, mit der am linken Rand drei Figuren entfernt wurden.

Das Gruppenbild enthält sechzehn Abbildungen von Schützen des Amsterdamer Bezirks II, die für ihre Darstellung unterschiedlich hohe Beträge, insgesamt 1600 Gulden, bezahlt haben. Sie gelten als die Hauptpersonen und sind mit zwei weiteren Schützen auf dem erst um 1653, nach dem Anfertigen der Kopie, oberhalb der Säule rechts vom Torbogen aufgemalten Schild namentlich genannt. Darüber hinaus malte Rembrandt sechzehn Nebenfiguren, die im Figurenprogramm unterschiedliche Funktionen wahrnehmen. Teilweise handelt es sich um Schützen der Kompanie, die sich den Beitrag für ein Porträt nicht leisten konnten und daher auch nicht identifizierbar abgebildet wurden. Sie wurden benötigt, um die gewünschte Kompaniestärke zu erreichen. Andere Nebenfiguren dienen der Steigerung der Dramatik oder sind allegorische Darstellungen. Mit dieser Ergänzung des Gruppenporträts um zahlreiche Statisten durchbricht Rembrandt eine Tradition des holländischen Schützenstücks, das bis dahin auf die Darstellung der zahlenden Kunden beschränkt war.

Rembrandt zeigt die Figuren in Kleidung, Helmen und Waffen, die keine zeitgenössischen Vorbilder haben. Die Helme einiger Schützen ähneln dem von Rembrandts Bellona aus dem Jahr 1633, aber auch denen der Rohrschützen in Jacob de Gheyns Wapenhandelinghe von 1607. Diese uneinheitliche Darstellung der Figuren ist jedoch nicht unbedingt Ausdruck der künstlerischen Freiheit. Vielmehr nutzten viele Mitglieder der Bürgerwehren das öffentliche Auftreten zur Selbstdarstellung in extravaganter Kleidung. Der niederländische Autor Caspar van Baerle schilderte 1638 den feierlichen Einzug Maria de’ Medicis in die Stadt Amsterdam und bemerkte über die zahlreichen Schützen, dass einige sich nach eigenem Ermessen herausgeputzt und andere sich von Kopf bis Fuß geharnischt hatten.

mini|Schild mit den Namen der 16 Auftraggeber (Kontrast digital verstärkt) Die Namen der Protagonisten sind auf dem Original der Nachtwache oberhalb der Bildmitte auf einem Schild an der Säule verzeichnet: . Die Figuren können auf dem Gemälde nur durch die Attribute ihres Rangs und durch die Auswertung bekannter biografischer Daten identifiziert werden.

Selbstbildnis Rembrandts mini|Detail der Nachtwache, in der Mitte mögliches Selbstporträt Zwischen dem Fahnenträger und dem rechts von ihm stehenden Schildträger mit Helm und Halsberge sind Nase und rechtes Auge eines Mannes mit Malerbarett zu sehen. Die Identifizierung einer Person erscheint unmöglich, da die Figur fast vollständig verdeckt ist. Dennoch wurde das Fragment wiederholt als Selbstporträt Rembrandts gedeutet, zuerst durch den niederländischen Kunsthistoriker Wilhelm Martin. Von Rembrandt ist eine Vielzahl von Selbstporträts überliefert, wie sie von keinem anderen bedeutenden Maler existiert. Es war für Rembrandt wie für andere Maler seiner Zeit üblich, das eigene Porträt in seinen Gemälden unterzubringen. Die Annahme, dass auch mit der Figur der Nachtwache ein Selbstporträt vorliegt, stützt sich auf die Darstellung mit Malerbarett, die Rembrandt auch bei anderen Gelegenheiten wählte. Als ein Beispiel nennt Martin das um 1640 gemalte und heute Ferdinand Bol zugeschriebene Porträt Rembrandts mit Barett und zwei goldenen Ketten, dem möglicherweise ein verschollenes Selbstporträt Rembrandts als Vorlage diente. Sicher von Rembrandt selbst stammen das auf 1639 datierte Gemälde Der Rohrdommeljäger in der Gemäldegalerie Alte Meister und eine Radierung, die die Studie eines Baums und ein im Ausschnitt fast identisches Selbstporträt Rembrandts zeigt.

Anlass, Ort und Zeit der Aufstellung mini|Ankunft Maria de’ Medicis in Amsterdam, empfangen und eskortiert von zahlreichen Schützen, Salomon Savery, ca. 1638, Radierung Unstrittig ist wegen der im Mittelpunkt stehenden Büste der französischen Königsmutter Maria de’ Medici der in Joachim von Sandrarts Schützen der Kompanie von Hauptmann Cornelis Bicker und Leutnant Frederick van Banchem dargestellte Zusammenhang mit ihrem triumphalen Empfang in Amsterdam. Den niederländischen Kunsthistorikern Jan Six und Frederik Schmidt-Degener zufolge zeigt auch die Nachtwache – wie die übrigen Schützenbilder im Großen Saal des Kloveniersdoelen – den Augenblick am 31. August 1638, in dem die Kompanie zum feierlichen Empfang de’ Medicis aufbricht. Der Ort der Handlung liegt demnach vor dem wenige Jahre zuvor in der Nieuwe Doelenstraat errichteten Schützenhaus, dem Kloveniersdoelen.

Diese Darstellung wurde mit dem Hinweis angezweifelt, weder Hauptmann Frans Banninck Cocq noch Leutnant Willem van Ruytenburgh seien zum Zeitpunkt des Besuchs bereits Offiziere der Schützenkompanie gewesen.

Bedingt durch die ohnehin dunkle Darstellung, die bereits Rembrandts Zeitgenossen bemerkten, und die Nachdunkelung des Gemäldes, ist in späterer Zeit die irreführende Bezeichnung Nachtwache vergeben worden. Der gezeigte Abmarsch der Kompanie wird in der kunsthistorischen Forschung überwiegend in die Mittagszeit gelegt. Gegen ein Nachtstück sprechen die fehlenden scharfen Kontraste, die für Kerzen- oder Laternenlicht typisch sind. Allerdings ist der Lichtfall auf dem Gemälde auch für das Tageslicht unnatürlich. Rembrandt hat für die Nachtwache eine eigene Lichtstruktur geschaffen, die nicht die Realität einer bestimmten Tageszeit, sondern eine Illusion zeigt.

Deutung und Symbolik mini|Siebzehn Schützen der Rotte F des Kloveniersdoelen, unbekannter Meister, 1557