Nya ist ein Besessenheitskult und die in ihm angerufene Gottheit im Süden von Mali und in einigen Dörfern jenseits der Grenze in Burkina Faso. Die Mitgliedschaft im Kult ist auf eine Minderheit initiierter Männer aus sozial hochstehenden Familien beschränkt, die besessenen Männer gelten nicht als krank und die Sitzungen sind keine Heilungszeremonien. Die Gottheit Nya wird wie viele andere Figuren traditionell-religiöser Kulte der Mande-Sprachgruppen an zahlreichen Schreinen verehrt, die es in fast jedem Dorf in der Verbreitungsregion gibt. In jedem der genannten Punkte unterscheidet sich der Nya-Kult von den typischen Merkmalen afrikanischer Besessenheitskulte.
Kulturelles Umfeld Der Nya-Kult ist ungefähr in den Regionen Ségou südlich des Bani-Flusses und Sikasso im äußersten Süden Malis verbreitet, sowie in einem Gebiet östlich des Banifing-de-Kouoro-Flusses, der hier die Grenze zu Burkina Faso bildet. Das Alter des Nya-Kults ist unbekannt. In den 1970er Jahren standen Nya und eine Reihe weiterer Kulte im Zentrum der Religionsausübung im Süden Malis. Seitdem werden sie durch einen wachsenden islamischen Einfluss und durch zunehmende politische Instabilität zurückgedrängt. Des Weiteren verringern der Einfluss der überregionalen Marktwirtschaft auf den dörflichen Alltag, die staatliche Gesetzgebung und westliche Schulbildung das Ansehen und die Macht der lokalen gesellschaftlich-religiösen Kulte. Die am Kult beteiligten Männer verlieren durch die Islamisierung ihre beherrschende Stellung in der Gemeinschaft und sehen sich veranlasst, selbst zum Islam überzutreten, um nicht ins gesellschaftliche Abseits zu geraten.
Grundsätzlich steht der Islam in einem Wettbewerbsverhältnis und Machtkampf mit den afrikanischen Religionen, die tendenziell zurückgedrängt werden. Muslime werfen den Anhängern traditioneller Kulte Rückständigkeit und Aberglauben vor. Dennoch kommt es zu einem Kulturaustausch, der im Lauf der Zeit zur Integration islamischer Elemente in die afrikanischen Kulte und zu einer Afrikanisierung des Islams führt. Die Mehrheit der gemäßigten Muslime toleriert üblicherweise afrikanische Besessenheitskulte, solange diese politisch ohne Einfluss bleiben. Das Verhältnis der Besessenheitskulte zu den christlichen Kirchen ist ähnlich von Konkurrenz, Ablehnung und gegenseitigem Austausch geprägt.
Geister sind in Afrika häufig geschlechtlich definiert. Eindeutig männliche und eindeutig weibliche Geister bilden in einer Parallelwelt die gesellschaftlichen Verhältnisse ab, einschließlich der Ungleichheit zwischen Mann und Frau. Daneben gibt es Geister, zu denen auch die Gottheit Nya gehört, deren männliche und weibliche Qualitäten sich situativ ändern können und die – wie im brasilianischen Candomblé – ein breites Spektrum von gefühlvoll und zaghaft auftretenden männlichen Geistern bis zu grimmig und dominant geschilderten weiblichen Geistern umfassen.Heike Behrend, Ute Luig: Introduction. In: Heike Behrend, Ute Luig (Hrsg.): Spirit Possession. Modernity & Power in Africa. James Currey, Oxford 1999, S. xv, xvii
Männliche und weibliche Geister können entweder nur von Menschen desselben Geschlechts oder des anderen Geschlechts oder unterschiedslos von beiden Geschlechtern Besitz ergreifen. Besessenheitsgeister befallen allgemein weit überwiegend Frauen. Dies gilt sowohl für die von einem Geist ungewollt besessenen Patientinnen bei Heilungsritualen als auch für religiöse Zeremonien, bei denen Geister eigens angerufen werden. Soziologisch betrachtet sind Frauen in vielen Kulturen von den Ritualen der „offiziellen“, das heißt der von Männern dominierten Religion ausgeschlossen und praktizieren daher eigene Kulte.I. M. Lewis: Spirit Possession and Deprivation Cults. In: Man, New Series, Bd. 1, Nr. 3, September 1966, S. 307–329, hier S. 109f Bei der Interpretation des Zar-Kults im Sudan und in Ägypten werden Geschlechtertrennung und Handlungsverbote als eine Ursache für psychische Probleme bei Frauen verantwortlich gemacht, die darauf mit einem Besessenheitskult als therapeutische Maßnahme reagieren. Der Kult bietet einen Freiraum zur Selbstentfaltung in einem privaten Umfeld.Susan M. Kenyon: Zar as Modernization in Contemporary Sudan. In: Anthropological Quarterly, Bd. 68, Nr. 2 (Possession and Social Change in Eastern Africa) April 1995, S. 107–120, hier S. 108f Weitere Besessenheitskulte in muslimischen Mehrheitsgesellschaften, die hauptsächlich Frauen betreffen sind Bori und Dodo in Nordnigeria, Pepo bei den Swahili sowie tende n-gumatan bei den Tuareg, benannt nach der hierbei verwendeten Mörsertrommel tendé. Einen schwarzafrikanischen Ursprung in einem arabisch-islamischen Umfeld haben Derdeba in Marokko und Stambali in Tunesien. Zu den seltenen Ausnahmen für eine Besessenheit, die ausschließlich Männer als Patienten betrifft, gehört der Hamadscha-Kult um den weiblichen Geist Aisha Qandisha in Marokko. Überwiegend Frauen werden im Süden Togos beim Tchamba-Kult vom Geist eines ehemaligen Sklaven befallen. Hierbei wird das gesellschaftlich sensible Thema der jahrhundertelangen Sklaverei verarbeitet.
Besessenheitskulte breiten sich bei einer historischen Betrachtung während gesellschaftlicher Krisen aus, die in Westafrika mit der zwangsweisen ökonomischen und kulturellen Anpassung in der französischen Kolonialzeit verbunden sind. Alle üblichen Erklärungen für die Herausbildung von Besessenheitskulten als Rückzugsorte innerhalb einer dominanten Mehrheitskultur enthalten den Umkehrschluss, dass diese Kulte zurückgehen müssen, sobald sie offiziell anerkannt werden. Der Nya-Kult widerspricht auf mehrfache Weise dieser allgemeinen Betrachtung.
Die ethnologischen Kenntnisse über den Nya-Kult basieren im Wesentlichen auf den Feldforschungen der drei belgischen Anthropologen Jean-Paul Colleyn (* 1949), Danielle Jonckers (* 1947) und Philippe Jespers, die gemeinsam von 1971 bis in die 1980er Jahre bei den Mamara-Sprechern im Süden Malis Feldforschung betrieben.
Nya, Verehrung und Ritual Die zahlreichen religiösen Kultgruppen der Bambara und Malinke, die zur Mande-Sprachfamilie von Westafrika gehören, werden in die beiden Typen jo (oder dyo) und ton in der Bambara-Sprache eingeteilt; der Plural mit angehängtem –w lautet jow und tonw. Mit jo wird eine Art Machtbündnis bezeichnet und ton bezieht sich auf eine Altersgruppe, die Gemeinschaftsarbeit leistet: Das kann gemeinsame Feldarbeit beinhalten, eine Musik- oder eine Tanzgruppe sein. Beide Typen werden nach Geschlechtern getrennt: Es gibt jow und tonw jeweils für Frauen und Männer. Im Gebiet der Mande in Mali gehören beispielsweise Ntomo und Kore zu den tonw und Kòmò, Nama, Kono und Nya gehören zu den jow. Alle genannten Kultgruppen bis auf die Nya besitzen Holzmasken, anhand deren Gestaltung sie leicht erkennbar sind. Nur die Masken der tonw werden öffentlich von Tänzern getragen, die mit Trommelbegleitung auftreten. Die bekannteste Gruppe ist Kòmò.Eric S. Charry: Mande Music: Traditional and Modern Music of the Maninka and Mandinka of Western Africa. (Chicago Studies in Ethnomusicology) University of Chicago Press, Chicago 2000, S. 206f Beim Kòmò-Kult spricht der Geist durch die Maske,Vgl. Boureima Tiékoroni Diamitani: Observing Komo among Tagwa People in Burkina Faso: A Burkinabe Art Historian's Views. In: African Arts, Herbst 2008, S. 14–25 beim Nya-Kult durch den Mund der besessenen Person.Luc de Heusch, 1986, S. 175
Die Lebensgrundlage in den Dörfern war traditionell die Subsistenzwirtschaft, die auf der Basis patrilinearer Verwandtschaftsgruppen gemeinschaftlich bewältigt wurde. Durch die Einführung von Baumwolleanbau für den Export und der Geldwirtschaft in den 1960er Jahren brach nachfolgend die gemeinschaftliche Arbeitsorganisation zusammen und auch die Nya-Bünde büßten allmählich ihre Macht ein. Seitdem ist dort, wo keine Institutionen der Zentralregierung eingreifen, die lokale Machtausübung zwischen dem Dorfoberhaupt, einflussreichen Familien, islamischen Autoritäten (Imame und Marabouts) und den Leitern der verbliebenen Kultgruppen aufgeteilt.
Nya ist eine als Gottheit bezeichnete höhere Macht, die nach den mythischen Vorstellungen den Regen kontrolliert, für Fruchtbarkeit sorgt und vor der weithin als Gefahr eingeschätzten Hexerei schützt. Überwiegend gilt Nya als weiblich, insgesamt wird „sie“ jedoch als androgynes Wesen vorgestellt, denn je nach Zusammenhang kann Nya auch mit „er“ angesprochen werden. Wenn ein Mann einen heiligen Ort für Nya anlegt, geht er symbolisch eine Ehe mit Nya ein und wird zu ihrem Mann (Nya-polo), umgekehrt nimmt ein männlicher Voodoo-Geist in Haiti seine weibliche Bezugsperson zur „Ehefrau“.Erika Bourguignon: Suffering and Healing, Subordination and Power: Women and Possession Trance. In: Ethos, Bd. 32, Nr. 4 (Contributions to a Feminist Psychological Anthropology) Dezember 2004, S. 557–574, hier S. 564 So oder so, in den meisten Besessenheitskulten ist Heirat die übliche Analogie für das Verhältnis zwischen der besessenen Person und dem besitzergreifenden Geist.
Zur Verehrung Nyas treffen sich ihre Anhänger an den mehreren hundert Schreinen, die in der Region verstreut sind. Dort erteilt ein von Nya besessener Magier (Nya ta denh) Ratschläge und beantwortet Fragen zu alltäglichen Dingen. Er fungiert als Nachrichtenübermittler (Nya-da, „Nyas Mund“), indem er weissagt und Konflikte zwischen Dorfbewohnern schlichtet. Manche Kultorte werden nur von den Einwohnern des Dorfes aufgesucht, andere ziehen Glaubensanhänger aus einer weiteren Umgebung an und bestehen teilweise aus mehreren Schreinen, die Anhänger aus ihren Dörfern gebracht haben.
mini|In afrikanischen Mythen gelten Hyänen als unnatürlich, aasfressend, hässlich, bösartig, gefährlich, hinterhältig und heilig.Vgl. Jürgen W. Frembgen: The Magicality of the Hyena: Beliefs and Practices in West and South Asia. In: Asian Folklore Studies, Bd. 57, Nr. 2, 1998, S. 331–344