mini|hochkant=1.6|Grabanlage auf einem Friedhof Die Sepulkralkultur der DDR wies ab Beginn der 1960er Jahre Unterschiede zur Sepulkralkultur in Westdeutschland auf, insbesondere was den Anteil an Feuerbestattungen betraf. Diese heute oft verbreitete Erkenntnis bleibt allerdings unbelegt, denn schon in Statistiken von 1932Zeitschrift zur Förderung der Feuerbestattung Die Urne, Nachrichtenblatt des Feuerbestattungsverein Meißen und Umgebung e. V., 5. Jahrgang, Nr. 4, Statistik von Einäscherungen in den 107 deutschen Feuerbestattungsanlagen im Februar 1932, S. 5. Siehe dazu auch die folgenden Jahrgänge und Nummern der Zeitschrift. und danach ist eine derartige Entwicklung auf dem späteren Gebiet der DDR nachvollziehbar. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Deutschland wegen der schon vor dem Krieg überall einsetzenden allgemeinen Anerkennung und Verbreitung der Feuerbestattung immer mehr Krematorien. Diese Bestattungsart entwickelte sich allerdings sehr unterschiedlich. So gab es bereits 1936 auf dem späteren Gebiet der DDR schon insgesamt 50 Krematorien.Festschrift "25 Jahre Feuerbestattungsverein Meißen", Übersicht der Krematorien in Deutschland, 1936, Meißen, S. 23. Dazu gehörte auch das damals größte Krematorium in Europa in Berlin-Baumschulenweg, welches 1913 erbaut wurde, sowie das allererste Krematorium Deutschlands, das man im Jahre 1878 in Gotha errichtet hatte.
Die bereits 1949 in der DDR vorhandenen Feuerbestattungsanlagen sind daher als Ergebnis eines sehr langen Prozesses um die Akzeptanz der Feuerbestattung in den besagten Regionen anzusehen. Man kann sie somit nicht zeitgleich als Ergebnis einer bewusst gesteuerten Förderung der Feuerbestattung bzw. Ablehnung der meist kirchlichen Erdbestattung durch politische Interessen der Staatsorgane der DDR ansehen. Man war zwar bestrebt, dass sich jeder nach seinem Tod verbrennen lässt und plante dafür das bereits dichte Netz der vorhandenen Krematorien weiter auszubauen. Dazu kam es jedoch nicht. In der Zeit von 1949 bis zum Ende der DDR wurden nur zwei Krematoriums-Neubauten (1968 Schmalkalden und 1974 Erfurt) realisiert.Vgl. Dieter Leopold und Horst Hunger: „Die ärztliche Leichenschau. Praktische Hinweise und Analysen“, Leipzig, 1987, S. 136.Institut für Kommunalwirtschaft der DDR, Fachdirektion Grundsatzfragen, Dresden, Stand Juli 1989.
Rückgriffe auf bestehende Strömungen Die Friedhofspolitik in der DDR konnte auf bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts bestehende Strömungen in der Sepulkralkultur zurückgreifen, die unter anderem auf die Ablehnung der Kirchen auf die Feuerbestattung gründeten. Die Friedhofsreformbewegung hatte sich bereits im Kaiserreich entwickelt und strebte eine Friedhofsästhetik an, die von Ordnung und Homogenität geprägt war. Die ersten Urnengemeinschaftsanlagen entstanden in der Weimarer Republik. Das Gros der Friedhöfe und fast alle Krematorien waren bereits vor dem Zweiten Weltkrieg angelegt worden. Die meisten Krematorien waren noch Vorkriegsanlagen und wurden weitergenutzt. In der DDR arbeiteten 1989 insgesamt 50 Krematorien, weitere waren in der Planung. Quelle: Institut für Kommunalwirtschaft der DDR, Stand 1989. In: Dissertation (Doktor der Philosophie) von Ulrich Hübner, Kunst und Architektur der deutschen Feuerbestattungsanlagen im historischen Kontext, TU Dresden, 2001, S. 28 bis 30.
Viele Friedhöfe waren am Anfang der DDR das Eigentum der christlichen Kirchen, die Begleitung der Trauerfeier erfolgte meist durch die Pfarrer. Die Grabsteine zeigten dabei noch überwiegend christliche Symbole, insbesondere in Form von Grabkreuzen. Die Kirchen waren für den Staat zwar oft ein ideologischer Gegner, doch waren gleichzeitig in der DDR-Kirchenpolitik auch immer wieder harmonisierende Tendenzen vorhanden.
Die bestehende Friedhofskultur stand oft im Konflikt mit dem staatlich angestrebten Ideal der Gleichheit: Die bestehenden Grabdenkmäler waren noch sehr unterschiedlich und aufwändig gestaltet. Sie reichten vom einfachen Reihengrab bis hin zum repräsentativen Mausoleum. Der Aufwand, welcher einst bei den Grabdenkmälern betrieben wurde, spiegelte auch immer wieder den sozialen Status und vor allem das Vermögen einiger Verstorbenen wider. Repräsentative Grabanlagen zeigten oft sehr deutlich die Unterschiede der einst bestandenen Klassengegensätze um die Jahrhundertwende im Kaiserreich und später. Zudem unterlagen sie dem damaligen künstlerischen Zeitgeschmack. Man plante daher in der DDR am Anfang der 1960er Jahre mit Hilfe neuer Gestaltungsgrundsätze auf kommunalen Friedhöfen, kirchliche Friedhöfe sollten davon ausgeschlossen seinsiehe dazu: Gestaltung unserer Friedhöfe, Institut für Kommunalwirtschaft, Dresden, 1963, S. 6., Grabanlagen zu schaffen, die entsprechend dem Ziel einer klassenlosen Gesellschaft keinen Rückschluss auf Status und Vermögen der Verstorbenen mehr erlaubten.
Instrumente und Methoden Dresdner Institut für Kommunalwirtschaft Das Dresdner Institut für Kommunalwirtschaft (IfK) wurde im April 1960 in Dresden gegründet.Neues Deutschland, Tageszeitung, 3. Juli 1960, Institut für Kommunalwirtschaft in Dresden, Nr. 181 S. 4. Das Institut veröffentlichte u. a. eine Anzahl von Publikationen über Bestattungskultur, Feuerbestattung, Pflanzen und Grabmalgestaltung, jedoch auch über die örtliche Versorgungswirtschaft sowie der Praxis von Müllverwertung, Stadtwirtschaft, Dienstleistungen und Reparaturen. In einigen Publikationen wurden dazu auch Gedanken und Überlegungen für eine zukünftige Grabmalgestaltung vorgestellt. Die Gestaltung von zukünftigen Urnengemeinschaftsanlagen oder ein würdiges zeitgemäßes Gedenken von verdienten Persönlichkeiten in Ehrenhainen waren ebenfalls Themen denen man sich in kleinen Broschüren widmete.siehe dazu Schriftenreihe Kommunalwirtschaft Nr. 25 Gestaltung unserer Friedhöfe, Institut für Kommunalwirtschaft, ab S. 42.Institut für Kommunalwirtschaft: Der Friedhof. Gestaltung und Pflege, Broschur, 1975.M. Kramer: Umgestaltung städtischer Friedhöfe Südfriedhof Leipzig, Institut für Kommunalwirtschaft, Broschur, 1980.
Feuerbestattung Es bestand in der DDR nie ein formeller Zwang zur Feuerbestattung. Allerdings wurde diese Form vielfältig beworben. Seit 1963 verfügten die Friedhofsverwaltungen über einen Vortrag „Feuerbestattung heute“, um für die Feuerbestattung zu werben. Im Jahr 1993 betrug die Einäscherungsquote auf dem Gebiet der ehemaligen DDR 54,7 %. Das war doppelt so hoch wie in den alten Bundesländern. Nur in einzelnen Orten, wie Gera, Gotha und Zwickau, betrugen die Anteile über 90 %.Der Städtetag, Zeitschrift für kommunale Praxis und Wissenschaft, N. F. 46, 1993, S. 759–760.
Die verbreitete Annahme, dass die staatlichen Organe der DDR oder gar die SED intensiv für eine Feuerbestattung geworben haben soll, um die Kirche zu behindern und zu verdrängen, ist nicht erkennbar. Der Großteil der Bevölkerung in der DDR gehörte gar keiner Religionsgemeinschaft an. Die überwiegende Mehrheit der Christen gehörte dabei einer evangelischen Kirche an. So waren 1989 etwa 5,1 Millionen Menschen Mitglied einer zum Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR (BEK) gehörenden Kirche. Die Katholische Kirche zählte 1.090.300 Mitglieder, dazu kamen noch 236.700 Gläubige, die in weiteren Kirchen und Religionsgemeinschaften der DDR Mitglied waren. In der DDR lebten 1989 insgesamt 16.434.000 Menschen. Davon waren 6.431.000 religiös gebunden. Das bedeutet, dass im Jahre 1989 in der DDR insgesamt 39,1 % der Bevölkerung religiös gebunden war.siehe dazu Statistisches Amt der DDR: Statistisches Jahrbuch der DDR 1990, Verlag für Recht und Wirtschaft GmbH, Berlin, 1990, S. 1 und S. 451, ISBN 3-329-00609-9.
Katholiken ist die Feuerbestattung erst seit 5. Juli 1963 gestattet.Neue Zeit, Tageszeitung der CDU in der DDR, Einäscherung gestattet, 10. Juni 1964.
Die evangelischen Kirchen standen gegen Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts der Feuerbestattung ebenfalls überwiegend ablehnend gegenüber, danach setzte sich eine tolerierende (wenn auch nicht fördernde) Haltung durch. Demzufolge war für Gläubige der evangelischen Kirchen in der DDR und ab 1963 auch für die katholischen Gläubigen die Feuerbestattung eine Alternative zur Erdbestattung, die man auch nutzte. Kirchliche Bestattungen, die durch einen Priester, Diakon oder Pfarrer geleitet wurden, waren auch in der DDR bis 1990 keine Seltenheit. In den Krematorien und den Aussegnungshallen waren für die Pfarrer der Kirchen separate Räumlichkeiten eingerichtet, damit sie sich dort auf die kirchliche Bestattung vorbereiten konnten. Die Krematorien, so zum Beispiel auch das Krematorium Meißen, nebst den dazugehörigen Feierhallen waren, ähnlich einer Simultankirche, geweihte Orte.Auskunft Krematorium Meißen, siehe dazu auch die Betriebsgeschichte vom Krematorium Meißen, unter Firma, Betriebsgeschichte, Abschnitt Weimarer Republik, 1931, (https://www.krematorium-meissen.de/). Von einer Behinderung oder gar Verdrängung der Kirchen durch die Feuerbestattung kann keine Rede sein. Außerdem nahm fraglos die Zahl der Einäscherungen und anonymen Bestattungen von 1949 bis 1990 auch in Westdeutschland und anderen Staaten sukzessive zu. Vgl. F. R. Schulz: Death in East Germany 1945–1990.
Aschekapsel und Überurnen (Schmuckurnen) Die Asche des Verstorbenen kam nach der Kremierung mit einem Nummernstein in den Standard-Urnenbehälter (Aschekapsel) der mit einem Metalldeckel verschlossen wurde. Auf dem Metalldeckel wurden mithilfe einer speziellen Prägemaschine die Daten der verstorbenen Person und vom Nummernstein eingeprägt. Diese Nummer war auch im Einäscherungsjournal eingetragen und jederzeit nachvollziehbar. Neben der Einäscherungsnummer war noch der vollständige Name sowie die Geburts- und Sterbedaten und der Ort der Kremierung eingeprägt.
Dazu gab es noch Überurnen aus Plastik, welche heute auch als Schmuckurnen bezeichnet werden. In diese Überurne, die meist von den Hinterbliebenen beim Bestattungsunternehmen ausgesucht werden konnten, kam der amtlich verschlossene und mit den Daten versehene Standard–Urnenbehälter hinein. Bekannt sind drei unterschiedliche Überurnen-Modelle die noch bis 1990 hergestellt wurden. Alle drei Modelle hatten einen Schraubdeckel.
Reglementierung und Normierung der Grabmalgestaltung Ideen zur Umgestaltung, Reglementierung sowie Normierung der Grabgestaltung bei der Anlage von neuen Grabfeldern hat es besonders in den 1960er Jahren gegeben. Alles bezog sich dabei vorwiegend auf tatsächlich geplante Neuanlagen für eine zukünftige Friedhofskultur. Alte Grabdenkmäler, bereits bestehende Grabfelder oder kirchliche Friedhöfe sollten davon nicht betroffen sein. Diesen Plänen zur Umgestaltung musste und das bekräftigte man immer wieder, auch eine uneingeschränkte Akzeptanz der Bürger, der Verwaltung und der Gewerbetreibenden zu Grunde liegen. Man stellte sich damals auch immer wieder die Frage, ob den bestimmte Gestaltungsgrundsätze zu einer nicht gewollten Uniformierung führen könnten. Zitate:
Es soll nicht so sein, dass es nur noch wenige Formen und Materialien sowie Bearbeitungen für Grabzeichen gibt, die sich dann ununterbrochen wiederholen. Das wäre quälende Eintönigkeit und eine Nivellierung, die den berechtigten Wünschen der Leidtragenden auf eine individuelle Behandlung ihres Verstorbenen entgegenstehen würden. Die persönlichen Beziehungen sollen durchaus erhalten bleiben.
Innerhalb der Kernmaße und Grundformen der Grabmale und deren Varianten gibt es durch verschiedene Stellung, Lichtwirkung, Oberflächenbehandlung, Schriftbilder und Materialarten so viele Gestaltungsmöglichkeiten, dass die individuelle Behandlung jedes einzelnen Falles immer gewährleistet ist.Institut für Kommunalwirtschaft, Autorenkollektiv: Gestaltung unserer Friedhöfe, Schriftenreihe Kommunalwirtschaft Heft 25, Dresden, 1963, siehe dazu S. 40.