Ernst Tugendhat (geboren am 8. März 1930 in Brünn; gestorben am 13. März 2023 in Freiburg im Breisgau) war ein deutscher Philosoph und Professor an der Freien Universität Berlin. In seinen ersten Arbeiten zeigte er sich vor allem durch Martin Heidegger und Edmund Husserl beeinflusst. Später wurde Tugendhat zu einem der wichtigsten Vertreter der analytischen Philosophie in Deutschland.

Leben mini|Villa Tugendhat in Brünn, in der Ernst Tugendhat in jungen Jahren lebte (2016)

Ernst Tugendhat wurde 1930 als Sohn der Textilfabrikanten Fritz (1895–1958) und Grete Tugendhat (geb. Löw-Beer; 1903–1970) geboren, für die Ludwig Mies van der Rohe die Villa Tugendhat in Brünn erbaut hatte. Vor der drohenden Ausdehnung des NS-Machtbereichs auf die Tschechoslowakei floh die jüdische Familie 1938 in die Schweiz, von wo sie 1941 nach Venezuela umsiedelte.

Tugendhats Interesse für Philosophie wurde im Alter von 15 Jahren durch die Lektüre von Wilhelm Windelbands Geschichte der Philosophie geweckt. Angeregt durch seine Mutter las er anschließend Martin Heideggers Sein und Zeit. Seine Tante Helene Weiss (1898–1951), die bei Martin Heidegger studiert hatte, konnte seine Heidegger-Lektüre durch ihre Vorlesungsnachschriften ergänzen.Günter Figal: Der skeptische Vermittler. Zu Ernst Tugendhats 70. Geburtstag. In: Die Welt, 8. März 2000.

Von 1946 bis 1949 studierte Ernst Tugendhat an der Stanford University Philosophie und Klassische Philologie. Ende 1949 reiste er nach Deutschland, um in Freiburg bei den Philosophen Wilhelm Szilasi (1889–1966), dem Nachfolger Martin Heideggers auf dessen Freiburger philosophischem Lehrstuhl, Eugen Fink (1905–1975), einem Schüler Edmund Husserls, und Karl Ulmer (1915–1981), einem Schüler Martin Heideggers, Vorlesungen zu hören. Während seiner Freiburger Zeit (1949–1956) besuchte er auch Vorlesungen Heideggers, die dieser nach Aufhebung seines Lehrverbotes im September 1951 wieder aufnahm. 1956 schloss er seine Dissertation Τὶ κατά τινός (Ti kata tinos; Eine Untersuchung zu Struktur und Ursprung aristotelischer Grundbegriffe. Freiburg Breisgau 1958. X, 160 S.) ab.

Seiner Dissertation schloss Tugendhat ein dreisemestriges Studium in Münster bei Joachim Ritter (1903–1974) an. Danach übernahm er eine Assistentenstelle bei seinem ehemaligen Lehrer Karl Ulmer an der Universität Tübingen. Hier konnte sich Tugendhat mit der Schrift Der Wahrheitsbegriff bei Husserl und Heidegger (Berlin 1967. XII, 416 S.) 1965 habilitieren.

Aufgrund der Studentenbewegung beschloss er, sich für einige Jahre von der Lehre zurückzuziehen – ursprünglich, um sich in Sozialphilosophie und Politologie einzuarbeiten. Er folgte dann jedoch 1975 einem Angebot von Jürgen Habermas für eine Stelle am Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg, wo er fünf Jahre verbrachte. Hier verlagerte sich sein Interessenschwerpunkt auf die moralphilosophische Begründungsproblematik.

Von 1980 bis 1992 lehrte er als Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin. Einer seiner Arbeitsschwerpunkte lag dort im Bereich der Ethik mit den Publikationen Probleme der Ethik (1984) und Vorlesungen über Ethik (1993). In dieser Zeit war Tugendhat auch stark politisch engagiert, vor allem in der Friedensbewegung und der Asylrechtsproblematik (Nachdenken über die Atomkriegsgefahr, 1986; Ethik und Politik, 1992).

In den 1990er Jahren war Tugendhat als Gastprofessor an der Universidad Catolica in Santiago de Chile tätig und hielt Vorlesungen in Wien und Prag.

Ab 2000 wandte Tugendhat sich der Anthropologie und der Mystik zu. Es erschienen die Werke Egozentrizität und Mystik. Eine anthropologische Studie (2003), Über den Tod (2006) und Anthropologie statt Metaphysik (2007).

Tugendhat lebte (mit Unterbrechungen) ab 1999 in Tübingen, ab 2013 in Freiburg im Breisgau. Er war Protagonist in dem Kinofilm Haus TugendhatHaus Tugendhat, auf pandorafilm.de von Dieter Reifarth (2013). Zu seinem 90. Geburtstag wurde sein Werk in mehreren Zeitungen gewürdigt.Jürgen Habermas, Eine philosophische Existenz. Autonomie und Gerechtigkeit - zum 90. Geburtstag von Ernst Tugendhat, in: Die Zeit Nr. 11, 5. März 2020, S. 60. Ernst Tugendhat starb am 13. März 2023 im Alter von 93 Jahren in Freiburg im Breisgau. Er wurde auf dem Bergfriedhof in Tübingen bestattet. In vielen Medien erschienen Nachrufe.

Familienleben Tugendhat hatte vier Geschwister: Hanna Lambek, geborene Weiss (1924, Brno-1991, Montreal), Herbert (1933, Brno-1980, Caracas), Ruth Guggenheim-Tugendhat (1942, Caracas), Psychoanalytikerin in Zürich, und Daniela Hammer-Tugendhat (1946, Caracas–2025), Kunsthistorikerin in Wien.

Ernst Tugendhat hatte einen Sohn, Martin Tugendhat.

Gesellschaftliches Engagement Neben seinem friedenspolitischen Engagement war Tugendhat auch als Menschenrechtler engagiert.E.T.: Die Kontroverse um die Menschenrechte, in: Stefan Gosepath, Georg Lohmann (Hrsg.): Philosophie der Menschenrechte. Suhrkamp, Frankfurt 1998, ISBN 3-518-28938-1; Auszüge in: Martin Morgenstern, Robert Zimmer (Hrsg.): Staatsbegründungen und Geschichtsbedeutungen. Reihe Treffpunkt Philosophie, 4: "Politische Philosophie". Bayerischer Schulbuchverlag BSV, München 2001, ISBN 3-7627-0325-6 & Patmos, Düsseldorf 2001, ISBN 3-491-75641-3, S. 40f Er war langjähriger Schirmherr der Gesellschaft für bedrohte Völker und ab 1982 Mitglied im Vorstand des Berliner „Arbeitskreises Atomwaffenfreies Europa“. Er nahm in Die Zeit (Ausgabe vom 22. Februar 1991) Stellung gegen den ersten Irakkrieg 1991 und auch gegen die Besatzungspolitik Israels.Rede zur Eröffnung der der Nakba-Ausstellung im evangelischen Gemeindehaus „Lamm“ am Markt in Tübingen am 13. Juni 2010 (PDF), auf lib-hilfe.de Er war Ehrenvorsitzender des Dialogforum Europa-China.Über uns / Sobre nosotros, auf dialogforum-europa-china.eu, abgerufen am 4. April 2023

Philosophie Frühe Schriften Tugendhats frühe Schriften sind stark von der Philosophie Heideggers geprägt.Zur Übersicht von Tugendhats Philosophie vgl. Stefan Gosepath: Ernst Tugendhat. In: Julian Nida-Rümelin, Elif Özmen (Hrsg.): Philosophie der Gegenwart in Einzeldarstellungen, Stuttgart 2007, S. 671–677 In ihnen beschäftigte er sich mit der Ontologie des Aristoteles und der Wahrheitsfrage bei Husserl und Heidegger.

In der Habilitationsschrift findet sich zum ersten Mal die für Tugendhat zentrale Bestimmung von Philosophie als „die Idee, das menschliche Leben im ganzen auf Wahrheit auszurichten, d. h. durch die Idee eines Lebens in kritischer Verantwortlichkeit“.Ernst Tugendhat: Der Wahrheitsbegriff bei Husserl und Heidegger. Berlin 1967, S. 1 Der Kern, wie Günter Figal schreibt, von Tugendhats Philosophie ist aus den Schlussüberlegungen seiner Habilitationsschrift herauszulesen. In Hinblick auf Husserl ist dort von der „Idee einer auf universale Wahrheitsausweisung bezogenen Verantwortlichkeit“ die Rede. Diese Idee müsse mit Heideggers Einsicht, dass das Grundverhältnis des Menschen zu der Wahrheit ein geschichtlich-praktisches sei, verbunden werden. In dem Spielraum der Wahrheit zu leben hieße folglich, in geschichtlichen Situationen die Möglichkeit ernst zu nehmen, dass Handlungen und Behauptungen begründungs- und rechtfertigungsbedürftig sind. Die Frage nach der Verantwortlichkeit des Handelns hat Tugendhat zu einer philosophischen Ethik und zeitweise zu einem politischen Engagement geführt, die Frage nach der Wahrheit von Behauptungen jedoch zu einer durch Wittgenstein geprägten Sprachphilosophie.

Sprachanalyse als „Erste Philosophie“ Einen wesentlichen Strang in Tugendhats Werk bildet sein Programm der Entwicklung einer sprachanalytischen Ersten Philosophie. Er will die traditionelle Orientierung am Sein (antike Philosophie) bzw. am Bewusstsein (neuzeitliche Philosophie) überwinden und in die Frage nach dem Verstehen sprachlicher Ausdrücke transformieren.Zum Folgenden vgl.: Bruno Puntel: Idee und Problematik einer formalen Semantik. Zu E. Tugendhats „Vorlesungen zur Einführung in die sprachanalytische Philosophie“. In: Zeitschrift für philosophische Forschung, 1977, Bd. 31 (3), S. 413–427; Ulrich Steinvorth: Tugendhat und die sprachanalytische Philosophie. In: Zeitschrift für philosophische Forschung, 1980, Bd. 34(1), S. 59–69 In seinen 1976 erschienenen Vorlesungen zur Einführung in die sprachanalytische Philosophie (1976) entfaltet er seinen eigenen sprachanalytischen Ansatz auf der Basis einer Destruktion traditioneller Begrifflichkeiten und Fragestellungen, wobei auch die bisherige sprachanalytische Philosophie einer Kritik unterworfen wird. Das Ziel des Werkes ist es, eine neue formale Universalwissenschaft mit dem Titel „Formale Semantik“ zu entfalten, die alle anderen Formen einer philosophischen Universalwissenschaft ablösen soll, insbesondere die Ontologie und Erkenntnistheorie.Vgl. Ernst Tugendhat: Vorlesungen zur Einführung in die sprachanalytische Philosophie, Frankfurt 1976, S. 127

Begriffe, an denen sich traditionelles Philosophieren zentral orientiert hat wie der Begriff des Seins, des Bewusstseins, der Erfahrung und der Vernunft können und müssen nach diesem Ansatz sprachanalytisch aufgeklärt werden.Ernst Tugendhat: Vorlesungen zur Einführung in die sprachanalytische Philosophie, Frankfurt 1976, S. 25 Tugendhat schließt allerdings zwei Bereiche der traditionellen Philosophie von einer erfolgreichen Behandlung durch die analytische Philosophie aus: die „Frage nach dem Guten“ und „wie wir leben sollen“Ernst Tugendhat: Vorlesungen zur Einführung in die sprachanalytische Philosophie, Frankfurt 1976, S. 128 „nicht gegenständliche Bewußtseinsweisen“Ernst Tugendhat: Vorlesungen zur Einführung in die sprachanalytische Philosophie, Frankfurt 1976, S. 103 wie etwa das von Heidegger analysierte GestimmtseinErnst Tugendhat: Vorlesungen zur Einführung in die sprachanalytische Philosophie, Frankfurt 1976, S. 97.

Philosophie des Selbstbewusstseins Weiter bekannt wurde Tugendhat durch seine wesentlich durch Wittgenstein beeinflusste Philosophie des Selbstbewusstseins, die er in seiner Arbeit Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung (1979) darlegt. Er setzt sich dort kritisch vor allem mit den Konzepten Jürgen Habermas’ und Dieter Henrichs auseinander. Ziel des Werkes ist es, eine nicht zirkuläre Beschreibung von Selbstbewusstsein zu ermöglichen. Nach Tugendhat müssen die Inhalte des Selbstbewusstseins wie alles Bewusstsein von etwas als propositionale Einstellungen verstanden werden. Praktisches Selbstbewusstsein interpretiert er als Sich-zu-sich-Verhalten und versteht es – im Anschluss an Heidegger – als die Frage, was für ein Mensch man sein und wie man leben will.

Ethik Tugendhat hat sich die zentralen Fragen der Ethik immer wieder aufs Neue gestellt und seine Antworten dazu mehrmals revidiert.Zum Folgenden: Nico Scarano, Mauricio Suárez (Hrsg.): Ernst Tugendhats Ethik. Einwände und Erwiderungen. München 2006, S. 7–12 In den Drei Vorlesungen über Probleme der Ethik aus dem Jahr 1981erstmals publiziert in dem Aufsatzband Probleme der Ethik von 1984. geht er mit Hilfe sprachanalytischer Überlegungen davon aus, dass eine moralische Norm dann hinreichend begründet ist, wenn sie dem gleichmäßigen Interesse der betroffenen Individuen dient.

Einen alternativen Ansatz dazu entwickelt er in seinen Vorlesungen über Ethik aus dem Jahr 1993, wo er sich explizit gegen kontraktualistische Argumentationsmuster absetzt und stattdessen den Begründungsanspruch moralischer Urteile über den Begriff der „guten Person“ verständlich zu machen versucht. Diese Begründungskonzeption verwirft er schon kurze Zeit später wieder und nähert sich seither wieder stärker dem Kontraktualismus an. Diese bisher letzte Phase der Entwicklung seiner Theorie beginnt mit dem 1997 veröffentlichten Dialog in Leticia. Dieser Phase lassen sich auch seine späteren Abhandlungen zuordnen, von denen einige in dem 2001 erschienenen Band Aufsätze 1992–2000 zu finden sind.