mini|2006, Propagandawagen rechter Nationalisten (Uyoku) in Japan mit dem Aufschrift – „Liebet und ehret Wajuku“ () Der Japanische Nationalismus (jap. , Kokka shugi, dt. „Nationalismus“) zeigt sich in einer Glorifizierung der eigenen Nation. Die Ursprünge gehen zurück auf die großen Veränderungen in der Meiji-Periode Ende des 19. Jahrhunderts und finden ihre Fortsetzung in der mangelnden Vergangenheitsaufarbeitung nach dem Zweiten Weltkrieg.
Japanischer Nationalismus gewann vor allem im 20. Jahrhundert an Bedeutung und war Teil der Ideologie, um die japanische imperialistische Expansionspolitik zu legitimieren. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges gewann er mit dem Wirtschaftswachstum wieder an Bedeutung in der Gesellschaft. Nationalistische Gedanken der heutigen Zeit werden oft damit begründet, dass die wirtschaftliche Größe Chinas, die Demonstrationen von Militärpräsenz und -schlagfertigkeit Chinas als auch Nordkoreas dies erfordern.Naß, Matthias: "Gegen China", in "Die Zeit", Nr. 1/2014, 2. Januar 2014, letzter Aufruf am 28. Januar 2017 (archiviert im Internet Archive)
Die Ursprünge in der Meiji-Periode (1868–1911) mini|Verlesung der Verfassung
Die Meiji-Restauration von 1868 läutete eine neue Ära in Japan ein. Das Tokugawa-Shogunat wurde gestürzt und die Herrschaft ging nach mehr als 500 Jahren wieder auf den neuen Tennō, Mutsuhito, über. Dem neuen Kaiser kam eine zentrale Führungsrolle als Symbol der Einigkeit Japans zu, das vorher in viele kleine Daimyate, die von den jeweiligen Daimyos regiert wurden, unterteilt war. Durch die Meiji-Restauration wurde aus einem Feudalstaat ein Nationalstaat. Die Meiji-Periode ist aber auch für ihre zahlreichen sozialen und wirtschaftlichen Reformen und die Öffnung Japans zum Westen hin bekannt.
Die Anfänge des Nationalismus Die Abschaffung des hierarchischen Gesellschaftsstatussystems der Tokugawa-Periode legte die politische Grundlage zur Erschaffung eines Massennationalismus. Durch das Auflösen dieser Hierarchie fühlten sich nun auch die davor benachteiligten niedrigeren Schichten dazugehörig und verantwortlich für Japan. Nationalismus stand für die Modernisierung Japans nach dem Vorbild des Westens.
Die Öffnung Japans Die Meiji-Regierung war die erste japanische Regierung, die eine Öffnung des Landes zuließ und Handelsabkommen mit anderen Nationen abschloss. Durch die rasante Öffnung des Landes konnte sich die nationale Wirtschaft aber nicht schnell genug an die Standards der westlichen Industrienationen anpassen. Eine Inflation folgte, so dass bei dem Großteil der Bevölkerung das gemeinsame Feindbild des Westens entstand. Durch die Öffnung kam die japanische Bevölkerung das erste Mal mit anderen politischen Systemen und Einstellungen in Kontakt, die davor völlig unbekannt für den Inselstaat waren, darunter die Idee des Nationalismus. Aus diesem Einfluss entwickelten sich zwei der damals dominantesten Formen des Nationalismus die in Konkurrenz zueinander standen, Kokumin und Minzoku.
Formen des Nationalismus Kokumin Der Begriff Kokumin (, koku für Land, min für Menschen) entstand 1817 und beschrieb die Gesamtheit aller Samurai eines bestimmten Shōgunates. Die unteren Gesellschaftsschichten wurden dabei nicht beachtet. Innerhalb Japans gab es viele verschiedene Kokumin. Zur Zeit der Meiji-Periode änderte sich das. Kokumin wurde ein Synonym für die politische Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Personen außerhalb dieser Gruppe wurden als minderwertig gesehen. In der Politik wurde der Begriff anfangs verwendet, um die Rechte der Samurai, die viele Privilegien vor der Meiji-Periode genossen, vor der Regierung zu schützen. Dies änderte sich aber schnell und der Begriff wurde ein Synonym für linkspopulistische Ansichten. Kokumin beschränkt sich nicht auf eine ethnische Gruppe, sondern bezieht sich auf eine Gruppe die dasselbe Gedankengut hat und sich durch dieses überlegen fühlt.
Vor der Meiji-Periode wurde diese Ansicht vor allem von Gegnern des christlichen Glaubens vertreten, die den christlichen Glauben als Gefahr für ihr Japan sahen. Bemerkenswert ist, dass sich in der Zeit der Meiji-Periode vor allem Christen für Kokumin ausgesprochen hatten.
Die Ansichten des Kokumin entstanden vor allem nach dem Vorbild Frankreichs, das zu dieser Zeit den Vormarsch des republikanischen Nationalismus erlebte. Diese Einstellung der politischen Überlegenheit wurde durch Übersetzungen französischer Texte über die Revolution nach Japan getragen. Mehrere japanischen Populisten romantisierten die Revolution, die zu der „Dritten Republik“ in Frankreich führte und verwendeten sie für ihre Zwecke, allen voran Miyazaki Muryū, der selbst Texte aus dem Französischen frei übersetzte und seine eigene politische Botschaft mit einfließen ließ. Die nationalistische Ausrichtung Kokumin war vor allem vor den 1890er Jahren populär und wurde danach von der Minzoku-Richtung abgelöst. Nach den 1920er Jahren lebte Kokumin wieder auf.
Minzoku Minzoku (, Volk, Ethnos) war eine Wortneuschöpfung der Meiji-Periode. Der Begriff definiert eine ethnische Gruppe und wurde zu einem nationalistischen Schlagwort innerhalb der Politik Japans, das auch heute noch oft verwendet wird. Diese Form des Nationalismus kann man als rechtspopulistisch bezeichnen.
Zur Zeit der Meiji-Periode wurde durch den Minzoku eine nationalistische Einstellung beschrieben, die alle ethnischen Mitglieder des japanischen Volkes als überlegen sieht. Starke Unterstützung erhielt diese Auffassung durch die Religion des Shintoismus, der die Japaner zu Nachfahren der Götter erklärt. Der soziale Status spielte bei der Zugehörigkeit keine Rolle. Die Idee des Minzoku basierte auf preußischem Vorbild und orientierte sich an bekannten Politikern wie Otto von Bismarck und Johann Caspar Bluntschli. Bekannter Vertreter war vor allem Tōyama Mitsuru der Gründer der ultranationalistischen Partei Gen’yōsha.
Verbreitung des Nationalismus durch die Religion Zu Beginn der Meiji-Periode hat der Shintōismus den Buddhismus als Staatsreligion abgelöst. Die zwingende Trennung, auf Japanisch auch Shinbutsu-Bunri genannt, von Buddhismus und Shintōismus, dem Buddha und dem Kami, im Jahr 1868 durch die Meiji-Restauration, führte zum Verlust der Vormachtstellung des Buddhismus im Staat und dem Aufstieg des Shintōismus.
Shintōismus
Der Shintōismus ist untrennbar mit Japan und den Japanern verbunden. Es ist eine ethnische Religion, die die Essenz der Japanischen Identität innehat. Im späten 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist es zur Staatsreligion geworden. Es ist (unzertrennlich) verbunden mit der Ursache des japanischen Nationalismus.
Man unterscheidet verschiedene Formen des Shintōismus: Kaiser-Shintō, Volk-Shintō, Sekten-Shintō und Staats-Shintō. Alle Formen wurden in der späteren Zeit als nationalistische Ziele anerkannt. Jedoch haben nur der Staats-Shintō und der Kaiser-Shintō eine direkte Verbindung zum Nationalismus in der Meiji-Periode.
Staats-Shintō
Staats-Shintō (, kokka shintō) war das Werkzeug der Regierung, um die japanische Bevölkerung zu einigen und einen Nationalismus zu erschaffen. Der Shintōismus wurde systematisch, wenn auch unregelmäßig vom Staat gefördert und diente als symbolische Legalisierung. Der Begriff Staats-Shintō wurde erst rückwirkend nach dem Zweiten Weltkrieg benutzt. Davor nannte man ihn Schrein-Shintō.
In der Meiji-Verfassung wurde Religionsfreiheit gewährt:
Deshalb wurden die staatlich verordneten Formen der Tennō-Verehrung nicht als „religiöse Handlungen“, sondern als „staatsbürgerliche Pflichten“ bezeichnet, auch wenn sie im Rahmen von Schreinriten stattfanden. Dabei orientierte sich der Staat an verschiedenen Shintō-Traditionen und -Glaubensinhalten, um den Tennō zu legitimieren und das Volk durch Zugehörigkeitsgefühl zu einigen. So wurden alle Schreine verstaatlicht und alle Einwohner Japans waren verpflichtet, sich bei den lokalen Schreinen registrieren zu lassen.
Das Ende des Staats-Shintō wurde durch die neue Verfassung nach dem Zweiten Weltkrieg festgelegt. mini|274x274px|Tennō Mutsuhito (1888) Kaiser-Shintō Der Kaiser-Shintō bezeichnet die Praktizierung von Riten und Bräuchen durch den Tennō. Dies zeigt nur die besondere Rolle des Tennōs im Shintoismus. Durch die Zentralisierung des Tennos in der Shintō Religion wurde er zum obersten Priester im Shintō. Mit der Abkommenschaft von dem ersten Kaiser Japans, dem Jimmu, einen Urururenkel von Amaterasu, der japanischen Sonnengöttin des Shintō legitimierte der Kaiser seine gottgleiche Stellung. Diese Legende war schon vorher bekannt, in der Meiji-Periode diente sie als Begründung für den Stand und die Rolle des Tennōs. Japans Politik, alle sozialen, militärischen und religiösen Institutionen drehten sich um den Kaiser. Die Stärkung der Position des Tennō wurde in den ersten Jahren der Meiji-Periode vorangetrieben, in dem Abgesandte im ganzen Land Aufrufe verteilten, um die Untertanen über ihren Kaiser zu informieren. So wurde unter anderem in einer Ankündigung am Gerichtsgebäude Nagasaki folgendes erklärt:
Doch noch effektiver als diese Aufrufe, waren die Reisen des Tennōs durch Japan, wo er von den Menschen gesehen und als Herrscher wahrgenommen werden konnte. Eine ähnliche Funktion erfüllten die im Land verbreiteten Porträts, die in allen Schulen und öffentlichen Ämtern präsentiert wurden.
Volks-Shintō Minzoku Shintō, oder auch Volks-Shintō ist der Name des vom einfachen Volk praktizierten Shintoismus. Diese traditionelle Art und Weise wurde an den lokalen Schreinen ausgelebt und nicht vom Staat durch die Reformen beeinflusst. Volks-Shintō fließt in viele Übergangsrituale ein, die in Japan gefeiert werden, zusammen mit der Agrarkultur und anderen Festen.
Sekten-Shintō
Der Sekten-Shintō bestand aus einer losen Verbindung von 13 Organisationen, die an bestimmte Richtungen im Shintō glaubten, die aber mit der neuen Staatsreligion nicht einvernehmlich war.
Buddhismus
Der Buddhismus musste sich dem damals nationalistischen Gedankengut anpassen, um wieder an Popularität zu gewinnen. Es wurden anti-christliche Kampagnen gestartet, die auch von der Regierung positiv aufgenommen wurden. 1870 kam es zu Protesten gegen die Unterdrückung des Buddhismus, woraufhin die Regierung ihre Sanktionen lockerte und buddhistischen Priestern die Möglichkeit gab für den Staat zu arbeiten. In dieser Zeit bildete sich die Schule des Shin-Buddhismus, ein Zweig des Buddhismus mit sehr nationalistischem Gedankengut. Die Anhänger wurden von dem Staat vielfach als Kolonisten verwendet, vor allem um mehr Fuß in Ostasien zu fassen. Der bekannteste Shin-Priester war Inoue Enryō, der mit anderen buddhistischen Anhängern, unter anderem Shimaji Morukai und Ōuchi Seiran, 1889 die Volksorganisation „Vereinigte Bewegung zur Verehrung des Kaisers und des Buddha“ gründete. Diese Organisation war aggressiv-antichristlich ausgerichtet und schreckte auch vor gewalttätigen Handlungen nicht zurück.
Verbreitung des Nationalismus über die Schulen mini|Postkarte vom japanischen Bildungsministerium, circa 1890 Die ab 1872 eingeführte Schulpflicht für Mädchen und Jungen nutzte der Staat, um der breiten Bevölkerung die nationalistischen Wertvorstellungen zu vermitteln, so dass diese sie verinnerlichen konnten. So sollte unter anderem in der Schule das Bild des Kaiserpaares verehrt werden.
Aus einem Zitat aus dem Kaiserliches Erziehungsedikt von 30. Oktober 1890: „Sollte es je sich nötig erweisen, so opfert euch tapfer für das Vaterland auf!“ wird deutlich, dass man einen Nationalismus bis zur Selbstaufopferung fordert.
Vom Religionsministerium wurden drei Lehrgebote (sanjō kyōken) der Großen Lehre herausgegeben, die jeder Lehrer beachten sollte. Diese waren jedoch sehr allgemein gehalten. Übereinstimmung mit dem Geist der Verehrung gegenüber den Kami und Liebe für den Kaiser Klarstellung des himmlischen Prinzips und des menschlichen Wegs Lobpreisung des Kaisers und Gehorsam gegenüber dem Kaiserhaus