Abend ist ein Sonett von Andreas Gryphius, eines seiner berühmtesten Gedichte,Spahr 1993, S. 44. „ein anerkanntes poetisches Meisterstück“.de Capua 1967, S. 326. Es wurde erstmals 1650 in Frankfurt am Main in Gryphius’ Sonettsammlung „Das Ander Buch“ publiziert. Es ist dort nach dem „Morgen-Sonett“ und dem Sonett „Mittag“ das dritte der vier Sonette des Tageszeitenzyklus, der das Buch eröffnet. Zu Gryphius’ Lebzeiten wurde es mit dem „Ander Buch“ 1657 in der ersten autorisierten Gesamtausgabe und 1663 in einer Ausgabe letzter Hand mit Änderungen wiedergedruckt.

Die 1650er Fassung wurde 1963 neu gedruckt in Band 1 einer von Marian Szyrocki und Hugh Powell verantworteten Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke,Szyrocki 1963. die 1663er Fassung 2012 von Thomas Borgstedt.Borgstedt 2012.

Text Der Text stammt aus Szyrockis Neudruck.Szyrocki 1963, S. 66. Die Wiederdrucke zu Gryphius’ Lebzeiten weisen nur minimale orthographische Änderungen auf (etwa Vers 1 „die Nacht schwingt jhre fahn“ 1650, „die Nacht schwingt ihre Fahn“ 1663.)Borgstedt 2012, S. 37.

Abend. Der schnelle Tag ist hin / die Nacht schwingt jhre fahn/ Vnd führt die Sternen auff. Der Menschen müde scharen Verlassen feld vnd werck / Wo Thier vnd Vögel waren Trawrt jtzt die Einsamkeit. Wie ist die zeit verthan! Der port naht mehr vnd mehr sich / zu der glieder Kahn. Gleich wie diß licht verfiel / so wird in wenig Jahren Ich / du / vnd was man hat / vnd was man siht / hinfahren. Diß Leben kömmt mir vor alß eine renne bahn. Laß höchster Gott mich doch nicht auff dem Laufplatz gleiten / Laß mich nicht ach / nicht pracht / nicht lust / nicht angst verleiten. Dein ewig heller glantz sey vor vnd neben mir / Laß / wenn der müde Leib entschläfft / die Seele wachen Vnd wenn der letzte Tag wird mit mir abend machen / So reiß mich auß dem thal der Finsternuß zu Dir. Interpretation Form Nur gelegentlich erwähnt Gryphius seinen schlesischen Landsmann Martin Opitz, der 1624 mit seinem Buch von der Deutschen Poeterey die deutschsprachige Versdichtung auf eine neue Grundlage gestellt hatte. Jedoch befolgte er schon 1637 in seinem ersten Gedichtbuch, den Lissaer Sonetten, aufs genaueste Opitz’ Anweisungen.Szyrocki 1959, S. 91. So ist auch „Abend“ wie Gryphius’ meiste Sonette in dem von Opitz empfohlenen Versmaß des Alexandriners verfasst:

Der schnelle Tag ist hin / die Nacht schwingt jhre fahn/ Vnd führt die Sternen auff. Der Menschen müde scharen Auch das Reimschema entspricht Opitz’ Regeln: „abba abba“ für die Quartette und „ccd eed“ für die Terzette. Die Verse mit den „b“-, „c“- und „e“-Reimen sind dreizehnsilbig, die Reime weiblich, die Verse mit den „a“- und „d“-Reimen sind zwölfsilbig, daher hier entsprechend der Ausgabe von Szyrocki eingerückt, die Reime männlich. Man hat geurteilt, in „Abend“ sei „der Gebrauch des Alexandriner-Verses zur Virtuosität gesteigert“.Lohse 1991, S. 169.

Erstes Quartett Das Gedicht beginnt mit einer Naturbetrachtung. Während die Nacht einbricht, tritt alles Lebende, treten Menschen, Tiere, Vögel ab. Hier ist nicht wie in Matthias Claudius’ Abendlied ....die Welt so stille, Und in der Dämmrung Hülle So traulich und so hold! Hier herrscht nicht traulich-holde Abendstille. In der verlassenen Landschaft, einer „mehr denn öden wüsten“,Aus Gryphius’ Sonett „Ensambkeit“, Szyrocki 1963, S. 68. trauert die Einsamkeit. „Es läßt sich nicht verkennen, daß gewisse, Gryphius wesensverwandte und ihn seltsam anziehende Erscheinungen wie etwa die und die – oft nur in einer einzigen Gebärde – zu einem bei ihm selber wie in der dichterischen Umwelt nicht gekannten eigenkräftigen Leben erweckt werden.“Fricke 1933/1967, S. 153. Die Stimmung purer Melancholie unterläuft aber im ersten Satz das Adjektiv der Geschwindigkeit „schnell“. „DEr schnelle Tag ist hin“ – „kurz“ wäre eine Alternative gewesen; „schnell“ bringt eine Andeutung von Bewegung, Eile in das Gedicht, die bis zum Ende – „reiß mich auß dem thal“ – immer wieder durchbrechen werden. Vers 4 „Trawrt jtzt die Einsamkeit“ schließt die Naturbetrachtung ab. Mit dem folgenden Halbvers schlägt die Deskription abrupt in Reflexion um: „Wie ist die zeit verthan!“ Weniger als die Landschaft selbst beschäftigt den Dichter deren Unterworfensein unter die Zeit. „Die visuelle Erfahrung des Anbruchs der Nacht wird überführt in ihre allegorische Bedeutung, nämlich die Vergänglichkeit des Lebens – es vergeht so schnell wie das Tageslicht.“Aus dem Englischen; Cohen 1978, S. 108. Die Tradition der Metapher reicht weit zurück. Schon allegorische Wörterbücher des Mittelalters gaben für „vesper“, „Abend“ die Bedeutung „terminus vitae“ an.Jöns 1966, S. 176.

Zweites Quartett Die Landschaft des ersten Quartetts ist verschwunden. Das zweite Quartett deutet die Sinnbildlichkeit von „Abend“ (Überschrift) und „zeit“ (Vers 4) für die menschliche Lebensspanne weiter aus. Der berühmtede Capua 1967, S. 326. erste Vers ist wiederum ein Sinnbild: „Der port naht mehr vnd mehr sich / zu der glieder Kahn.“ Mehr als 70-mal hat Gryphius in seiner Dichtung das Seefahrtsmotiv verwendet.Fricke 1933/1967, S. 48. Einzigartig ist in „Abend“ aber die Umkehr der realen Bewegungsrichtung. Nicht das Schiff nähert sich dem Hafen, sondern der Hafen dem Schiff. Unaufhaltsam, unerbittlich naht sich der Tod dem Menschen, der nicht individueller Passagier ist, vielmehr Teil des Gefährts geworden, ein Bündel von Fragmenten, „der glieder Kahn“.Schindler 1971, S. 75 und Spahr 1993, S. 44. Die nächsten beiden Verse formen die aus Bildern gewonnene Einsicht bildlos zu einer Aussage über die Flüchtigkeit des Lebens, die jeden angeht, auch das Ich, das in Vers 7 und 8 in Personalpronomina der ersten Person erstmals in Erscheinung tritt. mini|Jean Jacques Boissard: Grafik auf S. 1 des „Theatrum Vitae Humanae“ „Dann kommt mit der atemberaubenden Plötzlichkeit von Rilkes ‚Du mußt dein Leben ändern‘Letzter Vers des Sonetts Archaïscher Torso Apollos. das unerwartete, gewagte, in seiner Alltagssprache mit dem gehobenen poetischen Stil davor kontrastierende Bild: ‚Diß Leben kömmt mir vor alß eine renne bahn.‘“Aus dem Englischen; Spahr 1993, S. 44. Zwei Interpreten haben den Satz zum Titel ihrer Aufsätze gewählt.Vieregg 1987 und Lohse 1991; ähnlich Schwab 1995. Zur Metaphorik Leben = Tagesablauf, Leben = Meerfahrt fügt Gryphius als drittes Leben = Rennbahn. Damit wird die Eingangsbewegung des „schnellen Tages“ wieder aufgegriffen und zu einem ethischen Auftrag erweitert: Auf der Rennbahn des Lebens soll der Mensch sich bewähren. Das Bild hat biblische und außerbiblische Quellen. Biblische Quellen sind (aus der Lutherbibel von 1545 und der revidierten Fassung von 2017): der Zweite Brief des Apostels Paulus an Timotheus: „Jch hab einen guten Kampff gekempffet / Jch hab den Laufft volendet / ich hab glauben gehalten. Hinfurt ist mir beygelegt die Kron der gerechtigkeit / welche mir der HErr an jenem tage / der gerechte Richter / geben wird.“ 2017 : „Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten; hinfort liegt für mich bereit die Krone der Gerechtigkeit, die mir der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tag geben wird.“ der Hebräerbrief: „DArumb auch wir / dieweil wir solchen hauffen Zeugen vmb vns haben / Lasset vns ablegen die Sünde / so vns jmer anklebt vnd trege macht / Vnd lasset vns lauffen durch gedult / in dem Kampff / der vns verordnet ist.“ 2017 (): „Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns umstrickt. Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist.“

Außerbiblisch kommt die vorchristlich-antike Vorstellung vom „Tugendlauf des Helden in der irdischen Arena“ hinzu.Vieregg 1987, S. 144. Axel ViereggAxel Vieregg, geb. 1938 in Berlin, war hauptsächlich an der Massey University in Neuseeland als Germanist tätig . hat ein Emblem aus Jean Jacques Boissards Sammlung von 1596 „Theatrum Vitae Humanae“ identifiziert, das die Verschmelzung beider Traditionen zeigt. In der Mitte des „Theatrum“, der Rennbahn weist ein Obelisk auf die von Licht umstrahlten hebräischen Buchstaben für JHWH, „Jahwe“, Gott. Links davon stehen Herkules und die Personifikation des Glücks, rechts stehen der römische Grenzgott Terminus und zwei metae, Zielsäulen des Laufs. Im Vordergrund quälen und fesseln fleischliche Begierde, Sünde, Tod und Satan das erste Menschenpaar. Von ihnen bedroht, will das Emblem sagen, müssen die Menschen, repräsentiert von Adam und Eva, den Weg zum Ziel, den metae, zu Gott durchlaufen.Vieregg 1987, S. 147. Die barocken Dichter liebten Embleme, Kombinationen aus einer Grafik (pictura) und einem kurzen auslegenden, oft moralisierenden Text (subscriptio), und gestalteten ihre Gedichte oft wie Embleme.Drügh 2016. Wohl möglich, dass Gryphius Boissards Emblem kannte.Der US-amerikanische Germanist Marvin Schindler hat die beiden Quartette als Ganzes einem Emblem verglichen; das erste Quartett entspreche dessen bildlichem Teil, das zweite dem erläuternden Epigramm; Schindler 1971, S. 74.

Die Eile, die mit dem „schnellen Tag“ in das Gedicht kam und im Bild der Rennbahn kulminiert, beeinflusst auch den Klang, das Lesetempo. „Kein anderes Sonett von Gryphius vermittelt einen ähnlichen Eindruck des Gehetztseins.“Vieregg 1987, S. 147. Enjambements eliminieren die Pausen am Ende der ersten drei Verse und am Ende des 6. Verses. Die vielen einsilbigen Wörter, fast ausschließlich mit kurzen Vokalen, zwingen dazu, staccato zu lesen: Ich / du / vnd was man hat / vnd was man siht / <...>. In „Abend“ kommen auf 102 Einsilber nur 34 mehrsilbige Wörter, ein Verhältnis 3:1; im „Morgen-Sonett“ zum Beispiel sind es 71 Einsilber gegen 51 Mehrsilber, ein Verhältnis von 1,4:1.Vieregg 1987, S. 147–148.

Erstes Terzett Mit dem Rennbahn-Gleichnis ist der Wechsel von Metapher (erstes Quartett) und Auslegung (zweites Quartett) zum Gebet (Terzette) präzise vorbereitet. Auch das „Morgen-Sonett“ schließt in den Terzetten mit einem Gebet. Mit „kraftvoller Hand“Vieregg 1987, S. 148. bindet Gryphius in „Abend“ Quartette und Terzette zusammen. Die „renne bahn“ am Ende der Quartette wird am Beginn der Terzette unmittelbar zum „Laufplatz“, auf dem der „höchste Gott“ das Ich nicht ausgleiten lassen möge: Laß höchster Gott mich doch nicht auff dem Laufplatz gleiten / Laß mich nicht ach / nicht pracht / nicht lust / nicht angst verleiten. Die Anapher „Laß“ – „Laß“ verleiht dem Gebet Nachdruck. Inständiges Flehen sträubt sich gegen die Konvention des Alexandriners. Vers 9 lässt sich bei natürlicher Betonung nicht in jambischem Auf und Ab lesen. Die regelhafte Zäsur nach der sechsten Silbe wird im „doch nicht“ überrannt. Vers 10 erhält durch das viermalige „nicht plus einsilbiges Substantiv“, durch die Antithesen acht/pracht und lust/angst sowie durch die „ch“-, „st“- und „a“-Assonanzen seinen eigenen Rhythmus. „Das metrische Muster wird vollständig aufgelöst.“Aus dem Englischen; Schindler 1971, S. 78. Dann aber klingt das erste Terzett in einem Metrik und Betonung versöhnenden Vers aus, dem ersten Ruhepunkt des Sonetts: Dein ewig heller glantz sey vor vnd neben mir. Gottes „ewig heller glantz“ ist die positive Kraft, durch die das nur Irdische, Zeitunterworfene – der „schnelle Tag“ von Vers 1, das vergängliche „licht“ von Vers 6, „ach“, „pracht“, „lust“ und „angst“ von Vers 10 – transzendiert werden.

Zweites Terzett So kann das Gedicht die Bitte um ein Leben mit Gott im Jenseits verhalten optimistisch ausdrücklich formulieren. Laß / wenn der müde Leib entschläfft / die Seele wachen Vnd wenn der letzte Tag wird mit mir abend machen / So reiß mich auß dem thal der Finsternuß zu Dir.