mini|Zu Beginn eines Dodo-Rituals warten drei als Dodo verkleidete Männer und ein Trommelspieler auf ihren Einsatz. Jos, 1970–1973. Dodo (Hausa, „böser Geist“, auch „Maskentänzer“,Walter H. Sangree, 1974, S. 277, Fußnote 2 Plural dòdànni oder dodonai) ist ein besitzergreifender Geist und der dazugehörende Besessenheitskult, dessen Kerngebiet im Süden des Niger und auf dem Jos-Plateau im Norden Nigerias liegt und der sich vom ebenfalls dort verbreiteten und verwandten Bori-Kult abgrenzt. Dodo entstand unter den Hausa und benachbarten Ethnien als ein moralisch höherer Standpunkt zur Bewahrung der eigenen Kultur gegenüber den westlichen Einflüssen während der europäischen Kolonialzeit. Mehrere Beschreibungen von Dodo-Kulten stammen vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Durch Verbote der Kolonialbehörden verschwanden die Dodo-Kulte später, um vielerorts in den 1960er Jahren wieder eingeführt zu werden.
Neben der erstrebten Heilung von Kranken bei Einzelsitzungen im Haus des Heilers soll der Dodo-Kult laut einer Studie über die kleine Ethnie der Irigwe die durch Hexerei bewirkte Kindersterblichkeit und Unfruchtbarkeit der Frauen bekämpfen, als soziales Druckmittel gegen die Zweitheirat der Frauen wirken und sie stärker an den Wohnort des Mannes binden. Bei Kultritualen, die häufig zu jahreszeitlichen Festen stattfinden, führen die Männer Maskentänze auf und sprechen mit verstellter Stimme, um den Geist zu verkörpern.
Verbreitung Unter dem Hausa-Wort „Dodo“ werden in der Literatur mehrere Formen eines besitzergreifenden Geistes zusammengefasst, der zu einer religiösen Vorstellung gehört, die bei den Ethnien im zentralen Norden Nigerias unter ähnlichen Namen bekannt ist: bei den Atyap als Abwoi, bei den Kaje als Abvwoi und bei den Katab als Obwoi. Aussprachevarianten sind Abwai und Abvoi. Ein sehr ähnlicher Kult ist Ku bei der benachbarten Ethnie Ham. Ein Zentrum des Dodo-Kults ist der Bundesstaat Kaduna. Es gibt etliche unterschiedliche lokale Herkunftserzählungen, was auf ein hohes Alter des Kults hindeutet. So soll nach einer Tradition der Katab der Kult vom Aku-Clan gebracht worden sein. Aku gelten demnach als die ersten Siedler, die erschienen, als Jäger der Katab hierher gekommen waren. Den Kaje zufolge hat Abvwoi seinen Ursprung beim Baimbin-Clan im Dorf Tsoriyang (in der Nähe von Zonkwa im Süden des Bundesstaats Kaduna). Nach anderen Traditionen führten die Ham den Kult ein.Elizabeth Isichei, 1988, S. 42, 45 Der mündlichen Überlieferung zufolge verbreitete sich der Kult Mitte des 19. Jahrhunderts mit Hausa-Händlern auch nach Ouagadougou in Burkina Faso.Priscilla Baird Hinckley, 1986, S. 74
Mythen mini|Vier Dodo-Männer mit klirrenden Fußkettchen und drei Musiker mit Mundbögen und Kalebassenrasseln, die von einem Netz aus Rasselkörpern umgeben sind. Jos, 1970–1973. Dodo ist bei den Hausa ein männliches Ungeheuer oder Schreckgespenst, um das sich zahlreiche mythische Erzählungen ranken. Danach scheint unklar, ob Dodo als Krokodil, Wasserschlange, König der Bestien – also als Rhinozeros, Elefant oder ein anderes großes Wildtier – vorzustellen ist. Er verkörpert je nach Geschichte eines der Tiere. In einigen Erzählungen kommt Dodo als Wassergottheit vor, die einen schwimmenden Menschen vor dem Ertrinken zu retten vermag, in anderen lebt er in einem Haus im Wald und kann keinen Fluss überqueren. Letzteres ist insofern merkwürdig, denn er nimmt menschliche Gestalt an, wenn er von Frauen Besitz ergreift und für diese sind wie für Männer Flussüberquerungen tägliche Routine. Ein solches Unvermögen macht Dodo außergewöhnlich und zeichnet ihn als Geist aus, der allgemein als böswilliger Geist eines Toten umherzieht, manchmal in Bäumen gesichtet wird und sich Menschen bemächtigt. Wie eine Hexe fürchtet er sich in manchen Geschichten vor Hunden, zugleich kann er durch seine riesenhafte Gestalt Menschen und Tiere in beliebiger Zahl verschlingen. Er brüllt, hat lange Haare und einen Schwanz, dennoch erinnert er auch an einen Europäer.Arthur John Newman Tremearne: Hausa Superstitions and Customs. An Introduction to the Folk-Lore and Folk. (West African Nights’ Entertainment Series, Bd. 1) John Bale, Sohns & Daniellson, London 1913, S. 124f (bei Internet Archive)
Ein Dodo verfügt über einen guten Geruchssinn, mit dem er von seinem Versteck in einem Baum als Schlange, Tier oder langhaariger Riese nichtsahnende Wanderer im Wald ausfindig macht und seinen Hunger nach Menschenfleisch stillt. In einer typischen Geschichte holen zwei Frauen am Fluss Wasser. Die eine ist neidisch auf die andere, weil diese schwanger ist, und füllt heimlich deren Wasserkrug mit Erde. Dieser ist so schwer geworden, dass die Schwangere bereitwillig die Hilfe des Dodo annimmt, der ihr den Krug nach Hause trägt. Dodo soll zum Dank, so vereinbaren er und die Frau, falls sie ein Mädchen zur Welt bringt, es zur Braut erhalten. Die Frau vergisst das Versprechen und arrangiert, als ihre Tochter herangewachsen ist, die Ehe mit einem anderen Mann. Beim Hochzeitstag erscheint Dodo und verlangt die Braut. Der Ehemann bietet dem Dodo zunächst das Pferd seiner Frau, dann deren Kuh und schließlich sämtliche Hochzeitsgäste zum Verzehr an. Dodo schlingt alle in sich hinein. Als die Braut an der Reihe ist, fällt ein Messer von oben (aus dem Himmel) herab, welches Dodo ebenfalls verschlingt. Das Messer schlitzt dem Ungeheuer den Bauch auf, alle Menschen kommen lebend heraus und führen das Hochzeitsfest zu einem glücklichen Ende. Die Lehre ist, dass außer fließendem Wasser nur ein plötzliches höheres Ereignis Dodo niederzwingen kann.Carol K. Mack, Dinah Mack: A Field Guide to Demons, Vampires, Fallen Angels and Other Subversive Spirits. Arcade Publishing, New York 2011, S. 123f Die Erzählungen vom alles verschlingenden Dodo könnten aus der im Mittelalter im Islam und im Christentum verbreiteten Vorstellung von der Hölle im Magen eines Ungeheuers übernommen worden sein oder auf die in beiden Religionen überlieferte Geschichte von Jona, der von einem Walfisch verschlungen wird, zurückgehen. Für letzteres spricht, dass in einer Erzählung Dodo aus dem Wasser auftaucht.Mervyn Hiskett: Some Historical and Islamic Influences in Hausa Folklore. In: Journal of the Folklore Institute, Bd. 4, Nr. 2/3 (African Folklore) Juni–Dezember 1967, S. 145–161, hier S. 157
Vor Ankunft des Islams und des Christentums gab es in den kosmogonischen Erzählungen der Hausa den Hochgott Tsumburbura, dessen Wohnort sich auf einem Baum befindet, der von einer Mauer umgeben ist. Tsumburbura ist so fern, dass er von den Menschen nicht direkt verehrt werden kann. Dafür sind in der traditionellen Religion der Hausa mehrere hundert niedrige Gottheiten bekannt, die in der vorislamischen Zeit in Kulten und teilweise an Schreinen verehrt wurden. Dodo ist in diesem religiösen System eine alte männliche Kraft und der Vater der vier Himmelsrichtungen, dessen Aufenthaltsort sich im Raum zwischen Osten und Süden befindet. Er verkörpert die trockene Jahreszeit und den Donner. Als Wettergott kann er die Regenzeit herbeiordern. Es regnet, wenn er sich mit seiner Gemahlin Damina, der Quelle der grünen Natur, vereinigt. Für die Gemeinschaft ist Dodo ein Schutzgeist und die Personifikation der Verstorbenen. In diese Vorstellung ist auch seine Zugehörigkeit zur Gruppe der Besessenheitsgeister eingeschlossen. Auch wenn er kein Mensch ist, kann er menschliche Sprachen sprechen, was zu seiner sozialen Rolle gehört.Harold Scheub: A Dictionary of African Mythology. The Mythmaker as Storyteller. Oxford University Press, Oxford 2000, S. 39
Dodo ist außerdem ein Kinderspiel mit Masken, das im westafrikanischen Savannengürtel, vor allem in Burkina Faso, ferner in der Elfenbeinküste und in Mali vorkommt. Der heute rein unterhaltende Maskentanz von Jungen hat sich aus einem anfangs rituellen und besonders für die zuschauenden Frauen furchterregenden Tanz erwachsener Männer entwickelt, der – obwohl vorislamischen Ursprungs – von Muslimen im Fastenmonat Ramadan aufgeführt wird. Das Wort „Dodo“ und die Maskentanztradition brachten Händler der Hausa vermutlich um 1832 von Nigeria nach Burkina Faso. Die aus Kalebassen, Stoff oder Blechkanistern bestehenden Kindermasken in Tiergestalt werden weiß oder farbig bemalt. Erwachsene Männer agieren als Jäger verkleidet und singen, während sie bei den nächtlichen Aufführungen von Trommeln begleitet werden.Mette Bovin: Provocation anthropology: bartering performance in Africa. In: Ian Watson (Hrsg.): Negotiating Cultures: Eugenio Barba and the Intercultural Debate. Manchester University Press, Manchester 2002, S. 154 Wie der Ritualtanz nach Burkina Faso und in den Ramadan gelangte, erklärt eine Mythe: „Die Geschichte vom Jäger und dem König“.
Demnach lebte vor langer Zeit ein großer Jäger unter den Hausa in Nigeria. Er hatte seinem Freund, dem Emir, versprochen, am Freitag, dem Feiertag der Muslime, kein Tier zu jagen und zu töten. Eines Tages riefen ihn einige Schäferjungen zu Hilfe, deren Herde von einer Bestie bedroht wurde. Der Jäger erschoss die Bestie ohne zu bedenken, dass es Freitag war. Sofort wurde er in eine halbmenschliche, halbtierische Kreatur mit einem langen Schwanz verwandelt, worauf er verstört in den Busch floh. Der Emir sandte eine ganze Armee, um seinen verschollenen Freund zu finden. Sie fanden ihn und brachten ihn in seiner neuen Gestalt zurück zum Emir. Kinder fragten den verwandelten Jäger, ob er mit ihnen bei den Feierlichkeiten zum Ramadan tanzen könnte und er willigte zu aller Freude ein. Jahre später, als er gestorben war, schlug der Emir vor, die Kinder sollten zur Erinnerung an den tapferen Jäger, der die Schäferjungen gerettet hatte, Tiermasken herstellen und damit tanzen.Priscilla Baird Hinckley: The Dodo Masquerade of Burkina Faso. In: African Arts, Bd. 19, Nr. 2, Februar 1986, S. 74–77, 91
Kulturelles Umfeld Besessenheitskulte sind nicht auf die Funktion als Krankenheilung beschränkt. Eingebunden in ein spezifisches kulturelles und gesellschaftliches Umfeld sind sie darüber hinaus eine Unterhaltungsform, eine Gesellschaftskritik und eine Modeerscheinung. Sie werden als ein Phänomen beschrieben, das bei traditionellen Gesellschaften verstärkt in Zeiten auftritt, die von Krisen und kultureller Entwurzelung geprägt sind. Der Umgang mit Geistern ist ein Machtinstrument, das parallel zu den politischen Machtverhältnissen eingesetzt werden kann. Mit den großen Religionsgemeinschaften Christentum und Islam stehen die afrikanischen Besessenheitskulte in einem Wettbewerbsverhältnis. Innerhalb des mehrheitlichen Islam werden sie höchstens dann toleriert, wenn sie politisch ohne Einfluss bleiben. Innerhalb des Islam gehören zu den gering geschätzten oder aus der Öffentlichkeit verbannten Besessenheitskulten der Zar-Kult der Frauen in Ägypten und im Sudan, Pepo in Tansania, Stambali in Tunesien, Derdeba in Marokko, der Kult um den weiblichen Geist Aisha Qandisha ebenfalls in Marokko und Bori in Nigeria. Manche afrikanisch-christliche Kirchen haben Elemente von Besessenheitskulten in ihre Gottesdienste integriert, in die afrikanischen Kulte haben wiederum christliche Symbole (Bibel, Kreuz) Eingang gefunden. evangelikale Missionskirchen stellen sich üblicherweise gegen Besessenheitskulte. Bekannte Besessenheitskulte im christlichen Umfeld sind Mashawe in Sambia, Vimbuza in Malawi und die ehemalige Rebellengruppe Holy Spirit Movement im Norden Ugandas.
Afrikanische Geister sind nicht immer, aber häufig geschlechtlich definiert. Überwiegend Frauen werden von Geistern besessen, dennoch gibt es auch ausschließlich von Männern Besitz ergreifende Geister (Aisha Qandisha, Nya-Kult in Mali). Männliche und weibliche Geister können nur von Menschen desselben Geschlechts, des anderen Geschlechts (sie heiraten) oder unterschiedslos von beiden Geschlechtern Besitz ergreifen.Heike Behrend, Ute Luig: Introduction. In: Heike Behrend, Ute Luig (Hrsg.): Spirit Possession. Modernity & Power in Africa. James Currey, Oxford 1999, S. xv, xvii