Das Buch der Urkunden (), auch Shàngshū () genannt, welches seit der Han-Dynastie zu den Fünf Klassikern () gehört, diente mehr als 2000 Jahre der chinesischen politischen Philosophie als Basis. Das Kompendium selbst enthält unter anderem Texte, deren Entstehungszeit bereits 1000 Jahre zurücklag, als das Buch der Urkunden zum „Klassiker“ erhoben wurde. Die meisten Kapitel stammen jedoch aus späteren Zeiten, etwa die Hälfte der Texte wurde im 4. Jahrhundert systematisch gefälscht. Aufgrund seiner Heterogenität stand das Shàngshū lange Zeit im Mittelpunkt großer philosophischer Debatten.
Form und Inhalt
Das Shàngshū liegt in zwei verschiedenen Formaten vor, die abhängig sind von der Entstehungszeit der Ausgabe und der Position, die der Herausgeber in der Debatte um die Authentizität des Textes einnahm. In der sogenannten orthodoxen Anordnung findet sich zu Beginn ein längeres Vorwort (eigentlich Großes Geleitwort, ), welches allgemein auch als Geleitwort des Kong () bezeichnet wird und wahrscheinlich von Kong Anguo (; gestorben circa 100 v. Chr.) im 2. Jahrhundert v. Chr. verfasst wurde. In diesem beschreibt Kong Anguo, wie das Shàngshū zusammen mit einer Reihe anderer Bücher, die ebenfalls in „alter Schrift“ (eigentl. „Alttext“; ) geschrieben und damit angeblich noch vor der Bücherverbrennung Qin Shihuangdis verfasst, in einer Wand von Konfuzius’ Wohnhaus gefunden wurde. Nach dem Geleitwort folgen 50 separate Dokumente, die in 58 Kapitel aufgeteilt sind, wobei die vier Kapitel Tài Jiǎ (), Pán Gēng (), Yuè Míng () und Tài Shí () jeweils in drei Sektionen shàng () / zhōng () / xià () unterteilt sind, die wiederum als eigenständige Kapitel gezählt werden. Jedem dieser Kapitel ist ein kurzes Vorwort (eigentlich Vorwort zum Dokument; ) vorangestellt, von dem man traditionell annimmt, es sei von Konfuzius verfasst worden. Derselben Überlieferung zufolge hatte Konfuzius ursprünglich 100 Dokumente für das Shàngshū ausgewählt; die Kapitel, die nicht länger erhalten sind, werden aber noch durch ihr Vorwort repräsentiert. Darüber hinaus beinhaltet die orthodoxe Ausgabe des Shàngshū einen wahrscheinlich von Kong Anguo () geschriebenen Kommentar, der unter dem Namen Kong-Kommentar () bekannt ist.
Die zweite Anordnung des Werkes, die erstmals im Shàngshū zuǎnyàn () des Wu Cheng (, 1247–1331) zu sehen ist und der westlichen Leserschaft durch die Übersetzung von Bernhard Karlgren zugänglich gemacht wurde, beinhaltet nur 28, manchmal auch 29 „Neutext“ ()-Kapitel, die man aus heutiger Sicht für authentisch hält. Die Anordnung des Textes unterscheidet sich von der orthodoxen insofern, als die Vorworte zu den einzelnen Dokumenten in einem einzigen Kapitel zusammengefasst wurden, das am Anfang oder am Ende des Gesamttextes zu finden ist. Darüber hinaus wurden sowohl das Geleitwort des Kong als auch der Kong-Kommentar entfernt.
Gemeinsam ist beiden Ausgaben die sich an den vier frühesten Perioden der chinesischen Geschichte orientierende chronologische Reihenfolge in der die Texte angeordnet sind.
NrKapitel Deutsch Alttext-Ausgabe Neutext-Ausgabe Legge Übersetz.Seite Karlgren Übers. S. Glosses S. 虞書 (Yu shu) Dokumente aus Yu1 堯典 (Yao dian) Die Statuten des Yao 15 1 I : 442 舜典 (Shun dian) Die Statuten des Shun 29 3 大禹謨 (Da Yu mo) Die Konsultationen des Großen Yu 52 – – 4 臯陶謨 (Gao Yao mo) Die Konsultationen des Gao Yao 68 8 I : 106 5 益稷 (Yi Ji) Yi und Ji 76 夏書 (Xia shu) Dokumente aus der Xia-Dynastie 6 禹貢 (Yu gong) Die Tribute des Yu 92 12 I : 145 7 甘誓 (Gan shi) Die Ansprache in Gan 152 18 I : 167 8 五子之歌 (Wu zi zhi ge) Die Gesänge der fünf Söhne 156 – – 9 胤征 (Yin zheng) Die Strafexpedition des Yin 162 – – 商書 (Shang shu) Dokumente aus der Shang-Dynastie 10 湯誓 (Tang shi) Die Rede des Tang 173 20 I : 171 11 仲虺之誥 (Zhong Wei zhi gao) Die Ansprache von Zhong Wei 177 – – 12 湯誥 (Tang gao) Die Ansprache des Tang 184 – – 13 伊訓 (Yi xun) Die Instruktionen des Yi 191 – – 14 大甲上 (Tai Jia shang) Tai Jia I 199 – – 15 大甲中 (Tai Jia zhong) Tai Jia II 205 – – 16 大甲下 (Tai Jia xia) Tai Jia III 209 – – 17 咸有一徳 (Xian you yi de) Beide besitzen die reine Tugend 213 – – 18 盤庚上 (Pan Geng shang) Pan Geng I 220 20 I : 174 19 盤庚中 (Pan Geng zhong) Pan Geng II 233 20 盤庚下 (Pan Geng xia) Pan Geng III 243 21 說命上 (Yue ming shang) Die Beauftragung des Yue I 248 – – 22 說命中 (Yue ming zhong) Die Beauftragung des Yue II 254 – – 23 說命下 (Yue ming xia) Die Beauftragung des Yue III 259 – – 24 高宗肜日 (Gaozong rongri) Tag des zusätzlichen Opfers für Gaozong 264 26 I : 214 25 西伯戡黎 (Xi bo kan Li) Der Anführer des Westens hat Li niedergeworfen 268 26 I : 218 26 微子 (Wei zi) Der Baron von Wei 273 27 I : 220 周書 (Zhou shu) Dokumente aus der Zhou-Dynastie 27 泰誓上 (Tai shi shang) Die große Deklaration I 281 – – 28 泰誓中 (Tai shi zhong) Die große Deklaration II 289 – – 29 泰誓下 (Tai shi xia) Die große Deklaration III 294 – – 30 牧誓 (Mu shi) Die Rede in Mu 300 29 I : 228 31 武成 (Wu cheng) Die erfolgreiche Beendigung des Krieges 306 – – 32 洪範 (Hong fan) Der Große Plan 320 29 I : 231 33 旅獒 (Lü ao) Die Hunde von Lü 345 – – 34 金縢 (Jin teng) Das metallerne Band 351 35 I : 248 35 大誥 ( Da gao) Die Große Ansprache 362 36 I : 258 36 微子之命 (Wei zi zhi ming) Die Ernennung des Barons von Wei 376 – – 37 康誥 (Kang gao) Die Ernennung des (Prinzen von) Kang 381 39 I : 278 38 酒誥 (Jiu gao) Bekanntmachung bezüglich Betrunkenheit 399 43 I : 296 39 梓材 (Zi cai) Das Holz des Zi-Baumes (catalpa ovata) 413 46 I : 307 40 召誥 (Shao gao) Die Ernennung des (Herzogs von) Shao 420 48 II : 62 41 洛誥 (Luo gao) Die Ankündigung bezüglich Luo 434 51 II : 74 42 多士 (Duo shi) Die zahlreichen Beamten 453 55 II : 94 43 無逸 (Wu yi) Behaglichkeit vermeiden 464 56 II : 105 44 君奭 (Jun Shi) Der Edelmann Shi 474 59 II : 114 45 蔡仲之命 (Cai Zhong zhi ming) Die Ernennung des „Zhong von Cai“ 487 – – 46 多方 (Duo fang) Die zahlreichen Regionen 492 62 II : 133 47 立政 (Li zheng) Errichtung einer Regierung 508 67 II : 145 48 周官 (Zhou guan) Die Beamten von Zhou 523 – – 49 君陳 (Jun Chen) Der Edelmann Chen 535 – – 50 顧命 (Gu ming) Die testamentarische Anweisung 544 70 II : 156 51 康王之誥 (Kang wang zhi gao) Die Ansprache des Königs Kang 562 52 畢命 (Bi ming) Die Beauftragung des (Herzogs von) Bi 569 – – 53 君牙 (Jun Ya) Der Edelmann Ya 578 – – 54 冏命 (Jiong ming) Die Ernennung des Jiong 583 – – 55 呂刑 (Lü xing) (Der Prinz von) Lü über Bestrafungen 588 74 II : 174 56 文侯之命 (Wen hou zhi ming) Die Beauftragung des Prinzen Wen 613 78 II : 194 57 費誓 (Fei shi) Die Ansprache in Fei 621 80 II : 198 58 秦誓 (Qin shi) Die Ansprache des (Herzog von) Qin 626 81 II : 200
Die meisten der Kapitel sind in Form von Ansprachen, die entweder von Königen oder von Ministern gehalten wurden. Im Allgemeinen unterteilt man alle Kapitel in fünf verschiedene Typen : Konsultationen (), wobei es sich um Dialoge zwischen dem König und seinen hohen Beamten handelt. Instruktionen (), Ratschläge der hohen Beamten für den König. Erlasse (), Erklärungen des Königs an das gesamte Volk. Deklarationen (), königliche Reden auf dem Schlachtfeld. Befehle (), Ernennungen, Zuerkennung von Privilegien u. ä.
Entstehung und Authentizität
Da allgemein davon ausgegangen wird, dass die Alttext-Kapitel im 4. Jahrhundert bewusst gefälscht wurden, richtet sich das Augenmerk der Wissenschaft vor allem auf die verbleibenden 28 oder 29 Neutext-Kapitel. Aber auch hier haben neuere Forschungen ergeben, dass viele der Kapitel erst etliche Zeit nach dem berichteten Ereignis niedergeschrieben wurden.
So geht man davon aus, dass die Kapitel Die Statuten des Yao () und Die Konsultationen des Gao Yao () der Dokumente aus Yu (), sowie aus den Dokumenten der Xia-Dynastie () die Kapitel Die Tribute des Yu () und Die Ansprache in Gan () nicht aus der Zeit datieren, über die sie berichten, sondern vielmehr im letzten Jahrhundert der Zhou-Dynastie oder vielleicht auch erst um 221 v. Chr. verfasst wurden, wie im Fall des Yǔ gòng ().
Von den fünf Dokumenten aus dem Shāng shū () scheint die Rede des Tang () das älteste zu sein und es wird allgemein angenommen, dass es aus der Zhou-Zeit stammt. Obgleich keine Einstimmigkeit über den genauen Zeitpunkt der Entstehung dieser Rechtfertigung der Eroberung Xias durch Shang besteht, nehmen einige Forscher aufgrund der Thematik an, dass es von den Gründern der Zhou-Dynastie verfasst wurde, um ihre eigene Eroberung von Shang zu begründen. Das nächste Kapitel Pan Geng (), in dem König Pan Geng die unwillige Bevölkerung und die angesehenen Familien auffordert, ihm in die neue Hauptstadt Yin (), dem heutigen Anyang (), zu folgen, wird von vielen Gelehrten als das älteste Dokument in der chinesischen Geschichte angesehen, das selbst die Orakelknochen-Inschriften aus der Shang-Zeit an Alter übertrifft. Es gibt aber auch Indizien dafür, dass auch dieses Kapitel erst zu Beginn der Zhou-Dynastie geschrieben wurde, um zum einen die Eroberung Shangs durch die Zhou und zum anderen die damit verbundene unfreiwillige Migration der Shang-Bevölkerung zu begründen. Die verbleibenden Kapitel Tag des zusätzlichen Opfers für Gaozong (), Der Anführer des Westens hat Li niedergeworfen () und Der Baron von Wei () stammen wahrscheinlich aus der Zeit der Streitenden Reiche.
Die Sektion Dokumente aus der Zhou-Dynastie () enthält Kapitel, die zu der Zeit entstanden als die Ereignisse, über die sie berichten, stattfanden. Zum Teil werden diese Kapitel aber nicht für authentisch gehalten. Das erste Kapitel Die große Deklaration (), welches nur in manchen Neutext-Ausgaben vorhanden ist (Stichwort: 29. Kapitel), wurde in der Han-Dynastie auf der Basis von Zitaten in älteren Schriften rekonstruiert und unterscheidet sich in erheblichen Maße von der Alttext-Version. Die Kapitel Die Rede in Mu (), Der Große Plan () und Das metallene Band () werden alle der Zeit von König Wu (武, regierte 1045–1043 v. Chr.) zugeordnet, sind aber deutlich später entstanden, jedoch lange vor dem Tài shí ().
Mit den 12 folgenden Kapiteln, die der Zeit der Herrschaft von König Cheng (regierte 1042/35–1006 v. Chr.), insbesondere den ersten sieben Jahren seiner Herrschaft, in denen der Herzog von Zhou als Regent agierte, zugeordnet werden, haben wir den authentischen Teil des Buch der Urkunden vorliegen. Hierbei handelt es sich um die Kapitel Die Große Ansprache (), Die Ernennung des (Prinzen von) Kang (), Bekanntmachung bezüglich Betrunkenheit (), Das Holz des Zi Baumes (), Die Ernennung des (Herzog von) Shao (), Die Ankündigung bezüglich Luo (), Die zahlreichen Beamten (), Behaglichkeit vermeiden (), Der Edelmann Shi (), Die zahlreichen Regionen (), Errichtung einer Regierung () und Die testamentarische Anweisung (). Obgleich einige Gelehrte gegen die Entstehungszeit bestimmter Kapitel wie zum Beispiel Wú yí () oder Lí zhèng () Einwände erheben, so stellen nahezu alle Gelehrte die Authentizität der fünf Gào-Kapitel nicht in Frage, auch wenn deren Entstehungszeit durchaus Anlass zu Diskussionen gibt. So sind zu Beginn der Song-Dynastie Gelehrte wie Su Shi (1036–1101) und Zhu Xi (1130–1200) der Auffassung, dass die Kapitel Kāng gào () und Jiǔ gào () nicht in der Zeit von König Cheng () anzusiedeln sind, sondern Ereignisse schildern, die während der Herrschaft von König Wu () stattfanden.