mini|Einer der wenigen vollständigen Schädel aus der Herxheimer Grabenanlage

Die Grabenanlage von Herxheim ist eine archäologische Fundstätte aus der Jungsteinzeit auf dem Gebiet einer ehemaligen bandkeramischen Siedlung in Herxheim bei Landau im Landkreis Südliche Weinstraße von Rheinland-Pfalz. Bei Ausgrabungen fanden Archäologen große Mengen von Menschenknochen, die in Stücke zerschlagen worden waren und Schnittspuren aufweisen, wie sie beim Entfernen von Muskelgewebe durch Schneidwerkzeuge entstehen. Man scheint akribisch alles Fleisch, alle Sehnen und das übrige Weichgewebe von den Knochen entfernt zu haben, die danach – mit wenigen Ausnahmen – klein zerschlagen wurden. Insbesondere die erhaltenen Schädeldächer (Kalotten), die sorgfältig in eine schalenartige Form gebracht wurden, lassen eine Schätzung der Opferzahl zu. Demnach dürften die Überreste von über 1000 Menschen in Herxheim begraben worden sein. Dieser Befund ist in dieser Größenordnung für die Vorgeschichte Mitteleuropas einzigartig. Ob es sich bei den Toten um Menschenopfer handelt, ist in der Forschung umstritten. Bislang stehen sich bezüglich der Interpretation der Fundstelle mehrere Hypothesen gegenüber, wobei noch offen ist, ob eine davon den Geschehnissen und den geistigen Vorstellungen der Menschen vor 7000 Jahren gerecht wird.

Forschungsgeschichte mini|Blick in eine Vitrine mit Schädelfunden im Museum Herxheim

Anfang der 1990er-Jahre beschloss die Gemeinde Herxheim, am westlichen Ortsrand ein Gewerbegebiet erschließen zu lassen. Da in dem Gebiet bereits häufiger archäologische Funde freigelegt worden waren, beauftragte man die Speyerer Außenstelle der Abteilung Landesarchäologie der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz vorab mit großflächigen archäologischen Grabungen. Die Rettungsgrabung im Bereich der bandkeramischen Siedlung mit Doppelgraben dauerte von 1996 bis 1999. Die Grabungen leitete Annemarie Häußer (1957–2002). Sie wurden technisch vom Grabungstechniker Michael Münzer der Außenstelle Speyer der Landesarchäologie betreut. Fabian Haack (Knochengeräte) und Dirk Schimmelpfennig (Silices) bearbeiteten zwei Fundkategorien der Ausgrabungen im Rahmen von Magisterarbeiten. Nach den Rettungsgrabungen im künftigen Gewerbegebiet West wurden die Funde im Depot der Außenstelle Speyer verwahrt. Die Keramik sollte in Form einer Dissertation durch Annemarie Häußer weiterbearbeitet werden. Deren Unfalltod im September 2002 machte diese Pläne zunichte.

Ab Herbst 2003 koordinierte Andrea Zeeb-Lanz, seit 2001 zuständige Gebietsarchäologin der Landesarchäologie – Speyer für den Kreis Südliche Weinstraße und damit für Herxheim, Wissenschaftler, um die Funde umfassend auszuwerten. Die Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) förderte das Vorhaben von 2004 bis 2011 finanziell. Da die angewandte Grabungstechnik bei der Grabung der 1990er-Jahre viele für eine Feinauswertung notwendige Detailbeobachtungen nicht erlaubte, folgten von 2005 bis 2008 unter örtlicher wissenschaftlicher Leitung von Fabian Haack und der technischen Leitung von Grabungstechniker Michael Münzer Forschungsgrabungen im Bereich zwischen Rohrbacher und Insheimer Straße im Areal eines weiteren, deutlich kleineren Stückes der Siedlung und der doppelten Grabenanlage. Dies wurde zu großen Teilen durch die finanzielle Unterstützung der Gemeinde Herxheim ermöglicht. Auch Landesmittel flossen in die Finanzierung ein. Mittels moderner Grabungstechnik (zum Beispiel Laser-Tachymeter-Fundeinmessung) und einer dem Befund genau angepassten Grabungsmethode konnte die Auswertung der Befunde besser und erfolgreicher durchgeführt werden.

Neben der Untersuchung und Auswertung der Befunde (auf Grundlage der Ergebnisse der Forschungsgrabung), der menschlichen Knochen, der Keramik, der Steingeräte und Tierknochen wurden im Rahmen des DFG-Projektes auch umfangreiche archäometrische Analysen durchgeführt. Dazu gehören Isotopenuntersuchungen (Sr, O), DNA-Analysen und Tonanalysen. Die Ergebnisse wurden in bislang zwei Bänden der Reihe „Forschungen zur pfälzischen Archäologie“ (FPA) vorgelegt. Zu Ergebnissen bezüglich der Keramik ist ein dritter Teilband der Reihe FPA (Band 8.3) geplant.

2010 führte das DFG-Team (Grabungsleitung: Fabian Haack) als vorerst letzte invasive Maßnahme zwei Sondageschnitte im Osten der Siedlungsfläche durch, um zu erkunden, ob sich auf der Ostseite der Siedlung die Grabenanlage weiter verfolgen ließ. Diese Arbeiten wurden im Rahmen des Filmprojekts „Lost cannibals of Europe“ vom National Geographic Filmteam dokumentiert. Bei der 2004 durchgeführten Gesamt-Geoprospektion des Areals war hier nichts zu sehen. Tatsächlich wurde nur im südlichen der beiden Schnitte ein Grabenkopf dokumentiert, der möglicherweise ein Teil des inneren Grabens war. Da weiter nördlich keine Grabenanlage gefunden wurde, ist anzunehmen, dass die zwei Gräben nie geschlossen waren und die Siedlung an ihrer Ostseite kein Graben begrenzte. Finanziert wurden beide Sondageschnitte von 2010 durch die National Geographic Society.

Die bandkeramische Fundstelle Beim Fundort von Herxheim, im heutigen Gewerbegebiet „West“ der Gemeinde gelegen, handelt es sich um eine bandkeramische Siedlung, die an drei Seiten von einem doppelten Graben umgeben ist. Architektonische Grundform der beiden parallelen Gräben sind lange, schmale Gruben mit unterschiedlicher Profilform (u-förmig, v-förmig, muldenförmig). Zahlreiche dieser langen Gruben wurden den Verfüllschichten und Fundkonzentrationen zufolge gleichzeitig ausgehoben und fügen sich zu langen Grabensegmenten zusammen. Es existiert eine Reihe von Erdbrücken zwischen Segmenten der Gräben. Zwei der Erdbrücken, die am Innen- und am Außengraben an denselben Stellen liegen, können als Grabendurchquerungen ehemaliger Wege durch die Siedlung interpretiert werden. Innerhalb des doppelten Grabenringes liegt eine – erosionsbedingt sehr schlecht erhaltene – Siedlung der Bandkeramik.Andrea Zeeb-Lanz: Herxheim – ein rituelles Zentrum der Bandkeramik mit Menschenopfern und hohem Zerstörungspotential. Zu den (vorläufigen) Endergebnissen der wissenschaftlichen Auswertung des außergewöhnlichen Fundplatzes Herxheim bei Landau. In: Archäologie-Online vom 17. Februar 2020, abgerufen am 26. Juli 2023 (mit Gesamtplan der Ausgrabungen zwischen 1996 und 2010).

Die datierbaren Funde aus den Siedlungsgruben belegen, dass die Dorfanlage von der Phase Flomborn (ab etwa 5300 v. Chr.) bis an das Ende der Linearbandkeramik in der Pfalz (spätestens kurz vor 5000 v. Chr.) durchgehend besiedelt war. Am Ende ihrer Laufzeit änderte sich die Funktion der Siedlung allerdings offenbar: Kurz vor oder schon in der letzten Phase der linearbandkeramischen Kultur wurde das Erdwerk in einer Folge von einzelnen Gräben, die in zwei mehrfach unterbrochenen Grabenringen angeordnet sind, um die Siedlungsfläche angelegt. Die Ausgrabungen zeigen, dass hier mehrfach gänzlich außergewöhnliche Ereignisse stattfanden, in deren Verlauf insgesamt mehr als 1000 Menschen getötet und dann zerlegt wurden. Die stark normierte und repetitive Behandlung der getöteten Opfer von Herxheim – Zerlegung der Körper, Entfleischung des Skeletts, systematische Zerschlagung der Knochen, Zurichtung der Schädel – verweist die Aktivitäten an diesem besonderen Fundort in den Bereich ritueller Handlungen.

Dieser letzte Nutzungsabschnitt der Herxheimer Siedlung wird von den Forschern angesichts der auffallenden Befunde auch als „rituelle Phase“ bezeichnet. Der zeitliche Rahmen dieser Ereignisse wird durch das archäologische Fundmaterial relativ eng abgesteckt: Die dazugehörigen Funde verzierter Keramik datieren in die jüngste Phase der linearbandkeramischen Kultur und lassen sich dadurch auf einen Zeitraum von ungefähr 50 Jahren eingrenzen. Die Ausgräber gehen jedoch davon aus, dass die Ereignisse, während der die Knochen der etwa 1000 Individuen in die Erde gelangten, sich auf einen noch einmal deutlich kürzeren Zeitraum beschränkten. Dafür spricht ihnen zufolge die Tatsache, dass in vielen Fällen zusammengehörige Keramikscherben und Knochenfragmente an unterschiedlichen Stellen der Grabenanlage zutage traten, was darauf hindeutet, dass größere Teile der Gräben auch gleichzeitig offenstanden.

Funde mini|Nicht typisch für Herxheim: ein nahezu vollständiges SkelettAndrea Zeeb-Lanz: Herxheim bei Landau (Pfalz): einzigartiger Schauplatz jungsteinzeitlicher Zerstörungsrituale mit Menschenopfern / Herxheim près de Landau (Palatinat): Théâtre extraordinaire des rituels de destruction avec sacrifices humains. In: Michael Koch (Hrsg.): Archäologentage Otzenhausen Band 3, 2016. Beiträge der Internationalen Tagung zur Archäologie in der Großregion in der Europäischen Akademie Otzenhausen, 14.–17. April 2016. Nonnweiler 2017, S. 101–122, hier Abbildungen 6 und 12.

Unregelmäßig in den Gräben angeordnet fanden sich zahlreiche Konzentrationen von Funden, deren Hauptanteil klein zerschlagene Menschenknochen darstellten, zu denen auch Schädelkalotten und eine kleine Anzahl ganzer Schädel zu zählen sind. Es fanden sich auch viele Scherben verzierter und unverzierter Keramik, zerstörte Steingeräte und zahlreiche Fragmente wohl größtenteils intentionell zerschlagener Mahlsteine sowie Tierknochen. In kleineren Anteilen konnte Schmuck aus Tierknochen, -zähnen (zum Beispiel Eberhauer) und Kalkstein sowie Knochengeräte aus Tierknochen geborgen werden. Das Fundmaterial war in der Regel mit viel Erde vermischt und konnte nur in Ausnahmefällen als regelrechte Fundschicht am Grunde eines Grabensegmentes oder auf bereits eingeschwemmten oder eingefüllten Erdschichten dokumentiert werden. Die Verfüllungsgeschichte der Gräben ist sehr komplex, viele Verfüllschichten überlagern sich und zeigen sehr deutlich, dass es sich bei den Grabensegmenten keinesfalls um nacheinander angelegte und schnell verfüllte Gruben handelt, die sich gegenseitig überschneiden, sondern um durchgehende längere Segmente zweier Gräben. Ohne Rücksicht auf die Absätze im Sohlenbereich, welche die ursprünglichen Aushebungseinheiten der langen Gruben anzeigen, wurden die Fundkonzentrationen in den Gräben deponiert, wobei die Ausdehnung der Konzentrationen bis zu etwa 7 m längs des Grabens betragen kann. Auch die unter und über den Fundkonzentrationsbereichen liegenden Verfüllschichten ignorieren die Absätze im Sohlenbereich der Gräben gänzlich. Auffällig ist, dass sich im inneren Graben die Fundkonzentrationen häufen, während sie in den ausgegrabenen Bereichen des äußeren Grabens erheblich geringer an Zahl sind. So wurde in der Forschungsgrabung auf der ganzen Länge von 30 m, welche die Ausdehnung der beiden Gräben im Grabungsareal 2005–2008 betrug, im äußeren Graben lediglich eine einzige Fundkonzentration freigelegt. Allerdings handelte es sich hier um eine ganz besondere Fundansammlung, bestand sie doch aus fünf isolierten, aber vollständigen Schädeln sowie einer Reihe von Langknochenfragmenten, die eine intentionell anmutende Anordnung aufwiesen.

Neben den Gräben als Deponierungsort von menschlichen Knochen, qualitätvoller Keramik und anderen Artefakten zählen auch einige Siedlungsbefunde im Grabenring offenbar zu Bestandteilen der Ritualhandlungen. In einer Reihe von Gruben im Siedlungsbereich fanden sich die für Ritualfundkonzentrationen typischen menschlichen Knochenfragmente, verzierte Keramik unterschiedlicher Herkunft sowie Tierknochen und zerstörte Steingeräte. Angesichts der Massierung von Funden der Ritualaktivitäten in den Gräben ist anzunehmen, dass diese eine zentrale Rolle bei der Deponierung der Ritualüberreste einnahmen.

Menschenknochen und -zähne