Rio ist ein 2011 bei ECM Records veröffentlichtes Jazzalbum mit Soloimprovisationen des US-amerikanischen Pianisten Keith Jarrett.
Inhalt Das Album enthält Mitschnitte eines Improvisations-Solokonzertes des Pianisten, das am 9. April 2011 im Theatro Municipal in Rio de Janeiro, aufgenommen wurde.
Das Album wurde als 2CD-Set am 4. November 2011 veröffentlicht, enthält insgesamt fünfzehn Titel, mit einer Gesamtspiellänge von 90 Minuten und 25 Sekunden.
Keith Jarrett war 2011 zu einer kurzen Südamerikatournee aufgebrochen, mit Stationen in São Paulo, in Rio de Janeiro und Buenos Aires. Das Konzert in Rio de Janeiro, das vollständig auf dem Album festgehalten ist, war das zweite Konzert der Tournee. Keith Jarrett hält Rio für eines seiner besten Konzerte und Alben. Es sei „sehr schön strukturiert, jazzig, ernsthaft, süß, verspielt, warm, ökonomisch, energisch, leidenschaftlich und in einzigartiger Weise mit der brasilianischen Kultur verbunden. Der Sound im Konzertsaal war ausgezeichnet und ausgezeichnet war auch das begeisterte Publikum.“ Gleich nach dem Konzert im Theatro Municipal soll Jarrett Manfred Eicher kontaktiert haben mit der Bitte das Album möglichst bald zu veröffentlichen, was auch noch in 2011 erfolgte. miniatur|Keith Jarrett (2003)Bei allen seinen Solokonzerten ist es der Anspruch von Jarrett, ohne jede musikalische Vorüberlegung und ohne Plan „aus dem Nichts heraus“ Musik zu schaffen. Bereits in den 1980er Jahren führte er dazu aus: „Es ist immer wieder, als würde ich nackt auf die Bühne treten. Das Wichtigste bei einem Solokonzert ist die erste Note, die ich spiele, oder die ersten vier Noten. Wenn sie genug Spannung haben, folgt der Rest des Konzerts daraus fast selbstverständlich. Solokonzerte sind so ziemlich die enthüllendste psychologische Selbstanalyse, die ich mir vorstellen kann.“zitiert nach Peter Rüedi: Keith Jarrett, die Augen des Herzens. In: Siegfried Schmidt-Joos, Idole. 5 Nur der Himmel ist Grenze. Berlin, Verlag Ullstein 1985 Für Wolfgang Sandner – den deutschen Biografen des Künstlers – sind Jarretts Solokonzerte „Besuche in der Werkstatt oder im Kreißsaal, Operationen am offenen Herzen der Musik unter Aufsicht der Öffentlichkeit.“ Sie bilden in seinem „Schaffen ein Kontinuum, bei dem sich ... die stilistischen Merkmale immer wieder ähneln, die Ideen und Techniken virtuos mischen.“ Sie sind „oft ohne Vorlage oder formalen Entwurf, aus dem Augenblick heraus geschaffen, indem Jarrett in sich hineingehört, hellwach und schlafwandlerisch, impulsiv und neurochirurgisch alles von sich gegeben, sich abgerungen oder auch als Medium durch sich hindurchgelassen hat.“ Und Jens Glüsing stellt bei seiner Rezension des Albums Rio in Der Spiegel fest: „Keith Jarretts Solokonzerte sind zu hundert Prozent improvisiert, sie sind ein Abenteuer mit offenem Ausgang. Sie enden als Flop - oder sie beschwören einen jener raren Momente der Einheit von spiritueller Wahrheit, die selbst Atheisten als göttlich bezeichnen würden.“
mini|Das Theatro Municipal do Rio
Wie schon bei den drei letzten veröffentlichten Solokonzerten – Radiance (ECM, 2005), The Carnegie Hall Concert (ECM, 2006) und Paris / London – Testament (ECM, 2009) – sind es auch bei Rio kürzere Improvisationen, hier mit einer Spieldauer zwischen 3 und 9 Minuten. Jarrett – der aus der Vergangenheit für seine langen und ausufernden Klavierimprovisationen bekannt war – erläuterte die Änderung seiner Spielpraxis in einem Interview mit Down Beat wie folgt: „Wenn ich anfange zu Spielen und nach anderthalb Minuten fühle, dass das Stück vorbei ist, werde ich aufhören. Es ist die Freiheit aufzuhören, wenn Aufhören richtig erscheint. Ich hatte mich in eine etwas zu komplizierte Situation gebracht, in der die Regeln, die ich für mich gemacht hatte, mich beherrscht haben – anstatt einfache Regeln zu haben, die mich zu etwas Neuem führen.“Keith Jarrett in Down Beat, zitiert nach ecmrecords: https://ecmrecords.com/artists/keith-jarrett/ Und Wolfgang Sandner kommentiert die im Laufe der Zeit geänderte Improvisationspraxis bei Keith Jarrett in seinem Buch wie folgt: „Gegenüber den frühen, sagen wir: wild entschlossenen Einspielungen wirken die späteren Aufnahmen ... strukturell konturierter, auch wenn er mit hochvirtuoser Fingerfertigkeit die Klangmassen auftürmt und der Töneverbrauch enorm ist ... Der Eindruck ist nun viel mehr der eines Ad-hoc-Komponierens, wenn Jarrett improvisiert. Das bedeutet, wo früher ein Stück auch einmal aus den Fugen geriet, wie abrupt abgebrochen wirkte oder Klangschichten aneinanderstießen, die sich partout nicht verbinden lassen wollten, wird hier – trotz der Geschwindigkeit, mit der alles geschieht – eine übergeordnete Gestaltung spürbar, der Wille, etwas zusammenzufügen, was zusammen gehört.“
Eine Kurzfassung dessen, was auf dem Album Rio zu hören ist, liefert die Badische Zeitung in ihrer Rezension des Albums: „Sein aktuelles Solo-Doppel-Album, das in ungewohnt farbenfrohem Cover daherkommt, führt den Hörer in 15 Parts, wie es heißt, und auf unbeschwerte Weise in unterschiedliche Klangwelten aus vertrackten Harmonien und Melodien. Die virtuosen Interpretationen, die sich aus dem Augenblick entwickeln, sind mal abstrakte Klangforschungen mit Anleihen an Klassik und Free Jazz, mal groovige Stücke mit Reminiszenzen an Afrika, mal Balladen von folkloristischer Schlichtheit mit impressionistischen Anklängen an Claude Debussy oder Bill Evans. Auch die Jazztradition kommt bei Keith Jarrett nicht zu kurz.“ Eine weitere Kurzfassung liefert Sigfried Schibli in der Basler Zeitung: „Auf ‚Rio‘ gibt es im ersten Stück eine Art Fugato. Die Quartenakkorde im zweiten Stück riechen ebenso nach Debussy wie nach Jazz. Im dritten Track lässt sich der Meister von einem ostinaten Bassmotiv tragen und beflügeln wie in einer barocken Passacaglia. Im fünften wird über monoton trommelndem Klavierbass eine akkordisch geführte Melodie aus der rechten Hand gezaubert. Das sechste fällt durch sein pulsierendes Metrum auf, das einer ostinat aufsteigenden Linie das Fundament gibt. Lakonisch und ohne Schluss-Paukenschlag läuft das aus. Entgegengesetzt ist der Schluss der Nummer acht: ein leicht hingetupfter aufsteigender Dur-Dreiklang - ein Lächeln in Tönen. Am erstaunlichsten ist wohl die letzte der 15 Improvisationen, in welcher die rechte Spielhand tremoliert, als wärs die ‚Appassionata‘ von Beethoven.“ Wer an Eindrücken vom Livekonzert in Rio de Janeiro interessiert ist, sei auf den Artikel „Großer Rausch, grausam erarbeitet“ verwiesen, geschrieben von Jens Glüsing, der das Konzert besucht hat.
Im Hinblick auf Jarretts nun vierzigjährige Solo-Improvisationspraxis – von Facing You (1971) bis Rio (2011) – stellt Wolfgang Sandner 2015 in seiner Biografie fest: „Das sind fast sechsunddreißig Stunden vorwiegend improvisierte Musik aus vierzig Jahren! Oft ohne Vorlage oder formalen Entwurf, aus dem Augenblick heraus geschaffen, indem Jarrett in sich hineingehört, hellwach und schlafwandlerisch, impulsiv und neurochirurgisch alles von sich gegeben, sich abgerungen oder auch als Medium durch sich hindurchgelassen hat. Allein diesen Teil seines musikalischen Gesamtwerks müsste man schon als eine gigantische Lebensleistung bewerten. Sein «Free Playing», das paradoxe Konzept eines konzeptionslosen Spiels, bei dem jegliche musikalische Absicht, Prägung, Vorbildung so weit wie möglich ausgeschlossen werden sollte, diese aberwitzige Idee einer unbefleckten Improvisation ist seinerzeit so radikal gewesen, dass man sie neben die Handvoll revolutionärer Gedanken und Ereignisse in der Geschichte des Jazz stellen muss – auch wenn damit eine Aufführungspraxis bezeichnet wird, als deren Repräsentant Keith Jarrett fast ganz alleine gelten kann.“
Rio ist nicht die letzte Aufnahme mit Soloimprovisationen von Jarrett, aber es vergingen vier Jahre bis mit Creation (ECM, 2015) das nächste Album veröffentlicht wird.
Mitwirkende
Der Musiker und sein Instrument Keith Jarrett – Piano
Der Produktionsstab Martin Pearson – Aufnahmetechnik Sascha Kleis – Layout Mayo Bucher – Covergestaltung Daniela Yohannes – Fotografie
Manfred Eicher – Produzent
Titelliste Keith Jarrett: Rio (ECM 2198/99 (277 6645)) CD 1 Part I – 8:40 Part II – 6:52 Part III – 6:00 Part IV – 4:13 Part V – 6:25 Part VI – 7:00 CD 2 Part VII – 7:28 Part VIII – 4:58 Part IX – 5:02 Part X – 5:01 Part XI – 3:20 Part XII – 6:09 Part XIII – 7:03 Part XIV – 5:40 Part XV – 6:34
Rezeption Das Album Rio hat im deutschsprachigen Raum, aber auch international eine sehr große Medienresonanz erfahren. Dies ist sicher dem 40-jährigen Jubiläum der Soloimprovisationspraxis von Keith Jarrett geschuldet, aber auch der Tatsache, dass sich der Künstler in den letzten Jahren auf den Konzertbühnen dieser Welt und bei den Musikveröffentlichungen rarer gemacht hat und inzwischen nur noch alle 3–4 Jahre ein neues Album mit Soloimprovisationen veröffentlicht. Neben der großen Medienresonanz feierte das Album auch kommerzielle Erfolge und erreichte unter anderem im Januar 2012 für einen Monat die Chartspitze der deutschen Jazzcharts. jazzecho.de, abgerufen am 11. Mai 2020. Am Ende des Jahres belegte Rio Rang zwei der deutschen Jazz-Jahrescharts und musste sich lediglich The Absence von Melody Gardot geschlagen geben.Jahresauswertung 2012. Musikmarkt, 01/2013, Januar 2013.
Die Rezeption des Albums in den deutschsprachigen Medien ist fast ausschließlich positiv: