Der Selbstverbrennungsvorfall auf dem Tian’anmen-Platz (auch Platz des Himmlischen Friedens genannt) (Traditionelles Chinesisch Kurzzeichen 天安門自焚事件, Hanyu Pinyin Tian'anmén Zìfén Shìjiàn) ereignete sich am Vortag des chinesischen Neujahrsfestes, dem 23. Januar 2001, im Zentrum Pekings. Der Vorfall ist umstritten: Quellen der chinesischen Regierung behaupten, dass sich fünf Anhänger von Falun Gong (auch als Falun Dafa bekannt), eine spirituelle Praxis, die auf dem chinesischen Festland verfolgt wird, auf dem Tian’anmen-Platz verbrannt hätten. Mehrere westliche Journalisten und Wissenschaftler stellten fest, dass es Unstimmigkeiten in den Berichten der Regierung gab, was darauf hindeutete, dass die Selbstverbrennungen durch die Regierung inszeniert worden waren, um Falun Gong zu diskreditieren.

Nach Angaben chinesischer staatlicher Medien war eine Gruppe von sieben Personen aus der Provinz Henan nach Peking gereist und fünf von ihnen steckten sich auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Brand. Eine von ihnen, Liu Chunling, starb unter ungeklärten Umständen direkt auf dem Platz des Himmlischen Friedens; die 12-jährige Liu Siying starb Berichten zufolge mehrere Wochen später im Krankenhaus; drei überlebten. Über den Vorfall wurde in internationalen Medien berichtet. Eine Woche später übertrug der staatliche Fernsehsender China Central Television (CCTV) in der gesamten Volksrepublik China Videomaterial des Vorfalls. In der chinesischen Presse wurde das Ereignis als Beweis gewertet, wie „gefährlich“ Falun Gong sei und dazu genutzt, die Regierungskampagne gegen die Gruppe, also die Verfolgung von Falun Gong zu legitimieren.

Die offizielle Darstellung der Ereignisse wurde jedoch bald unter die Lupe genommen. Zwei Wochen nach dem Selbstverbrennungsvorfall veröffentlichte die Washington Post eine Untersuchung über die Identität der beiden ums Leben gekommenen „Selbstmordopfer“. Dabei stellte sich heraus, dass „niemand je gesehen hatte, dass sie Falun Gong praktizierten.“ Weitere Beweise durch Journalisten und internationale Beobachter wiesen darauf hin, dass die chinesischen Behörden bereits im Vorfeld Kenntnisse über die „Selbstverbrennung“ hatten.

Human Rights Watch schrieb, dass der Vorfall, zu „den schwierigsten Geschichten für Reporter in Peking“ gehörte, „über den sie zu der Zeit berichten mussten“, da es an unabhängigen Informationen mangelte. Die „Selbstverbrennungsopfer“ waren nur für die Reporter von Chinas staatlicher Presse zugänglich. Internationale Medien und sogar Familienangehörigen der Opfer wurde der Kontakt mit ihnen verwehrt. Danach tauchte eine große Vielfalt von Meinungen und Interpretationen dessen auf, was vielleicht geschehen sein könnte. Dazu gehörten, dass der Vorfall vielleicht von der Regierung eingerichtet worden war, um Falun Gong zu verleumden; es ein authentischer Protest gewesen sein mag; die Selbstverbrenner „neue oder ungeschulte“ Falun-Gong-Praktizierende gewesen sein könnten; und andere Ansichten.

Die Medienkampagne der staatlichen Propaganda, die dem Ereignis folgte, zerstörte die bis dahin anhaltende öffentliche Sympathie für Falun Gong. Die Time stellte fest, dass viele Chinesen zuvor das Gefühl gehabt hatten, dass Falun Gong keine wirkliche Bedrohung sei, und dass das harte Vorgehen des Staates gegen deren Anhänger zu weit gegangen war. Nach der Selbstverbrennung gewann jedoch die Medienkampagne gegen Falun Gong erheblich an Boden. Plakate, Broschüren und Videos wurden produziert, die die angeblich schädlichen Auswirkungen der Falun-Gong-Praxis in Einzelheiten darstellte, und sogar in Schulen wurde regelmäßig Anti-Falun-Gong-Unterricht abgehalten. CNN verglich die Propaganda-Initiative der chinesischen Regierung mit vergangenen politischen Bewegungen, wie dem Koreakrieg und der Kulturrevolution. Später, als sich die öffentliche Meinung gegen Falun Gong gestellt hatte, begannen die chinesischen Behörden, die „systematische Anwendung von Gewalt“ zu genehmigen, um Falun Gong zu beseitigen. Im Jahr nach dem Vorfall stiegen Inhaftierung, Folter und Tod der inhaftierten Falun-Gong-Praktizierenden deutlich an.

Hintergrund mini|321px|Falun-Gong-Praktizierende demonstrieren im April 1999 friedlich vor dem Regierungsgebäude Zhongnanhai, um ein Ende der offiziellen Belästigungen der Praktizierenden zu fordern. Bald darauf begann eine landesweite Verfolgung der Praktik.

Falun Gong ist eine Form der spirituellen Qigong-Praxis, die Übungen und eine Meditation beinhaltet sowie eine Philosophie der buddhistischen und taoistischen Tradition. Sie wurde im Frühjahr 1992 durch Li Hongzhi im Nordosten Chinas eingeführt. Bis zu den späten 1990er Jahren hatte es zigmillionen Anhänger. Falun Gong erfreute sich in den ersten Jahren seiner Entwicklung offizieller Anerkennung und Unterstützung. Mitte der 1990er Jahre versuchten jedoch die chinesischen Behörden das Wachstum von Qigong-Praktiken zu zügeln und erließen deshalb strengere Anforderungen an die verschiedenen Qigong-Schulen des Landes. Im Jahr 1996 trat Falun Gong aus der staatlichen Qigong-Gesellschaft aus, was dazu führte, dass es durch den Sicherheitsapparat und die Propaganda-Abteilung des Landes erhöhter Kritik und Überwachung ausgesetzt wurde.

Am 22. April 1999 wurden mehrere Dutzend Falun-Gong-Praktizierende in der Stadt Tianjin geschlagen und verhaftet, während sie einen friedlichen Sitzstreik abhielten. Den Praktizierenden wurde gesagt, dass der Haftbefehl vom Ministerium für Öffentliche Sicherheit käme und dass die Verhafteten nur mit der Zustimmung der Behörden in Peking freigelassen werden könnten.

Daraufhin versammelten sich am 25. April 1999 circa 10.000 Falun-Gong-Praktizierende friedlich in der Nähe des Regierungsgeländes Zhongnanhai in Peking, um die Freilassung der Praktizierenden aus Tianjin sowie ein Ende der Eskalation der Schikanen gegen sie zu fordern. Es war ein Bemühen der Falun-Gong-Praktizierenden, eine Wiedergutmachung von den politischen Führern zu erwirken, indem sie zu ihnen gingen und „wenn auch sehr leise und höflich klar darstellten, dass sie sich nicht so schäbig behandeln lassen“. Dies war die erste Massendemonstration auf dem Gelände Zhongnanhai in der Geschichte der Volksrepublik China und der größte Protest in Peking seit 1989. Mehrere Vertreter von Falun Gong sprachen mit dem damaligen Premier Zhu Rongji, der ihnen versicherte, dass die Regierung nicht gegen Falun Gong sei, und ihnen versprach, dass die Praktizierenden aus Tianjin freigelassen werden würden. Danach löste sich die Menschenmenge friedlich auf, offenbar in dem Glauben, dass ihre Demonstration ein Erfolg gewesen sei.

Jedoch gab an diesem Abend der damalige Chef der Kommunistischen Partei Jiang Zemin die Entscheidung zur Ausrottung von Falun Gong heraus. Auf Jiangs Anweisung hin wurde am 7. Juni 1999 eine spezielle „Zentrale Führungsgruppe zur Handhabung von Falun Gong“ innerhalb des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas gegründet, um die Verfolgung von Falun Gong auszuführen und die Umsetzung der Verfolgung zu leiten. Die sich daraus ergebende Organisation wurde Büro 610 genannt (da am 10. Juni etabliert). Zu den wichtigsten Funktionen der Büros 610 gehört die Koordination der Anti-Falun-Gong-Propaganda, Überwachung und Sammlung von Informationen sowie die Bestrafung und „Umerziehung“ der Falun-Gong-Praktizierenden. Berichten zufolge ist das Büro an außergerichtlichen Verurteilungen sowie an Zwangsumerziehungen, Folter und manchmal der Tötung der Falun-Gong-Praktizierenden beteiligt.

Das Büro 610 übernahm also die Rolle, in der staatlich kontrollierten Presse die Berichterstattung der Medien gegen Falun Gong zu koordinieren. Auch beeinflusste es andere Partei- und staatliche Einrichtungen, wie Gerichte und Sicherheitsbehörden. Am 19. Juli gab das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei ein Dokument heraus, das das Praktizieren von Falun Gong verbot. Am folgenden Tag wurden Hunderte Praktizierende durch Sicherheitskräfte festgenommen.

Die nun folgende Verfolgung war von einer „massiven Propagandakampagne“ gekennzeichnet, die beabsichtigte, diese Verfolgung zu legitimieren, indem sie Falun Gong als abergläubisch, gefährlich und nicht im Einklang mit der offiziellen Ideologie darstellte. Zehntausende Falun-Gong-Praktizierende wurden eingesperrt, und Ende 1999 tauchten erste Berichte von in der Haft angewandter Folter auf. Laut Ian Johnson wurden Behörden umfassende Befehle erteilt, Falun Gong zu beseitigen und Praktizierende einer Zwangsumerziehung zu unterwerfen. Dabei wurde nicht geprüft, welche Verfahren und Maßnahmen dabei zur Anwendung kamen. Dies führte zu dem weitverbreiteten Einsatz von Folter, manchmal mit tödlichem Ausgang.

Der Tian’anmen-Platz war einer der Haupttreffpunkte, auf dem sich Falun-Gong-Praktizierende versammelten, um gegen die Verfolgung zu protestieren. In der Regel hielten sie Spruchbänder in Verteidigung ihrer Praktik hoch, oder führten einen Sitzstreik durch, bei dem sie friedlich meditierten. Ian Johnson schätzte im Wall Street Journal, dass bis zum 25. April 2000 über 30.000 Praktizierende verhaftet worden waren; die meisten von ihnen auf dem Weg zum Platz des Himmlischen Friedens, da sie versuchten, in Peking für Falun Gong zu demonstrieren. Am 1. Januar 2001 wurden während einer Demonstration auf dem Tian’anmen-Platz siebenhundert Falun-Gong-Anhänger festgenommen.

Chinesische Behörden kämpften in den frühen Jahren der Verfolgung darum, die öffentliche Meinung gegen Falun Gong aufzubringen. Doch erhielt die Kampagne im Gegenteil Kritik aus dem breiten Spektrum der chinesischen Gesellschaft. Einige Kommentatoren stellten sogar Vergleiche zur Kulturrevolution und der Judenverfolgung in der Zeit des Nationalsozialismus an. Laut Human Rights Watch war „die Frustration der Führungskräfte mit dem Scheitern ihrer Bemühungen, Falun Gong schnell und gründlich aufzulösen, auch in deren Medienkampagne offensichtlich“. Die staatliche Presse gab Ende 2000 zu, dass Falun Gong weiterhin, in Missachtung des rechtswidrigen Verbots, anhaltende Proteste durchführt, und verkündete, „die breite Masse muss dazu gebracht werden, dass sie die Dauer, Komplexität und Grausamkeit unserer Schlacht gegen Falun Gong versteht“. Im Januar 2001 starteten die chinesischen Behörden eine neue Welle der Propaganda, um Falun Gong zu diskreditieren, in der sie staatliche Medienorganisationen aufforderten, die Gruppe zu verleumden.

Das Ereignis Am 23. Januar 2001, am Vortag des chinesischen Neujahrs, gossen fünf Menschen auf dem Platz des Himmlischen Friedens Benzin über ihre Kleidung und setzten diese anschließend in Brand.

Eine CNN-Filmcrew, die wegen eines möglichen Falun-Gong-Protests auf Routinekontrolle am Tian’anmen-Platz war, beobachtete einen Mann, der sich auf das Pflaster nordöstlich des Denkmals für die Helden des Volkes setzte, das sich in der Mitte des Platzes befindet. Er goss Benzin über sich und steckte sich selbst in Brand. Schnell eilten Polizisten zu ihm und löschten die Flammen. Kurz danach setzten sich weitere vier Personen auf dem Platz in Brand. Einer der vier, ein Mann, wurde festgenommen und in einem Polizeiwagen fortgefahren.