mini|Gert Ledig, 1963 Die Stalinorgel ist der Debütroman des deutschen Schriftstellers Gert Ledig aus dem Jahr 1955. Das Buch zählt zu den Antikriegsromanen. Es handelt von den Kämpfen an der Ostfront in der Nähe von Leningrad aus der Sicht eines deutschen sowie eines russischen Bataillons.
Inhalt Der Roman zeigt den Kampf deutscher und russischer Soldaten um eine Höhe im Sommer 1942, „drei Werst von Podrowa entfernt, etwa vierzig Werst südlich von Leningrad“.Gert Ledig: Die Stalinorgel. 2003, S. 7. Die im Text genannten Orte Podrowa und Emga konnten nicht ermittelt werden. Emga könnte Mga sein, Schauplatz mehrerer sowjetischer Offensiven mit dem Ziel, die Belagerung Leningrads aufzubrechen. Podrowa könnte das Dorf Petrowo sein, etwa 10 km südöstlich von Mga.
Der Roman beginnt mit dem Tod eines Obergefreiten:
Die Nüchternheit und Härte, die knappen Sätze, mit denen das Kriegsgeschehen geschildert wird, sind bezeichnend für den Stil des Textes. Dazu gehört auch, dass die Figuren nur ausnahmsweise Namen erhalten, meist sind es nur „der Obergefreite“, „der Melder“, „der Major“ usw., von denen berichtet wird.
In einer nicht veröffentlichten Rezension schrieb Heinrich Böll:
In diesen zwei Tagen erfolgt ein russischer Vorstoß, der allerdings nicht zu einem Durchbruch der Front führt. Viele Soldaten sind dennoch dabei gestorben. Wie er begonnen hat, so endet der Roman mit dem Tod, nun allerdings mit einem Begräbnis, das von einem frisch an der Front angekommenen Feldgeistlichen zelebriert wird, der tröstliche Worte zu finden versucht. Nichts hat sich geändert, nur, dass es kühler geworden ist und die Mückenschwärme verschwunden sind.
Veröffentlichung und Rezeption Der Roman erschien 1955 im Claassen-Verlag und wurde ein internationaler Erfolg mit Übersetzungen in 14 Sprachen binnen zwei Jahren.Volker Hage: Zeugen der Zerstörung. S. Fischer, 2003, S. 46. Zuvor hatte Ledig seinen Text, noch unter dem Arbeitstitel „Inferno“ – die titelgebende „Stalinorgel“ erscheint im Text nicht explizit –, etwa 50 Verlagen angeboten. Hans Georg Brenner, seinerzeit Lektor bei Claassen, setzte sich stark für eine Veröffentlichung ein, obwohl der Verlag Widerstände und Ablehnung bei Sortimentsbuchhandel und Presse antizipierte.Florian Radvan: Nachwort. In: Gert Ledig: Die Stalinorgel. 2003, S. 204f. Das geschah jedoch nicht. Sowohl Presse als auch Schriftstellerkollegen wie Wolfgang Koeppen und Heinrich Böll äußerten sich sehr lobend über das Buch.
Kurz nach Erscheinen des Romans wurde Ledig von Hans Werner Richter zum Frühjahrstreffen 1955 der Gruppe 47 eingeladen. Ledig lehnte ab:
Trotz solcher Bedenken nahm Ledig im Oktober 1956 und September 1957 an Treffen der Gruppe teil. Florian Radvan und Volker Hage vermuten, dass Ledigs Zögern auch damit zu tun hatte, bei einem Gruppentreffen vorlesen zu müssen, Ledig hatte jedoch infolge einer im Krieg erhaltenen Unterkieferverletzung Probleme mit dem mündlichen Vortrag. Bei dem Treffen 1956 hat dann Günter Eich für Ledig aus Vergeltung, Ledigs zweitem Roman, vorgelesen.Florian Radvan: Nachwort. In: Gert Ledig: Die Stalinorgel. 2003, S. 208f.Volker Hage: Zeugen der Zerstörung. S. Fischer, 2003, S. 45.
Ledig hatte sich von Anfang an für eine Lizenzierung und ein baldiges Erscheinen von Stalinorgel auch in der DDR eingesetzt, war vom Claassen-Verlag aber zunächst ausgebremst worden. Die Rezeption von Stalinorgel in der DDR war – unter Vorbehalten – positiv. So äußerte sich Anna Seghers in einem Referat auf dem IV. Deutschen Schriftstellerkongreß in Ostberlin 1956 lobend und Günther Deicke, damals Redakteur bei der Neuen deutschen Literatur, erkannte die Qualitäten des Werkes an. Die Vorbehalte bezogen sich auf das, was man damals in der DDR als Formalismus bezeichnete, und auf die fehlende Parteinahme Ledigs für den Kampf der Roten Armee gegen den Faschismus. Deutsche und Russen werden in dem Roman ja als gleichermaßen hilflose und verzweifelnde Opfer eines entmenschlichenden Krieges gezeichnet. Dennoch erschien im Juni 1955 unter dem Titel Standgericht ein 15-seitiger Abschnitt aus dem Roman in der Neuen deutschen Literatur, der weitgehend dem 11. Kapitel der Originalausgabe entsprach.Florian Radvan: Nachwort. In: Gert Ledig: Die Stalinorgel. 2003, S. 210–215.
Im Gefolge der Debatte um W. G. Sebalds Essay Luftkrieg und Literatur wurde 1999 Vergeltung und im Jahr darauf Stalinorgel vom Suhrkamp Verlag erneut aufgelegt. Zuvor schon waren Ausgaben des Romans 1967 im Fackelverlag und 1977 bei Heyne erschienen, aber erst die Ausgabe bei Suhrkamp erzeugte erneut Aufmerksamkeit für den damals weitgehend vergessenen Roman, mit Rezensionen in Süddeutscher Zeitung und NZZ.
Ausgaben Die Stalinorgel. Claassen, Hamburg 1955. Neuausgabe 1958 als Die Bücher der Neunzehn Band 46. Die Stalinorgel. Fackelverlag, Olten 1967. Die Stalinorgel. Heyne, München 1977, ISBN 3-453-00695-X. Die Stalinorgel (= Bibliothek Suhrkamp, Band 1333). Mit einem Nachwort von Florian Radvan. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-518-22333-X. Die Stalinorgel (= st 3462). Mit einem Nachwort von Florian Radvan. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-518-39962-4.
E-Book In: Die Kriegsromane. Süddeutsche Zeitung, Heidelberg 2014, ISBN 978-3-86497-231-7 (= eBibliothek 5).
Hörbuch Die Stalinorgel. Gelesen von Samy Andersen. Hierax Medien, Friedrichsfehn 2020, ISBN 978-3-86352-400-5.
Übersetzungen The naked Hill. London 1956 bzw. The Stalin organ. London 2004, ISBN 1-86207-652-9 (englisch) Les Orgues de Staline. Paris 1956 (französisch) Het stalinorgel. Antwerpen und Baarn 1956; Amsterdam 2002, ISBN 90-295-2810-9 bzw. De naakte heuvel. Baarn 1963 (niederländisch). Ve dem, som bo paa jorden. København 1956 (dänisch). Stalinin urut. Suomennos 1956 (finnisch). Stalinorgeln. Stockholm 1956 (schwedisch). Os órgãos de Estaline. Lissabon 2005 (portugiesisch). Sožžennye dotla. Moskau 2010, ISBN 978-5-9955-0188-6 (russisch).
Literatur Volker Hage: Zeugen der Zerstörung : Die Literaten und der Luftkrieg : Essays und Gespräche. S. Fischer, 2003, ISBN 3-10-028901-3, S. 44–51. Florian Radvan: Nachwort. In: Gert Ledig: Die Stalinorgel. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-518-39962-4, S. 203–229.
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Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Roman, Epik Kategorie:Kriegsliteratur (Zweiter Weltkrieg)