Das Naturschutzgebiet Allermöher Wiesen liegt in den Hamburger Gemarkungen Allermöhe und Billwerder in den Marschlanden und ist ein Teil der letzten Grünverbindung (Landschaftskorridor) zwischen den Naturschutzgebieten Boberger Niederung im Norden und Die Reit im Süden. Das Naturschutzgebiet im Südosten Hamburgs hat eine Größe von 106 Hektar. Das Gebiet besteht aus zwei Teilbereichen: den größten Teil bilden die offenen Grünlandlebensräume der Allermöher Marsch. Der kleinere Teil umfasst den ehemaligen Billwerder Bahndamm, der auch eine zweite Deichlinie zum Hochwasserschutz war, mit seinen Trockenbiotopen.
Schutzstatus Die Verordnung über das Naturschutzgebiet wurde am 10. Januar 2017 vom Hamburger Senat beschlossen.
Lebensräume, Tier- und Pflanzenwelt Allermöher Marsch
Die Allermöher Marsch umfasst eine ca. 88 ha große, weithin offene Marschlandschaft, die durch Grünland, Beetgräben und zwei größere Flachgewässer geprägt und etwa mittig von Nordost nach Südwest von einem Hauptentwässerungsgraben durchzogen wird. Zusätzlich wird die ca. 4 ha große Fläche nördlich des Bahndamms diesem Bereich zugerechnet; diese Fläche ist als halbruderale Grasflur anzusprechen. miniatur|Überschwemmtes Feuchtgrünland zur Brutzeit der Wiesenvögel Das Bodeninventar reicht von klassischer humoser Flusskleimarsch bis zum Übergang zur Organomarsch bei mäßiger bis starker Ausprägung der Beetstrukturen. Insbesondere im Kerngebiet handelt es sich um eine Bodengesellschaft mit überdurchschnittlicher Ausprägung der Archivfunktion sowie der Lebensraumfunktion nach dem Bundes-Bodenschutzgesetz. Diese wertvollen Zeugnisse der Natur- und Kulturgeschichte der Vier- und Marschlande sind als schützenswerte Kultosole einzustufen und im Hamburger Raum zunehmend selten anzutreffen. Östlicher Teilbereich miniatur|Allermöher Wiesen (Blickrichtung Osten) Insbesondere im Bereich der offenen Marschlandschaft östlich des Hauptentwässerungsgrabens wurden seit Beginn der 1990er Jahre auf etwa 56 ha umfangreiche naturschutzrechtliche Ausgleichsmaßnahmen für die Wohnbebauung in Allermöhe und den Huckepackbahnhof Billwerder umgesetzt. Hierzu wurden das Grabensystem auf einer Länge von 20 km wiederhergestellt, Stauanlagen eingebaut und Windpumpen zur Bewässerung installiert. Damit konnten die Wasserstände erhöht werden, was wesentlich zur naturschutzfachlichen Aufwertung der Flächen beiträgt. Die großflächige Grünlandvegetation ist oft nur schwach wachsend und damit sehr günstig als Bruthabitat für Wiesenvögel. Das Vorkommen der Wiesenvögel in Allermöhe hat sich Anfang der 1990er Jahre noch weitgehend über das gesamte, damals wesentlich weniger bebaute Areal zwischen der Hafen-Schlickdeponie Feldhofe und der Wohnbebauung im Osten verteilt. Heute konzentrieren sich sämtliche Vorkommen der meist bodenbrütenden Vogelarten des offenen Grünlands im unverbauten Landschaftskorridor des Naturschutzgebietes. Die Herrichtung der Ersatzmaßnahmen mit der Anhebung des Oberflächenwasserstandes sowie die Schaffung von Kleingewässern haben zu einer deutlichen Aufwertung des Lebensraums geführt, die sich in der Neuansiedlung von Bekassine, Krickente, Löffelente, Rotschenkel, Schilfrohrsänger und Uferschnepfe ausdrückt. Prägender Wiesenvogel ist der Kiebitz. Damit gehört der Landschaftskorridor für die Wiesenlimikolen zu den Flächen mit den höchsten Siedlungsdichten von Wiesenvögeln in HamburgMitschke, Alexander (2014): Avifaunistische Begleitkartierung im Rahmen von Maßnahmen zur Aufwertung von Grünland-Lebensräumen im Landschaftskorridor Allermöhe, Berichtsperiode 1989 bis 2014, Gutachten im Auftrag der Abteilung Naturschutz Hamburg. miniatur|Windpumpen zur Bewässerung der Feuchtgrünlandes Das umfangreiche Grabensystem ist neben dem Grünland die wichtigste Voraussetzung für die Vorkommen seltener und gefährdeter Pflanzen- und Tierarten im Gebiet. Lineare Gewässer wie Gräben und Wettern nehmen knapp ein Viertel des Flächenanteils ein. Dabei bieten auch die Grabenböschungen wertvolle Standorte für die Vegetation verschiedener Typen vom Niedermoor mit Röhrichten und Seggenriedern über Staudenfluren, wiesenartige Bestände bis hin zu kleineren trocken-mageren Bereichen im oberen Böschungsteil. Diese standörtliche Vielfalt ist der Grund für den außerordentlichen Artenreichtum der Gräben und die große Bedeutung, die diese als Vernetzungsachsen entfalten. An und in den Gräben des Gebietes wachsen knapp 80 % der gefundenen Pflanzenarten und sogar über 87 % der gefährdeten Pflanzenarten. Insgesamt konnten in diesem Gebiet 56 gefährdete oder gesetzlich geschützte Pflanzenarten nachgewiesen werden. Im Grünland selbst konnten insgesamt 60 Pflanzenarten nachgewiesen werden. Dies ist zwar eine relativ hohe Artenzahl. Hierbei sind jedoch nur wenige seltene Arten und gleichzeitig eine Reihe von Ruderalarten vertreten. Dies ist auf das geringe Alter der Grünlandvegetation und die frühere Intensivnutzung zurückzuführenBrandt Ingo (2006): Landschaftskorridor Allermöhe: Monitoring Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen, Bericht 2004-2005, Gutachten im Auftrag der Abteilung Naturschutz Hamburg.
Mit sechs nachgewiesenen Amphibienarten ist das Naturschutzgebiet ein wichtiger Amphibienlebensraum. Hervorzuheben sind der gute Bestand des streng geschützten Moorfrosches und das Vorkommen des ebenfalls streng geschützten Laubfrosches (beide Rote Liste 2, d. h. stark gefährdet in Hamburg), der sich aus dem starken Bestand des Naturschutzgebietes Die Reit durch Einwanderung entwickelt hat. Beide Arten sind zudem in Anhang IV der FFH-Richtlinie gelistet und unterliegen damit auch europäischen Artenschutzvorschriften. Mit dem Vorkommen dieser seltenen Arten wird die Wichtigkeit der Biotopverbundfunktion des Landschaftskorridors zwischen den Flächen südlich der Dove Elbe und der Boberger Niederung deutlich unterstrichen. Die Libellenfauna ist mit 29 nachgewiesenen Arten ausgesprochen artenreich. Besonders bedeutend ist das Vorkommen von drei vom Aussterben bedrohten Arten: Die Grüne Mosaikjungfer, die ihre Eier nur an der Pflanzenart Krebsschere ablegt, ist in Hamburg stark gefährdet und bundesweit vom Aussterben bedroht. Sie ist ebenfalls im Anhang IV der FFH-Richtlinie gelistet. Die Keilfleck-Mosaikjungfer und die Gefleckte Smaragdlibelle sind bundesweit stark gefährdet und in Hamburg vom Aussterben bedroht. Zahlreiche bedrohte und anspruchsvolle Arten wie Kleine Pechlibelle, Früher Schilfjäger und Gebänderte Heidelibelle unterstreichen die herausragende Bedeutung des Gebietes.
Westlicher Teilbereich miniatur| Grabenwiederherstellung im Westen im Rahmen von Ausgleichsmaßnahmen (2012–2016) Der 40 ha große Teilbereich westlich des Hauptentwässerungsgrabens ist durch offenes Grünland geprägt. Für den Erhalt des wertvollen Wiesenvogelbestandes besitzt dieser Teil eine besondere Bedeutung – insbesondere als ergänzender Raum zur Nahrungssuche sowie als Schutz- und Pufferfläche gegenüber Störungen von außen. Eine Ausgleichsfläche im nördlichen Bereich wurde bereits in Zusammenhang mit den Flächen östlich des Hauptgrabens aufgewertet. Weitere 32 ha sind eine Ersatzmaßnahme für den vierten Abschnitt der Bundesautobahn 26, die überwiegend im November 2015 abgeschlossen werden konnten. Die Maßnahmen beinhalten die Entwicklung bzw. Wiederherstellung von Feuchtgrünland sowie die Wiederherstellung des Grabensystems mit den entsprechenden Pumpen- und Stauanlagen. Von diesen Instandsetzungsarbeiten profitiert die Tierwelt sehr unmittelbar, so dass hier zeitnah ähnliche Entwicklungen wie auf den östlich angrenzenden Flächen zu erwarten sind.
Fläche nördlich des Bahndamms mini | Nördlich des Billwerder Bahndamms Bei der ca. 4 ha großen Fläche nördlich des Alten Billwerder Bahndamms handelt es sich um eine festgesetzte Ausgleichsfläche für den Huckepackbahnhof Billwerder. Die halbruderale Grasflur ist naturnah entwickelt, ungestört und hat eine hohe Anzahl von Feuchtezeigern.
Geschichte des Hauptentwässerungsgrabens Die tiefe Lage der Allermöher Marsch erforderte für eine Bewirtschaftung eine Entwässerung. Ursprünglich suchte man durch geschickte Ausnutzung des Tidestroms das Wasser aus den Beetgräben über Siele und Schleusen aus dem Binnenland in die Elbe zu leiten. Seit 1595 waren in Billwerder Schöpfwerke bekannt. 1780 wurde auf Betreiben des Landvogts Odemann die erste Mühle mit archimedischer Schnecke in Billwerder erbaut, wofür er von der Patriotischen Gesellschaft ausgezeichnet wurdeFinder, Ernst (1935): Die Landschaft Billwärder, ihre Geschichte und ihre Kultur, Veröffentlichungen des Vereins für Hamburgische Geschichte, Nr. 9, Hamburg, Christians, (Online=Digitalisat auf den Seiten der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, abgerufen am 10. Januar 2017).. Im Bereich des Naturschutzgebietes sind in der Karte der Preußischen Landesaufnahme von 1880 fünf Windmühlen und ein Hauptentwässerungsgraben südlich der Landscheide in Ostwestrichtung dargestellt, der über Moorfleet in die Dove Elbe führt. Durch den Bau des Bahndammes soll es zu Beeinträchtigungen der Leistungsfähigkeit der Windmühlen gekommen sein. 1887 bis 1889 wurde dann zur Entwässerung von Allermöhe und Billwerder beim Tiefstackkanal eine Dampfentwässerungsanlage gebaut, die mit dem nördlichen und südlichen Bahngraben verbunden war. Durch die sturmflutsichere Aufhöhung der Billwerder Marsch für Industriezwecke bis an den Unteren Landweg und den Bau des Tidekanals wurde das Pumpwerk von der Marsch getrennt. Daher erfolgte 1914 der Neubau eines Gebäudes am Allermöher DeichSchmal, Helga (1989): Die Vier- und Marschlande, Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Hamburg-Inventar: Bezirk Bergedorf, in dem die Pumpenanlage aus Tiefstack wieder aufgestellt wurdeBrüggmann, J. J. F. (1914): Entwässerung des Billwerder Marschgebietes, Hamburg und seine Bauten, Seite 361–365. Damit verbunden war die Herstellung eines 14 m breiten neuen Hauptentwässerungsgrabens bis an den Bahndamm und der Bau eines Durchlasses unter dem Damm zur Verbindung des Nördlichen und Südlichen Bahngrabens.
Alter Billwerder Bahndamm miniatur|Alter Billwerder Bahndamm (Ostseite) Der knapp 10 ha große und 2.800 m lange Alte Bahndamm in Billwerder ist eine über 120 Jahre alte, anthropogene Landschaftsstruktur, die durch ihre stadtklimatische Lage in der Elbmarsch am Rand des Ballungsraums, durch die spezifischen Substrat- und Reliefeigenschaften und die geringe gegenwärtige Nutzung ein hoch wertvoller Lebensraum für Pflanzen- und Tierarten von Trockenbiotopen geworden ist. Zudem ist er eine historisch interessante Kombination von Hochwasserschutz- und Bahnanlage, deren Gleisanlage bereits vor dem Zweiten Weltkrieg entfernt wurde. Zu großen Teilen wird der Bahndamm von einer ruderalen Grasflur aus Reitgras und anderen Gräsern bedeckt. Vor allem in der Kontaktzone zu den Gehölzen wachsen außerdem Hochstaudenfluren unterschiedlicher Zusammensetzung. Insgesamt wurden 79 verschiedene Gräser und Kräuter in dieser Grasflur gefunden, von denen elf Arten in Hamburg gefährdet sind. Auf dem westlichen Abschnitt des Alten Billwerder Bahndamms wächst kleinflächig der in Hamburg vom Aussterben bedrohte Goldhafer. Unter den gefährdeten Arten innerhalb der ruderalen Grasflur ist außerdem die in Hamburg stark gefährdete Bärenschote hervorzuheben. miniatur|Alter Billwerder Bahndamm (Westseite)