mini|Porträt von Hans Luder, Deckfarbe, Lucas Cranach d. Ä. 1527 (Graphische Sammlung der Albertina)

Hans Luder, auch (Groß-)Hans Luther (* 1459 in Möhra; † 29. Mai 1530 in Mansfeld) war ein deutscher Unternehmer. Er war Hüttenmeister in der Grafschaft Mansfeld, Bergmann, Grubenbesitzer und späterer Ratsherr sowie Vater des Reformators Martin Luther, der die Namensform mit „th“ erst um 1517 annahm. Die Familie führte ihren Nachnamen in unterschiedlichen Varianten: Lüder, Luder, Loder, Ludher, Lotter, Lutter oder Lauther.Familien- bzw. Namen wurden bis in die frühe Neuzeit fast ausschließlich mündlich weitergegeben und bestanden in der Regel nur aus einem Vor bzw. Rufnamen (siehe auch Namensrecht (Deutschland)). Da der Analphabetismus hoch war und viele Menschen nicht lesen und schreiben konnten, entstanden beim Aufschreiben durch Hörfehler, dialektspezifische Schreibweisen, undeutliche Aussprache, Schreib- und Lesefehler des Schreibers für die einzelnen Person unterschiedliche Schreibweisen und Varianten des Namens. siehe Adolf Bach: Deutsche Namenkunde. Bd. 1 Die deutschen Personennamen. Carl Winter, Heidelberg 1977-78, ISBN 978-3-533-00232-1, S. 24f. Damit bezog sie sich auf den seit etwa 1302 in Möhra ansässigen Ritter Wigand von Lüder, der aus dem Adelsgeschlecht von Lüder aus Großenlüder stammte.A. Rübsam: Beziehungen des Adelsgeschlechts von Lüder zum Stift Fulda im Mittelalter. Fulda 1907. Auch dieser Ort wurde abwechselnd Luodera, Lutra, Luttura und Lutar geschrieben.Horst Herrmann: Martin Luther. Ketzer und Reformator, Mönch und Ehemann. München 1999, ISBN 3-572-10044-5, S. 14. Der Familienname Luder kann aber auch auf eine Form des Vornamens Lothar zurückgeführt werden.

Leben Die Lebensverhältnisse der Familie Luder sind vor allem als Hintergrund für die Jugend des ältesten Sohns, Martin Luther, interessant. War die Forschung lange Zeit von Luthers autobiographischen Äußerungen bestimmt, der Vater sei ein armer Bauer, Bergmann, Häuer gewesen, so ergibt sich heute ein differenziertes Bild. Zum allgemeinen politisch-ökonomischen Hintergrund der Familie Luder sind folgende Fakten bedeutsam: Seit dem Jahre 1460 stritten die Kurfürsten von Sachsen, etwa Kurfürst Ernst von Sachsen, und die Mansfelder Grafen um die Berghoheit, die Abbaurechte im Mansfeldischen. Um 1511 gründete Graf Albrecht VII. von Mansfeld-Hinterort (1480–1560), einer der Söhne des Grafen Ernst I. von Mansfeld-Hinterort (1475–1485/1586), die Eislebener Neustadtsiehe auch Rathaus der Neustadt (Eisleben). als Bergarbeitersiedlung, sie wurde im Auftrag des Grafen von Albrecht mit einer Kirche und einem Kloster ausgestattet.

Elternhaus und Geschwister Hans Luder entstammte der bäuerlichen Oberschicht in Möhra. Seine Eltern waren Heine Luder (um 1430 – um 1510) und Margarete, geborene Ziegeler (um 1434 – 1521). Durch diese Ehe hatten sich zwei der wohlhabendsten Bauernfamilien des Orts verbunden. Sie hatten mindestens drei Söhne, wobei die Angaben zu den Geburtsjahren differieren: (Groß-)Hans Veit (* um 1460) (Klein-)Heinz Luder (1459–1530).bzw. Geburtsdaten (Klein-)Heinz Luder (1458–1527). Die Familie Luder war in Möhra Jahrzehnte auf einem Erbbauernhof ansässig. (Klein-)Heinz hatte als jüngster Sohn die Anwartschaft auf den elterlichen Hof. Für das Jahr 1531 lassen sich die Einwohner des Orts anhand ihres Steueraufkommens wie folgt einordnen: 11 % gut situierte Bauern, 18 % mittlere Bauern, 71 % Kleinbauern. (Klein-)Heinz Luder wurde mit einem Steueranschlag von 203 Schock Groschen veranschlagt. Er gehörte damit zu den sieben reichsten Bauern in Möhra. Der Familienverband der Luders in Möhra insgesamt stand in der dörflichen Hierarchie an dritter Stelle hinter den Barchfeldt und Ziegeler (der Familie von Hans Luders Mutter).Michael Fessner: Die Familie Luder in Möhra und Mansfeld. Archivalische Überlieferungen zum Elternhaus von Martin Luther. S. 78–79, Auszug, abgerufen am 3. Dezember 2017 (PDF).

(Groß-)Hans Luder war nach den Gesetzen der Region, obgleich der älteste Sohn der Luders, nicht erbberechtigt. Es war aber nicht so, wie von der älteren Forschung angenommen, dass er aus Möhra weggezogen wäre, um nicht als Knecht seines Bruders zu arbeiten. Die Luders in Möhra betrieben nach archivalischen Quellen einen Kupferhammer bei Ettenhausen, und montanarchäologisch ist der Abbau von Kupferschiefererzen im Raum Gumpelstadt nachgewiesen. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum sich Hans Luder der Montanindustrie zuwandte und in Kupfersuhl wohl regelrecht zum Bergmann ausgebildet wurde. So sammelte er seine ersten Arbeitserfahrungen im örtlichen Bergbau.Heinrich Boehmer: Der junge Luther. 2. Aufl., Flamberg Verlag, Gotha 1929, S. 22. Demnach arbeitete er als Bergmann wahrscheinlich zunächst in Kupfersuhl in der Nähe von Möhra.

Heirat mit Margarethe Lindemann (um 1479) Nun hatte das im Raum Möhra produzierte Kupfer eine minderwertige Qualität und war seit den 1460er-Jahren kaum noch konkurrenzfähig. Professionelle Bergleute wie Hans Luder waren hingegen gesucht. Der Wechsel in ein anderes Revier war die naheliegende Konsequenz, wie überhaupt die berufliche Mobilität kennzeichnend für Berg- und Hüttenleute war. Wie Sohn Martin sich erinnerte, zog sein Vater zunächst nach Eisenach, wo im Zeitraum 1466–1482 bergbauliche Aktivitäten in den Quellen nachweisbar sind, die über Prospektionen allerdings nicht hinauskamen.

Hans Luder heiratete um 1479 die gleichaltrige Margarethe Lindemann (* 1459 wohl in Eisenach; † 30. Juni 1531 in Eisleben). Margarethe, in der Familie auch Hanna genannt, entstammte dem in Eisenach ansässigen Bürgergeschlecht der Lindemann. Die Lindemanns stammten aus dem gehobenen Handwerker- oder Kaufmannsstand; Margarethes Brüder hatten ein Jurastudium abgeschlossen, eine Voraussetzung für weiteren sozialen Aufstieg. Ein anderer Zweig der Familie Lindemann war im Bergwerks- und Hüttenwesen engagiert: Der Onkel von Margarethe, Antonius Lindemann, war zu jener Zeit der oberste Bergverwalter (Berggraf) in der Grafschaft Mansfeld. Beide Komponenten erklären die Eheschließung des aus der dörflichen Oberschicht stammenden Hans Luder mit einer Frau aus städtischem Bürgertum.

Die Eisenacher Verwandtschaft mütterlicherseits war für den jungen Martin Luther wichtig, so äußerte er sich in einem Brief aus dem Jahr 1520: „In Eisenach wohnt nahezu meine ganze Familie, die können für mich zeugen …“ mini|Bildnis des Hans und der Margaretha Luther, geb. Lindemann, 1527

Umzug nach Eisleben (1483) Im Sommer 1483 entschied sich Hans Luder, mit seiner Ehefrau Margarethe in die Grafschaft Mansfeld umzuziehen. Er kam nicht als einfacher Bergarbeiter („Dinghauer“) in die Mansfelder Grafschaft, vielmehr hatte er bereits an seinen früheren Wohnorten Erfahrungen in der Gewinnung sowie Verhüttung von Kupferschiefer gesammelt und besaß ferner genügend Eigenkapital, um die jährlichen Pachtsummen für ein „Feuer“, also für die Unterhaltung einer Hütte, bezahlen zu können. Im Gegensatz zur älteren Forschung ist nicht anzunehmen, dass er diese Summe von einem Hauerlohn zusammensparte (dieser reichte nur für die Grundlebenshaltung einer Familie); dass er „aufgrund seines familiären und verwandtschaftlichen Hintergrundes bereits über das notwendige Betriebs- bzw. Startkapital verfügte“, ist zwingend vorauszusetzen.

Die erste Station war Eisleben. Seit dem Jahre 1460 stritten die Kurfürsten von Sachsen, etwa Kurfürst Ernst von Sachsen und die Mansfelder Grafen um die Berghoheit, d. h. die Abbaurechte im Mansfeldischen. Um 1511 gründete Graf Albrecht VII. von Mansfeld-Hinterort (1480–1560), einer der Söhne Grafen Ernst I. von Mansfeld-Hinterort (1475–1485/1586), die Eislebener Neustadt als Bergarbeitersiedlung, sie wurde im Auftrag des Grafen von Albrecht mit einer Kirche und einem Kloster ausgestattet. In Eisleben mietete Hans Luder ein schlichtes Fachwerkhaus etwas abseits des Marktplatzes. Dort kam am 10. November 1483 ihr Sohn Martin zur Welt.

Wie viele Kinder das Ehepaar hatte, ist nicht sicher, insgesamt waren es wohl neun Kinder, von denen die Söhne Martin und Jakob sowie drei Töchter das Erwachsenenalter erreichten.

Umzug nach Mansfeld (1484) Da Hans Luder in Eisleben nicht recht vorankam, zog die Familie im Frühsommer 1484 weiter nach Mansfeld, das in dieser Zeit als eine Hochburg der Kupfergewinnung galt. Die Residenzstadt der Grafen von Mansfeld blieb bis zum Lebensende Hans Luders dessen Wohnsitz. Der Grund für den Wohnortwechsel lag darin, dass Hans Luder – er war zunächst in der Kupferproduktion um Möhra und Eisleben in Thüringen tätig – die silberhaltigen Kupferschiefervorkommen im Mansfeldischen, die bessere Gewinne boten, den unrentabel gewordenen Hütten vorzog. Schon im Frühjahr 1484 pachtete Hans Luder eine Schmelzhütte mit den Schmelzöfen, die sogenannten Herrenfeuer, von dem Grafen Ernst II. von Mansfeld-Vorderort (1479–1531) und etablierte sich in kurzer Zeit im Kupferschieferbergbau. Im Jahr 1491 wurde er Mitglied des Stadtrates, ein sogenannter Vierherr. Wegen seines guten Startkapitals und einer Vernetzung, über die der Onkel verfügte, stieg Hans Luder bald als Hüttenmeister und Kaufmann sowie Ratsherr zu den Honoratioren der Stadt auf. Er betrieb in Mansfeld eine Schmelzhütte für die Verarbeitung von Erzen aus dem Harzbergbau. Sein Geschäftspartner war Hans Lüttich († 1507), der zu den wichtigsten Eisleber Hüttenmeisterfamilien gehörte und das Amt des Stadtvogts ausübte. In einem Vertrag vom August 1507 zwischen Tile Rinck, der die unmündigen Kinder des Hans Lüttich vertrat, und Hans Luder wurde vereinbart, dass die Geschäftsbeziehungen trotz des Todes Lüttichs aufrechterhalten und beide Vertragspartner am Gewinn der Schmelzhütte vor dem Rabenkupp beteiligt werden sollten. Zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses gehörte Hans Luder bereits zu der bürgerlichen Schicht der Hüttenmeister und war in die Mittel- bzw. Oberschicht der Stadt Mansfeld aufgestiegen.Händel durch die verordneten Rethe meiner gnädigen Herrn verhandelt und ausgerichtet anno 1507 angefangen. Digitales Archiv des Landesarchivs Thüringen

Hüttenbetrieb (ab 1484) In den frühen Dezennien des 15. Jahrhunderts entwickelte sich das Seigerhüttenverfahren, mit welchem es gelang, insbesondere die häufig gemeinsam auftretenden Kupfer-Silber-Erze (siehe Kupferschiefer, Kupferbergbau), aufzutrennen. Das „Mansfelder Erz“ ist ein polymetallisches Erz, aus dem letztlich bis zu einundzwanzig Metalle gewonnen werden konnten. Das Saigerhüttenverfahren, das mit seiner Entwicklung eine Silberscheidung aus Kupfererzen ermöglichte, gehörte neben der Erzeugung von flüssigem, d. h. gießbarem, Eisen zu denjenigen metallurgischen Verfahren, die den Beginn der Neuzeit kennzeichnen und die eine lang andauernde technologische Stagnationsphase beendeten. mini|Darstellung des Bergbaus von Georgius Agricolas aus De re metallica (1556) Diese neuartige Hüttentechnik brachte eine größere Anzahl von externen Investoren in das sich nunmehr komplexer gestaltende ökonomische Beziehungsgeflecht ein. Die Folge waren ein Aufheben der sonst zeitlich nicht eindeutig begrenzten Pachtverträge zugunsten kürzerer Laufzeiten. Hieraus entstand eine Zweiklassenordnung der Hüttenbesitzer mit einer kleinen, wohlhabenden Elite und einem tief verschuldeten Rest an Hüttenpächtern.