Lancelot, Ritter der Königin (Originaltitel Lancelot du Lac) ist ein französischer Ritter- und Historienfilm. Der Mittelalterfilm wurde 1973 gedreht und ist der zweite (und letzte) Kostümfilm des Regisseurs Robert Bresson nach Der Prozeß der Jeanne d’Arc von 1961. Er gilt neben Die Nibelungen, La Passion de Jeanne d’Arc, Rashomon, Det sjunde inseglet und Andrej Rubljow als ein Meisterwerk des Autorenfilms mit einer im Mittelalter spielenden Handlung.Vgl. Christian Kiening: Mittelalter im Film. In: Christian Kiening, Heinrich Adolf (Hrsg.): Mittelalter im Film (= Trends in Medieval Philology. Band 6). De Gruyter, Berlin 2006, ISBN 978-3-11-018315-3, S. 3–101, hier 5. – Den Begriff ‚Meisterwerk‘ gebraucht auch: Ha. M. [Hans Messias]: Lancelot, Ritter der Königin. In: Thomas Koebner (Hrsg.): Filmklassiker. Beschreibungen und Kommentare. Band 3: 1965–1981. Reclam, Stuttgart 1995, ISBN 3-15-009418-6, S. 337–342, hier 341.
Handlung Knapp 30 Ritter der Tafelrunde kehren erfolglos zurück von der Suche nach dem Heiligen Gral. In zahlreichen Kämpfen sind von den einst Ausgezogenen über zwei Drittel umgekommen. Gemetzel und Plünderungen zeigen, dass die verzweifelten Überlebenden nicht mehr nach den ritterlichen Tugenden „êre, triuwe, milte, staete, mâze, zuht und minne“ („Ansehen, Treue, Freigebigkeit, Beständigkeit, Ebenmaß und Ausgeglichenheit, innere und äußere Wohlerzogenheit, Liebesdienst“)Ha. M. [Hans Messias]: Lancelot, Ritter der Königin. In: Thomas Koebner (Hrsg.): Filmklassiker. Beschreibungen und Kommentare. Band 3: 1965–1981. Reclam, Stuttgart 1995, ISBN 3-15-009418-6, S. 337–342, hier 337. leben. König Artus fordert seine (gegeneinander intrigierenden) Ritter auf zu innerer Einkehr, Meditation, Buße und Inaktivität – gegen den Rat seines Neffen Gawein. Dieser sieht das Heil im Wagemut, im Kampf.
Artus bleibt jedoch bei seinem Entschluss, schließt den Saal der Tafelrunde und hofft, Gott möge ihm und seinen Rittern ein Zeichen geben. „Dieses Zeichen bleibt aus, und die Rituale der Ritter, die religiösen und höfischen Zeremonien […] erscheinen immer leerer und grotesker.“Georg Seeßlen: Filmwissen: Abenteuer. Grundlagen des populären Films. Schüren, Marburg 2011, ISBN 978-3-89472-704-8, S. 48. Denn „[a]ngesichts der alltäglichen Präsenz des Todes ist eine Entfremdung eingetreten, welche die Jahrhunderte lang gültige Tradition der bei Festgelagen und Siegesfeiern besungenen Sagen, Mythen und Märchen der Alten desavouiert hat.“Josef Nagel: Lancelot, Ritter der Königin. In: Andreas Friedrich (Hrsg.): Filmgenres. Fantasy- und Märchenfilm. Reclam, Stuttgart 2003, ISBN 3-15-018403-7, S. 88–91, hier 89 f.
Es haben sich zwei Lager gebildet. Die um Mordred Gescharten wollen den schwachen König stürzen, die anderen vertrauen auf den „strahlende[n]“Dieter Krusche unter Mitarbeit von Jürgen Labenski: Reclams Film-Führer. 5., neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Reclam, Stuttgart 1982 [1. Auflage 1973], ISBN 3-15-010205-7, S. 299 f., hier 300. Lancelot, darunter Gawein.
Doch Lancelot leidet innerlich an einem Loyalitätskonflikt, da einerseits er und die Königin Ginover einander lieben – weit über das im Minnedienst Erlaubte hinaus – und er andererseits dem König treu ergeben dienen will. Er ist entschlossen, das „ehebrecherische[] Verhältnis […], das er für den Misserfolg und die Gottesferne der Ritter verantwortlich macht, zu beenden“, doch sie gibt ihn nicht frei. Mordred wird Zeuge eines der „scheuen Tête-à-tête[s]“Ha. M. [Hans Messias]: Lancelot, Ritter der Königin. In: Thomas Koebner (Hrsg.): Filmklassiker. Beschreibungen und Kommentare. Band 3: 1965–1981. Reclam, Stuttgart 1995, ISBN 3-15-009418-6, S. 337–342, hier 338. mit der Königin. Als die Ritter zu einem Turnier aufbrechen und Lancelot nicht mitreiten will, nutzt Mordred sein Wissen, um das Gerücht auszustreuen, Lancelot bleibe zurück in Camelot, um sich mit der Königin zu treffen.
Inkognito nimmt Lancelot an dem Turnier teil. Als Einziger erkennt ihn Gawein an seiner Kampfweise. Lancelot siegt, wird aber lebensgefährlich verwundet und verbringt die Zeit der Genesung bei einer alten Bäuerin.
Während seiner Abwesenheit verrät Mordred die verbotene Liebe und Ginover wird in gewissermaßen respektvolle Gefangenschaft gesetzt. Lancelot kehrt zurück, tötet die Wächter, entführt Ginover und zieht sich mit einem guten Dutzend seiner Freunde auf ein Schloss zurück. Bei einem nächtlichen Ausfall vergießt er – ohne ihn zu erkennen – das Blut seines Freundes Gawein. Dieser befand sich nur aus Solidarität mit seinem Onkel auf der Seite der Belagerer; doch noch im Tode schlägt sein Herz für Lancelot.
Lancelot und seine Getreuen sind zum Äußersten entschlossen, aber die Königin will weiteres Blutvergießen vermeiden. So entsagen die Liebenden einander und Lancelot bringt Ginover zum Zelt des Königs und will das Land verlassen.
Da kommt die Nachricht, Mordred habe sich gegen den König erhoben. Sofort stellt sich Lancelot auf die Seite des Königs, um gemeinsam mit seinen Gefolgsleuten gegen Mordred und dessen Söldner in die Schlacht zu ziehen. Doch dem „Fußvolk, das im Wald nach Guerilla- und Heckenschützentaktik […] nahezu unsichtbar mobil agiert, gehört die Zukunft“:Josef Nagel: Lancelot, Ritter der Königin. In: Andreas Friedrich (Hrsg.): Filmgenres. Fantasy- und Märchenfilm. Reclam, Stuttgart 2003, ISBN 3-15-018403-7, S. 88–91, hier 90. Die Ritter, die in ihre schweren Rüstungen „wie eingekerkert“ sind, unterliegen der moderneren Kampftechnik von Mordreds Landsknechten, „beweglichen Bogenschützen“.
„Eine der letzten Einstellungen des Films zeigt einen scheinbar friedlichen, menschenleeren Wald. Plötzlich bricht aus dem Gestrüpp ein reiterloses Pferd hervor und galoppiert an der Kamera vorbei. Der Zuschauer ahnt bereits, was kommen wird. Als sich die reiterlosen Pferde mehren, wird die Ahnung zur Gewißheit. Überall im Wald findet die Kamera verblutende Ritter, die Bäume sind mit Heckenschützen besetzt. Lancelots Pferd wird getroffen, er selbst wankt auf eine Lichtung zu; mit dem Namen seiner Geliebten auf den Lippen stirbt er.“Ha. M. [Hans Messias]: Lancelot, Ritter der Königin. In: Thomas Koebner (Hrsg.): Filmklassiker. Beschreibungen und Kommentare. Band 3: 1965–1981. Reclam, Stuttgart 1995, ISBN 3-15-009418-6, S. 337–342, hier 340. „Währen[dessen] […] kreisen krächzende Raben über den Leichnamen“,Josef Nagel: Lancelot, Ritter der Königin. In: Andreas Friedrich (Hrsg.): Filmgenres. Fantasy- und Märchenfilm. Reclam, Stuttgart 2003, ISBN 3-15-018403-7, S. 88–91, hier 89. einem „Blechhaufen auf dem Schlachtfeld der Geschichte“.Den Begriff ‚Blechhaufen‘ gebraucht auch Christian Kiening in seiner Einleitung Mittelalter im Film zu: Christian Kiening, Heinrich Adolf (Hrsg.): Mittelalter im Film (= Trends in Medieval Philology. Band 6). De Gruyter, Berlin 2006, ISBN 978-3-11-018315-3, S. 3–101, hier 64, und in seiner Filmographie zum Mittelalterfilm (im selben Band, S. 372–445, hier 411). Von einem „Müllhaufen der Geschichte“ ist die Rede in: Dieter Krusche unter Mitarbeit von Jürgen Labenski: Reclams Film-Führer. 5., neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Reclam, Stuttgart 1982 [1. Auflage 1973], ISBN 3-15-010205-7, S. 299 f., hier 300.
Produktionsnotizen Der Regisseur plante einen Film über die Ritter der Tafelrunde seit über 20 Jahren.Vgl. Georg Seeßlen: Filmwissen: Abenteuer. Grundlagen des populären Films. Schüren, Marburg 2011, ISBN 978-3-89472-704-8, S. 47. Das Werk war ihm eine „Herzensangelegenheit“. In einem frühen Stadium der Vorbereitungen erwog er eine englischsprachige Verfilmung mit Schauspielern wie Natalie Wood und Burt Lancaster,Vgl. Christian Kiening: Mittelalter im Film. In: Christian Kiening, Heinrich Adolf (Hrsg.): Mittelalter im Film (= Trends in Medieval Philology. Band 6). De Gruyter, Berlin 2006, ISBN 978-3-11-018315-3, S. 3–101, hier 62. aber als er seinen „Traum“Jonathan Rosenbaum. In: Sight & Sound, Sommer 1974. Zitiert nach der Übersetzung eines Abschnitts in: Georg Seeßlen: Filmwissen: Abenteuer. Grundlagen des populären Films. Schüren, Marburg 2011, ISBN 978-3-89472-704-8, S. 47. ― Online verfügbar bei: jonathanrosenbaum.net (englisch; abgerufen am 28. Dezember 2025). während der fast viermonatigen Dreharbeiten in der Vendée und auf der Île de Noirmoutier im Sommer und Herbst 1973 verwirklichen konnte, arbeitete er wie in den vorangegangenen Filmen mit Laiendarstellern.Vgl. Ha. M. [Hans Messias]: Lancelot, Ritter der Königin. In: Thomas Koebner (Hrsg.): Filmklassiker. Beschreibungen und Kommentare. Band 3: 1965–1981. Reclam, Stuttgart 1995, ISBN 3-15-009418-6, S. 337–342, hier 339. Sie „[dienen] dem Regisseur, der das verfilmte Theater ablehnt, als ‚Modelle‘, als zeitlose Charaktere“.Josef Nagel: Lancelot, Ritter der Königin. In: Andreas Friedrich (Hrsg.): Filmgenres. Fantasy- und Märchenfilm. Reclam, Stuttgart 2003, ISBN 3-15-018403-7, S. 88–91, hier 91. Wohl nur zwei Absichten konnte er nicht durchsetzen: Auf Wunsch der Produzenten bekam der Film nicht, wie im Drehbuch vorgesehen, den Titel Le Graal und es konnte keine englischsprachige Fassung gedreht werden.
Die Filmbauten entwarf Bressons ständiger Mitarbeiter Pierre Charbonnier, dessen letzte Filmarchitektur dies werden sollte.
Aufführungsgeschichte Als der Film 1974 auf dem Filmfestival von Cannes gezeigt werden sollte, sorgte er für ein Politikum: Die Auswahlkommission befand ihn nicht als wettbewerbswürdig. Nur weil die Produzenten beharrlich blieben und Anfragen an das französische Kultusministerium richteten, wurde eine Sondervorführung möglich.Vgl. Ha. M. [Hans Messias]: Lancelot, Ritter der Königin. In: Thomas Koebner (Hrsg.): Filmklassiker. Beschreibungen und Kommentare. Band 3: 1965–1981. Reclam, Stuttgart 1995, ISBN 3-15-009418-6, S. 337–342, hier 341. Neben dem Wettbewerbsfilm Angst essen Seele auf von Rainer Werner Fassbinder wurde in Cannes auch Bressons Lancelot-Film ein Preis der Internationalen Filmkritik (FIPRESCI-Preis) zugesprochen.FIPRESCI: 27th Cannes Film Festival – Awarded films (abgerufen am 11. April 2023).
In Deutschland kam der Film erst einmal nicht in die Kinos; die deutsche Erstaufführung fand am 4. Mai 1975 im Fernsehen statt, als die ARD den Film ausstrahlte.
Filmanalyse Während andere Ritterfilme der 1970er Jahre wie Die Ritter der Kokosnuß das Genre entmystifizieren durch Mittel des Absurden und der Parodie, erreicht dies Lancelot, Ritter der Königin durch Reduktion: Bressons Adaption des Stoffs verzichtet auf alle fantastischen Elemente der Artus-Sage wie etwa das magische Schwert; sowohl der weise Zauberer Merlin als auch der idealistische Erlöser Parzival werden nur im Prolog, einem langen Zwischentitel über einem Kelch, erwähnt.Vgl. Andreas Rauscher: Ivanhoe. In: Fabienne Liptay, Matthias Bauer: (Hrsg.): Filmgenres. Historien- und Kostümfilm. Reclam, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-15-019064-7, S. 112–122, hier 118.
Die verwendete Filmsprache ist ungewöhnlich, denn es überwiegt die „formalisierte Bildmontage“ von „Groß- und Detailaufnahmen“. Nur in der Schlusssequenz wird die Totale verwendet. Ton und Bild sind meist unabhängig voneinander eingesetzt: „[Der Film] geizt regelrecht mit den sprachlichen Zeichen, die ihm zur Verfügung stehen; nur selten sieht der Zuschauer all das, was er hört, und selten hört er auch alles, was er sieht“.Peter W. Jansen, zitiert nach: Dieter Krusche unter Mitarbeit von Jürgen Labenski: Reclams Film-Führer. 5., neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Reclam, Stuttgart 1982 [1. Auflage 1973], ISBN 3-15-010205-7, S. 299 f., hier 300.
Synchronisation