400x400px|mini|alt=Weltkarte. Länder sind in Grün- bzw. Rottönen eingefärbt. Grün: Mehr Menschen migrieren in das Land, als es verlassen. Rot: Mindestens genauso viele verlassen das Land, wie in das Land migrieren. Hervorzuheben sind das dunkelrote Syrien und Venezuela, aus denen viele Menschen emigrieren.|Jährliche Nettomigrationsrate 2015–2020. Prognose der Vereinten Nationen, 2019. Als Migration wird eine auf Dauer angelegte räumliche Veränderung des Lebensmittelpunktes einer oder mehrerer Personen verstanden. Migration über Landesgrenzen hinweg wird als internationale Migration bezeichnet. Migration innerhalb einer Region oder eines Staates wird Binnenmigration genannt. Als Gegenstand von Forschung und praktischer Begleitung ist Migration in einer Reihe wissenschaftlicher Fachrichtungen vertreten, darunter den Gesellschaftswissenschaften, den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Daraus ergibt sich eine Vielzahl von Sichtweisen und begrifflichen Unterscheidungen, sodass der Fachliteratur eine einheitliche Definition nicht zu entnehmen ist.

Begriffsbestimmung Eine einheitliche Begriffsbestimmung besteht nicht. Meist wird unter Migration eine räumliche Verlegung des Lebensmittelpunktes einzelner Personen verstanden.so die Begriffsbestimmung des Bundesinnenministeriums https://www.bmi.bund.de/DE/service/lexikon/functions/bmi-lexikon.html?cms_lv2=9391116 Diese geschieht für eine gewisse Dauer und grenzt Migration von einer Reise ab. Über die notwendige Aufenthaltsdauer besteht keine Einigkeit. Ist sie auf Dauer oder auf einen sehr langen Zeitraum angelegt, spricht man häufig auch von Auswanderung. Meist wird eine bei Migrationsbeginn bereits bestehende Rückkehrabsicht, wie bei der Gesellenwanderung, der saisonalen Migration oder einer beruflichen Entsendung für einen von vornherein begrenzten Zeitraum nicht als Migration bezeichnet.Jochen Oltmer: Migration. Geschichte und Zukunft der Gegenwart. 2. Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2020, S. 30 f. Herkömmlich wird nach den Beweggründen unterschieden. Migration kann demnach freiwillig sein, während die Flucht erzwungen ist.https://www.bmi.bund.de/DE/service/lexikon/functions/bmi-lexikon.html?cms_lv2=9391116 Die Unterscheidung ist jedoch schwierig, da unter Zwang nicht nur unmittelbarer körperlicher Zwang wie bei einer Vertreibung verstanden wird, sondern auch politische Verfolgung oder Krieg. Das soll Flucht von Migration aus wirtschaftlichen oder persönlichen Gründen abgrenzen. Andere sehen Migration als Oberbegriff für jede Art von Wanderungsbewegung, die erzwungene Flucht eingeschlossen.https://www.br.de/extra/respekt/migration-zuwanderung-flucht-102.html. Carling, J. (2015) Refugees are Also Migrants. And All Migrants Matter. Verfügbar unter: http://bordercriminologies.law.ox.ac.uk/refugees-are-also-migrants/ (abgerufen am 4. März 2025). Wird die Migration von Staaten veranlasst, spricht man auch von Umsiedlern.

Aus der Sicht des Ortes, wohin der Migrant seinen Lebensmittelpunkt verlegt, stellt die Migration eine Einwanderung (Immigration) dar. Begrifflich sind die Integration, Assimilation oder Diaspora der Migration nachgelagerte Erscheinungen. Sie werden aber häufig als Teil der Migrationsforschung gesehen.Archiv für Sozialgeschichte 58, 2018 305 Maren Möhring, Jenseits des Integrationsparadigmas? Aktuelle Konzepte und Ansätze in der Migrationsforschung

All diesen Ansätzen liegt eine Aufteilung der räumlichen Bewegung in Anfang und Ende, Herkunft- und Zielland zugrunde. Da sich Migrationsverläufe jedoch häufig auch über zahlreiche Stationen erstrecken können, die sich mitunter über mehrere Jahre hinziehen, wird zunehmend auch von Migrationsrouten oder Migrationstrajektorien gesprochen.

Keine Migration in diesem Sinne ist mangels Verlegung des Lebensmittelpunktes die Innere Emigration.

Ursachen Migration ist ein die Menschheitsgeschichte durchziehendes, erdumspannendes Geschehen. Im Grunde ist die Frage nach den Ursachen eine Technik, um 'normale' und 'legitime' Bewegungen über nationalstaatliche Grenzen hinweg (Tourismus, Studien- oder Arbeitsaufenthalt) von jenen Bewegungen zu unterscheiden, die problematisiert werden sollen. Die Bewegung von Menschen, innerhalb staatlicher Grenzen und jenseits davon, und eine mehr oder minder diffuse Aufrechterhaltung eines Rückkehrgedankens (sei es für Besuche oder zu einem späteren, besseren Zeitpunkt) ist jedoch immanenter Bestandteil menschlichen (Zusammen)lebens. Verbreitete und historisch wiederkehrende Motive für den dauerhaften Ortswechsel sind die Aussicht auf bessere Siedlungs- und Erwerbsmöglichkeiten, auf Zufluchtsorte bei Naturkatastrophen oder das Ausweichen vor Verschlechterungen des Klimas, sind die Suche nach Sicherheit für Leib und Leben nach Flucht oder Vertreibung als Folge von Kriegen sowie der Schutz vor Diskriminierung und persönlicher Verfolgung aus rassischen, religiösen bzw. weltanschaulichen Gründen oder auch aufgrund erlebter anderer Einschränkungen der persönlichen Freiheit im Herkunftsmilieu. Weitere Beweggründe ergeben sich beispielsweise aus Altersmigration, Bildungsmigration, Heiratsmigration und Remigration. Der Migrationsforscher Jochen Oltmer unterscheidet u. a. Arbeitswanderung, Bildungs- und Ausbildungswanderung, Dienstmädchenwanderung, Entsendung, Gesellenwanderung, Gewaltmigration, Heirats- und Liebeswanderung, Lebensstil-Migration, Nomadismus, Siedlungswanderung und Sklavenhandel.Jochen Oltmer: Migration. Geschichte und Zukunft der Gegenwart. 2. Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2020, S. 30 f.

Formen Unterschieden wird z. B. zwischen der Migration zwischen zwei Staaten und der Binnenmigration innerhalb eines Staates. Der Begriff der Binnenmigration ist – für sich genommen – grundsätzlich unscharf, da nicht klar ist, was unter „binnen“ zu verstehen ist. Daher bedarf er bei seiner Verwendung immer einer näheren Definition: ist die Migration innerhalb eines Landes (z. B. Bayern, Texas), eines Staates (z. B. Deutschland, USA), einer Region (z. B. Metropolregion Nürnberg, Dairy Belt), eines Staatenbundes (z. B. Afrikanische Union) oder eines Staatenverbundes (z. B. EU) gemeint?

Weiterhin wird zwischen der Primärmigration, der erstmaligen Auswanderung, und der Sekundärmigration, also einer folgenden Auswanderung, unterschieden. In der internationalen Flüchtlingsforschung sowie dem internationalen Flüchtlingsrecht wird mitunter der Terminus Migration vom Terminus Flucht abgegrenzt. Nach dieser Definition ist ein Flüchtling, wer gezwungen ist, seinen Wohnort zu verlassen, Migrant ist, wer dies freiwillig tut.Dossier Migration. Bundeszentrale für politische Bildung

Entwicklungstendenz Bedingt durch die Weltkriege des 20. Jahrhunderts, regionale Instabilität, Globalisierung, Digitale Revolution und Erderwärmung nimmt das Migrationsgeschehen an Komplexität zu. Es stellt Gesellschaften und politische Akteure weltweit in Fragen der Zuzugssteuerung und der Integration von Einwanderern vor neue Herausforderungen.

Markante historische Wanderungsbewegungen Vor etwa 40.000 Jahren erschloss sich der Homo sapiens die gemäßigten Zonen Eurasiens; vor 12.000 Jahren war er in allen Großräumen der Kontinente präsent.Oltmer 2017, S. 9. Die Entstehung der Sahara löste zwischen 3000 und 1000 v. Chr. eine Wanderung von Bantu aus West- bis ins südliche Afrika aus. Im Zeitraum zwischen 200 und 1500 breiteten sich die Chinesen von ihren Ursprungsgebieten in alle Richtungen aus, besonders nach Südasien. Um 500 migrierten arabische Stämme in großer Zahl über weite Strecken und erreichten u. a. Ostafrika.Düvell 2006, S. 33. Die oft aus Diskriminierung, Unterdrückung und Verfolgung hervorgegangene jüdische Migration zeigte sich unter anderem beim Auszug aus Ägypten 1250 v. Chr., im Diaspora-Judentum, hervorgerufen durch Fremdherrschaft und den Ausgang des Jüdischen Krieges, sowie in der durch die Zeit des Nationalsozialismus und den Holocaust vorangetriebenen Remigration nach Palästina.

mini|Die herkömmliche Rekonstruktion der sogenannten Völkerwanderungen des zweiten bis fünften Jahrhunderts

Zu den frühen Wanderungsbewegungen im europäischen Raum gehören die griechische Kolonisation am Mittelmeer im 1. Jahrtausend v. Chr. und die Völkerwanderung am Übergang zwischen Spätantike und Frühmittelalter. Mit dem 16. Jahrhundert begann die europäische Expansion, in deren Folge sich Kolonialismus und neuzeitlicher Sklavenhandel entwickelten und die indigene Bevölkerung Amerikas zusammenbrach. Eine massenhafte Auswanderung aus Europa insbesondere nach Amerika und vor allem in die Vereinigten Staaten setzte im 19. Jahrhundert bei fortgesetzt stark anwachsender europäischer Bevölkerung und Binnenwanderung ein.Düvell 2006, S. 34 f.

Der Migrationshistoriker Dirk Hoerder kritisiert die euro- bzw. US-zentrierte Beschreibungen von Migrationsprozessen. Er unterscheidet für das 19. und frühe 20. Jahrhundert fünf große Migrationssysteme: das „weiße“ atlantische System, das Europa mit seinen Kolonien in Nord- und Südamerika verband das schwarzatlantische System, das den atlantischen Sklavenhandel umfasst, das Migrationssystem asiatischer Menschen, die teils freiwillig, teils als Schuldknechte über den Pazifik nach Amerika gebracht wurden, das russisch-sibirische System, das die Besiedlung Sibiriens (z. B. durch russische Wanderarbeiter oder westeuropäische Einwanderer) umfasst, das nordchinesisch-mandschurische System, die Einwanderung von Han-Chinesen und Koreanern in die Mandschurei insbesondere in den 1920er und 1930er Jahren, die auf etwa 30 Millionen Menschen geschätzt wird.Dirk Hoerder: Migrationen und Zugehörigkeiten. In: Emily S. Rosenberg (Hrsg.): C.H. Beck/Harvard UP: Geschichte der Welt, Bd. 5: 1870–1945. Weltmärkte und Weltkriege. C.H. Beck, München 2012, ISBN 978-3-406-64105-3, S. 432–588, hier S. 437 und 530.

mini|Überfüllter Flüchtlingszug, Punjab, Indien 1947

Aus den weltweiten kriegerischen oder kriegsähnlichen Konflikten des 20. Jahrhunderts gingen nach Annette Treibel-Illian verstärkt Zwangsmigrationen in Form von Deportationen und Vertreibungen hervor, zum Beispiel als Folge der Russischen Revolution, der Kleinasiatischen Katastrophe, dem Stalinismus der Sowjetunion, der Deportationen von Juden und Zwangsarbeitern sowie der Vertreibung von Polen und ethnischen Minderheiten durch das Dritte Reich oder bei der Westverschiebung Polens nach dem Zweiten Weltkrieg oder der Teilung Indiens. Zu Ende des 20. Jahrhunderts – nach dem Ende des Ost-West-Konflikts scheint das weltweite Wanderungsgeschehen an Komplexität zuzunehmen. Die klassischen Migrationsformen Einwanderung, Gastarbeit und Flucht treten weniger in Reinform als in Varianten auf.Treibel 2011, S. 235.

Unterscheidung spezifischer Migrationsweisen und -beteiligungen Migrierende Menschen sind mobiler als andere, stellt Annette Treibel fest, und will das nicht allein räumlich, sondern auch psychisch und sozial verstanden wissen: „Sie lenken ihre Unzufriedenheit mit den Lebensbedingungen in den Wanderungsentschluss um.“Treibel 2011, S. 231. Bewegen sich Wanderungen innerhalb eines Landes, so handelt es sich um eine Binnenwanderung. Werden Staatsgrenzen überschritten, so geht es sich aus Sicht des Herkunftslandes um Auswanderung (Emigration) und aus Sicht des Aufnahmelandes um Einwanderung (Immigration). Transitstaaten dienen dem temporären Aufenthalt beim Übergang vom Herkunfts- ins Zielland.

mini|Schweizer Familie, die während des Bürgerkrieges aus Russland floh, um 1921 mini|Deutsch-russische Bauernfamilie mit dem Rest ihrer Habe in Kiel, wo sie bis zu ihrer Weiterreise nach Kanada untergebracht und verpflegt werden, November 1929