Das Linsengericht, die erste Buchveröffentlichung des Schweizer Schriftstellers Rudolf Jakob Humm, erschien 1928 in Freiburg im Breisgau. Das Werk, ein Roman mit autobiographischen Zügen, begleitet eine Gruppe von Freunden, Verwandten und Bekannten, die um die Jahreswende 1927/28 zusammen zwei Wochen Skiferien in Adelboden verbringen. Die Analysen eines Empfindsamen, wie das Werk im Untertitel heisst, beschäftigen sich dabei primär mit der Gruppenpsychologie und haben es Humm ermöglicht, zum ersten Mal mit einem grösseren Werk als Autor hervorzutreten. Das Buch ist weitgehend in einem leichten, ironischen Ton gehalten und verhandelt damals aktuelle Fragen wie das Neue Bauen oder die verabsolutierte Rationalität in den Geschlechterbeziehungen. Ausserdem erscheinen zahlreiche bekannte Persönlichkeiten, wenn auch meist unter geändertem Namen. Dies alles macht das Buch zu einem über das Private hinaus interessierenden Werk.
Handlung An Weihnachten 1927 fahren fünf jüngere Leute ins Berner Oberland. Sie fahren auf zwei Wochen, um Skiferien zu verbringen. Im Ortsteil Ausserschwand in Adelboden beziehen sie eine Hütte. Weitere fünf Personen werden in den nächsten Tagen zu den Freunden stossen. Sechs andere Bekannte logieren in einem Chalet, genannt „Im Boden“. Die Hauptgruppe in Ausserschwand besteht aus folgenden Personen: Nr. Name Besonderes 1 HummDer Ich-Erzähler wird im Buch zweimal „Humm“ genannt. Zur Frage, inwiefern es erlaubt ist, diesen Ich-Erzähler mit dem Autor gleichzusetzen, vgl. das Kapitel „Form“. Um die beiden systematisch auseinanderhalten zu können, wird „Humm“ als Name für die Figur im Text gebraucht, während der Autor immer mit dem Vornamen erscheint („Rudolf Jakob Humm“). Ich-Erzähler. Ursprünglich Mathematiker, versucht, als Schriftsteller Fuss zu fassen. Fühlt sich nicht voll akzeptiert in der Gruppe und steckt in einer Auseinandersetzung mit Fredi, von dem er sich nicht ernst genommen fühlt. 2 Lilli Frau von Humm, Schwester von Klärli; schottischer Herkunft, in der Schweiz assimiliert; manchmal bettlägerig, da schwanger. 3 Klärli Schwester von Lilli, verheiratet mit Fredi, Architektin. Schottischer Herkunft, in der Schweiz assimiliert; sonnt sich in der Verehrung anderer Männer, was ihr hilft, nicht als bürgerlich zu erscheinen. 4 Fredi Verheiratet mit Klärli; trotz seiner erst ca. 28 Jahre bereits ein etablierter, erfolgreicher Architekt, Vorkämpfer für die Bewegung des Neuen Bauens. Sieht sich gerne im Zentrum der Gruppe und wer von ihm nicht anerkannt ist, hat es schwer. 5 Lesi, eigentlich Lizzi„Lizzi heisst sie, «Lesi» spricht es sich aus.“ Rudolf Jakob Humm: Das Linsengericht. Analysen eines Empfindsamen, mit einem Nachwort von Eric Streiff, Buchclub Ex Libris, Zürich, 1981, Seite 16. Holländerin, Frau von Baruch. Weckt mit ihrem geheimnisvoll-exotischen Wesen erotische Phantasien 6 Baruch Ehemann von Lesi, Bruder von Simon, Chemiker, polnischer Jude, in der Schweiz assimiliert 7 Simon Bruder von Baruch, verheiratet mit einer Schwester von Lesi, Advokat, polnischer Jude, in der Schweiz assimiliert 8 Ignaz Maler, verheiratet mit einer Schwester von Lesi. Ist etwas älter als die übrigen in der Gruppe, abgeklärter, und strahlt eine gewisse natürliche Autorität aus. Ist von allen geschätzt. 9 Eggi Hat ein Techtelmechtel mit Klärli, jedenfalls so lange ihr Mann, der ein paar Tage später anreist, noch nicht da ist. 10 Werner 21-jährig und bereits ein anerkannter Musikgelehrter, in Berlin mit wichtigen Persönlichkeiten befreundet. Er hat im Alter von 17 Jahren zu Bach publiziert und später ein Buch über den Tanz veröffentlicht. Ausserdem ist er Orientalist und auch in Mathematik beschlagen.
„Im Boden“ wohnen folgende Personen: Nr. Name Besonderes 11 Turgi Kunsthistoriker, verheiratet mit Turandot; Humm bezeichnet ihn einmal als seinen einzigen wahren FreundRudolf Jakob Humm: Das Linsengericht. Analysen eines Empfindsamen, mit einem Nachwort von Eric Streiff, Buchclub Ex Libris, Zürich, 1981, Seite 189. 12 Turandot Verheiratet mit Turgi, verliebt in Mäloni, gerät aus nie geklärten Gründen in einen Streit mit Klärli 13 Köbi Künstler 14 Mäloni Verliebt in Turandot 15 Sigurd Still, feinfühlig; Bruder von Baldur 16 Baldur Überschwenglicher Range, Bruder von Sigurd
Die ersten Tage in Adelboden vergehen friedlich mit Skiwanderungen auf das Hahnenmoos, wo ein Bergrestaurant Gelegenheit zu Erholung und Stärkung bietet, und anschliessenden Abfahrten zurück ins Dorf. Eggi beginnt eine Romanze mit Klärli und Humm widmet sich hauptsächlich Lesi, die wegen ihrer zurückhaltenden Art eine geheimnisvolle Aura umgibt. Die Stimmung kippt nach ein paar Tagen schlagartig, als Fredi anreist, der ein Dominanzgehabe an den Tag legt. Seinen Rivalen Eggi straft er mit Nichtbeachtung und Humm – der immerhin sein Schwager ist – versucht er auszugrenzen. Humm fühlt sich zurückgesetzt und als Mensch nicht voll anerkannt; schon früher hatten Fredi und Klärli versucht, ihn von ihren Freunden, besonders Ignaz und Lesi, fernzuhalten. Humms Kampf um Anerkennung durch Fredi macht einen wesentlichen Teil des Buches aus.
Mit dem Eintreffen Werners, der als letzter ankommt, ergibt sich eine weitere Komplikation, denn der Ausnahmemensch, als der er in Berlin gilt und behandelt wird, kann sich schlecht in die Gruppe der Freunde einfügen und provoziert diese mit seinem demonstrativen Wichtigtun. Er bezeichnet sie geradezu als rückständig, da sie von vielem, was in Berlin den intellektuellen Diskurs bestimmt, nichts wissen wollen. Vollends macht er sich unmöglich, als er die Absicht andeutet, ein Buch über das Skifahren schreiben zu wollen, er, der darin viel weniger Erfahrung hat als alle anderen.
So bestehen in der Gruppe mancherlei Spannungen. Dazu gehört auch die unterschwellige Rivalität zwischen denen in Ausserschwand und jenen „Im Boden“. Aber es gibt auch Erfreuliches und Humorvolles. Zu den eher unterhaltsamen Reminiszenzen gehört die Geschichte von Eggi, der am Silvesterball in einem mondänen Hotel die Damenwelt mit einem wilden Charleston („Solo-Excentric-Charleston“Rudolf Jakob Humm: Das Linsengericht. Analysen eines Empfindsamen, mit einem Nachwort von Eric Streiff, Buchclub Ex Libris, Zürich, 1981, Seite 60.) so erfolgreich in den Bann schlägt, dass er von den dort tonangebenden Engländern, die die Konkurrenz fürchten, kurzerhand und unsanft auf die Strasse befördert wird.
Das als „Nachtrag“ bezeichnete letzte Kapitel des Buches, das in einem Abstand von sechs Monaten zu den ersten elf Kapiteln geschrieben ist, lässt das Werk auf einer melancholischen Note ausklingen. Humm hat sich zwar mit Ignaz angefreundet, zu allen andern ist die Distanz aber eher grösser geworden, Misstrauen hat um sich gegriffen. Immerhin, Klärli erscheint Humm gereifter: Sie ist schwanger und nicht mehr so sehr darauf erpicht, allen Anflug von Bürgerlichkeit zu vermeiden.
Geradezu tragisch ist das Schicksal Werners: Er hat sich das Leben genommen, was für Humm in eine bittere Anklage mündet:
Von Ignaz muss er sich immerhin sagen lassen, es sei „doch ein billiger Ausweg. Das mit Gott? Wir waschen unsere Hände in Unschuld, Schuld ist der Herr? Ein verteufelt bequemer Schluss.“ Ignaz möchte ihn stattdessen verpflichten, den Roman Werners zu schreiben, „Werner von innen zu schildern“. Humm muss ihm recht geben, empfindet es aber als „ungeheuer schwer“.
Form Das Linsengericht trägt keine Gattungsbezeichnung. Wie selbstverständlich wird es meist als Roman bezeichnet, so z. B. auch vom Autor selbst im Abstand von mehr als 40 Jahren.„Der Roman «Das Linsengericht», den ich zwei Jahre später schrieb, war schon ganz real.“ R. J. Humm in seiner Dankesrede zum Literaturpreis der Stadt Zürich, abgedruckt in der Neuen Zürcher Zeitung vom 28. Dezember 1969, Seite 38. Wir hätten es demnach mit einem fiktionalen Text zu tun. Etwaige Ähnlichkeiten von Figuren im Buch mit Personen der übrigen Wirklichkeit wären allenfalls zufällig, jedenfalls für das Verständnis des Textes nicht relevant. Bei der Niederschrift und ganz kurz danach scheint R. J. Humm es noch anders gesehen zu haben. In einem Brief vom Dezember 1928 schreibt er: „Das Buch ist kein Roman, sondern ein Traktat.“Abgedruckt von Eric Streiff in seinem Nachwort zu R. J. Humm, Das Linsengericht. Analysen eines Empfindsamen, Buchclub Ex Libris, Zürich, 1981, Seite 243. Die Ich-Form und die Namensidentität des Ich-Erzählers, der auch der Protagonist ist, mit dem Autor weist in die Richtung der Autobiographie. Der Ich-Erzähler bedient denn auch das Stereotyp jeder Autobiographie, die Beteuerung, nur die Wahrheit zu erzählen – und ironisiert es zugleich: „Ich bilde mich und alle, die in dieser Geschichte vorkommen, genau so ab, wie wir im Leben sind oder wie ich sie im Leben sehe. Auch ändere ich an den Begebenheiten nichts, ich stelle sie nur wieder her.“Rudolf Jakob Humm: Das Linsengericht. Analysen eines Empfindsamen, mit einem Nachwort von Eric Streiff, Buchclub Ex Libris, Zürich, 1981, Seite 8. Tatsächlich beruhen die geschilderten Vorkommnisse auf realen Begebenheiten und stehen hinter den geschilderten Figuren Personen des realen Lebens, wie man dem Nachwort von Eric Streiff – der selber als Teilnehmer in Adelboden mit dabei war – entnehmen kann.Eric Streiff: Nachwort. In: Rudolf Jakob Humm: Das Linsengericht. Analysen eines Empfindsamen, Buchclub Ex Libris, Zürich, 1981, Seiten 225–243 Er möchte das Buch zwar nicht als Schlüsselroman verstanden wissen,Eric Streiff: Nachwort. In: Rudolf Jakob Humm: Das Linsengericht. Analysen eines Empfindsamen, Buchclub Ex Libris, Zürich, 1981, Seite 236. verrät aber doch von einigen Figuren, welche realen Personen sie abbilden. Aufgrund seiner Angaben und weiterer InformationenEast European Jews in Switzerland, edited by Tamar Lewinsky and Sandrine Mayoraz, Berlin/Boston 2013, ISBN 978-3-11-030069-7, Seite 168 (englisch)Neue Zürcher Zeitung vom 22. Februar 1988, Seite 3 (Nachruf Eric Streiff) ergibt sich folgendes Bild: