Die Kurische Nehrung (, ) ist eine zwischen der russischen Oblast Kaliningrad und dem südlichen Litauen vor der Ostsee liegende Nehrung. Sie schließt im Süden ans Festland (Samland) und im Norden an die Mündung der Memel in die Ostsee (Memeler Tief) an. Ihre Gesamtlänge ist 98 km, von denen der 46 km lange südliche Teil zu Russland gehört und bis 1945 ein Teil Deutschlands war. Der 52 km lange nördliche Teil gehörte seit Ende des Ersten Weltkriegs zu Litauen, war von 1939 bis 1945 deutsch annektiert, von 1945 bis 1990 Teil der UdSSR und ist seit 1990 Teil des unabhängigen Litauen.
Geographische Lage Die Kurische Nehrung trennt das Kurische Haff von der Ostsee. Sie hebt sich etwa dreißig Kilometer nördlich von Kaliningrad (Königsberg i. Pr.) allmählich vom Festland ab und erstreckt sich von dort aus etwa hundert Kilometer weit in nordöstlicher Richtung. Die mit 3,8 km breiteste Stelle befindet sich beim Bulvikio ragas (Bullwikscher Haken), vier Kilometer nordöstlich von Nida (deutsch Nidden), dem Grenzort des litauischen Teils. Die schmalste Stelle liegt bei der Siedlung Lesnoi (Sarkau) am südlichen Ende der Nehrung und ist nur 380 m breit.
Territorialgeschichte
Der Name stammt aus der Ordenszeit und bezieht sich auf die seit Beginn des 15. Jahrhunderts hier ansiedelnden Neukuren, oft einfach „Kuren“ genannt, oder weil er auf den Weg nach Kurland und Livland hinweist, ebenso wie die Frische Nehrung (von Königsberg aus betrachtet) „Danziger Nehrung“ genannt wurde. Allerdings siedelten sich auf der Nehrung seit dem 15. Jahrhundert Fischer aus Kurland an, die die ostbaltische, dem Lettischen nahestehende Sprache Nehrungskurisch mitbrachten und auch als „Kuren“ (selten auch „Neukuren“, Eigenbezeichnung Kursenieki) bezeichnet wurden. Die Nehrung war ursprünglich von Nadelwald überzogen. Schon in der Zeit des Deutschen Ordens erfolgten die ersten Rodungen. Erst der Kahlschlag im Nordischen Krieg (1674–1679) und in der russischen Zeit ließ unbewachsene und höhere Dünen entstehen.Robert Albinus: Königsberg Lexikon. Würzburg 2002, ISBN 3-88189-441-1.
Im Mittelalter nisteten auf der Nehrung Edelfalken (Falcones nobiles) in großer Anzahl und wurden dort auch zur Beizjagd abgerichtet und an fremde Herrschaftshäuser versendet.Gustav Neumann: Geographie des Preußischen Staats. 2. Auflage, Band 2, Berlin 1874, S. 13–14, 6. Kreis Fischhausen, insbesondere S. 14 (Google Books).
Riesige Wanderdünen begruben immer wieder Ortschaften. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelang es dem Düneninspektor Wilhelm Franz Epha, die Dünen zu bepflanzen und zu stabilisieren. Die Parnidis-Düne bei Nida ist eine der größten Dünen Europas. Früher auch „ostpreußische Sahara“ genannt, dient sie als Filmkulisse.
In frühgeschichtlicher Zeit war sie von Kuren besiedelt, unterbrochen durch rund zwei Jahrhunderte, in denen die Bewohner bis auf wenige Familien nach Norden abgewandert waren. Südlich von Lesnoj lag Wiskiauten, wo heute noch etwa 500 in Ausgrabung befindliche Hügelgräber aus der Wikingerzeit (Mitte 9. bis 11. Jahrhundert) anzutreffen sind. Der litauische Teil der Kurischen Nehrung wurde zum Nationalpark Kurische Nehrung (Litauen), der seit 1945 russische Teil zum Nationalpark Kurische Nehrung (Kaliningrader Oblast) erklärt. Im Mai 2006 verbrannten über 200 Hektar Kiefernwald im nördlichen Teil der Nehrung.
Die Kurische Nehrung wird fast in ganzer Länge von einer asphaltierten Straße („R 515“ in Russland, „167“ in Litauen) durchzogen. Sie beginnt im Süden beim Nehrungsschild an der Zufahrtsstraße bei Cranz () und führt bis zum alten Fähranleger beim litauischen Ort Smiltynė, gegenüber dem Hafen von Klaipėda (dt. Memel) im Norden der Nehrung. Auf russischer Seite zeigen die Kilometersteine die Kilometer ab dem Nehrungsschild an. Auf litauischer Seite steht links die Entfernung ab der russisch-litauischen Grenze, rechts die Entfernung vom/zum Fähranleger.
Im Jahr 2000 wurde die Kurische Nehrung von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.
Geologie mini|hochkant|Der Weg entlang der Kurischen Nehrung als Teil der Route zwischen Leipzig und St. Petersburg (1802) Das Kurische Haff ist auf der Grundlage der Polnisch-Litauischen (Baltischen) Senke, einer vorkambrischen tektonischen Struktur, auf kristallinem Fundament entstanden. Das Hafffundament befindet sich in 2000 bis 2300 Meter Tiefe. Die Achse dieser Senke liegt ungefähr auf der Linie Riga–Kaliningrad. Den östlichen Teil der Baltischen Senke überquert eine Serie tektonischer Verwerfungen in Richtung Südost–Nordwest: Linie Gumbinnen – Groß Skaisgirren/Kreuzingenbis 1938 Groß Skaisgirren, 1938–45 Kreuzingen – Rossitten (Гусев/Gussew – Большаково/Bolschakowo – Рыбачий/Rybatschi), Linie Labiau – Sarkau (Полесск/Polessk – Лесной/Lesnoi), Linie Lasdehnen/Haselbergbis 1938 Lasdehnen, 1938–1945 Haselberg – Tilsit – Cranz (Краснознаменск/Krasnosnamensk – Советск/Sowetsk – Зеленоградск/Selenogradsk) und in Richtung Nordnordost–Südsüdwest, vom Fluss Миния/Minija (Minge) abwärts.
In der Geschichte des kurischen Haffbeckens kann man in der geologischen Entwicklung die folgenden drei Hauptperioden unterscheiden: die der Eisstauseen, die der Küstenseen, die des eigentlichen kurischen Haffs.
Nach dem Rückzug des letzten Inlandeises existierten auf dem Gebiet des Kurischen Haffs eine Zeitlang Eisstauseen. Darauf kam ein längeres Festlandsregime, das bis zur Ancyluszeit dauerte. In dieser Zeit gab es auf dem Haffterritorium einen oder mehrere Küstenseen, die in der zweiten Hälfte dieser Periode trocken fielen. Während der Littorina-Zeit befanden sich im südlichen Teil des Haffterritoriums ein See und im jetzigen Nordteil eine Meeresbucht. Die Uferlinie dieser Bucht verlief von Nida (dt. Nidden) bis Ventės Ragas (Windenburger Eck), von hier über Priekulė (Prökuls) in Richtung Klaipėda (Memel).
Während der Regression des Littorinameeres bildete sich allmählich die Kurische Nehrung, die die ehemalige Bucht von der offenen Ostsee abgrenzte. Ein Teil dieser Bucht bildete später die haffnahe Niederterrasse. Der übrige Teil der Bucht vereinigte sich mit dem Strandsee im Süden und bildete auf diese Weise das jetzige Kurische Haff. Das könnte in der zweiten Hälfte des Littorina-Zeitalters erfolgt sein, also vor ungefähr 4000 bis 4500 Jahren. Unter den heutigen Bedingungen steht dem Kurischen Haff unabwendbar das Schicksal bevor, sich in eine Küstenniederung zu verwandeln.
Im Weiteren folgt die Beschreibung des kurischen Haffbeckens, seiner Bodengestaltung und der Bodenablagerungen. Das Bodenrelief des Haffs ist nicht sehr vielfältig und kontrastreich. Die größte Tiefe (5 Meter) liegt im Südteil des Beckens, sein Nordteil ist dagegen bedeutend seichter.
Die Verteilung der rezenten Bodenablagerungen hängt vom Relief und den Sedimentationsbedingungen ab. Die Haffablagerungen kann man in folgende Fazies gliedern: Sand, Schlick und Lehm.
In dieser Fazies wiederum kann man lithologisch genetische Typen und in ihnen granulometrische Gruppen aussondern. Die größten Flächen im nördlichen und mittleren Haffteil bedeckt Sand, im südlichen Teil überwiegt Schlamm. Die Verbreitung des Lehms ist mit der ufernahen Zone verbunden (Ventės Ragas, Südküste des Haffes). Nach ihrer Entstehung sind die Sande glazialen, äolischen, alluvialen oder marinen Ursprungs.
Das Sedimentgestein (zwei Kilometer dick) setzt sich im Haffgebiet aus paläozoischen und mesozoischen Formationen zusammen. Ein pleistozäner Komplex bildet hier einen 80 bis 160 Meter dicken Belag. Die größte Mächtigkeit der pleistozänen Ablagerungen im Gebiet des kurischen Haffs haben die Gletscher der letzten Vereisung hinterlassen (Weichsel-Eiszeit).
Die erste Entwicklungsetappe des kurischen Haffs in der Nacheiszeit ist mit dem Baltischen Eissee verbunden. Die Küste des Yoldiameeres war 10 bis 15 Kilometer westwärts von der Kurischen Nehrung und am Moränenplateau bei der Siedlung Rybatschi (dt. Rossitten) und hat sich von der heutigen Küste um 30 bis 35 Kilometer entfernt. Dank des großen Senkungstempos des südlichen und insbesondere des westlichen Haffteils am Anfang des frühen Holozän, das die glazioisostatische Hebung im alten Holozän abgelöst hatte, lenkte die Memel (lit. Nemunas) den Durchfluss in diesen Haffabschnitt. Am Strom bildete sich eine ausgedehnte Lagune, die während der Ancylus-Transgression mit dem Ästuarium des mittleren Durchflusses vereinigt wurde, und das Kurische Haff entstehen ließ. Als Schranken gegen das Meer dienten damals die Reste einer Moränenkette und das Moränenplateau an der Siedlung Rybatschi. Der nördliche Haffteil stellte damals eine Meeresbucht dar. Obwohl der maximale eustatische Wasserstand des Ancylussees ungefähr sieben bis zehn Meter betrug, hatte die tektonische Senkung im Nemunasdelta eine bedeutende örtliche Transgression hervorgerufen und einen mächtigen Sand- und Schuttbelag hinterlassen.
Nach der Ancylustransgression entstanden unter dem Einfluss des Ancylussees und später des Littorinameeres der ersten Stufe in den Untiefen des Haffs und im Delta Moore und Sümpfe. Im Haffgebiet wurden sie von der folgenden Transgression überflutet und entwickelten sich im Flussdelta weiter. Der Grund ihrer Erhaltung und sogar das Vorkommen oligotropher Moore in der Zeit des eustatischen Litorinamaximums sind durch die erhöhte örtliche tektonische Hebung besonders in der zweiten Hälfte der Littorinazeit zu erklären.
Die Neotektonik des mittleren Holozän unterschied sich durch große regionale Differenzierung. Das Senkungsgebiet hat sich auf die tektonische Linie Sowjetsk–Nida verlagert. Die Halbinsel und besonders die Plateauinsel bei der Siedlung Rybatschi hoben sich. Die tektonische Hebung des Haffs eliminierte die eustatische, darum sind die Küstenbildungen der ersten und der letzten Littorina-Transgressionen fast übereinstimmend. Auf der Basis von moränen Inseln und Plateauresten bei der Siedlung Rybatschi bestand schon in der Mitte des mittleren Holozäns die kurische Nehrung. Das limnische Meeresstadium (subboreale Periode) ist durch Richtungsänderung epirogenetischer Bewegungen gekennzeichnet. Das Delta und Haffgebiet sanken. Diese Tendenz, die durch einen eustatisch-tektonischen Anlass hervorgerufen wurde, blieb auch während der ersten baltischen Transgression erhalten.
Die Zeit zwischen der ersten und zweiten baltischen Transgression wird durch eine differenzierte Hebungstendenz charakterisiert. Während der letzten fünf Jahrhunderte hat sich diese Differenz vergrößert: der südliche und besonders der südwestliche Haffteil, der Bereich der Klaipėda-/Memel-Meeresenge, sanken, und der mittlere Haffteil mit Kurischer Nehrung und der Bereich des Avantdeltas hoben sich. Die im letzten Jahrtausend entstandene Meeresenge von Klaipėda rückte an die Stelle der früheren, die am Zirgu-Ragas-Haken existierte.
In der Haffsedimentation überwiegt die Allochthonkomponente die autochthone beträchtlich. Im Verfall begriffene nordwestliche und südliche moräne Küsten und moräne Unterseehügel – Riffe mit kiesigen Fazies –, verwandeln sich in einen breiten sandigen Streifen und umrahmten das Haff. Schlamm konzentriert sich im großen Areal des südlichen Haffteils. Als Pufferfazies treten sandiger Schlamm und schlammiger Sand im mittleren und nördlichen Teil des Haffs auf. Autochthone Ablagerungen (Detritus, Muschelkalk) werden häufiger im südlichen Haffbereich gefunden. Muschelkalk konzentriert sich um die Sandbänke. Der gesamte Carbonatgehalt der Sedimente ist gering. 98 Prozent des Einzugsgebiets des kurischen Haffs bildet das Zuflussgebiet des Nemunas. Diesem ist eine intensive Oberflächenerosion eigen (1965 bildete der Erosionsboden etwa fünf Prozent des gesamten Gebietes).