Die Deutsche Tageszeitung war von 1894 bis 1934 eine überregionale Tageszeitung im Deutschen Reich. Anfangs wurde sie überwiegend vom Mittelstand, Landwirten, Ärzten und Rechtsanwälten gelesen, später auch von Großgrundbesitzern, Großindustriellen, Bankiers und Ministerialbeamten. Sie erschien werktags mit einer Morgen- und einer Abendausgabe, sonntags „nur“ mit einer Morgenausgabe. Allgemein galt die Deutsche Tageszeitung als seriöses Blatt.Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1866–1918. Band Machtstaat vor der Demokratie. C.H.Beck, 1993, S. 584. In den Anfangsjahren der Weimarer Republik enthielt sie starke antirepublikanische Tendenzen.Karin Ploog: Als die Noten laufen lernten. Band 3. Norderstedt 2016, S. 110. Ab 1925 wurden konservative, überwiegend neutralere Ansichten vertreten, die im Einklang mit den Positionen des Deutschen Herrenklubs (DHK) standen. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verlor die Deutsche Tageszeitung sehr schnell an Einfluss, was ihr Ende ankündigte.Rudolf Stöber: Deutsche Pressegeschichte. Einführung, Systematik, Glossar. Übersicht bedeutender Zeitungen und Zeitschriften. Konstanz 2000. u. a. auch in: der Arbeitsstelle für Publizistik Uni Köln.

Die hier beschriebene Deutsche Tageszeitung ist nicht zu verwechseln mit der von der deutschnationalen, antiklerikalen und antisemitischen Alldeutschen Vereinigung in Wien herausgegebenen Deutschen Tageszeitung, die vom 8. August 1920 bis 31. März 1921 mit dem Leitspruch „Alldeutschland die Hoffnung – Großdeutschland das Ziel“ als Nachfolger der Wiener Deutschen Tageszeitung und ab 1. April 1921 als Deutschösterreichische Tages-Zeitung erschien.Gabriele Melischek, Josef Seethaler (Hrsg.): Die Wiener Tageszeitungen. Eine Dokumentation. Band 3: 1918–1938. Frankfurt/Main 1992, S. 100 f. sowie Bernhard Seyringer: Auf den Spuren eines „Wahnsinnsattentates“.: Die Wohnbausteuer und ihre mediale Verhandlung von Februar 1922 bis Juni 1934. In: XING Magazin, 30. Dezember 2013, S. 11.

Gründung mini|Der engere Vorstand des Bundes der Landwirte und Mitbegründer der Deutschen Tageszeitung um 1900, links Diederich Hahn, Mitte Conrad von Wangenheim, rechts Gustav Roesicke

Die „Deutsche Tageszeitung Druckerei und Verlag AG“ wurde am 28. November 1894 vom Bund der Landwirte mit Sitz in Berlin gegründet. Zweck waren der Betrieb einer Buchdruckerei und Verlag von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern sowie Vornahme aller darauf bezüglichen Geschäfte. Im Verlag erschienen unter anderem folgende Periodika:

Deutsche Tageszeitung Zeitfragen Berliner Blatt Illustrierte Landwirtschaftliche Zeitung Landwirtschaftliche Marktzeitung Blätter für die deutsche Hausfrau Mitteilungen des Vereins zur Förderung der Moorkultur Der deutsche Wald Die Jagd Wochenschrift Bund der Landwirte Korrespondenzblatt und Kalender des Bundes der Landwirte sowie das Deutsche Lehrerblatt.Wilhelm Carlé: Weltanschauung und Presse. Eine soziologische Untersuchung. C. H. Hirschfeld, 1934, S. 149.

Entwicklung mini|Das damals oft polemisierte Bade-Foto des ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert wurde am 9. August 1919 in der Deutschen Tageszeitung erstveröffentlicht mini|Vorzugsaktie über 1.000 RM der Deutschen Zentraldruckerei AG vom 16. Dezember 1937

Die Deutsche Tageszeitung war bis zur Mitte der 1920er Jahre eine den Großagrariern nahestehende Tageszeitung. Zeit ihres Bestehens wurden in ihr Themen von grundsätzlicher Bedeutung erörtert. Das heißt, die Zeitung beschränkte sich nicht überwiegend auf landwirtschaftliche Interessen, sondern erhob einen allgemeinen, gesellschaftlichen und politischen Anspruch.Hartmut Kaelble, Rüdiger Hohls, Iris Schröder, Hannes Siegrist: Europa und die Europäer: Quellen und Essays zur modernen europäischen Geschichte. Franz Steiner Verlag, 2005, S. 163. Bis 1918 trug sie den Untertitel: „Für Kaiser und Reich! – Für deutsche Art! – Für deutsche Arbeit in Stadt und Land!“ Danach dann "Für das deutsche Volk!, Für deutsche Art!, Für deutsche Arbeit in Stadt und Land!"

Der Nachrichtenteil war nach Inland und Ausland gegliedert. Im Leitartikel auf der Titelseite wurden meist außenpolitische Fragen behandelt. Der Wirtschaftsteil enthielt ausführliche Marktberichte. Das Feuilleton umfasste Fortsetzungsromane oder belletristische Beiträge, während unter „Kunst, Literatur und Theater“ ausführliche Berichte und Kritiken erschienen. Im fast immer zweiseitigen Annoncenteil schalteten Unternehmen und Gewerbetreibende aus dem gesamten Reichsgebiet Anzeigen in verschiedenen Größen. Der Vertrieb der Deutschen Tageszeitung erfolgte reichsweit über Postanstalten und Zeitungshändler.

Während des Ersten Weltkriegs zeichnete sich die Redaktion in den Leitartikeln mit detaillierten Berichten zur Kriegslage aus Sicht verschiedener Kriegsteilnehmer aus. Von 1914 bis 1918 enthielt jede Samstagabendausgabe die achtseitige Illustrierte Wochenbeilage mit Frontberichten und aktuellen Kriegsbildern. Diese Wochenbeilagen besitzen heute einen relativ hohen Sammlerwert.Karsten Schilling: Das zerstörte Erbe: Berliner Zeitungen der Weimarer Republik im Portrait. Dissertation Pinneberg 2011. S. 283. Vgl. dazu auch Zentrales Verzeichnis Antiquarischer Bücher: zvab.com

In den Anfangsjahren der Weimarer Republik zeigten die Leitartikel starke antirepublikanische Neigungen. Wiederholt wurden Politiker wie Walter Rathenau oder Matthias Erzberger als „Landesverderber“, „Novemberverbrecher“ und „Erfüllungspolitiker“ bezeichnet. Eine ganz klare Gegnerschaft bezog die Redaktion gegenüber den sogenannten Erzbergerschen Reformen.

Die Auflage der Zeitung war ab 1922 rückläufig:

1917: 60.000 Exemplare 1920: 65.000 Exemplare 1923: 42.000 Exemplare 1924–1927: 30.000 Exemplare 1928–1932: 25.000 Exemplare 1933: 10.000 ExemplareInstitut für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

Mit der Deutschen Tageszeitung erwirtschaftete der Bund der Landwirte beachtliche Gewinne. So lag bis 1922 der Reinertrag bei einer Auflage von rund 40.000 Exemplaren stets zwischen 150.000 und 190.000 Mark ((1 Mark (1924–1936) = 6,65 Euro (2015); siehe Reichsmark)). Zum großen Teil floss dieses Geld zurück in die Kasse des Bundes, wobei der Kaufpreis niedrig gehalten werden konnte. Dementsprechend günstig war die Zeitung im Abonnement: mit einem Komplettpreis von 1,50 Mark im Quartal lag sie deutlich unter ihren Hauptkonkurrenten, der Deutschen Allgemeinen Zeitung (7,50 Mark), der Kreuzzeitung (8,50 Mark) und der Germania (7 Mark).Stefan Seeling: Organisierte Interessen und öffentliche Kommunikation: Eine Analyse ihrer Beziehungen im Deutschen Kaiserreich. Springer-Verlag, 2013, S. 182. 1921 erfolgte die Vereinigung des Bundes der Landwirte mit dem Deutschen Landbund zum Reichslandbund. Fortan musste sich die Deutsche Tageszeitung Druckerei und Verlag AG selbst tragen. Nach der Inflation von 1922/23 waren alle Rücklagen vernichtet, sodass die Deutsche Tageszeitung künftig mit identischen Verkaufspreisen ihrer Mitbewerber wirtschaften musste, was sich sofort auf die Höhe der Auflage niederschlug.

1925 trat der aus dem Bankfach kommende Helmut Rauschenbusch als Generaldirektor und geschäftsführender Vorstand in die Deutsche Tageszeitung Druckerei und Verlag AG ein.Rudolf Vierhaus: Deutsche biographische Enzyklopädie. Walter de Gruyter, 2005. S. 211. Rauschenbusch erhöhte die Anzahl der im Verlag erscheinenden Publikationen und entwickelte das Unternehmen zu einem Betrieb mit mehr als eintausend Beschäftigten, darunter waren bis zur Einstellung der Deutschen Tageszeitung auch jüdische Redakteure und kommunistische Drucker.Lexikon deutsch-jüdischer Autoren. Band 14: Kest–Kulk. Hrsg. vom Archiv Bibliographia Judaica. Saur, München 2006, ISBN 3-598-22694-2, S. 3 ff. sowie Hermann Weber, Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945. 2., überarbeitete und stark erweiterte Auflage. Dietz, Berlin 2008, ISBN 978-3-320-02130-6, S. 116 ff. Parallel modernisierte Rauschenbusch das Betriebsinventar u. a. auf:

40 Buchdruck-Schnellpressen 6 Kupfertiefdruck-Rotationsmaschinen 3 Tiefdruck-Bögenmaschinen 3 Matern-Prägepressen nebst vollautomatischer Gießanlage 5 Steindruck-Schnellpressen mehrere vollautomatische Buchbindereianlagen; chemiegraphische Maschinen für Autotypien und Strichätzungen sowie kartographische Offset-Abteilungen.Der Druckspiegel: Band 19, Ausgaben 1–6. Druckspiegel-Fachzeitschriften-Verlags-GmbH, 1964. S. 40.

Die Richtung der Zeitung blieb „national“, jedoch mit einer deutlichen Tendenz zu Besonnenheit, Mäßigung und Neutralität. Rauschenbusch war ein führendes DHK-Mitglied und schlug in der Deutschen Tageszeitung entsprechend der Ziele des Herrenklubs überwiegend moderatere, von Verständnis und Abgewogenheit getragene Töne an. Dementsprechend ambivalent entwickelte sich das Verhältnis der Deutschen Tageszeitung zu den Nationalsozialisten. Chefredakteur war 1927 Erich Wiems.German Group Takes Maiden Voyage on New Steamship, 1927 Obwohl Adolf Hitler Kontakte zu den hochgestellten Persönlichkeiten des Herrenklubs suchte, polemisierte er wiederholt öffentlich gegen die Mitglieder: „Ihr redet gegen den Marxismus als Klassenerscheinung und seid selbst die übelste Klassenerscheinung!“Fritz Günther von Tschirschky: Erinnerungen eines Hochverräters. Deutsche Verlags-Anstalt, 1972, S. 59.

Gegen Ende der Weimarer Republik erlebte der Wettbewerb unter den Zeitungsverlagen seinen Höhepunkt. Die weltweit schnellsten Zeitungs-Rotationspressen standen damals an der Spree. Verlagsobjekte aus Großkonzernen erschienen teilweise viermal am Tag als Morgen-, Mittag-, Nachmittag- und Abendausgabe. 1932 wurden im gesamten Reichsgebiet 4.702 verschiedene Tages- und Wochenzeitungen herausgegeben.Otto Altendorfer, Ludwig Hilmer: Medienmanagement. Band 2: Medienpraxis. Mediengeschichte. Medienordnung. Springer-Verlag, 2015, S. 164. Niemals zuvor und danach gab es mehr Zeitungen in Deutschland. Die Hälfte der Blätter war grundrichtungsbestimmt und kam aus den Berliner Hugenberg-, Mosse- und Ullstein-Konzernen. Kleinere und „unabhängige“ Verlage unterlagen einem enormen Wettbewerbsdruck. Zusammenschlüsse waren an der Tagesordnung.

1929 gelang es der Deutschen Tageszeitung Druckerei und Verlag AG die Berliner Zentraldruckerei als hundertprozentige Tochtergesellschaft zu übernehmen – und zwar mit deren Flaggschiff, der Kreuzzeitung.Hans Bohrmann, Otfried Jarren, Gabriele Melischek, Josef Seethaler: Wahlen und Politikvermittlung durch Massenmedien: Theoretisch-methodische Implikationen längerfristiger Analysen. Springer-Verlag, 2013, S. 125 ff. Obwohl dieses Blatt zu diesem Zeitpunkt nur noch eine Auflage von täglich 7.000 Exemplaren hatte, zählte sie unverändert zu einem richtungsweisenden Organ der konservativen Oberschicht, welches vor allem von der alten preußischen Elite, vom Adel, Offizieren, hohen Beamten und Industriellen gelesen wurde.Rüdiger Graf: Die Zukunft der Weimarer Republik: Krisen und Zukunftsaneignungen in Deutschland 1918–1933. Oldenbourg Verlag, 2008, S. 50. Beispielsweise betonte Hindenburg wiederholt, dass er nur die Kreuzzeitung lese.Hans Frentz: Der Unbekannte Ludendorff: Der Feldherr in seiner Umwelt und Epoche. Limes Verlag, 1972. S. 270. Carl von Ossietzky: Die Neue Weltbühne: Wochenschrift für Politik, Kunst, Wirtschaft. Band 30. Ausgaben 27-52. Weltbühne, 1932. S. 1027.