Lazarus Wolf Bergmann, auch Elieser (; geboren am 1. August 1799 in Heidenheim am Hahnenkamm; gestorben am 8. April 1852 in Berlin; genannt , „Mann Jerusalems“) war ein Gelehrter, Rabbiner und Unternehmer in Jerusalem. Er war ein Förderer des alten Jischuv und gründete den Kolel Holland weDeutschland, für den er als Meschullach vor allem in Deutschland und den Niederlanden Spenden einwarb.
Leben Die frühen Jahre Geboren wurde Bergmann in Heidenheim am Hahnenkamm im damaligen Brandenburg-Ansbach (heute Mittelfranken, Bayern) als Sohn Bonella Mariam Bergmanns und des örtlichen Rabbiners Joseph Benjamin Bergmann, seinerseits Sohn Rabbi Eliëser Bergmanns. Als Kind sandten die Eltern ihn in die nahe Jeschivah des Gunzenhäuser Distriktsrabbiners Abraham Böhm (Böheim).Vgl. Zell am Main (Kreis Würzburg). Jüdische Geschichte / Synagoge. Abschnitt «Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde und der Familie Rosenbaum». In: alemannia-judaica.de. Alemannia Judaica. Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum, abgerufen am 12. Dezember 2016. Als Bergmann zehn Jahre alt war, starb sein Vater.
Lazarus Bergmann studierte fünf Jahre in Fürth an der Jeschivah Rabbi Wolf Hamburgers, der ihn für diese Zeit wie einen Sohn aufgenommen hatte. Er wechselte 1816 zur Jeschivah in Würzburg, die Frankens Landesrabbiner Abraham Bing im Geiste der 1826 geschlossenen Fürther Schule leitete. „Nach Würzburg strömte […] eine grosse Anzahl Schüler, um seinen gelehrten Worten zu lauschen. Zu den bedeutendsten gehörten der nachmalige Altonaer Ober-Rabbiner Jakob Ettlinger, der spätere Londoner chief rabbi Nathan [Marcus] Adler, der Hamburger Chacham Is.[aak] Bernays, R.[abbi] Elieser Bergmann und […] Seligmann Bär Bamberger.“Herz Bamberger: Geschichte der Rabbiner der Stadt und des Bezirkes Würzburg. Hrsg. und komp. von Simon Bamberger. Goldschmidt, Wandsbek 1905, S. 65 (online; Auslassungen und Hinzufügungen in eckigen Klammern nicht im Original). Bergmann und Ettlinger, Autor des Aruch laNer (), bildeten eine Chavrusa (, d. i. eine Lerngemeinschaft).
Bei Bing, „mit dem er sehr befreundet war“N. N.: „Rabbi Mendel Rosenbaum: !“ In: Der Israelit. 4. November 1868, Jg. IX, Nr. 45, S. 829–832, hier: S. 830 (sammlungen.ub.uni-frankfurt.de)., erreichte Rabbi Mendel Rosenbaum, dass er einen der ehemals ersten Schüler der Würzburger Jeschivah als Privatlehrer für seine Kinder gewinnen konnte. „Wenn gleichwohl die desfallsigen Kosten in keinem Verhältnis zu seinem damaligen Vermögen standen, so achtete er gar nicht darauf […] Um den damals schon ausgezeichneten Mann Lazarus Bergmann als Lehrer für seine Kinder zu erhalten, deutete er ihm an, dass er dahin trachten werde, ihn später als Tochtermann ‚einzusetzen’.“
Im Zuge der Hep-Hep-Krawallen 1819 flohen die Studenten und andere Juden aus Würzburg ins Umland, unter anderem nach Theilheim bei Werneck zu Rabbi Rosenbaum. Einige der Würzburger, geleitet von Rosenbaum, gründeten 1822 im ehemaligen Kloster Unterzell nahe Würzburg eine neue Gemeinde, der sich Bergmann anschloss. Aus der wachsenden Ansiedlung ging das später so genannte Zell am Main hervor. Im August 1823 heiratete Bergmann in Zell Ricke Rosenbaum,Vgl. Lazarus Wolf Bergmann. In: wuerzburgwiki.de. Wiki für Würzburg, abgerufen am 13. Dezember 2016. eine Tochter Mendel Rosenbaums. Ab 1825 leitete er in Zell eine Nagelschmiede seines Schwiegervaters, ab 1834 fortgeführt von seinem Schwager Nagelschmiedemeister Moses Rosenbaum, Mendels ältester Sohn.Vgl. Annette Taigel: Abschnitt: Die Nagelschmiede. In: zellerlaubhuette.de. Freundeskreis der Zeller Laubhütte, Dezember 2014, abgerufen am 21. Dezember 2016. Zwei weitere seiner Schwäger, die er als Hauslehrer unterrichtet hatte, wurden ebenfalls Rabbiner, Elias Raphael Rosenbaum (in Zell a. M.; 1810–1886) und Jonah Rosenbaum (1822–1894), Leiter der Talmudschule in Zell.N. N.: „Rabbi Mendel Rosenbaum: In: Der Israelit. 4. November 1868, Jg. IX, Nr. 45, S. 829–832, hier: S. 832 (sammlungen.ub.uni-frankfurt.de).
Bergmanns Alijah und Wirken für den alten Jischuv Um 1828 begann Bergmann in jüdischen Gemeinden im Deutschen Bund für die Einwanderung ins Heilige Land zu werben. Er plante schließlich seine eigene Alijah. Außerdem veröffentlichte er einen Aufruf zur Niederlassung im Lande Israel (), worin er auch die Bedeutung der Alijah herausstellte.Der Aufruf zur Alijah der Juden Deutschlands nach Erez Jisrael () liegt auf Wikisource vor. Sein Ziel war es, deutsche Auswanderer im Heiligen Land in Gemeinden zu sammeln, und er berief Gabba'im, um dafür Mittel zu sammeln.Einzelne Vorsteher eines Kolel im Heiligen Lande nennt man Gabbai, die Vorsteher im Ausland dagegen Nassi. Vgl. Abraham Jakob Brawer: Chalukka. In: Jüdisches Lexikon: Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens. 4 Bände. Jüdischer Verlag, Berlin 1927–1930. Band I: A–C (1927), Spalten 1312–1315, hier: Sp. 1315 (Scan).
1834 begab sich Bergmann mit Familie (seine Frau Ricke, ihre inzwischen fünf Kinder, das älteste ein Sohn von acht Jahren, das jüngste eine Tochter von sechs Monaten, sowie seine verwitwete Mutter) nach Erez Israel. Zunächst reisten sie per Kutsche ins österreichische Triest, wo sie eine 46-tägige Seereise antraten, von der sie im osmanischen Beirut ausschifften.Vgl. „“. In: min-hahar.co.il, abgerufen am 19. Dezember 2016. Von Beirut gingen die Bergmanns 1835 zunächst nach Sidon, das nach ihrem Verständnis zum Heiligen Land gehörte, und blieben. Bergmann sah Potenzial in Sidon, eine jüdische Gemeinde für europäische Einwanderer zu gründen.
Doch vier Monate später zog die Familie weiter.Der Rabbiner Bergmann. In: Der treue Zionswächter. Nr. 24 (9. Dezember 1845), S. 200 (Scan). Nachdem Bergmann in Begleitung eines Freundes ein Unterkommen in Safed, Tiberias und Jerusalem eruiert hatte, wählte er letzteres und ließ seine Familie nachkommen. Frau und Kinder reisten per Schiff nach Jaffa und dann per Esel in die Heilige Stadt. Wie versprochen schrieb Bergmann seinem Schwiegervater von jeder Etappe über den Fortgang der Reise. Rosenbaum sammelte die Briefe, die im Mai 1925 auf dem Dachboden wiederentdeckt und als Buch veröffentlicht wurden. Von der Abreise bis zur Niederlassung in Jerusalem vergingen sieben Monate. Als Gewerbetreibender in Jerusalem übernahm Bergmann Kleidung und Lebensweise der orientalischen Juden. Jahre später schrieb Bergmann in einem Brief an bayrische Verwandte wehmütig über die Drangabe seines Plans, in Sidon eine Gemeinde zu gründen.Er wurde veröffentlicht in . Hätte er damals bereits das Werk Kaphthor waPherach () gekannt, worin dessen Autor Eschtori haParchi ausführt, welche Bedeutung Sidon als Teil der göttlichen Verheißung und der Geschichte habe,Sowohl bei der Landnahme wie bei Rückkehr aus dem Babylonischen Exil hatten Israeliten Sidon eingenommen. wäre er dort geblieben.
Von Juden aus dem Maghreb, die ins Heilige Land übersiedelten, wurde erwartet, dass sie sich der sephardischen Gemeinde anschließen, die durch Romanioten, Spaniolen vom Balkan und Türken begründet und geprägt war. Obwohl auch Spenden vom Maghreb eingingen, erreichte nur wenig davon Bedürftige aus diesen Ländern. Der von gut vernetzten alteingesessenen Sephardim dominierte sephardische Kolel begünstigte bei der Chaluqah Gelehrte und anderweitig angesehene Familien, ungebildete und neuangekommene Arme wurden dagegen nur unregelmäßig und geringfügig bedacht.Abraham Jakob Brawer: Chalukka. In: Jüdisches Lexikon. Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens. 4 Bde., Jüdischer Verlag, Berlin 1927–1930, Bd. I: A–C (1927), Spalten 1312–1315, hier: Spalte 1313 (Scan).
Angesichts der Missstände fanden maghrebinische arme Juden bei Bergmann Gehör. Mit Unterstützung Moses Montefiores gelang Bergmann eine Reorganisation des aschkenasischen Jischuvs in Jerusalem, was auch maghrebinischen Juden zugutekam. Er bot ihnen Unterkunft im eigenen Haus und in Bauten des Ho"D einen Raum zur Einrichtung einer eigenen Synagoge, an der auch eine Jeschivah namens Ner haMaʿarav () entstand. Nach sechs Monaten musste beides nach Protesten des sephardischen Kolel wieder geschlossen werden, der um seine Kompetenzen und Ressourcen fürchtete. In den späten 1840er Jahren entwickelte Bergmann für den Transfer maghrebinischer Spenden ein neues Netzwerk mit den Kaufleuten Abraham Larido in Gibraltar und Me'ir Rosenthal in Beirut als Intermediäre, wodurch eingehende maghrebinische Gelder vorbei am zentralen sephardischen Sammelausschuss () in Istanbul direkt nach Jerusalem gelangten.Vgl. Michal Ben Yaʿaqov (), „התיישבותם של היהודים המערביים בירושלים“. (Niederlassung westlicher Juden in Jerusalem), מינהל חברה ונוער – מאגר מידע ארצי (Gesellschafts- und Jugendbehörde – Landesdatenbank), S. 6, abgerufen am 20. Dezember 2016.
Gründung des Kolel Holland weDeutschland Das Erdbeben am 1. Januar 1837 traf Safed schwer und viele Überlebende siedelten nach Jerusalem über. Dieser Bevölkerungszugang in die Heilige Stadt ging mit Wohnungsmangel und sich ausbreitenden Krankheiten einher. Zur Abhilfe gründeten Bergmann, Jehoseph Schwarz und Moses Sachs (1800–1870) den Kolel Holland weDeutschland (; Akronym: Ho"D, gelegentlich auch als Hau"D transkribiert). Kōlelīm (Sg. Kōlel) sind Wohlfahrtseinrichtungen, die durch Sendboten, so genannte Meschullachīm (Es heißt auf Aramäisch auch ; Gesandter [Gesandte] der Rabbinen) oder nach anderer Lesart ; Gesandter [Gesandte] der Barmherzigkeit), als Akronym für beide Schada"R .), in der Diaspora Spenden einwerben.
mini|Tor zur Wohnanlage des Ho"D Dann übernehmen Kolelim die Aufteilung (Gelegentlich wird der Begriff Chaluqah (auch irrigerweise Chalu[ḳ]ḳa[h] transkribiert) auch synonym für Kolel genutzt.) der Spenden für den Betrieb verschiedener Versorgungsanstalten, wie Kranken- und Armenhäuser () und für direkte Zuwendungen an Bedürftige, vor allem lebenslang studierende Talmidej Chachamim (, das sind Talmudgelehrte). Neu am Ho"D war, dass Aschkenasim das unter Sephardim lange etablierte System auch für sich entwickelten. Neu war auch, Sammlungen auf ein Herkunftsgebiet, hier die Niederlande und Deutschland, sowie die Aufteilung auf Empfänger mit Wurzeln in bzw. Herkunft aus dem gleichen Gebiet zu beschränken. Der Ho"D sei der einzige Kolel, bei dem die aus Europa eintreffenden Spendengelder so effektiv verteilt würden, dass alle ihr Auskommen hätten und es keine Armen gebe.Ludwig August Frankl, Nach Jerusalem!: 2 Tl.e, Tl. 2: 'Palästina', Leipzig: 1858, S. 59. Der Ho"D ließ im Jüdischen Viertel in Jerusalem eine Anlage von Armenwohnhäusern (Batthej Machasseh; auch Battei Maẖase) errichten,Puʿah Sṭeiner (שטיינר פועה), Forever my Jerusalem: A personal account of the siege and surrender of Jerusalem’s Old City in 1948 [Mi-Thoch ha-Haphejchah מתוך ההפיכה; engl.], Bracha Slae (Übers.). Feldheim, Jerusalem/New York 1987, ISBN 978-0-87306-394-4, S. 19. die 1857 fertiggestellt, aber noch bis 1890 weiter ausgebaut wurde.
Neben seiner Tätigkeit als Textilkauf- und Geschäftsmann war Bergmann ein Schriftgelehrter sowie Posseq (Posseḳ) und verfasste Hunderte von Schriften, v. a. Pisqim, Novellen zur Thorah, die noch ungedruckt in Händen seiner Nachkommen bewahrt werden. Er korrespondierte in Sachen der Halachah mit vielen Großen seiner Zeit, wie Avraham Schmuel Binjamin Sofer,Vgl. Chaim Steiner (), „“. In: „ישיבה: בשביל זה יש אינטרנט“, abgerufen am 20. Dezember 2016. Rabbi Jisroel ben Schmuel Aschkenasi von Schklou (ca. 1770–1839; Gründer des Kolel-Pruschim der Misnagdim), für den Bergmann höchste Wertschätzung in seinem halachischen Werk ausdrückt (obwohl er nie zögerte, Aschkenasi in halachischen Einzelfragen zu widersprechenNechama Ariel (), „“, (1997–1999). In: , abgerufen am 2. Januar 2017.), oder mit Jehoseph Schwarz, seinem Kollegen in der Leitung des Kolel Ho"D. Bergmann war Mitglied des Großen Rates, den Rabbi Moshe Magid, Führer der Aschkenasim in Jerusalem, gegründet hatte.
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