Die Blitzlehre war ein zentraler Bestandteil der religiösen Lehren und Praktiken der Etrusker, die von den Römern als Etrusca disciplina bezeichnet wurden. Weitere bedeutende Wahrsagepraktiken waren die Leberschau und die Deutung des Vogelflugs. Die Ausübung der Wahrsagekunst war den Priestern (Haruspices) vorbehalten. Die Römer übernahmen die Blitzlehre im Wesentlichen von den Etruskern, sie war aber nicht von so großer Bedeutung im römischen Kult. Einen Priester bei der Beobachtung und Deutung von Blitzen bezeichneten die Römer als Fulgurator (lat.; Plural: Fulguratores. Selten auch Fulguriator oder Fulgerator).
Etymologie mini|hochkant=1.25|Haruspex und Fulguriator auf einer Inschrift. Darunter in etruskischer Schrift netšvis und trutnvt frontac (1. Jh. v. Chr.). Die etruskische Bezeichnung für einen Priester bei der Blitzschau und -deutung ist nicht abschließend geklärt und lautete trutnvt oder trutnvt frontac.Massimo Pallottino: Etruskologie: Geschichte und Kultur der Etrusker. S. 318. Das lateinische Fulgurator leitet sich ab vom Verb fulgurare (blitzen) und der Ableitungssilbe -ator, die den bezeichnet, der eine entsprechende Handlung ausführt. Fulgurator bedeutet daher wörtlich übersetzt Blitzschleuderer.Karl Ernst Georges: Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch. 8. Auflage. Hannover 1918, S. 2868: fulgurator. Entsprechend verehrten die Römer ihren höchsten Gott Jupiter unter anderem als Iuppiter FulguratorCorpus Inscriptionum Latinarum III 1596, 1680, 3953, 3954, 6342 oder auch Iuppiter Fulgerator.Corpus Inscriptionum Latinarum VI 377. Die Variante Fulgerator lässt sich zurückführen auf die altlateinische Form fulgus für fulgur (Blitz) mit Genitiv fulgeris.Manu Leumann, Johann Baptist Hofmann, Anton Szantyr: Lateinische Grammatik. Erster Band. Lateinische Laut- und Formenlehre. Neuauflage. C.H. Beck, München 1977, ISBN 3406014267, S. 83. Die Bezeichnung Fulgurator für einen Blitze deutenden Wahrsager wurde u. a. von Cicero verwendet.Cicero, De divinatione 1,109. Die Schreibung Fulguriator findet man zusammen mit trutnvt frontac auf einer bilingualen Inschrift im archäologischen Museum von Pesaro.
Blitzdeutung bei den Etruskern mini|hochkant=1.25|Blitzdeutung gemäß den 16 Regionen des Himmels
In der Etruskischen Religion war die Überzeugung ausgeprägt, dass das menschliche Schicksal unabdingbar einem göttlichen Willen unterworfen war und dieser in Naturphänomenen und irdischen Begebenheiten erkennbar wurde (Divination). Dazu führten die Haruspices die Eingeweideschau durch, vor allem die Leberschau, deuteten Blitze, den Vogelflug und ungewöhnliche himmlische und irdische Phänomene. Zur charakteristischen Tracht der Haruspices gehörten eine oben zylindrisch endende Stoff- oder Fellmütze und ein gefranster Mantel. Ein weiteres Priesterattribut war der Lituus, ein oben gekurvter Stab, der aber nicht allein den Haruspices vorbehalten war.Massimo Pallottino: Etruskologie: Geschichte und Kultur der Etrusker. S. 325 und S. 377.
Nach antiker Auffassung waren die Fulguratores in der Lage, Blitze zu deuten und zu sühnen. Zunächst beobachtete der Blitzschauer, woher der Blitz kam, wohin er führte und wo er gegebenenfalls eingeschlagen war. Dazu teilte man den Himmel in vier Quadranten mit jeweils vier Sektoren ein.Plinius, Naturalis historia 2,143; Cicero, De divinatione 2,42. In diesen 16 Regionen des Himmelstempels (templum caeleste) wohnten die Blitzgötter.Massimo Pallottino: Etruskologie: Geschichte und Kultur der Etrusker. S. 316. Die Vorgehensweise bei der Blitzschau und -deutung war in den Fulguralbüchern (libri fulgurales) festgehalten.
Zuerst musste der Blitzdeuter den Standort auf der Erde richtig wählen, die Einteilung des Himmels auf die Erde übertragen und dadurch den Standort zu einem heiligen Bezirk (templum) machen.Varro, De lingua Latina VII. 6. Dazu bezog der Blitzdeuter Stellung im Schnittpunkt des von Nord nach Süd verlaufenden Cardo mit dem von West nach Ost führenden Decumanus, so dass er nach Süden blickte. Im Osten lag der pars familiaris, der freundliche Teil, und im Westen der pars hostilis, der feindliche Teil.Herbert Alexander Stützer: Die Etrusker und ihre Welt. S. 162. Daher galt ein Blitz zur Linken als günstig und einer zur Rechten als unheilvoll, wobei ein Blitz in die nördliche Hälfte einflussreicher als einer in die südliche Hälfte angesehen wurde. Ein Blitz, aus Nordosten kommend und dort verbleibend, wurde als besonders günstig beurteilt. Bei niedergehenden Blitzen war der Einschlagsort von maßgeblicher Bedeutung.Plinius, Naturalis historia 2,143–144.
Entscheidend war die Frage, welche von neun in Frage kommenden Gottheiten den Blitz gesendet hatte, wobei nur der Hauptgott Tinia über drei verschiedene Blitze verfügte. Daraus ergaben sich elf verschiedene Arten (manubia) von Blitzen nach Himmelsgegend, Dauer und Tages- und Jahreszeit. Man unterschied auch Blitze aus den Wolken von irdischen, die von der Erde aufgestiegen waren.Plinius, Naturalis historia 2,138. Die Blitze konnten eine zu- oder abratende, billigende oder mahnende Bedeutung haben, je nachdem, ob sie vor oder nach der Ausführung einer Handlung beobachtet wurden. Die dritte Art von Blitzen nahm auf keine Unternehmung Bezug und konnte eine Drohung, Verheißung oder Warnung bedeuten.Seneca, Naturales quaestiones II, 39.
Von den dreierlei Blitzen des Tinia waren diejenigen, die er allein schickte, eine sanfte Warnung. Die Blitze, die er nach Beratung mit den zwölf obersten Göttern der Etrusker (dei consentes) mit lautem DonnerServius, Kommentar zu Vergils Aeneis 8,429. schleuderte, verhießen Gutes, aber oftmals verbunden mit einer Ungerechtigkeit. Die Blitze, zu denen die obersten und verhüllten Schicksalsgötter (dei superiores et involuti) befragt worden waren, kamen mit Feuer und kündigten gewaltige Veränderungen des gesamten gegenwärtigen Zustands an.Seneca, Naturales quaestiones II, 41.
Blitze wurden beobachtet und gedeutet bei privaten und öffentlichen Angelegenheiten. Dabei erstreckte sich die Bedeutung der Blitze in Privatangelegenheiten nicht über zehn Jahre hinaus. Davon ausgenommen waren sog. Familienblitze bei der Geburt oder Heirat, die für das ganze weitere Leben bedeutsam waren. Die Wirksamkeit von Blitzen in öffentlichen Angelegenheiten war auf 30 Jahre beschränkt außer bei der Anlegung neuer Städte.Plinius, Naturalis historia 2,139.
Auf die Blitzbeobachtung und -deutung folgte gegebenenfalls die Sühnung des Blitzes. Diese war offenbar immer dann erforderlich, wenn der Blitz an einem bestimmten Ort eingeschlagen hatte. Die Haupthandlung bei der Sühnung war die „Bestattung“ des Blitzes (fulmen condere), die an den vom Blitz getroffenen Gegenständen unter Trauergebeten und Opferritualen ausgeführt wurdeLukan, De bello civili I, 605–608. oder vielleicht auch an Steinkeilen, die den Blitz verkörpern sollten.Scholion zu Persius, II. 26. Die Stelle, an der ein Blitz eingeschlagen hatte, wurde umfriedet und dem Gott geweiht, der den Blitz gesandt hatte.Lukan, De bello civili I, 863. Der Ort, an dem ein Mensch vom Blitz erschlagen worden war, galt offenbar als verflucht und durfte weder betreten noch angesehen werden.Ammianus Marcellinus, Res gestae 23,5,13.
Da nach etruskischer Überzeugung der alles bestimmende Willen der Götter nicht determiniert war, konnte das Schicksal durch geeignete Rituale beeinflusst werden. Daher versuchten die Fulguratores, Blitze durch Gebete, Opfer und Beschwörungen zu verhindern oder herbeizuziehen, so dass ein Unglück abgewendet oder ein günstiger Umstand herbeigeführt wurde.Plinius, Naturalis historia 2,140. Allerdings gab es zwei Arten von Blitzen, denen die Fulguratores machtlos gegenüberstanden, die also unabwendbares Unglück bedeuteten.Seneca, Naturales quaestiones II, 50.
Der Überlieferung nach konnte der etruskische König Lars Porsenna ebenso Blitze herbeirufen wie vor ihm bereits Numa Pompilius, der sagenhafte König von Rom. Sein Nachfolger Tullus Hostilius wurde der Legende nach vom Blitz erschlagen, als ihm bei der Beschwörung desselben ein Fehler unterlaufen war.Plinius, Naturalis historia 2,140. Dieser Mythos des Blitzebeschwörens war anscheinend in Mittelitalien weiter verbreitet. Die Rituale bei der Blitzdeutung und -beschwörung waren anspruchsvoll und peinlich genau einzuhalten. Die Kenntnis über Himmelsregionen, Blitzerscheinungen, Blitzdeutung, Blitzsühne und Blitzbeschwörung erforderte daher von den Blitzdeutern ein umfangreiches Studium der Aufzeichnungen.
Die Eingeweideschau war den Etruskern durch Tages, den Gott der Weisheit, mitgeteilt worden,Cicero, De divinatione 2,50. die Blitzlehre hingegen durch die Lasa Vecu,Herbert Alexander Stützer: Die Etrusker und ihre Welt. S. 163. die von den Römern Vegoia oder Begoe genannt wurde.Ammianus Marcellinus, Res gestae 17,10,2; Servius, Kommentar zu Vergils Aeneis 6,72. Die Lasen waren in der etruskischen Mythologie geflügelte Wesen aus dem Gefolge der Liebesgöttin Turan.Herbert Alexander Stützer: Die Etrusker und ihre Welt. S. 96.
Blitzdeutung im Römischen Reich Die Römer versuchten ebenfalls, anhand von besonderen Zeichen (Prodigien) den göttlichen Willen zu erforschen. Dazu führten die Auguren, von der Magistratur bestellte Kultbeamte, insbesondere bei allen offiziellen Angelegenheiten Auspizien durch. Unter den Zeichen, die der Augur zu beachten hatte, waren neben dem Vogelflug auch Blitze. In der Kunst der Blitzdeutung hatten die Römer offenbar einiges von den Etruskern übernommen und sich von ihnen auch unterweisen lassen.Cicero, De divinatione 1,92. Die Blitzlehre scheint nicht von so großer Bedeutung gewesen zu sein, da man nur zwei Arten von Blitzen unterschied. Die sich am Tag ereignenden wurden Jupiter zugeschrieben, die in der Nacht dem Summanus.Plinius, Naturalis historia 2,138. Eine andere Quelle nennt dagegen vier unterscheidbare Blitze von den Göttern Jupiter, Juno, Minerva und Vulcanus.Servius, Kommentar zu Vergils Aeneis 1,42. Wie schon bei den Etruskern galten die Blitze in der Nordhälfte des Himmelsgewölbes auch bei den Römern als die bedeutsameren.Servius, Kommentar zu Vergils Aeneis 2,693. Jupiter konnte anscheinend seine Blitze aus allen Himmelsregionen werfen.Servius, Kommentar zu Vergils Aeneis 8,427. Die ersten drei Himmelsregionen von Nord nach Nordost waren allein seinen Blitzen vorbehalten.Acron, Commentarii in Q. Horatium Flaccum 1,12,18. Hatte ein Blitz eingeschlagen, so wurden die Blitzmale (bidentalia) mit einem Puteal eingefasst.
Bereits in der Römischen Königszeit sind etruskische Haruspices zur Beratung und Entsühnung von ungewöhnlichen Zeichen herangezogen worden.Livius, Ab urbe condita 1,31. In der Römischen Republik standen Haruspices mehrfach dem Senat zur Deutung von Prodigien zur Seite.Livius, Ab urbe condita 24,10 und 40,2. Auch diese Haruspices stammen aus vornehmen etruskischen Familien.Tacitus, Annales 11,15. Römische Feldherren und Provinzstatthalter ließen sich ebenfalls von Haruspices beraten.Livius, Ab urbe condita 8,9 und 27,16.
Die Römer hatten eine große Hochachtung vor etruskischen Wahrsagern, wohingegen sie ihren eigenen skeptisch gegenüberstanden.Herbert Alexander Stützer: Die Etrusker und ihre Welt. S. 161. Als besonders gewandt galten die Fulguratores von Faesulae.Silius, Punica 8,477. Hochgeschätzt war das Kollegium der 60 Haruspices von Tarquinia.Massimo Pallottino: Etruskologie: Geschichte und Kultur der Etrusker. S. 329. Bereits in der Römischen Republik wurden Haruspices von manchen aber auch als Schwindler angesehen.Cicero, De divinatione 2,51 und 1,36. Ein gewisses Misstrauen brachte auch der römische Senat den Haruspices entgegen, indem er sich mehrfach über ihre Deutungen und Weissagungen hinwegsetzte.Cicero, De divinatione 1,97.