Li prodigi della divina grazia nella conversione e morte di S. Guglielmo duca d’Aquitania bzw. La conversione e morte di San Guglielmo oder La conversione di S. Guglielmo d’Aquitania ist ein „Dramma sacro“ (ein opernartiges geistliches Bühnenwerk) in drei Akten von Giovanni Battista Pergolesi (Musik) mit einem Libretto von Ignazio Maria Mancini. Es wurde erstmals im Sommer 1731 im Hof des Klosters S. Agnello in Neapel aufgeführt und postum für eine Aufführung in Rom 1742 als zweiteiliges Oratorium bearbeitet.

Handlung

Das Werk handelt von der Bekehrung des Heiligen Wilhelm von Aquitanien. Im 1742 in Rom erschienenen Libretto ist das folgende Vorwort angegeben:

Erster Akt

Herzog Guglielmo hat den Bischof von Poitiers verbannt, nachdem dieser sich geweigert hatte, dem rechtmäßigen Papst abzuschwören. Daraufhin begibt sich San Bernardo (der Heilige Bernhard von Clairvaux), der berühmteste Prediger dieser Zeit, an den Hof Wilhelms, um ihn zu überreden, in den Schoß der wahren Kirche zurückzukehren. Als weitere Figuren fungieren ein Teufel und ein Engel sowie der Hauptmann Cuòsemo. Der Teufel tritt zunächst in Gestalt eines Boten auf und später als Berater unter dem Namen Ridolfo. Der Engel erscheint als Page Albinio. Diese beiden versuchen, die Entscheidungen des Herzogs im Sinne ihrer eigenen geheimen Ziele zu beeinflussen.

Trotz der Ermahnungen Bernardos bleibt der Herzog unbeeindruckt (Arie Guglielmo: „Ch’io muti consiglio“ und Arie Bernardo: „Dio s’offende“). Er beauftragt Cuòsemo und Ridolfo (dem Teufel) damit, die Verbannung des rebellischen Bischofs zu erzwingen. Die beiden werden vom Engel aufgehalten, der seinen Gegenspieler zur Bestürzung Cuòsemos mit scharfen Worten (Arie des Engels: „Abbassa l’orgoglio“) anfährt. Der Hauptmann kann sich lediglich auf komische Weise seines Muts rühmen (Arie Cuòsemo: „Si vedisse ccà dinto a ’sto core“), während der Teufel mit dem Fortgang seiner Pläne zufrieden ist (Arie des Teufels: „A fondar le mie grandezze“).

Guglielmo, der den Grund für den Krieg gegen den Papst akzeptiert hat, bittet Albinio (den Engel), ihn mit einem Lied zu unterhalten. Der Engel nutzt die Gelegenheit, ihn an seine Pflicht als Christ zu erinnern. Seine Arie handelt von der Ermahnung an ein Lamm, zu seiner Herde zurückzukehren (Arie des Engels: „Dove mai raminga vai“). Guglielmo versteht die Symbolik, erklärt aber, dass er ebenso wie das Lamm die Freiheit mehr als das Leben liebe.

Als ihn jedoch Bernardo erneut mit seiner Predigt angreift (Accompagnato und Arie Bernardo: „Così dunque si teme?“ – „Come non pensi“), gerät Guglielmos Entschlossenheit ins Wanken, und er öffnet sich der Buße. Der Akt endet mit einem Quartett, in dem zur Zufriedenheit San Bernardos und des Engels und zum Schrecken des Teufels die Bekehrung des Herzogs erfolgt (Quartett: „Cieco che non vid’io“).

Zweiter Akt

In einer gebirgigen und wüsten Landschaft sucht Guglielmo Rat bei dem Eremiten Arsenio. Er trifft jedoch zunächst auf den Teufel in Gestalt des Einsiedlers. Dieser versucht, Guglielmo umzustimmen, indem er an seinen Kriegerstolz appelliert (Arie des Teufels: „Se mai viene in campo armato“). Nur das rechtzeitige Eingreifen des Engels in Gestalt eines Schäferjungen enttarnt den Teufel. Der Engel zeigt Guglielmo den Weg zum Aufenthaltsort des Eremiten (Arie des Engels: „Fremi pur quanto vuoi“).

Hauptmann Cuòsemo, der seinem Herrn auf dem Pfad der Buße und seiner Pilgerreise gefolgt ist, bittet den falschen Einsiedler um ein Stück Brot, erhält jedoch nur Spott und Ablehnung (Duett Cuòsemo/Teufel: „Chi fa bene“). Der Engel greift erneut ein, demaskiert den Teufel und vertreibt ihn. Cuòsemo beschimpft ihn (Arie Cuòsemo: „Se n’era venuto lo tristo forfante“), bevor er seine Reise fortsetzt.

Guglielmo erreicht endlich den echten Padre Arsenio, der ihm die Vorzüge des Eremitenlebens darlegt und ihn auffordert, das weltliche Leben hinter sich zu lassen (Arie Arsenio: „Tra fronda e fronda“). Der Akt schließt mit einem emotionalen Duett der beiden Männer („Di pace e di contento“).

Dritter Akt

Nachdem Guglielmo die Vergebung des Papsts erhalten hat, bereitet er sich darauf vor, sich in ein Kloster in einem abgelegenen Teil Italiens zurückzuziehen. Doch ein Ruf der Vergangenheit bringt ihn dazu, an einer Schlacht in der Nähe teilzunehmen. Cuòsemo, der mittlerweile in ein von Guglielmo gegründetes Kloster eingetreten ist, beklagt sich über die Entbehrungen des Mönchslebens und wird erneut vom Teufel versucht, der dieses Mal als reiner Geist erscheint und ihm die magere Alternative zwischen einer Rückkehr zum Soldatenleben und dem Tod durch Verhungern darlegt, der ihn in seiner neuen Lage sicher erwartet (Duett Guglielmo/Arsenio: „So’ mpazzuto, che m’è dato?“).

Guglielmo hat in der Schlacht sein Augenlicht verloren. Er wird von Schuldgefühlen überwältigt und ist verzweifelt (Accompagnato und Arie Guglielmo: „È dover che le luci“ – „Manca la guida al piè“).Einer anderen Interpretation des Librettos zufolge hat sich Guglielmo als eine Art Bestrafung selbst geblendet. Dieser Lesart folgte die Studenten-Aufführung des Werks vom 14. Juli 2011 im Kloster von San Rocco in Carpi. Der Engel greift erneut ein und stellt seine Sehkraft wieder her, damit er Begleiter und Nachahmer versammeln kann. Der Teufel kehrt als Geist von Guglielmos verstorbenem Vater zurück und drängt ihn dazu, den Thron Aquitaniens wieder zu besteigen und seine Pflichten gegenüber seinen Untertanen zu erfüllen. Da Guglielmo dieses Mal unnachgiebig bleibt, erregt er den Zorn des Unholds, der seine Teufelsbrüder herbeiruft, um ihn auszupeitschen (Arie des Teufels: „A sfogar lo sdegno mio“). Doch wieder erscheint der Engel und vertreibt die Höllengeister.

Alberto, ein Edelmann vom Hof Aquitaniens, trifft auf der Suche nach Nachrichten über Guglielmo ein und wird vom Teufel abgefangen, der wie im ersten Akt die Gestalt des Ratgebers Ridolfo angenommen hat. Der Teufel hofft, Albertos Unterstützung bei seinem Vorhaben zu gewinnen, den Herzog zur Rückkehr in sein früheres Leben zu bewegen. Cuòsemo öffnet die Klostertore und streitet mit dem Teufel wegen dessen bösartiger Bemerkungen über das Klosterleben. Schließlich führt er die beiden Männer zu Guglielmo, den sie umgeben von Engeln vor dem Alter finden, wo er sich in Ekstase geißelt (Arie des Engels: „Lascia d’offendere“). Der Teufel ist entsetzt, doch Alberto gibt seinen Wunsch zu erkennen, selbst in das Kloster einzutreten. Cuòsemo liefert eine farbige Beschreibung des Hungers und der Entbehrungen des Klosterlebens (Arie: „Veatisso! Siente di“).

Erschöpft von den Entbehrungen erwartet Guglielmo den Tod in den Armen Albertos. Er widersteht einer letzten Versuchung des Teufels, der in ihm Zweifel an der endgültigen Vergebung seiner Sünden wecken will. Doch der Glaube des Herzogs ist nicht mehr zu erschüttern, nachdem er die Absolution Roms erhalten und sich einem Leben der Buße gewidmet hat. Der Engel begrüßt Guglielmos Seele bei ihrem Aufstieg in den Himmel. Der Teufel dagegen fällt in die Hölle zurück und schwört, mit erneuerter Wut zurückzukehren, um sein Werk der Verdammnis wiederaufzunehmen (Duett: „Vola al ciel, anima bella“).

Gestaltung

Die Gattung des Dramma sacro

Das Dramma sacro (geistliches Drama) war zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine recht verbreitete Gattung der Neapolitanischen Musik. Es entwickelte sich parallel zur Opera buffa und in gewissem Maße zur Opera seria („Dramma per musica“). Vom zeitgenössischen Oratorium, wie es von Alessandro Scarlatti definiert worden war, unterschied es sich durch das wesentliche Element einer szenischen Handlung. Drammi sacri sind daher echte dramatische Werke. Sie bestehen aus drei Akten und behandeln erbauliche Episoden aus den heiligen Schriften oder dem Leben der Heiligen, enthalten aber auch komische Elemente, die (oft im Neapolitanischen Dialekt) durch Charaktere aus dem Volk repräsentiert werden. Komik entsteht beispielsweise, wenn ein Heiliger oder Engel diesen Personen Fragen zur christlichen Lehre und Ethik im Detail erläutert. Die Wurzeln des Dramma sacro liegen teilweise in den Genres des auto sacramental und der comedia de santos, die während der Zeit der spanischen Vorherrschaft (1559–1713) in Neapel eingeführt worden waren.Gustavo Rodolfo Ceriello: Comedias de Santos a Napoli, nel ’600 (con documenti inediti) (= Bulletin Hispanique Band 22, Nr. 2, 1920, S. 77–100; online bei Persée). Zugleich führte es die alte volkstümliche Tradition der Sacra rappresentazione fort – volkstümlicher geistlicher Spiele, in denen bereits Dialekt sprechende komische Charaktere, häufige Verkleidungen und die obligatorische Bekehrung der Protagonisten vorkamen. Drammi sacri waren nicht für das Theater bestimmt, sondern für Orte der Anbetung wie Klöster, Kirchplätze oder auch Höfe von Adelspalästen. Sie wurden vorwiegend im Kontext der Konservatorien produziert, deren Studenten entweder an der Komposition oder der Aufführung mitwirkten, um die damals modernen Bühnentechniken zu erlernen. Zu den Höhepunkten dieser bis ins Jahr 1656 zurückreichenden didaktischen Tradition zählen Andrea Perruccis lange Zeit jährlich aufgeführtes Il vero lume tra le ombre, overo La spelonca arrichita per la nascita del Verbo Umanato (1698) und Francesco Durantes Li prodigi della Divina Misericordia verso li devoti del glorioso Sant’Antonio da Padova (1705). Durante unterrichtete später am Conservatorio dei Poveri di Gesù Cristo und zählte zu Pergolesis wichtigsten Lehrern.

Libretto

Das Libretto wurde vom Advokaten Mancini bereitgestellt. Da es aber im ältesten erhaltenen Manuskript die Bezeichnung „poesia (di) anonimo“ trägt, halten Catalucci und Maestri die üblicherweise angenommene Autorschaft Mancinis für unsicher. Es behandelt die legendenhafte Geschichte des Heiligen Wilhelm von Aquitanien und spielt zur Zeit der religiösen Streitigkeiten zwischen Papst Innozenz II. und dem Gegenpapst Anaklets II. Lucia Fava wies in ihrer Rezension der Produktion in Jesi 2016 darauf hin, dass die Figur des San Guglielmo Elemente aus den Biographien dreier verschiedener Wilhelme aufweist. Außer Wilhelm X., dem Herzog von Aquitanien und Graf von Poitier, der tatsächlich mit dem historischen Bernhard von Clairvaux verbunden war, nennt sie Wilhelm von Gellone, ebenfalls Herzog von Aquitanien, der nach einem dem Kampf gegen die Sarazenen gewidmeten Leben Mönch wurde, sowie Wilhelm von Malavalle, der sein ausschweifendes Leben mit Häresie durch eine Wallfahrt nach Jerusalem und einen Rückzug als Einsiedler ausglich. Die Vermengung dieser drei Gestalten ist das Ergebnis einer hagiographischen Tradition und nicht die Erfindung Mancinis.Zu diesem Thema vgl. die Anmerkungen im Standardwerk Histoire des ordres monastiques, religieux et militaires von Pierre Helyot und Maximilien Bullot. Sie weisen darauf hin, dass es seit Wilhelm II. „Werghaupt“ praktisch keinen Herzog von Aquitanien gab, der nicht mit dem Heiligen Wilhelm von Maleval verwechselt worden wäre (genaugenommen bezieht sich der Titel „Werghaupt“ auf Wilhelm III.) Das Werk der beiden französischen Autoren erschien nur wenige Jahre nach Pergolesis Dramma sacro in italienischer Übersetzung: Storia degli ordini monastici, religiosi e militari e delle congregazioni secolari […]. Band VI. Salani, Lucca 1738, S. 150 ().

Musik